- Behandlung
Neuigkeiten vom Diabetes Kongress: Eine Frage des Typs
4 Minuten
Fast 6.000 Diabetesexperten trafen sich Ende Mai zum „Diabetes Kongress 2019“ der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). „Diabetes – nicht nur eine Typ-Frage“ war das Motto, denn mittlerweile unterscheiden Experten mehrere Formen des Typ-2-Diabetes. Weiterer Schwerpunkt: Was unterscheidet Mann und Frau, wenn es um den Diabetes geht?
Typ-1- oder Typ-2-Diabetes? Das war jahrzehntelang die Frage – einmal abgesehen von weiteren, eher seltenen Diabetesformen. Diese Frage wird sich nicht mehr so einfach beantworten lassen, denn „neue Studien weisen darauf hin, dass die klassische Einteilung in Diabetes-Typen möglicherweise einer Revision bedarf“, so Kongresspräsident Prof. Michael Roden (Foto oben: rechts, daneben Prof. Monika Kellerer, neue DDG-Präsidentin) vom Deutschen Diabetes-Zentrum Düsseldorf (DDZ).
Prof. Andreas Fritsche (Tübingen) erklärte, was genau damit gemeint ist, nämlich dass heute zusätzlich zwischen verschiedenen Unterformen des Typ-2-Diabetes und auch zwischen verschiedenen Vorstufen des Diabetes unterschieden wird. Diese genauere Unterscheidung hat Folgen, denn ist die Unterform bekannt, kann der Betroffene präziser und damit besser behandelt werden – oder es kann individuell verschieden dem Diabetes vorgebeugt werden.
Unterformen des Typ-2-Diabetes
Fritsche spricht vom Typ-2-Diabetes als einer Ansammlung höchst unterschiedlicher Krankheitsformen. Wie aber herausfinden, welcher Unterform ein Typ-2-Diabetiker angehört? Dafür werden große Datenmengen mit Hilfe neuer analytischer Methoden untersucht und dadurch Gruppen mit ähnlich gelagerten Diabetesformen sichtbar, so Fritsche.
Video-Interview: Was ändert sich durch die Neueinteilung der Diabetestypen?
Die neue Klassifikation der Diabetestypen war ein vielbesprochenes Thema beim diesjährigen Diabetes Kongress. Was diese für die Diagnostik und Therapie der Betroffenen bedeutet, erklärt Prof. Dr. med. Baptist Gallwitz im Interview mit Dr. Katrin Kraatz.
Auf diese Weise konnten Forscher in den letzten Jahren vier Untergruppen finden: Typ-2-Diabetiker mit schwerem Insulinmangel, mit schwerer Insulinresistenz, mit mildem Diabetes im höheren Alter oder mit mildem Übergewichtsdiabetes.
Frauen sind anders krank als Männer
Auch wenn es um den Diabetes geht, gibt es Unterschiede zwischen Mann und Frau: PD Dr. Julia Szendrödi (DDZ) machte während des Kongresses klar, was das bedeutet: In allen Altersgruppen ist die Steigerung der Sterblichkeit durch Typ-2-Diabetes bei Frauen höher als bei Männern.
Warum die Diagnose Diabetes sich auf die Lebenserwartung von Frauen drastischer auswirkt, ist noch nicht geklärt. Auffällig ist auch, dass Frauen mit Diabetes ein deutlich höheres Risiko tragen, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung (Herzinfarkt, Schlaganfall) zu sterben als Männer.
Die Kongresssekretäre Prof. Dr. Christian Herder (l.) und PD Dr. Julia Szendrödi mit dem diabetesDE-Vorstands-vorsitzenden Dr. Jens Kröger.
Wie können Frauen vorbeugen, wie kann ihre Diabetesbehandlung verbessert werden? Um wirksame Strategien der Prävention und Behandlung zu entwickeln, müssen geschlechtsspezifische, biologische und soziale Faktoren sowie Verhaltensmuster erforscht werden. Dies geschieht aktuell in der Deutschen Diabetes-Studie, die von Szendrödi am DDZ geleitet wird.
Schon jetzt ist bekannt, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern auch damit zusammenhängen, wie Frauen es schaffen, selbst für sich zu sorgen, wenn es um die medizinische Behandlung, das Einhalten von Diäten oder sportliche Aktivitäten geht.
Typ-2-Diabetes: doch heilbar?
Wenn bei Typ-2-Diabetes von einer Heilung gesprochen wird, ist das irreführend. Gemeint ist damit eigentlich die Remission: „Remission ist definiert als nichtdiabetischer Zustand ohne glukosesenkende Medikamente“, betonte Kongresspräsident Roden.
Dieser Zustand könne eventuell auch nur vorübergehend sein. Trotzdem: Diesen medikamentenlosen Zustand zu erreichen, ist sicherlich das Ziel vieler Menschen mit Typ-2-Diabetes. In einer britischen Studie gelang es der Hälfte der Teilnehmer, ihre Blutglukosewerte zu normalisieren und auf Medikamente zu verzichten. Kein ganz neuer Ansatz – nun soll aber erforscht werden, welche Betroffenen eine Remission erreichen können und wie lange dieser Zustand anhält.
Therapie: Wie bei der Stange bleiben?
Diabetes ist eine chronische Erkrankung – was für Betroffene und auch für Behandelnde bedeutet, dass sie in der Therapie nicht nachlassen dürfen, sich immer um die Erkrankung kümmern müssen. Adhärenz ist das Fachwort dafür, wie Therapieempfehlungen eingehalten werden, und genau darum ging es in einem Symposium des Unternehmens Berlin-Chemie.
Konkret kann das bedeuten, die verschriebenen Medikamente nicht nur am Anfang zu nehmen, sondern dabeizubleiben, wie PD Dr. Matthias Frank (Neunkirchen) ausführte. Nicht nachlassen – das gelte allerdings auch für den Arzt, die Ärztin, nicht nur für Menschen mit Diabetes. Und wie können Menschen mit Diabetes dieses „Bei-der-Stange-Bleiben“ erreichen?
Video-Interview: „Bis zu 35 Prozent haben erhöhte diabetesbezogene Belastungen“
Depressionen und Diabetes-Distress sind häufige Begleiterscheinungen bei Menschen mit Diabetes. Betroffene haben oft eine schlechtere Stoffwechseleinstellung und Lebensqualität. Doch was unterscheidet die beiden Konditionen und wieso sollte sie sehr ernst genommen werden? Darüber haben wir mit den beiden renommierten Experten Prof. Dr. Bernd Kulzer und Prof. Dr. Norbert Hermanns (beide Bad Mergentheim) auf dem Diabetes Kongress 2019 gesprochen.
„Die einzige Möglichkeit ist, dass der Patient die chronische Erkrankung annimmt“, meinte Frank – aber das sei für die meisten schwierig, denn es bedeute auch, das eigene Lebenskonzept zu ändern. Informationsportale wie TheraKey können helfen, „aber das reicht nicht“. Nicht jeder Patient brauche dieselbe Art der Information, dieselbe Art der Motivation.
Sehr konkret wurde es im Vortrag von Dr. Andreas Lueg, Diabetologe aus Hameln: Darin ging es um die langfristige Einnahme von Diabetesmedikamenten. Er plädiert dafür, die Medikamente gut zu erklären und auch und gerade über Nebenwirkungen zu sprechen. „Viele Patienten nehmen ein Medikament nicht, weil sie es nicht vertragen, sagen es aber nicht. Medikamente, die nicht genommen werden, können aber auch nicht schützen. Hier müssen wir aktiv nachfragen!“
Höher konzentriertes Insulin hilft oft
Und wie steht es mit der Adhärenz, wenn Insulin gespritzt wird? Dieser Frage ging Dr. Winfried Keuthage (Münster) nach und zeigte die Vorteile von höher konzentriertem Insulin auf: Vor allem Menschen, die nicht so viel Kraft in den Händen haben, profitieren davon, mit dem Pen z. B. nur das halbe Volumen im Vergleich zu niedriger konzentriertem Insulin injizieren zu müssen.
Das Resultat: Es kommt auch die vorgesehene Menge an Insulin im Körper an, was sich günstig auf den Blutzucker auswirkt.
Video-Interview: „Schwere Hypoglykämien wurden lange Zeit unterschätzt“
Lena Schmidt sprach mit Prof. Thomas Haak, Chefredakteur des Diabetes-Journals, über schwere Unterzuckerungen, welche potentiellen Folgen sie haben können und was dagegen getan werden kann.
von Nicole Finkenauer
Kirchheim-Verlag, Wilhelm-Theodor-Römheld-Straße 14, 55130 Mainz,
Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0, Fax: (0 61 31) 9 60 70 90,
E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (7) Seite 12-14
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moira postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 2 Wochen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55
