Mal mit anderen Augen sehen …

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Mal mit anderen Augen sehen …

Alltägliches sehen wir oft als selbstverständlich an; auch, was den Diabetes betrifft. Doch ab und an sollte man die eigene Welt auch mal mit anderen Augen sehen, findet Tine, damit man sich der eigenen Privilegien bewusst bleibt.

Wir meistern den Alltag mit Diabetes. Egal, ob er immer bei uns selbst ist oder an den Partnern, Freunden, Kindern hängt – weg geht er nicht, und unseren Alltag haben wir mit der Zeit drum herum gebaut. Muss ja. Vieles, was wir in diesem Alltag haben, nehmen wir als ganz selbstverständlich wahr: ob das Auto, die Familie, das Bett, das Insulin oder die (un-)regelmäßigen Arztbesuche.

Es ist ganz normal, dass das passiert, dass wir Alltägliches als selbstverständlich ansehen. Gut ist das aber nicht. Oft bin ich deswegen froh, dass ich hier in dieser Stadt Menschen kennenlernen durfte, die mir ermöglichen, den Diabetes mit anderen Augen zu sehen, im kleineren oder größeren Rahmen.

Viele sind nicht vernetzt und fühlen sich mit dem Diabetes allein

Letztens war ich mit einer T1-Freundin hier in Berlin auf einer Veranstaltung für Menschen mit Diabetes. Für mich war es eines von vielen Events, die ich in den letzten Jahren zum Thema Diabetes besuchen konnte, für sie jedoch war es die erste dieser Art in über 15 Jahren mit Diabetes.

Ich realisierte, dass es ein großes Privileg ist, sich regelmäßig mit Menschen mit Diabetes austauschen und über Themen rund um Diabetes informieren zu können, so, wie ich das mache. Noch immer sind aber viele von uns nicht vernetzt und fühlen sich mit dem Diabetes allein. Damit das alles irgendwann nicht mehr so ist, versuche auch ich, meinen Teil dazu beizutragen, so gut ich kann.

Sich die eigenen Privilegien bewusst machen und nicht alles als selbstverständlich ansehen

Andere Situation: Letztens bei einem guten Freund, der zufällig auch Typ-1-Diabetes hat: Wir wollten gemeinsam kochen. Nebenbei erzählte er, dass er gerade nicht krankenversichert ist, er vielleicht nicht genügend Insulin für die Woche hat, keine Sensoren bestellen kann, seine Werte Achterbahn fahren. Ich war schockiert! Wenn er mir das vorher gesagt hätte, hätte ich ihm einiges aus meinen Vorräten mitgebracht.

Wie schlimm ist es, als Mensch mit chronischer Krankheit nicht versichert zu sein? Komplett auf sich selbst gestellt zu sein? Und wie vielen Menschen auf dieser Welt geht es eigentlich so?

Zum Glück ist er inzwischen wieder versichert und alles ging gut. Trotzdem brachte mich die ganze Situation zum Nachdenken: Wie sieht Diabetes ohne Krankenversicherung aus? Wieso nehme ich das alles als selbstverständlich, wenn es vom einen auf den anderen Moment ganz anders sein kann?

Es hilft, sich die Privilegien, die wir haben, bewusst zu machen, denn es sind eben Privilegien! Auch wenn wir uns gern darüber beschweren, dass unsere Krankenkasse nicht alles übernimmt. Oder der Arzt nicht mehr als 15 Minuten für uns hat. Denn so selbstverständlich ist das alles nicht.

Eure Tine

Martina „Tine“ Trommer lebt seit Jahren in der Hauptstadt, bloggt seit ihrer Diabetesdiagnose 2013 unter www.icaneateverything.com sowie auf der Blood Sugar Lounge und schreibt regelmäßig an dieser Stelle über ihr Leben mit Diabetes in Berlin. Weihnachten verbringt sie am liebsten in Berlin, da die Stadt um diese Zeit fast menschenleer und ruhig ist. Perfekt, um mal runterzufahren!

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2017; 66 (4) Seite 37

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