Diabetes und Alkohol: Genuss ohne Reue?

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Diabetes und Alkohol: Genuss ohne Reue?

Wie gesund ist der Konsum von Alkohol? Auch wenn ihm mancher Spruch positive Eigenschaften zuweist, bestätigt die Wissenschaft immer mehr: ­Alkohol hat eindeutig mehr ­negative als positive Folgen für die Gesundheit. Dr. Schmeisl gibt im Diabetes-Kurs einen Überblick.

Der Fall


Franz H. (54 Jahre alt, Gewicht 110 kg, Typ-2-Diabetiker) hatte sich abends mit einem Bekannten zum ersten Mal zum Jogging verabredet. Nach 5 km schnellerem Gehen war er fix und fertig – zum Abendessen konnte er kaum noch etwas essen, aber er trank wie immer 2 Flaschen Bier und einen Korn. Und – wie immer – spritzte er sein Basalinsulin gegen 22 Uhr.

Gegen 3 Uhr wurde seine Frau neben ihm wach, weil er plötzlich zitterte und schweißgebadet dalag. Er war ziemlich abwesend, reagierte aber noch auf das Rufen seiner Frau. Sie sagte ihm, er solle schnell Traubenzucker-Plättchen kauen und den Apfelsaft trinken, den sie ihm hinhielt.

Wenige Minuten später war er wieder voll bei Bewusstsein und ansprechbar und konnte etwas essen. Glücklicherweise war es glimpflich abgelaufen!

Sicher kennen Sie den Spruch: „Ein Gläschen in Ehren kann niemand verwehren!“ Oder: „Auf einem Bein kann man nicht gut stehen!“ Charlie Chaplin wird das Zitat zugeschrieben: „Der wahre Charakter eines Menschen kommt zum Vorschein, wenn er betrunken ist.“ Und Martin Luther habe gesagt: „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.“ Konfuzius wird zitiert mit: „Am Rausch ist nicht der Wein schuld, sondern der Trinker.“ Zum Schluss ein Spruch von Heinz Erhardt: „Da kann einer sagen, was er will, das beste Essen ist immer noch das Trinken.“ Was aber ist dran an diesen Aus­sagen zum Alkohol?

Alkohol ist gesundheitsschädlich

In fast allen Regionen der Welt gehört Alkohol zu Ritualen oder auch Zeremonien dazu. Er kann im positiven Sinn dazu beitragen, dass soziale Kontakte geknüpft, verfestigt und regelmäßig gepflegt werden. Aber es gibt nicht wenige Menschen, auch Jugendliche, die sich bewusst in einen Rausch trinken. Ihr Ziel dabei ist, vorübergehend Probleme und Sorgen vermeintlich „loszuwerden“, ohne dabei eigentlich die Probleme zu lösen.

Organe, bei ­denen Alkohol das Risiko für bösartige Krankheiten erhöht:


  • Mund
  • Rachen
  • Kehlkopf
  • Speiseröhre
  • Darm
  • Leber
  • Brust
  • Magen

Quelle: World Cancer Research Fund: „Cancer Prevention Recommendations“)

 

Da Alkohol aufgrund seiner Giftwirkung auf Gewebe wie die Leber, das Gehirn, aber auch andere Organe wie Magen, Darm und Bauchspeicheldrüse als gesundheitsschädlich eingestuft werden muss, sollte man sein Trinkverhalten von Zeit zu Zeit also überdenken! Das gilt für Menschen ohne und mit ­Diabetes.

Das Krebsrisiko steigt

Ernährungs- und Krebsexperten raten dazu, das eigene Trinkverhalten und die konsumierten Mengen an Alkohol nicht zu unterschätzen. Genau genommen gibt es keine Menge an Alkohol, die bedenkenlos konsumiert werden kann.

Alkohol und Krebs sind eindeutig miteinander verknüpft, wie die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC; eine Unterorganisation der WHO) erläutert. Dabei spielt es keine Rolle, in welcher Form man Alkohol zu sich nimmt – seien es Wein, Bier oder Spirituosen. Laut einer aktuellen Studie der IARC gab es in Deutschland im Jahr 2020 durch den Konsum von Alkohol etwa 22 000 Neuerkrankungen an einem Kar­zi­nom, also einem bösartigen Tumor! Deshalb raten Krebsforscher, Ernährungs- und Sucht­experten davon ab, Alkohol zu trinken.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) macht deutlich, dass es nicht möglich ist, eine Alkoholmenge anzugeben, die bei regelmäßigem Konsum als unbedenklich hinsichtlich negativer gesundheitlicher Folgen bezeichnet werden kann.

Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE):


  • maximale Menge pro Tag: gesunde Männer weniger als 20 g Alkohol (½ l Bier oder ¼ l Wein), gesunde Frauen weniger als 10 g (¼ l Bier oder ⅛ l Wein)
  • an mindestens 2 Tagen in der Woche sollte man ganz auf Alkohol verzichten
  • am besten trinkt man Alkohol nur zu einer Mahlzeit
 

Abbaustoffe des Alkohols wie Acetaldehyd scheinen einer der Hauptgründe beim Entstehen einer Krebserkrankung zu sein. Acet­alde­hyd ist chemisch sehr reaktionsfreudig und bindet sich leicht an andere Stoffe, auch an Bausteine der Erbsubstanz (DNA). So können Fehler im Bauplan der Erbsubstanz (Muta­tionen) entstehen, das Ablesen der Gene kann beeinflusst werden, und es wirkt sich auf die Menge und Wirkung von Geschlechtshormonen aus. All dies steigert das Risiko für unterschiedliche Krebserkrankungen.

Gehirn reagiert empfindlich auf Alkohol

Auch das Gehirn wird durch Alkohol geschädigt. Der Neurologe und Psychiater Prof. Dr. Michael Soyka sagte in einem Interview, das in der Süddeutschen Zeitung im Jahr 2018 erschienen ist: „Das intellektuelle Niveau sinkt.“ Der Experte erklärte in Bezug auf Alkohol: „Langfristig hinterlässt er überall Spuren im Körper, auch im Gehirn. Das Frontalhirn, das über Persönlichkeit und Kritikvermögen entscheidet, ist besonders sensibel für Alkohol.“

Folgen sind, dass das Reaktionsvermögen nachlässt, die Kritikfähigkeit schwindet und das Gefühls­leben außer Kontrolle gerät. Bei stärkeren Schäden im Gehirn sinkt die Konzentrationsfähigkeit und das Kurzzeitgedächtnis und die Merkfähigkeit lassen nach – eine Demenz kann entstehen.

Mangelsymptome durch regelmäßigen „Alkohol-Missbrauch“

Bei regelmäßigem Alkoholkonsum kann es auch zu einem Mangel an verschiedenen Vit­ami­nen, Blutsalzen und Spurenelementen kommen, mit entsprechenden Symptomen. Speziell ein alkoholischer Leberschaden kann zu verminderten Mengen an fettlöslichen Vit­ami­nen (Vitamine A, D und E) führen. Ein zusätzlicher Folsäuremangel geht mit starken akuten Symptomen sowie Blutbildungsstörungen (ma­kro­zytäre Anämie), neurologischen Störungen wie Vergesslichkeit und Schlafstörungen einher. Bei Schwangeren können diese Mangelerscheinungen beim werdenden Kind Missbildungen verursachen.

Warum ist Alkohol so gefährlich?

Alkohol ist ein kleines wasserlösliches Molekül, das von unserem Körper sehr rasch aufgenommen wird – im Dünndarm sehr viel schneller als im Magen. Ein leerer Magen beschleunigt die Aufnahme deshalb. Werden alkoholische Getränke dagegen zusammen mit einer Mahlzeit verzehrt, erfolgt die Aufnahme des Alkohols über die Schleimhaut langsamer.

Getränke mit mittlerem Alkoholgehalt, z. B. mit 20 Volumenprozent (Vol%), gehen schneller ins Blut als solche mit 3 bis 8 Vol%. Hochprozentige Getränke wie Schnäpse führen zu einer verzögerten Magenentleerung und hemmen so die Aufnahme über die Schleimhaut. Werden Getränke mit Kohlensäure versetzt, wie bei Champagner und Sekt, ist der Übergang ins Blut beschleunigt.

Blutalkohol-Konzentration


Frauen vertragen Alkohol meist nicht so gut wie Männer. Im Verhältnis zum Körpergewicht haben Frauen einen höheren Anteil an Körperfett und weniger Körperwasser. Alkohol löst sich besser in Wasser. Frauen haben daher nach dem Konsum derselben Menge an Alkohol höhere Blutalkoholspiegel!

Berechnen lässt sich das folgendermaßen:

(getrunkene Menge Alkohol in g)
(Körpergewicht in kg × Konstante (0,68 beim Mann, 0,55 bei der Frau)

Die Konstante entspricht dem Anteil des Körperwassers: 68 % bei Männern, 55 % bei Frauen.

 

Nach der Aufnahme des Alkohols aus dem Darm ins Blut findet man die höchsten Alkoholkonzentrationen in der Leber und in anderen gut durchbluteten Organen wie dem Gehirn und der Lunge. Die niedrigsten Konzentrationen bestehen im Fettgewebe, denn Alkohol ist nicht fettlöslich. Da bei Frauen der Anteil an Körperfett höher und an Körperflüssigkeit geringer ist als bei Männern und außerdem der Abbau des Alkohols langsamer erfolgt, liegt der Blutalkoholwert nach der gleichen eingenommenen Menge Alkohol bei Frauen höher.

Für Schwangere gilt absolutes Alkoholverbot, denn Alkohol ist für das Kind Gift – er ist eine der häufigsten nicht vererbten Ursachen einer geistigen Einschränkung bei Kindern. Hier gilt besonders: Jeder Alkoholkonsum ist gefährlich und schadet dem Kind.

Wo wird der Alkohol abgebaut?

Mehr als 90 % des Alkohols werden in der Regel über die Leber abgebaut. Etwa 10 % werden über Urin, Schweiß und Atemluft ausgeschieden. Eine kleine Menge wird bereits im Magen selbst abgebaut. Das Enzym Alkohol-Dehydrogenase (ADH) ist daran primär beteiligt. Das beim Abbau entstehende Acetaldehyd wird weiter zu unschädlichen Stoffen abgebaut durch das Enzym Aldehyd-Dehydrogenase (ALDH). Fehlt Menschen eins der beiden Enzyme, wie es z. B. oft bei Menschen aus Asien zu beobachten ist, sinkt der Alkoholspiegel nur sehr langsam. Fehlt nur die ALDH, häuft sich das giftige Acetaldehyd im Körper an – es folgen Kopfschmerzen, Übelkeit und Herzrasen.

Im Normalfall ist der Alkoholspiegel im Blut am höchsten etwa eine Stunde nach dem Trinken und fällt danach linear um etwa 0,1 bis 0,15 Promille (‰) pro Stunde ab. So kann der Blutalkoholspiegel auch z. B. zum Zeitpunkt eines Unfalls nachträglich ermittelt werden.

Schützt Alkohol das Herz?

Man hat schon gehört, dass Alkohol das Herz schützt. Aber stimmt das? Tatsächlich gibt es Hinweise, dass die vor allem im Rotwein enthaltenen Phenole einen positiven Einfluss haben könnten; Phenole sind sekundäre Pflanzenstoffe. Der Alkoholgehalt des Weins und seine phenolischen Substanzen senken das Risiko, an einer Erkrankung der Herzkranzgefäße (koronare Herzkrankheit) zu erkranken. Untersuchungen an Zellen zeigen, dass diese sekundären Pflanzenstoffe das LDL-Cholesterin und das Lipoprotein a senken und so einer Gefäßverkalkung vorbeugen können.

Was sollten Menschen mit Diabetes ­beachten?

Wenn Diabetes im Spiel ist, wird Alkohol meist im Zusammenhang mit schweren Unterzuckerungen oder Schäden der Leber gesehen. Schon eine Menge von 40 bis 50 g Alkohol hemmt in Versuchen die Zuckerneubildung in der Leber und die Zuckerausschüttung aus der Leber – unserem wichtigsten Zuckerspeicher neben den Muskeln.

Ursache ist, dass der Abbau des Alkohols die Leber quasi für Stunden blockiert. Dies erhöht das Risiko für Unterzuckerungen bei Typ-1-Diabetikern, aber auch bei Typ-2-Dia­betikern. Meist ist der Effekt auf die Blutzuckerwerte nicht sofort zu merken – oft erst viele Stunden später. Besonders kritisch wird das, wenn die Speicherzuckervorräte (Glykogen) in Muskel und Leber bereits niedrig oder verbraucht sind, wie nach schwerer körperlicher Arbeit oder Sport – die so wichtige Gegenregulation bei einer Unterzuckerung bleibt dann aus!

Je mehr und ausgiebiger ein Diabetiker Alkohol trinkt, desto länger und ausgeprägter sind Zuckerneubildung und -ausschüttung gehemmt. Zu einer schweren Unterzuckerung kommt es nach abendlichem Alkoholkonsum meist erst in der Nacht, etwa 4 bis 8 Stunden später. Eine vorausgegangene Insulininjektion und zu wenige gegessene Kohlenhydrate erschweren die Situation. Manche Patienten berichten sogar noch von „Spät-­Unter­zuckerungen“ am nächsten Vormittag.

Zusammenfassung


„Alkoholgenuss ohne Reue“ gibt es maximal nur, wenn man gelegentlich nur kleine Mengen trinkt – und dies auch nur zum Essen. Da dies aber in vielen Fällen an der Realität vorbeigeht, bleibt jedem nur übrig, sein Trinkverhalten immer wieder zu hinterfragen. Neben den chronischen Folgen gelten spezielle Vorsichtsmaßnahmen für Diabetiker wegen des Risikos für Unterzuckerungen nach Alkoholgenuss – oft sehr spät auftretend. Damit Alkohol auch in Zukunft von Ihnen „genossen“ werden kann, bedenken Sie dies auf jeden Fall!

 

Autor:

Dr. Gerhard-W. Schmeisl
Internist, Angiologe, Diabetologe und Sozialmediziner
ehem. Lehrbeauftragter der Universität Würzburg und Chefarzt Deegenbergklinik
PrivAS Privatambulanz (Schulung)

 

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (10) Seite 34-37

 

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  • Hallo zusammen,
    ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus!

    • Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.

    • @calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!

    • @uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
      Liebe Grüße

  • stephanie-haack postete ein Update vor 4 Wochen

    Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/

  • tako111 postete ein Update vor 4 Wochen

    Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.

    Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.

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