- Aus der Community
Diabetes und Achtsamkeit – warum?
3 Minuten
Das Diabetes-Management kann mitunter ganz schön aufreibend und stressig sein: der Umgang mit den Emotionen, dem Stress, dem Frust, den das ständige Rechnen, Vorausplanen, Anpassen, und das vorprogrammierte Scheitern. Übungen zur Achtsamkeit können dabei helfen, den emotionalen Stress zu reduzieren, weiß Mirjam zu berichten.
„Hypo – allein auf einem Berg in den Alpen. Ich habe schon gegessen und muss jetzt warten, dass der Zucker wirkt. Aber mein Herz rast, meine Gedanken auch, und der Sensorpfeil zeigt weiter steil nach unten. Panik. Da erinnere ich mich an unsere Atemübung, setze mich auf einen Stein, richte meinen Blick in die Ferne und all meine Konzentration auf den Atem. Einfach nur ein und aus. Einfach nur da sein. Mein Puls wird ruhiger, und ich auch. Tatsächlich: als ich nach einer Weile wieder auf den Sensorwert schaue, hat sich die Glukose stabilisiert und steigt wieder langsam.“1

So ähnlich berichtete es eine der anderen Teilnehmerinnen in der U-Health Pilotstudie zu Diabetes der Arbeitsgruppe Integrative Typ-1-Diabetologie der Universität Witten-Herdecke (mehr zur Studie: https://www.uni-wh.de/gkls/forschung/projekte/u-health-pilotstudie-zu-typ-1-diabetes/). Hier geht es um einen ganzheitlichen Ansatz in der Behandlung von Diabetes: Es fallen Begriffe wie emotionale Regulationskompetenz, Züricher Ressourcenmodell, Psycho-Neuro-Immunologie und Somatic Experiencing. Der Rahmen: Die Theory U von Otto Scharmer, nach der man (verkürzt) erst aus dem Bewussten, Bekannten, runter ins Unbewusste tauchen muss, da muss es arbeiten, und dann kann man mit offenem Geist, Herz und Verstand bewusst und verändert Themen bearbeiten.
Zahlen, Zahlen, Zahlen
Bei unserer Diabetes-Diagnose bekommen wir erst einmal einen ganzen Satz an Zahlen und Formeln an die Hand: Kohlenhydrate, BE (Broteinheiten), KE (Kohlenhydrateinheiten), Korrekturfaktoren, ICR (Insulin-Carb-Ratio), Spritz-Ess-Abstand, temporäre Anpassung der Basalrate oder prozentuale Anpassung des Basal-Insulins bei Sport, Krankheit oder Urlaub, den Effekt von Sport und zahlreichen anderen Aktivitäten. Hinzu kommen Zielwerte, Time in Range (TIR), TITR (Time in Tight Range), TAR (Time above Range) und TBR (Time below Range). Unser Kopf wird plötzlich zu einer immerwährenden, wabernden Gleichung voller Abkürzungen. Was nachgefragt und trainiert wird, wonach wir „bewertet“ werden und uns oft selbst bewerten, sind die Zahlen.
Was tun mit all den Emotionen?

Doch was kaum Raum findet, ist die Frage nach dem Umgang mit den Emotionen, dem Stress, dem Frust, den das ständige Rechnen, Vorausplanen, Anpassen, und das vorprogrammierte Scheitern bedeutet – denn der Körper ist keine Maschine, und auch wenn ich mein Bestes gebe, kommt nicht immer das aus meiner Sicht beste Ergebnis dabei heraus. Ganz davon abgesehen, muss so eine Diagnose erst einmal verarbeitet und integriert werden, damit das Leben wieder neu weitergehen kann. Denn von einem auf den anderen Tag ist alles anders. Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes sind insbesondere Depressionen und Angststörungen deutlich höher als im Bevölkerungsdurchschnitt. Was also tun?
Alltagshilfe durch Achtsamkeit und Stressmanagement
Wir könnten jetzt das Grundproblem diskutieren, dass der Mensch mehr ist als eine Zahl, dass wir die diabetologische Versorgung revolutionieren sollten – eigentlich unsere Gesellschaft. Außerdem gibt es Situationen und Konstellationen, in denen es schlicht professionelle therapeutische Begleitung braucht, um mit bestimmten Belastungen umzugehen. In vielen Fällen aber helfen Rituale und Übungen im Alltag vieler Menschen, die heute im Kontext von Achtsamkeit und Stressreduktion geteilt werden. Außerdem hilft der Austausch in der Gruppe mit gleichgesinnten Menschen, die die Diabetes-Erfahrung teilen. Auch Studien belegen positive Effekte von Achtsamkeitsübungen auf die Lebenszufriedenheit, die Resilienz und die Zufriedenheit mit dem Diabetesmanagement (siehe beispielsweise Chen et al. 2020, Ngan et al. 2021).
Dass Achtsamkeitsübungen, zur Ruhe kommen, der Austausch in einer Gruppe von Menschen, die genau das in unserem oft allzu vollen Alltag üben, helfen, das habe auch ich persönlich schon vielfach erfahren – in mehreren Kursen und mehrtägigen Achtsamkeits-Seminaren, in meiner Fortbildung im Bereich Capacitar (eine Methode zur ganzheitlichen Resilienzstärkung, Körper- und Trauma-Arbeit; https://capacitar.org/), gerade als Teilnehmerin an der U-Health Pilotstudie und in den Angeboten, die ich selbst für Menschen mit Diabetes rund um Achtsamkeit und Körperarbeit mache.
Gerade ist das erste 6-Wochen-Seminar, das ich über DIALETiCS anbiete, zu Ende gegangen, das zweite läuft seit Ende April und das dritte beginnt am 3. Juli 2024. Hier geht es zur Anmeldung für die dritte Seminar-Runde.
(1) Hinweis zur Glukosekurve: erstens „hängt“ die Sensorglukose, gerade bei starken Schwankungen, der Blutglukose oft 10-15 Minuten hinterher, und zweitens kann das Messverhalten der Sensoren in Höhenlagen verändert sein. Deswegen wird in solchen Situationen dazu geraten, zusätzlich einen Blutglukosewert zu nehmen.
von Mirjam Eiswirth
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Begleit-Erkrankungen
- Behandlung
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
-
stephanie-haack postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen
Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂
Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/
-
tako111 postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen
Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.
-
katrin-kraatz antwortete vor 1 Woche, 3 Tagen
Für die Augenproblematik konnte bisher keine Kausalität gezeigt werden. Hier sind weitere Studien zu erwarten, deren Ergebnisse abzuwarten sind. Außerdem ist es ein sehr seltenes Ereignis. Details sind zum Beispiel zu finden im Deutschen Ärzteblatt unter https://www.aerzteblatt.de/themen/augenheilkunde/therapie-mit-glp-1-rezeptor-agonisten-okulaere-komplikationen-sind-selten-aber-visusbedrohend-e345aa92-a4f7-4f40-8146-b2967b577504.
Wir bemühen uns, mit unseren Beiträgen ausgewogen über die Ausgaben des Diabetes-Ankers hinweg alle Menschen mit Diabetes zu informieren – mal mehr über den einen, mal mehr über den anderen Typ und auch weitere Diabetestypen. Medikamente finden ebenfalls über die Ausgaben hinweg ausgewogen ihren Raum im Heft.
-
-
moira postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen
Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?
