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Medikamente: Deprescribing – wenn weniger mehr sein kann
4 Minuten
Ungefähr ein Zehntel der Menschen in Deutschland nimmt ab einem Alter von 65 Jahren täglich fünf oder sogar mehr verordnete Arzneimittel ein. Bei den 75- bis 80-Jährigen werden von einem Drittel sogar mehr als acht verschriebene Medikamente angewendet. Nicht wenige Patienten und Patientinnen stellen sich da die Frage: “Muss das denn alles sein?”
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert das dauerhafte Anwenden von fünf und mehr Arzneimitteln als Polypharmazie. Diese Polypharmazie ist nicht grundsätzlich negativ; die Verordnungen erfolgen mit dem Ziel, Erkrankungen und Symptome zu behandeln, zu heilen oder das Leben zu verlängern. Für die Behandlung von Krankheiten gibt es entsprechende Therapieempfehlungen, die Leitlinien genannt werden. Betrachtet man zum Beispiel die Leitlinie zur Therapie der Schwäche der linken Herzkammer (Linksherz-Insuffizienz), entspricht die gleichzeitige Verordnung von vier Medikamenten dem modernen Standard. Kommt nun noch eine weitere Erkrankung wie Diabetes dazu, erhöht sich die Anzahl der anzuwendenden Arzneimittel schnell auf sieben oder acht notwendige Arzneien.
Warum Deprescribing?
Ohne Frage sind viele Verordnungen zum Teil lebensnotwendig. Doch nicht immer sind die Einsatzgebiete der Medikamente ganz eindeutig oder die zu behandelnde Grunderkrankung besteht nicht mehr. Manchmal werden auch Arzneimittel eingesetzt, die Nebenwirkungen verursachen, die wiederum behandelt werden müssen. Manchmal kann eine Tablette auch mehr unerwünschte Wirkungen haben als Nutzen zur Behandlung einer Erkrankung. So haben Untersuchungen aus Dänemark gezeigt, dass es mehr “unangemessene” Verschreibungen bei denjenigen gibt, die am wenigsten davon profitieren.
Was bedeutet Deprescribing?
Leider herrscht im Zusammenhang mit Deprescribing ein gewisses Durcheinander der Begrifflichkeiten. Häufig wird es gleichgesetzt mit Absetzen von Arzneimitteln, Beenden von Therapien, Stoppen von Behandlungen oder De-Intensivieren. Gibt man es in Übersetzungs-Programme ein, findet man auch dort kein entsprechendes deutsches Wort. Man muss sich also ein wenig behelfen.
Die Vorsilbe “de” kommt aus dem Lateinischen und kann mit “ab-, ent-, weg-, von …” übersetzt werden. “Prescribing” ist aus dem Englischen und bedeutet nichts anderes als “Verordnen”. So könnte man Deprescribing auch mit “Wegverordnen” übersetzen, was jedoch recht holperig klingt und es auch nicht wirklich zufriedenstellend beschreibt. Eine mögliche Definition lautet daher: “Deprescribing ist ein geplanter, mit dem Patienten abgestimmter und überwachter Prozess, bei dem Arzneimittel, die potenziell unangemessen, schädlich, nicht mehr indiziert oder ohne Nutzen für die aktuelle Therapie sind, schrittweise reduziert oder sicher abgesetzt werden.”
Wie geht man beim Deprescribing vor?
Deprescribing ist kein einmaliger Vorgang, sondern ein Prozess, der aus mehreren Schritten besteht und in dessen Mittelpunkt grundsätzlich die Patientinnen und Patienten stehen. Der erste Schritt ist ein Gespräch, in dem alle Informationen zu den Medikamenten erfasst werden: die Arzneimittel-Anamnese. Dort werden alle Arzneimittel erfasst, aber auch Diagnosen und Laborwerte. Dazu ist auch wichtig, die Therapietreue zu betrachten, also, wie gut man die verordneten Maßnahmen anwenden bzw. umsetzen kann. Es handelt sich hier also um eine generelle Bestandsaufnahme.
Danach folgt die Definition von Therapiezielen. Hier gilt es, Überlegungen hinsichtlich der Ziele anzustellen, die mithilfe von Arzneimitteln erreicht werden sollen oder können, und diese Ziele mit den Wünschen und Zielen der Patientin oder des Patienten abzugleichen. Hier kann zum Beispiel besprochen werden, welche Zielbereiche für Blutzucker, HbA1c oder Blutdruck zu erreichen sind, ohne dass es zu Unterzuckerungen, Schwindel oder anderen nicht akzeptablen Nebenwirkungen kommt.
Im folgenden Schritt werden Arzneimittel identifiziert, die abgesetzt oder reduziert werden können. Dabei sollte in einem Schritt immer nur ein Medikament betroffen sein. Beginnen kann man mit den Arzneistoffen, die ein hohes Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen haben.
Hat man “Kandidaten” identifiziert, werden Strategien zum Absetzen bzw. Ausschleichen festgelegt. Viele Medikamente kann man nicht direkt absetzen, sondern sie müssen Schritt für Schritt “ausgeschlichen” werden, da es sonst zu ungewollten Problemen kommt. Zu diesen Arzneimitteln gehören unter anderem die als Magenschutz eingesetzten Protonenpumpen-Hemmer wie Pantoprazol, Mittel gegen Depressionen oder gegen Alzheimer-Demenz. Während der Reduktion kann es notwendig sein, häufiger zu prüfen, ob es dadurch zu körperlichen Reaktionen kommt. Auch Kontrollen der Laborwerte können notwendig sein. Niemals sollten jedoch Arzneimittel ohne Rücksprache mit der verordnenden Ärztin bzw. dem verordnenden Arzt abgesetzt werden. Zu diesem Schritt gehört ein mit Patienten oder Angehörigen abgesprochener Plan. Dieser Plan sollte die einzelnen Vorgehensweisen enthalten und auch Maßnahmen für den Fall, dass sich das Befinden verschlechtert.
Ein Beispiel mit 16 Medikamenten …
B. S. ist eine 74-jährige Patientin mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 27,5 kg/m², die 16 Medikamente einnimmt. Sie hat Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Vorhofflimmern, chronische Bronchitis (COPD), eine Unterfunktion der Schilddrüse und eine Hauterkrankung. Ihre Nierenfunktion ist leicht eingeschränkt. Beim Überprüfen fällt auf:
- Vitamin D sollte wegen eines zu hohen Kalzium-Spiegels mindestens pausiert werden. Ohne eine Indikation wie Osteoporose oder zu niedrigen Vitamin-D-Spiegeln kann es ganz abgesetzt werden.
- Prednisolon wurde während eines Klinikaufenthalts vor drei Jahren wegen einer Verschlechterung der COPD angesetzt. Eine dauerhafte Gabe ist nicht sinnvoll und führt zu erhöhten Blutzuckerwerten. Dadurch kann ggf. nach dem Ausschleichen auch auf Pantoprazol als Magenschutz verzichtet werden.
- Lactulose und Macrogol werden gegen Verstopfung eingesetzt. Lactulose führt häufiger zu Blähungen, daher sollte nur Macrogol bei Bedarf angewendet werden.
- Metformin und Sitagliptin wegen des Diabetes können als Kombi-Präparat eingesetzt werden. Metformin sollte unbedingt mit den letzten Bissen einer Mahlzeit eingenommen werden. Durch diese Umstellung kann hoffentlich auf die regelmäßige Einnahme von Simeticon und Buscopan gegen Blähungen und Bauchschmerzen verzichtet werden.
- Statt wegen der COPD mit Tiotropiumbromid und Formoterol zwei Sprays zu verwenden, kann auch hier auf ein Kombi-Präparat umgestellt werden.
- Ramipril könnte statt 2-mal täglich 2,5 mg auf 1-mal täglich 5 mg morgens verändert werden.
Der Vorschlag zum Deprescribing wurde vollständig umgesetzt und die Anzahl der Medikamente von 16 dauerhaft und 4 bedarfsweise angesetzten Arzneimitteln auf 6 Dauermedikamente reduziert.
Ausblick
Wichtig ist beim Deprescribing, dass es nicht “mal eben” gemacht ist. Es braucht Zeit, benötigt eine Auseinandersetzung mit der Therapie, ein überprüftes Vorgehen – und auch manchmal die Bereitschaft, sich von liebgewonnenen Medikamenten zu trennen, die oft keinen Nutzen mehr haben. Mögliche Kandidaten sind die erwähnten Protonenpumpen-Hemmer, Hormone oder pflanzliche Präparate bei Frauen über 70 Jahren, für Ältere ungeeignete Arzneimittel wie Diphenhydramin oder Medikamente, die an eine veränderte Nierenfunktion angepasst werden müssen, wie Metformin.
Auch wenn Deprescribing so einfach klingt, ist es keine simple Lösung. Aber es hat das Potenzial, die Therapie mit Arzneimitteln zu vereinfachen und die Lebensqualität zu erhöhen.
Schwerpunkt: „Forschung – besser leben mit Diabetes“
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (10) Seite 18-20
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stephanie-haack postete ein Update vor 5 Tagen, 21 Stunden
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
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tako111 postete ein Update vor 5 Tagen, 23 Stunden
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
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katrin-kraatz antwortete vor 5 Tagen, 21 Stunden
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
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moira postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
