Hunde und Katzen mit CGM-Sensor: Tierische Diabetes-Therapie

6 Minuten

© Gutmann et al. 2018
Hunde und Katzen mit CGM-Sensor: Tierische Diabetes-Therapie

Wussten Sie, dass auch Tiere an Diabetes erkranken können? Dr. Nicola Kristin Haller ist Kleintierärztin in der Fachtierarztpraxis Elbmarsch in Winsen/Luhe. Journalistin Susanne Löw hat sich mit ihr unterhalten. Eine Sache hat sie dabei besonders überrascht: Auch Hunde und Katzen tragen gelegentlich einen CGM-Sensor!

Diabetes-Journal (DJ): Ist Diabetes bei Tieren genauso verbreitet wie beim Menschen?

Dr. Nicola Kristin Haller: Laut Studien aus England sind 0,4 Prozent der Katzen und 0,5 bis 1 Prozent der Hunde von Diabetes mellitus betroffen, plus Dunkelziffer. Denn Besitzer wissen oft nicht, dass Diabetes auch bei Tieren vorkommt, und kommen nicht oder zu spät in die Praxis. Das Thema ist nicht so verbreitet wie beim Menschen, begegnet uns aber regelmäßig in der Praxis. Allerdings hat Typ-2-Diabetes in den letzten zwei Jahrzehnten wie beim Menschen deutlich zugenommen, vor allem bei übergewichtigen Großstadtkatzen aufgrund von zu wenig Bewegung und falscher Ernährung

DJ: Ist eine bestimmte Tierart häufiger betroffen als die andere?

Dr. Haller: Hunde und Katzen sind vorrangig betroffen – aus verschiedenen Gründen: Katzen haben meist eine durch Übergewicht ausgelöste Insulinresistenz. Es gibt auch Katzen mit einem sekundären Diabetes, ausgelöst durch einen Hypophysentumor, der zu viel Wachstumshormone produziert, was sich negativ auf die Ansprechbarkeit von Insulinrezeptoren auswirkt. Während einer Scheinträchtigkeit von Hündinnen kann der hohe Progesteronwert ebenfalls zur Ausschüttung von Wachstumshormonen führen. Typ-1-Diabetes entsteht beim Hund im Rahmen eines angeborenen Defekts oder durch eine – oft autoimmune – Zerstörung des Pankreas im Rahmen einer Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung; Anm. d. Red.). Die meisten Tiere leiden aber an Typ-2-Diabetes.

DJ: Können auch weitere Tierarten Diabetes bekommen?

Dr. Haller: Theoretisch kann jede Tierart betroffen sein, aber darüber ist nicht so viel bekannt. Fraglich ist, ob ein Diabetes bei Kleintieren immer erkannt wird. Bei Hase und Co gilt: Je kleiner die Tiere sind, umso weniger zeigen sie Symptome, weil sie sich vor Beutegreifern verstecken müssen. Folglich können wir oft nicht mehr helfen, weil Krankheiten zu spät oder gar nicht erkannt werden. Das Nagetier Degu neigt zu einem fütterungsbedingten Diabetes mellitus.

DJ: Harndrang, Durst – sind denn die Symptome für Diabetes ähnlich wie beim Menschen?

Dr. Haller: Während es bei Katzen mit Typ-2-Diabetes meist ein schleichender Prozess ist, kommen Hunde oft mit einer akuten Ketoazidose zu uns, weil die Hormon-Umstellung in Scheinschwangerschaften so plötzlich erfolgt. Abgesehen davon berichten uns Tierbesitzer, dass ihre Katze so viel trinkt, häufig uriniert – auch neben das Katzenklo. Oder aber der Hund muss nachts ständig raus, weil er den Urin nicht mehr hält. Oft vermuten Tierbesitzer, dass das “nur” am Alter des Tieres liegt.

Fotos: Nicola Kristin Haller

DJ: Wie erfolgt die Diagnose bei Tieren?

Dr. Haller: Über die Bestimmung des aktuellen Blutzucker- und des Fruktosamin-Werts, der entspricht dem HbA1c als Langzeitzucker. Fruktosamin ist aussagekräftiger als die aktuelle Glukose, denn Katzen haben eigentlich immer eine akute Stress-Hyperglykämie beim Tierarztbesuch. Außerdem klärt man ab, ob sich ursächlich eine Pankreatitis oder ein Tumor, z. B. in der Nebenniere (Morbus Cushing) oder der Hypophyse (Akromegalie, Morbus Cushing), feststellen lässt.

DJ: Welche Therapie erfolgt bei positiver Diabetesdiagnose?

Dr. Haller: Wenn die Blutzuckerwerte noch nicht allzu hoch sind, wird eine Ernährungs-Änderung angeordnet. Die Normwerte liegen zwischen 60 und 140 mg/dl (3,3 und 7,8 mmol/l). Allerdings wird der Zielwert bei Hund und Katze nicht so tief angesetzt, weil wir Unterzuckerungen verhindern wollen: Gut eingestellte Tiere liegen dauerhaft unter 250 mg/dl (13,9 mmol/l). Wir spritzen die meisten Tiere direkt von Anfang an, weil sie häufig relativ spät zu uns kommen. Kommen sie in einer Ketoazidose, wird zunächst ihr Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt korrigiert. In der Folge kann dann der Blutzucker mittels humanem Normalinsulin stabilisiert werden – das geht intramuskulär oder intravenös verdünnt. Später erfolgt die regelmäßige Injektion wie beim Menschen subkutan. Hündinnen sollten kastriert werden.

DJ: Wie sieht das Spritzschema in der Regel aus, gibt es einen festen Ernährungsplan?

Dr. Haller: Das wäre bei Tieren zu kompliziert. Hunde werden zweimal täglich gefüttert und dabei gespritzt. Dabei wird immer dieselbe Menge und das gleiche Diätfuttermittel mit komplexen Kohlenhydraten verfüttert. Katzen fressen von Natur aus ganztägig mehrere kleine Portionen, haben aber auch keinen so starken Blutzucker-Anstieg nach dem Fressen. Die Therapieempfehlung lautet daher bei Katzen mit Diabetes, dass man sie fressen lässt, wann sie wollen – und sie trotzdem zweimal täglich spritzt. Manchmal wird auch Lantus (ein lang wirksames Insulin-Analogon; Anm. d. Red.) einmal täglich bei Katzen gespritzt.

DJ: Erfolgt denn entlang der Therapie eine Blutzuckerkontrolle?

Dr. Haller: Tiere mit Ketoazidose müssen häufig zunächst mehrere Tage stationär behandelt werden. Es wird regelmäßig der Blutzucker über einen am Ohr entnommenen Blutstropfen gemessen. Damit erstellen wir Zuckerkurven und passen die Insulindosis an. Danach sollten in regelmäßigen Abständen Zuckertagesprofile erstellt werden, stationär oder durch den Besitzer zu Hause. Einige Besitzer schaffen sich ein Messgerät an und mailen uns regelmäßig Messkurven, andere nutzen Harn-Teststreifen. Die speziellen Blutzuckermessgeräte für Tiere sind aktuell noch sehr teuer, vereinzelt verleihen Kliniken Geräte temporär. Wünschenswert wäre, dass noch mehr Tierbesitzer den Blutzucker ihrer Tiere selbst messen.

DJ: Menschen nutzen ja auch Sensoren zur kontinuierlichen Glukoseüberwachung …

Dr. Haller: Auch wir nutzen gelegentlich Sensoren wie den FreeStyle Libre für Menschen – in schwer einstellbaren Fällen. Dafür wird eine Stelle am Hals des Tieres rasiert, der Sensor und ein Halsverband zum Schutz angelegt und der Besitzer scannt den Wert regelmäßig. Das funktioniert gut, ist aber mit viel Aufwand und Kosten verbunden.

DJ: Wie lernen die Besitzer das Spritzen?

Dr. Haller: Das Spritzen mit humanmedizinischen Einmalspritzen üben wir anfangs gemeinsam mit den Besitzern an einer rasierten Injektionsstelle. Es gibt auch Insulinpens für Tiere, aber die sind noch nicht so verbreitet. Die meisten Besitzer bekommen das Spritzen recht schnell gut hin, wobei es aufgrund der vergleichsweise niedrigen Fallzahlen noch keine strukturierte Schulung für Besitzer gibt.

DJ: Welches Insulin wird verwendet?

Dr. Haller: “Caninsulin” heißt das speziell für Hunde produzierte, veterinärmedizinische Insulin, “ProZinc” das für Katzen. Außerdem wird bei Katzen gelegentlich ein orales Antidiabetikum, Glipizid, das bei Menschen eingesetzt wird, angewendet. Ich selbst habe aber keine praktische Erfahrung damit.

DJ: Leiden Tiere auch an diabetesbedingten Folgeerkrankungen?

Dr. Haller: Ja, beim Hund beobachten wir zum Beispiel die diabetische Katarakt, eine nicht reversible Linsentrübung. Auch Blasenentzündungen und Polyneuropathien sehen wir oft. Dabei haben Katzen einen wackeligen, plantigraden Gang, bei dem sie mit den Sprunggelenken aufsetzen. Das ist auch ein Anzeichen für einen (zu spät erkannten) Diabetes, das Besitzer oft als Altersschwäche fehlinterpretieren.

Fotos: Nicola Kristin Haller

DJ: Inwiefern erkennen die Tierbesitzer die Ursache für den Typ-2-Diabetes ihres Tiers bei sich selbst?

Dr. Haller: Natürlich bringen wir betroffenen Besitzern bei, dass die Krankheit oft aufgrund des Übergewichts der Katze entstanden ist. Aber es gibt auch eine genetische Disposition, Burma-Katzen sind etwas häufiger betroffen. Es gibt keine verlässlichen Daten, wie viele Fälle genetisch und wie viele durch die Ernährung bedingt sind.

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DJ: Ist denn Diabetes bei Tieren reversibel?

Dr. Haller: Das kann beim Hund nach einer Kastration oder Pankreatitis der Fall sein, ja. Bei Katzen sind 25 bis 50 Prozent der Diabetesfälle reversibel, wenn Diät und Bewegung eingehalten werden.

DJ: Und wie sehen Ihre Erfahrungen aus, wenn die Tiere von Menschen mit Diabetes ebenfalls an Diabetes erkranken?

Dr. Haller: “Wie der Herr, so’s Gescherr”, sagt ja das Sprichwort. Aber bei Menschen mit Diabetes klappt die Therapie ihrer Tiere meistens besonders gut, weil sie die Abläufe kennen. Die haben die Therapie bei sich selbst im Griff und gehen genauso gewissenhaft bei ihrem Tier damit um. Die Mensch-Tier-Bindung ist nun einmal eine ganz spezielle. Mir tut auch immer die rechte Schulter weh, wenn mein Pferd vorne rechts lahmt …

DJ: Danke für dieses spannende Gespräch, Frau Dr. Haller!


von Susanne Löw

Susanne Löw ist freie Journalistin und Autorin. Seit 2002 lebt sie mit Typ‑1‑Diabetes und hat über 60 Länder bereist. Sie schreibt regelmäßig für Diabetes-Anker (Kolumne „Fernweh“), ist Autorin des Buchs „Zucker im Gepäck“ und berät zum Reisen mit Diabetes.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (5) Seite 34-37

(Das Interview ist im Original erschienen unter www.blood-sugar-lounge.de.)

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  • olivers postete ein Update vor 2 Tagen, 6 Stunden

    Hallo Zusammen!
    Ich bin ein T3er und freue mich Gleichbetroffene zwecks Erfahrungsaustausch zu finden. Bin im Frankfurter Raum, aber auch im Heidelberger Raum unterwegs.
    Liebe Grüße
    Oliver

  • zojou96 postete ein Update vor 3 Tagen, 8 Stunden

    Hallo, ich bin DT1 und trage seit etwa 1 Jahr eine Omnipod-Pumpe. Letztere löst seit mehrere Monaten eine Hautallergie an der Platzierungsstelle aus. Ich habe es bereits mit dem Cavillon-Spray und Pflastern (derzeit Omnifix von Hartmann und Unterpatch von My Sweet Stitch) für empfindliche Haut unter dem Pod probiert. Es hilft aber leider nicht oder nur bedingt, da auch mit Spray die Allergie ausgelöst wird und die Schutzpflaster nicht lange haften. Hat jemand vielleicht eine ähnliche Erfahrung gemacht und eine gute Lösung gefunden? Ich würde gerne weiterhin eine Pumpe tragen, wäre aber auch bereit das Modell zu wechseln, wenn es das Problem mit der Allergie löst. Ich bin um jeden Rat dankbar. Vielen Dank im Voraus 🙂

  • Hallo,

    hat irgendwer der den Libre3 benutzt auch so massive Probleme ?
    Mein Kind hat ständig Ärger mit seinen Sensoren,selten wo mal einer durchhält. Entweder dauernd Sensorfehler oder ein neuer Sensor sitzt und nach kurzer Zeit kommt bitte neuen Sensor starten.
    Das kann ja nicht sein,ich hab selten mal einen Sensorfehler.
    Als ich das letzte mal bei denen angerufen hatte ,meinte dieser “sehr freundliche” Mitarbeiter nur es kann nicht sein das die so viele Fehler haben,es gab keinen Ersatz.
    Müßen wir jetzt ernsthaft selber Sensoren bezahlen?
    Weil bis der Nachschub kommt dauert es noch 🙁

    LG Sandra

    • Nun, ich weiß nicht, was ihr alles probiert habt. Aber Handyneustart, Bluetooth neu aktivieren, Akku muss genug Kapazität haben. Vielleicht ist der Sensor auch locker, Schweiss hat auch immer bei mir Schwierigkeiten gemacht (wird beim Kind nicht sein).
      Gruß Oliver

    • @olivers: Haben wir alles gemacht und hat dennoch nicht geholfen 🙁
      Wir haben auch spezielle Pflaster zum drauf kleben,aber die machen keine Probleme.
      Nun sollten bis mitte nächster Woche die neuen Sensoren kommen und ich hoffe es klappt dann mal ohne Probleme

      Gruß Sandra