Typ-2-Diabetes: Leichter abnehmen mit Darmhormonen

3 Minuten

Typ-2-Diabetes: Leichter abnehmen mit Darmhormonen

Einen regelrechten Hype hat in den letzten Wochen und Monaten eine neue Gruppe von Wirkstoffen ausgelöst, die beim Abnehmen helfen. Die GLP-1-Rezeptor-Agonisten sowie Zweifach- und Dreifach-Rezeptor-Agonisten standen auch bei der diesjährigen Jahrestagung der amerikanischen Diabetes-Gesellschaft (American Diabetes Association, ADA) im Juni im Mittelpunkt.

Schon seit Längerem ist der GLP-1-Rezeptor-Agonist Semaglutid als Blutzucker-senkendes Medikament für die Therapie des Typ-2-Diabetes auf dem Markt. Aufgrund seiner Wirkungen wurde Semaglutid auch als Präparat zur Gewichtsabnahme bei Adipositas zugelassen. Bei GLP-1-Rezeptor-Agonisten handelt es sich um synthetisch hergestellte Varianten des im Darm gebildeten Hormons Glucagon-like peptide-1, kurz GLP-1. Die Agonisten imitieren die Wirkung des körpereigenen Darmhormons, das eine vermehrte Ausschüttung von Insulin bewirkt, den Blutzuckerspiegel senkt, die Entleerung des Magens verlangsamt und den Appetit zügelt. Das gelingt unter anderem dadurch, dass GLP-1 ein Sättigungs-Signal an das Gehirn sendet.

Imitation der körpereigenen Hormone

An dieser Stelle setzt die neue Gruppe von Wirkstoffen an. Sie imitieren die körpereigenen Darmhormone, haben aber durch ihre länger anhaltende Wirksamkeit eine appetitzügelnde Wirkung im Gehirn. Die künstlichen Hormone docken an die gleichen Rezeptoren an wie die körpereigenen Hormone. Im Fall von GLP-1 bezeichnet man sie deshalb als GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Als Agonisten werden in der Medizin Wirkstoffe bezeichnet, die durch die Bindung an den passenden Rezeptor einer Zelle biochemische Effekte auslösen und so diese Zelle in Aktion versetzen. Hier haben die künstlichen Darmhormone sogar einen Vorteil gegenüber den natürlichen Varianten: Semaglutid wirkt besser, weil mehr GLP-1-Rezeptor-Agonisten im Gehirn ankommen und dort durch die längere Halbwertszeit länger verfügbar sind.

In Kombination ist die Wirkung noch besser

Forschungsarbeiten von Prof. Dr. Matthias Tschöp und PD Dr. Timo Müller, beide von Helmholtz Munich und dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung, sowie dem amerikanischen Chemiker Prof. Dr. Richard DiMarchi haben gezeigt, dass die Kombination von künstlichen Darmhormonen, die Botschafter zwischen Verdauungssystem und Gehirn sind, zu einer noch besseren Wirkung führt. Als besonders geeignet für die Kombination mit GLP-1 erwiesen sich das in der Bauchspeicheldrüse gebildete Hormon Glukagon und das Darmhormon GIP (Glucose-dependent insulinotropic polypeptide). Während Glukagon unter anderem den Abbau von Fettgewebe unterstützt, fördert GIP das Ausschütten von Insulin in der Bauchspeicheldrüse und senkt den Blutzuckerspiegel.

Erster Zweifach-Agonist für Therapie des Diabetes zugelassen

Mittlerweile befinden sich zahlreiche Zweifach-Agonisten, auch als duale Agonisten bezeichnet, in der Entwicklung. Ein solcher dualer Agonist ist Tirzepatid. Er ist seit letztem Jahr in den USA und der EU für die Therapie des Typ-2-Diabetes zugelassen und wirkt am GLP-1-Rezeptor und am GIP-Rezeptor. Klinische Studien zeigen, dass die Effekte dieses neuen Medikaments deutlich stärker sind als die Behandlung mit den einzelnen Hormonen. So bewirkt die Substanz eine gesteigerte Insulin-Ausschüttung, wodurch unter anderem der Anstieg des Blutzuckers nach einer Mahlzeit reduziert und die Nahrungsaufnahme dank eines reduzierten Appetits verringert werden. In der Folge senkt Tirzepatid bei regelmäßiger Anwendung – es wird einmal in der Woche ins Unterhautfettgewebe gespritzt – das Körpergewicht um durchschnittlich 22 Prozent. Das ist weitaus mehr als jede bisherige sichere Behandlung von Übergewicht mit Medikamenten.

Noch mehr Hormone, noch mehr Wirkung

In den Dreifach-Agonisten werden alle drei Hormone, sprich GLP-1, Glukagon und GIP, in einem Medikament kombiniert. Beim Kongress der ADA in diesem Jahr wurden erste vielversprechende Ergebnisse aus Phase-II-Studien zu dem Dreifach-Agonisten Retatrutid vorgestellt. Phase-II-Studien sind Studien mit Menschen mit der jeweiligen Krankheit, in diesem Fall also Menschen mit extremem Übergewicht (Adipositas) und/oder mit Typ-2-Diabetes. Sowohl bei Menschen mit Adipositas als auch bei Menschen mit Typ-2-Diabetes wurden stärkere Reduktionen des Körpergewichts erzielt als mit GLP-1-Rezeptor-Agonisten allein.

Nicht ohne Risiken

Angesichts all der Hoffnung, die mittlerweile auch Menschen ohne Diabetes in die neue Wirkstoffgruppe setzen, raten viele Experten aber auch zur Vorsicht – und das nicht nur, weil der Wirkstoff Semaglutid mancherorts bereits knapp geworden ist. Wie alle Medikamente haben auch GLP-1-Rezeptor-Agonisten und die neuen Mehrfach-Agonisten Risiken und Nebenwirkungen. Begleiterscheinungen im Magen-Darm-Trakt, wie Übelkeit, Durchfall und Erbrechen, gehören zu den häufigsten. Im Allgemeinen waren diese Reaktionen meist leicht oder moderat, traten häufiger während eines Steigerns der Dosis auf und nahmen mit der Zeit ab.

Wichtig ist, dass die in den Studien gezeigten Therapie-Erfolge immer in Kombination mit einem gesunden Lebensstil erreicht wurden. Ob eine Behandlung mit einem der neuen Wirkstoffe sinnvoll und im Einzelfall geeignet ist, sollten Menschen mit und ohne Diabetes immer mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin besprechen.

Schwerpunkt Forschung: besser leben mit Diabetes


von PD Dr. Timo Müller

Avatar von timo-mueller

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (9) Seite 24-25

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Michael Krauser im Interview: Reisen als Leidenschaft – und dankbar auf das Leben blicken
Sein Typ-1-Diabetes hat Michael Krauser viel über Dankbarkeit gelehrt. Ob auf seiner Leidenschaft, dem Reisen, oder im Alltag – er lässt sich nicht aufhalten. Seine Botschaft im Interview: Sei stolz auf dich und das, was du jeden Tag leistest.
Michael Krauser im Interview: Dankbar auf das Leben blicken | Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX

14 Minuten

Druckfrisch: die Themen im Diabetes-Anker 5/2026
Die neue Magazin-Ausgabe ist ab nächster Woche erhältlich und Prof. Dr. Thomas Haak aus der Chefredaktion stellt die Themen des Diabetes-Ankers 5/2026 vor. U.a. geht es um den Schutz der Füße bei Diabetes, Ernährung in den Wechseljahren und wie sich Übergewicht durch Lebensstilanpassungen und Medikamente effektiv behandeln lässt.
Druckfrisch: die Themen im Diabetes-Anker 5/2026 | Foto: Jennifer Sanchez / MedTriX

4 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • Hallo,
    das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
    Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann?

    • Hallo hexle,
      ich finde die Update-Empfehlungen von Dexcom auch etwas unbefriedigend.
      Allerdings steht auf der Kompatibilitäts-Seite auch:
      Zitat: “Sie können diese App auf jedem Betriebssystem verwenden, das die Mindestanforderungen erfüllt. Dexcom empfiehlt jedoch …”

      Eine “offizielle Stelle” bei Dexcom ist mir nicht bekannt, vom generellen Kundenservice mal abgesehen.

      Bei ernsthaften, tatsächlichen Funktionsstörungen gäbe es noch die Möglichkeit, eine Meldung beim BfArM zu eröffnen.

      Beste Grüße

    • PS Ich wollte noch ergänzen: Eine aktuelle ernsthafte Funktionsstörung sehe ich hier nicht gegeben.

    • Sicherheits-Updates der Betriebssysteme haben immer absolute Priorität. Dexcom und Abbott sind definitv sehr langsam mit den Tests und Freigaben. Beim G7 hat Dexcom etwas an Geschwindigkeit gewonnen, aber für G6 ist noch nicht einmal Android 16 getestet, das seit einem Jahr verfügbar ist. An Medizinprodukt-Freigaben liegt das nicht und besonders seriös und professionell ist es auch nicht. Neue Smartphones kann man nur mit aktueller OS-Version kaufen und wenn die nicht freigegeben ist, kann man theoretisch gar kein Smartphone sicher für Sensor oder AID-System verwenden. So war z. B. iOS 26 lange Zeit nicht auf den Listen, aber iPhones nur mit iOS 26 erhältlich. Die Listen verlieren damit zeitweise ihren eigentlichen Nutzen. Intervenieren können Anwender/Kunden mit Beschwerden bei den Hotlines.

  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag

    Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?

  • diahexe postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?

    • Liebe diahexe,
      Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
      Viele Grüße
      Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion

    • @gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.

    • @gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…

      Kann es nur empfehlen!!!

Verbände