„Language matters“: Initiative will für Diabetes-Sprachgebrauch sensibilisieren

„Language matters“: Initiative will für Diabetes-Sprachgebrauch sensibilisieren
„Language matters“: Initiative will für Diabetes-Sprachgebrauch sensibilisieren
Foto: nicoletaionescu – stock.adobe.com

Der Diabetes-Sprachgebrauch enthält viele diskriminierende und verurteilende Wendungen über Menschen mit ­Diabetes. In der Therapie kann das fatale Folgen haben. Die Initiative „Language matters“ zeigt, wie es besser geht.

In manchen Praxen und Kliniken fallen Sätze wie: „Wenn Sie sich nicht besser um Ihren Diabetes kümmern, müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie blind an der Dialyse landen.“ Immer wieder bekommen Menschen mit Diabetes solche stigmatisierenden und beschuldigenden Phrasen zu hören. Bereits seit 2011 versucht die globale Initiative „Language Matters Diabetes“ daher, sowohl medizinisches Personal als auch Laien im Sprachgebrauch zu sensibilisieren. In Deutschland unterstützen nun drei Organisationen die Initiative: Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe und die Diabetes-Online-Community #dedoc. In einem 43-seitigen Positionspapier beraten sie zu einem sensibleren Sprachgebrauch.

Den Diabetes-Sprachgebrauch wie eine Leitlinie kontinuierlich aktualisieren

Co-Autorin des Papiers ist die Diabetologin und Kinder- und Jugendärztin Dr. Katarina ­Braune. Sie betont, dass Sprache nichts Absolutes sei. So wie Leitlinien regelmäßig überarbeitet und an den neuesten Stand der Erkenntnis angepasst würden, müsse man auch den Sprachgebrauch immer wieder überdenken. Eine verletzende und demotivierende Wortwahl sei nicht nur für sich genommen problematisch, sondern könne auch medizinische Folgen haben, ergänzt DDG-Vizepräsident Prof. Dr. Andreas Fritsche. Denn sie beeinflusse, wie Patientinnen und Patienten über ihre Erkrankung denken und wie sie ihre Therapie umsetzen.

Beispielhafte Anregungen aus dem Positionspapier für einen sensibilisierten Diabetes-Sprachgebrauch:

Statt „Diabetiker“ → „Mensch/Frau/Mann/Kind mit Diabetes
Jeder Mensch mit Diabetes sollte selbst entscheiden, wie sie sich bezeichnen möchte, und ob
er/sie sich als „Diabetiker” oder „Diabetikerin” selbst identifiziert. Generell wird der Begriff aber
oft als stigmatisierend empfunden, da Menschen mit Diabetes Personen mit vielen Facetten sind und sich nicht ausschließlich über ihre Erkrankung definieren.

Statt „normaler” oder „gesunder Mensch → „Menschen ohne Diabetes
„Menschen mit Diabetes“ sollten nicht vergleichende Begriffe wie „normal“ oder „gesund“ gegenübergestellt werden, denn sie suggerieren, dass von Diabetes Betroffene unnormal und per se kränklich seien.

Statt „schlecht eingestellter Patient” → „nicht erreichte Therapieziele
Entmenschlichung vermeiden: Begriffe wie „entgleist” oder „schlecht eingestellt” erinnern eher
an das Bild einer Maschine als an Menschen.

Oft würde der wenig konstruktive Eindruck vermittelt, Diabetes sei einfach nur ein lebensverschlechterndes Problem. Besonders den Moment der Diagnosestellung würden viele Betroffene als Trauma erleben. Teils indizierten medizinisch veraltete Begriffe auch eine Fehlbehandlung, gibt der Diabetologe zu bedenken – etwa das Wort „Insulinnachspritzplan“. Schließlich sollte nicht auf einen hohen Blutzucker gewartet, sondern bereits vor dem Essen gespritzt werden.

Dr.  Jens Kröger, niedergelassener Diabetologe in Hamburg und Vorstandsvorsitzender von diabetesDE, fordert Ärztinnen und Ärzte dazu auf, die gleichberechtigte Entscheidungsfindung wirklich zu leben – Patientinnen und Patienten also aktiv in die Therapieentscheidung einzubeziehen. Dies sei in der Nationalen Versorgungsleitlinie Typ-2-Diabetes explizit vorgesehen.

„Language matters“ – in fünf Schritten zur gemeinsamen Entscheidung

Die Umsetzung gelinge in fünf strukturierten Schritten: Man müsse über das Ziel und die Wege dorthin sprechen, Material aushändigen, bei einem Folgetermin mögliche Fragen beantworten, die gemeinsame Entscheidung treffen und nach sechs Monaten nochmals überprüfen. Um in diesen Prozess eintreten zu können, dürfe aber keine Vorverurteilung à la „Statt Ihre Zeit mit Essen zu verbringen, sollten Sie lieber nach draußen gehen“ stattfinden. Möchte ein Mensch mit Diabetes etwas nicht umsetzen, weil seine Lebenssituation es nicht zulasse, sei dies in Ordnung. Bei anderer Gelegenheit habe er vielleicht einen freien Kopf für die Entscheidung. Über Risiken müsse man aufklären, ohne abzuschrecken.



von Isabel Aulehla

mit Materialien der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)

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