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Hin und zurück – bis ans Ende der Dia-Welt: #54 | Übergewicht und seine Herausforderungen – Interview mit Annika Z.
7 Minuten

Übergewicht und Typ-2-Diabetes: Beides bringt gesellschaftliche Stigmatisierung mit sich. Im Interview spricht Annika offen über Fatshaming im Alltag, verletzende Kommentare und den langen Weg zu mehr Selbstakzeptanz.
Meine Beitragsreihe handelt eigentlich um Leben mit Diabetes. Eine Volkserkrankung, die in Deutschland jede 8. Person betrifft. Doch heute möchte ich mit Euch über ein Thema sprechen, was in Deutschland noch häufiger vorkommt und wo Betroffene — ebenso wie bei Typ-2-Diabetes — wortwörtlich ihr Fett wegbekommen. Und zwar geht es um Übergewicht und einem Teils betriebenen Fatshaming.
Ich selber habe Mehrgewicht und musste bereits viele verletzende Kommentare einstecken. Als Mensch mit Mehrgewicht hat man es leider in der westlichen Gesellschaft nicht immer leicht, denn das Schönheitsideal bzw. die „Norm“ sieht hier anders aus. Zugegeben — die Gesellschaft ist im Wandel und das Mindset „body positivity“ ist in den letzten Jahren, zumindest bei den Millenials, sehr populär geworden. Was für den einen Mut zur Selbstliebe bedeutet, ist für andere eine „Entschuldigung nicht abnehmen zu müssen“. Toleranz, Akzeptanz und frei von Wertung sieht anders aus, oder?
Ich war zu dem Thema im Austausch mit meinem Dia-Buddy Annika. Sie war die erste Person nach meiner Typ-2-Diabetes-Diagnose, die ich auf Instagram kennengelernt habe. Seit dem sind 4 Jahre des regelmäßigen Austauschs vergangen und wir hatten bereits mehrfach das Vergnügen, an gemeinsamen Projekten arbeiten zu dürfen. Ich habe Annika seit Anfang an als offene, warmherzige, kultivierte, starke und offene Person kennengelernt.
Sie hat einfach ihr Herz am rechten Fleck und wenn sie lacht, ist das einfach nur ansteckend. Unser gemeinsamer Austausch ist für mich sehr wertvoll, da ich mich mit ihr über Themen unterhalten kann, die von vielen in meinem persönlichen Umfeld nicht immer verstanden werden. Wie beispielsweise über das Leben als Frau mit Mehrgewicht. Sprich, welche Herausforderungen bringt es mit sich oder wie finde ich meinen Weg, dass mir die Meinung Anderer scheiß egal ist.
Egal ob im Fahrstuhl, beim Einkaufen oder im Schwimmbad: Die Blicke lauern überall – Interview mit Annika Z.

Annika, als junge Frau mit Typ-2-Diabetes muss man ja so einiges an Stigmatisierung einstecken. Doch wie sieht es mit dem Thema „Fatshaming“ aus. Warst Du schon mal von betroffen?
Annika: Da habe ich zum einen diese Situation, dass ich im Fahrstuhl stehe und nicht alleine bin. Gefühlt bin ich die einzige Person mit Mehrgewicht. Und sobald mehr Leute dazukommen, merke ich die Blicke auf mir und den unausgesprochen Gedanken „Wenn Du rausgehen würdest, können noch zwei von uns (= Nicht-mehrgewichtigen-Personen) rein!“.
Eine andere Situation, wo ich mich oftmals nicht wohl fühle, ist in Restaurants. Ich habe einfach Angst, mich auf bestimmte Stühle zusetzen, wie bspw. diese ganz billigen Plastikstühle in irgendwelchen Imbissen oder die dünnen Metallstühle in den Eisdielen. Es erfordert jedes mal wieder wirklich viel Mut, ehrlich zu sagen, dass ich mich hier nicht hinsetzen möchte, da ich Angst habe, dass der Stuhl unter mir zusammenbricht. Und diese Angst kann ich auch wirklich nur äußern, wenn ich ganz eng vertraute Menschen um mich herum habe.
Das kann ich absolut verstehen. Zumal das ja auch einige Situationen sind, an die normalgewichtige Menschen überhaupt nicht denken. Doch bleiben wir nochmal kurz beim Thema „Essen“. Ein sehr umstrittenes Thema — gerade auch bei Diabetes — da einfach jeder dazu eine Meinung hat. Und genau diese Tatsache gestaltet die Nahrungssuche und vor allem das Essen in der Öffentlichkeit manchmal schwierig, oder?
Annika: Ja, total! Das Thema „Essenskauf“ ist auch immer eine Herausforderung für mich. Kauft man Gesundes ein, so habe ich das Gefühl, dass die Leute auf’s Band schauen und denken „Ja, ja! Und wo kaufst du deine Schokolade?“. Ganz nach dem Motto, dass von dem gesunden Essen man ja so nicht aussieht. Kauft man allerdings Schokolade, bestellt man Pizza oder holt sich einen Döner, so schauen dich die Menschen abfällig an. So wie „Kein Wunder, dass du so aussiehst!“. Wenn’s ums Essen in der Öffentlichkeit geht, so kannst Du als Person mit Mehrgewicht gefühlt nichts richtig machen. Und wenn man das Klischee dann auch noch erfüllt, dann fühlen sie sich bestätigt.
Ich kenne diese Situationen nur zu gut! Viele Menschen sind extrem übergriffig und haben echt keine Vorstellung, wie sehr solche Kommentare verletzten können bzw. sehen nicht, wie viel Arbeit wirklich hinter einer Abnahme steckt. Oder das sowas auch nicht von heute auf morgen passiert und man zwischendrin auch einfach leben möchte.
Annika: Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass bei keinem Thema so übergriffig gehandelt wird, wie bei Mehrgewicht.
Viele meinen, dass man um „ein bisschen“ abzunehmen, man ja nur weniger essen müsse und dann sei alles toll. Oder es kommen so Kommentare, wie „Jetzt stell dich doch nicht so an“ oder „Du musst nur ins Kaloriendefizit und zum Sport gehen!“. Diese Kommentare tun verdammt weh. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen mit Mehrgewicht eigentlich die besten Ernährungsberater wären, weil wir uns am besten mit gesunder Ernährung auskennen und wahrscheinlich viel mehr danach leben, als ein Normalgewichtige.
Erfahre mehr über Annika in diesem Video-Porträt:
➤ „Es gibt ein Leben vor und nach der Diagnose“
Das stimmt! Doch natürlich gibt es auch hier immer Ausnahmen — wie bei allem. Demnächst steht ja wieder die Diabetes Charity Gala an — weißt Du schon, was Du anziehen wirst?
Annika: Ja, das ist auch wieder so ein Thema. Ich meine, welcher (junge) Mensch träumt nicht davon, wirklich schicke Klamotten zu haben. Als Mensch mit Mehrgewicht hat man das leider selten. Es gibt so 2-3 Anbieter, wo du online shoppen kannst. Im Laden gibt’s schon mal gar nichts. Doch auch Online ist die Auswahl einfach begrenzt und sieht oftmals aus, wie „Oma-Mode“. Also, Blümchen-Blusen und sackartige Kleider. Dieser typische Shopping Samstag, wo man mit seinen Freundinnen spontan zum Einkaufen fährt und mit einer vollen Tüte am Ende wieder nach Hause kommt, weil die Hose im Angebot war oder man ein tolles Top gefunden hat, sowas habe ich als Mehrgewichtige noch nie erlebt.
Das ist echt krass und einfach wieder eine weitere Situation, die Menschen mit Normalgewicht einfach gar nicht kennen. Ich kenne das ja selber bei mir — während manche Sachen einfach nicht passen oder der Reißverschluss am Rücken einfach nicht zu gehen will, so passen meine Freundinnen in alles rein und kennen diese struggles nicht. Das ist manchmal einfach nur frustrierend. Was würdest Du Menschen, die von Fatshaming betroffen sind, mit auf den Weg geben?
Annika: Das so schwer es einem fällt und so viel es manchmal an Tränen, Kraft und Wut kostet, man sich selber treu bleibt und das machen sollte, was man möchte. Es hat mich viel und lange Überwindung gekostet, als dicke Frau ins Freibad im Sommer zu gehen oder auch mal im Winter in die Therme oder gar Sauna. Und mittlerweile mache ich einfach das, wo ich merke, dass es mir Spaß macht. Und warum dürfen Menschen mit Mehrgewicht keinen Spaß haben, nur weil andere damit ein Problem haben, mich im Badeanzug zu sehen. Ich mein sorry, dann schaut halt woanders hin! Und sollte man sich unwohl fühlen — gerade auch wenn ein Freund oder Freundin mit dabei ist, dann kann ich nur empfehlen, vielleicht am Anfang auch erstmal alleine zu gehen. So war es zumindest bei mir.

Also so ganz nach dem Motto „Erstmal alleine rein starten.“ und wenn man sich dran gewöhnt hat bzw. wohler fühlt, dann mit vertrauten Menschen?
Annika: Genau, dass hat mir geholfen und hat ebenfalls für Verständnis gesorgt. Also generell bei allen Situationen, wo es als Mensch mit Mehrgewicht schwer ist. Das man wirklich kommuniziert, warum man vielleicht nicht zum Lieblingsitaliener gehen, sich nicht auf bestimmte Stühle setzen oder generell Restaurants mit zu engen Bänken nicht besuchen will.
Es ist schwer, dass einmal anzusprechen. Und es kostet so viel Mut, weil man sich ja auch einfach angreifbar macht. Aber Menschen im Umfeld meinen es mit einem gut. Und meine Erfahrung ist, dass diese total viel Rücksicht darauf nehmen. Aber man muss es halt ansprechen, weil Normalgewichtige sich darum einfach keine Gedanken machen. Mittlerweile ist es bei uns so, dass mein Umfeld schon ganz automatisch drauf achtet, was ich sehr wertschätze.
Das klingt wirklich toll! Hast Du denn auch Tage, wo es Dir mal nicht so gut mit geht?
Annika: Na klar! Ich habe Tage, wo ich vor Selbstbewusstsein strotze und alles schick ist. Da laufe ich dann in kurzer Hose und einem kurzen Top durch die Gegend. Aber es gibt auch Tage, da möchte ich mich am liebsten auch bei 25 – 30° Grad verhüllen und laufe nur mit langer Hose rum, weil ich gerade denke „Wow, diese dicken Beine will doch keiner sehen!“. Und das ist menschlich! Wir funktionieren nicht alle immer 100%ig. Es gibt einfach Tage, da fühlt man sich halt nicht danach. Und dann ist das auch okay zu sagen, dass man heute nicht den Mut und die Kraft hat, einen weiteren Kampf zu bestreiten.
Das stimmt! Wie sagt man so schön: Leben und leben lassen! Doch leider trifft dieser Spruch bei Menschen mit Mehrgewicht selten zu, denn gerade hier will die Gesellschaft uns in Schubladen stecken bzw. uns indirekt zu bestimmten Verhaltensregeln „zwingen“.
Annika: Wir alle haben ein Leben verdient, was uns gefällt und indem wir selbstbestimmt leben können. Und nur weil die Gesellschaft sagt, dass sie keine Menschen in Kleidergröße 54 im Badeanzug oder im Bikini sehen möchte, heißt das nicht, dass man das machen muss. Wenn ich so rausgehen möchte, dann mach ich das. Und wenn es einem nicht passt, dann sollte man woanders hingucken.
Umso mehr Menschen sich trauen zu zeigen, wer sie sind, umso mehr Akzeptanz wird geschaffen. In den letzten Jahren hat sich so viel getan und mittlerweile sind mehr Menschen so viel offener und lockerer. Ich bewundere die jungen Frauen mit Anfang 20, die mit Mehrgewicht so viel Selbstbewusstsein haben und durchs Leben gehen sowie ihre Träume verwirklichen. Aber auch das ist nur möglich, weil der Blickwinkel der Gesellschaft sich die letzten Jahre verändert hat.
Und genau damit sollten wir nicht aufhören! Lasst uns auch zukünftig den Blickwinkel verändern damit alle Menschen sich innerhalb der Gesellschaft wohlfühlen und frei entfalten können. DAS ist Toleranz, Akzeptanz, Diversität und Freiheit!
Caros Kolumne
Hin und zurück – bis ans Ende der Dia-Welt

Hallo, mein Name ist Caro! Ich wurde als 27-Jährige mit einem Typ-2-Diabetes diagnostiziert. Erfahrt in meiner Kolumne „Hin und zurück – bis ans Ende der Dia-Welt“ alles über meine außergewöhnliche Reise als junge Frau mit Diabetes. Viel Spaß beim Lesen!
von Caro
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thomas55 postete ein Update vor 1 Woche
Hallo Philipa,
beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
Viel Erfolg
Thomasphilipa postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag
Hallo zusammen,
Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?- ole-t1 antwortete vor 6 Tagen, 11 Stunden
Hallo philipa,
Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
Beste Grüße
lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Wochen, 1 Tag
Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/Wer ist am Start?
Virtuelles Diabetes-Anker Community-MeetUp im Juli – Diabetes-Anker
Wir freuen uns auf das nächste Community-MeetUp am 15. Juli! 1x im Monat treffen wir uns und tauschen uns rund um das Thema Diabetes aus. Die ganze Community ist herzlich eingeladen. […]





