Männer und Frauen mit Diabetes: Sexualfunktion gestört – was tun?

4 Minuten

Männer und Frauen mit Diabetes: Sexualfunktion gestört – was tun?

Obwohl wir heute in einer doch sehr aufgeklärten Welt leben, gibt es immer noch Themen im Zusammenhang mit dem ­Diabetes mellitus, die gern totgeschwiegen werden. Damit sind Störungen des Urogenitaltraktes gemeint.

Betroffene sprechen nicht gern darüber, weil ihnen das Thema peinlich ist. Therapeuten hingegen fürchten, dass ein einfühlsames Gespräch über Störungen der Sexualfunktion den zeitlichen Rahmen einer Sprechstunde sprengen könnte. Die Folge davon ist, dass die Patienten leiden, obwohl es geeignete Möglichkeiten gibt, um Beschwerden und Symptome zu bessern oder gar ganz zu beheben.

Wenn man von Störungen des Urogenitaltraktes (bestehend aus den Harnorganen und den Geschlechtsorganen) spricht, sind damit zum einen Funktionsstörungen der ableitenden Harnwege, Infektionen in diesem Bereich und schließlich Störungen der Sexualfunktion bei Männern und Frauen gemeint.

Nicht mehr ganz dicht? Davon sind Männer und Frauen betroffen

Ein häufiges Problem ist die Inkontinenz, also der ungewollte Abgang von Urin. Dies betrifft Männer wie Frauen gleichermaßen. Eine Hauptursache dafür ist, dass es im Laufe der Diabeteserkrankung zu einer Wahrnehmungsstörung der Blasenfüllung kommen kann. Wenn man nicht bemerkt, dass die Blase voll ist, kommt es zur sogenannten Überlaufblase, das heißt dem ungewollten und unerwarteten Abgang von Urin. Da die Blase ständig überfüllt ist, bildet sich auch nach der Entleerung oft ein Rest von Urin in der Blase, und dieser Rest kann zu Infektionen führen.

Der ungewollte Abgang von Urin ist nicht nur lästig und unangenehm, sondern die Infektionen können auch langfristig zu Blasensteinen und zu einer Nierenschwäche führen.
Wenn die Nerven, die die Blasenentleerung steuern, irritiert sind, kommt es zu einer überaktiven Blase. Dies geht einher mit häufigem Harndrang und vor allem einer nächtlichen Harninkontinenz. Von einer Dranginkontinenz spricht man, wenn der Harndrang so plötzlich auftritt, dass man es nicht mehr rechtzeitig bis zur nächsten Toilette schafft.

All diese Probleme lassen sich mit Medikamenten bessern oder teilweise sogar heilen. Die Auswahl der richtigen Medikamente legt der Urologe fest. Wer also über solche Probleme klagt, der sollte sich vom Hausarzt so schnell wie möglich eine Überweisung zum Urologen geben lassen, damit dieser die richtige Diagnose stellen und eine entsprechende Therapie einleiten kann.

Vergrößerung der Prostata: bei Diabetes besonders häufig

Es ist erwiesen, dass Männer mit Diabetes besonders häufig eine Vergrößerung der Prostata (Vorsteherdrüse; Geschlechtsdrüse, die einen Teil des Spermas produziert), die unterhalb der Harnblase liegt, bekommen können. Dies ist eigentlich eine Erkrankung, die meist erst im höheren Lebensalter vorkommt. Bei Diabetes tritt die Vergrößerung der Vorsteherdrüse jedoch früher auf.

Die als Ursache diskutierten Mechanismen sind vielfältig und lassen sich nur schlecht beeinflussen. Daher ist es wichtig, dass Betroffene bereits im Anfangsstadium Medikamente einnehmen, die die Vergrößerung der Prostata hemmen und die dadurch verursachten Beschwerden lindern. Auch hier hilft es weiter, sich bei einem Urologen vorzustellen.

Infektionen im Urogenitalbereich – eine unangenehme Sache

Besonders ein schlecht eingestellter Diabetes führt häufig zu Infektionen im Urogenitalbereich. Brennen, Schmerzen und Jucken sind die Folge. Gefährlich werden solche Infektionen, wenn sie aufsteigen und die Nieren erfassen.

Das heißt für alle, die solche Beschwerden haben, dass sie bei diesen typischen Symptomen nicht lange zögern und ihren Hausarzt oder Nephrologen (Nierenarzt) darauf ansprechen sollten. Die Behandlung ist oft einfach, wenn sie rechtzeitig und konsequent durchgeführt wird.

Störungen der Sexualfunktion

„Die Störung der Sexualfunktion ist definiert als: Unfähigkeit, auf sexuelle Stimulation eine entsprechende Reaktion zu erzielen und aufrechtzuerhalten, um einen erfüllten Orgasmus zu erleben.“ Diese Definition gilt für Männer und für Frauen. Sie beinhaltet den Verlust der Lust, das Ausbleiben eines Orgasmus und bei Männern die Erektionsstörungen.

Störungen der Sexualfunktion kommen bei Diabetes häufig vor

Während bei gesunden Männern 32 Prozent Probleme haben, sind es bei Männern mit Diabetes 46 Prozent. Bei Frauen ist die Spannbreite solcher Störungen weit. Sie liegt zwischen 25 und 63 Prozent bei gesunden Frauen, jedoch bei 71 Prozent der Frauen mit Typ-1-Diabetes. Während bei Männern die Erektionsstörung den Geschlechtsverkehr erkennbar stört oder ganz verhindert, fallen die Sexualfunktionsstörungen bei Frauen nur auf, wenn sie dies auch beim Arzt aussprechen.

Die häufigsten Komplikationen bei Frauen sind:

  • gestörte Erregbarkeit,
  • Verlust der Fähigkeit, einen Orgasmus zu erleben,
  • Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.

Bedauerlich ist, dass dieses Problem häufig totgeschwiegen wird, es wenig Forschungstätigkeit zu diesem Thema gibt und therapeutische Konzepte vielen Ärzten nicht bekannt sind.

Wege aus dem Teufelskreis

Um Sexualfunktionsstörungen bei Männern und Frauen effektiv zu behandeln, ist es notwendig, dass sich die Betroffenen hierzu äußern. Dazu müssten die Behandler aktiv über das Thema sprechen. Hilfreich sind Fragebögen, die man in Ruhe ausfüllen kann und dem Arzt bei der nächsten Sprechstunde vorlegt. In manchen Kliniken wie dem Diabetes Zentrum Mergentheim heißen diese Fragebögen beispielsweise „Auf ein Wort, unter uns – für Frauen“ oder „Auf ein Wort, unter uns – für Männer“. Hier wird abgefragt, welche Störungen vorliegen, damit der behandelnde Arzt bei der nächsten Sprechstunde gezielt darauf eingehen kann.

Auch die Diabetesberaterinnen sind gefragt, wenn in einer Schwerpunktpraxis oder einer Klinik Männer- und Frauenrunden angeboten werden. Hier wird im Kreis der Betroffenen die aktuelle Problematik diskutiert und es werden gemeinsam Lösungen erarbeitet.

Welche Lösungen gibt es?

Manche Lösungen sind ganz pragmatisch. Liegt beispielsweise bei einer Frau eine fehlende Scheidenfeuchte vor, helfen Gleitcremes auf einfache Weise weiter. Bei der Inkontinenz hilft z. B. Beckenbodengymnastik, die einfach zu erlernen ist. Auch gibt es mittlerweile elektrische Stimulationsgeräte, die den Beckenboden trainieren können.

Bei Männern hilft in vielen Fällen die Gabe von Präparaten wie Phosphodiesterase-Hemmern (Sildenafil, Vardenafil, Tadalafil, Udenafil). Besser bekannt sind die Präparate unter dem jeweiligen Handelsnamen wie Viagra, Cialis, Levitra und Duraviril. Sollte dies nichts nützen, gibt es die Therapie mit Vakuumpumpen oder Schwellkörper-Autoinjektionen mit Medikamenten, die eine Erektion hervorrufen. All diese Möglichkeiten kann man gut mit einem Diabetologen oder dem behandelnden Urologen besprechen.

Wichtiges in Kürze

Störungen des Urogenitaltraktes sind die häufigsten Komplikationen des Diabetes, sie werden jedoch am seltensten in der Sprechstunde aufgegriffen. Patienten schweigen häufig aus Scham, Therapeuten aus Zeitmangel. Wenn man jedoch die Chance nutzt, diese Probleme zu besprechen, kann dies erheblich dazu beitragen, die Lebensqualität und Lebenszufriedenheit von Betroffenen zu steigern.

Schwerpunkt „Frauen sind anders – Männer auch“


von Prof. Dr. med. Thomas Haak

Avatar von thomas-haak

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2016; 65 (10) Seite 26-28

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Fotokampagne zu vermeidbaren Amputationen: Wenn ein übersehener Typ-2-Diabetes den Fuß kostet
Eine Fotokampagne rückt Menschen in den Blick, die durch eine pAVK ihre Füße oder Teile davon verloren haben. Die Aktion zeigt eindringlich, wie viele Fälle zu den vermeidbaren Amputationen zählen und wirbt für frühzeitige Diagnose sowie bessere Behandlungswege im Gesundheitssystem.
Fotokampagne zu vermeidbaren Amputationen: Wenn ein übersehener Typ-2-Diabetes den Fuß kostet | Foto: Kristian Schuller / Abbott GmbH 2026

3 Minuten

Nicht komplett zu verhindern, aber: Unterzuckerungen ernst nehmen
Unterzuckerungen treten immer wieder bei Menschen mit Diabetes auf. Solange es keine sich komplett selbst steuernden und wirklich langfristig vorausschauenden Systeme gibt, lassen sich tiefe Glukosewerte nicht vollständig verhindern. Ernst nehmen sollte man sie trotzdem. Welche Folgen sie haben, wie sie sich zeigen und was sie auslöst, ist folgend dargestellt.
Nicht komplett zu verhindern, aber: Unterzuckerungen ernst nehmen | Foto: VectorMine – stock.adobe.com

5 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • thomas55 postete ein Update vor 1 Tag

    Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 1 Tag, 17 Stunden

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 4 von 6 )
    66.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%
    ( 1 von 6 )
    16.67%