SGLT-2-Hemmer: Neue, effektive Medikamente?

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SGLT-2-Hemmer: Neue, effektive Medikamente?

Zucker über den Urin ausscheiden und so den Blutzucker senken und auch Gewicht verlieren – genau das bewirken SGLT-2-Hemmer. Hört sich gut an. Aber wie genau funktioniert das? Und gibt es auch Nebenwirkungen, die bei der Einnahme der Tabletten auftreten können?

Der Fall
Peter H., 58 Jahre, wurde nach langem Streit eine Reha-Maßnahme in einem Diabetes-Zentrum genehmigt. Sein Hausarzt wollte unbedingt, dass er in Reha geht – weil Peter H. zu viel wiegt (136 kg bei 1,72 Metern Körpergröße), weil sein HbA1c-Wert bei 9,3 Prozent liegt und weil er häufig schon morgens Nüchtern-Blutzuckerwerte von 200 mg/dl (11,1 mmol/l) hat.

Ein zunehmendes Kribbeln in den Füßen hat die Entscheidung zugunsten der Reha beschleunigt. Etwas Angst hatte Peter H. davor schon: Er fürchtete, bald Insulin spritzen zu müssen. Aber: Anstatt Insulin bekam er eine „neue Tablette“, mit der er Zucker über die Nieren verlieren und evtl. auch etwas abnehmen sollte. Mit weit über 20 000 Schritten auf dem Schrittzähler täglich, zusätzlichem Sport und einer Ernährungsumstellung hat er in den folgenden 4 Wochen insgesamt fantastische 10 kg abgenommen – und was fast noch weniger zu glauben war:

Die Nüchtern-Blutzuckerwerte lagen jetzt bei 120 mg/dl (6,7 mmol/l), und die HbA1c-Kontrolle ergab bei Entlassung unglaubliche 8 Prozent. Die neuen Tabletten zusammen mit Metformin hat er gut vertragen – eine Dosiserhöhung war vorgesehen! Hoffentlich bleibt Peter H. so konsequent!

Typ-2-Diabetes ist keine einheitliche Erkrankung – jeder Diabetes ist anders! Dementsprechend gibt es auch keine einheitliche Behandlungsform, und es werden viele verschiedene Ansätze verfolgt, je nachdem, wie der Diabetes entstanden ist.

Typ-2-Diabetes ist eine chronische Erkrankung mit fortschreitendem Untergang der insulinproduzierende Zellen. Gleichzeitig sind die Körperzellen unempfindlich gegenüber Insulin (Insulinresistenz), und immer ist auch die Insulinproduktion gestört.

Neue Möglichkeit bei Typ-2-Diabetes (und auch Typ-1-Diabetes?)

Mit den bisherigen Therapieprinzipien sollen die Körperzellen wieder empfindlicher für Insulin werden, soll die Insulinproduktion angeregt werden und soll Insulin in der richtigen Menge ersetzt werden. Ein noch recht neues, sehr effektives Therapieprinzip steht durch SGLT-2-Hemmer zur Verfügung.

Der Hintergrund: Bei gesunden Menschen sorgt ein spezieller Transporter, SGLT 2, in der Niere dafür, dass kein Zucker (der wertvoll für Gehirn und Muskulatur ist) über den Urin verloren geht. Eher zufällig haben Forscher (wieder)entdeckt, dass es einige wenige Menschen gibt, die sehr viel Zucker über die Niere verlieren, ohne dabei krank zu sein (vererbte renale Glukosurie). Bei ihnen ist SGLT 2 nicht funktionsfähig.

Schnell erklärt
SGLT 2: Sodium Glucose- Co-Transporter 2. Ein Eiweiß, das dafür sorgt, dass Zucker zurückgewonnen und deshalb nicht über den Urin ausgeschieden wird.

Inzwischen wurden bereits mehrere SGLT-2-Hemmer (Empagliflozin, Dapagliflozin etc.) entwickelt. Wird die Funktion von SGLT 2 gehemmt, geschieht das, was unser Körper eigentlich verhindern möchte: Es wird Zucker über den Urin ausgeschieden, wodurch der Zucker dem Körper verloren geht. Bei Typ-2-Diabetikern, die einen SGLT-2-Hemmer in Tablettenform einnehmen, sinkt deshalb der Blutzucker.

Positiver Nebeneffekt: Es kommt auch zu einer Gewichtsabnahme. Da auch viele Typ-1-Diabetiker Probleme mit dem Gewicht haben, wird derzeit geprüft, ob auch sie von der Einnahme eines SGLT-2-Hemmers profitieren können (s. Titelthema). SGLT-2-Hemmer wirken unabhängig vom noch vorhandenen oder gespritzten Insulin.

Das leistet die Niere

Dass die Niere eine entscheidende Rolle im Blutsalz- und Wasserhaushalt des Menschen spielt, ist bekannt, wichtig ist sie aber auch für den Zuckerhaushalt und die Stabilisierung des Blutzuckers.

Die Fakten:

  • Die Niere produziert selbst Traubenzucker (Glukose) – vor allem in der Nierenrinde.
  • Die Niere verwertet selbst auch Glukose – speziell im Nierenmark.
  • Die Niere filtert Glukose und nimmt sie wieder auf (durch SGLT 2). Die Niere gewinnt die Glukose also wieder zurück, damit sie nicht ausgeschieden wird.

Die Leber ist demnach nicht der alleinige Zuckerlieferant zum Aufrechterhalten der Blutzuckerkonzentration. Im Nüchternzustand ist die „Zuckerneubildung“ (Glukoneogenese) für etwa 40 Prozent der Glukosefreisetzung zuständig – Leber und Niere sind dabei die wichtigsten Organe. Die Niere allein ist für etwa 20 Prozent der eigenen Glukosefreisetzung verantwortlich.

Wie gewinnt die Niere Zucker zurück?

In der Flüssigkeit, die eine gesunde Niere täglich aus etwa 1 500 Litern Blut filtert, sind etwa 180 g Glukose (Traubenzucker) enthalten. Davon werden im ersten Schritt 90 Prozent (SGLT 2) und später nochmals die restlichen 10 Prozent durch einen weiteren Glukosetransporter (SGLT 1) in den Blutkreislauf zurückgeholt. Studien zeigten, dass bei Menschen mit Diabetes und erhöhtem Blutzucker fatalerweise bereits filtrierter Zucker sogar verstärkt rückresorbiert wird! Die Folge: Der schon hohe Blutzucker steigt noch weiter an.

SGLT-2-Hemmer hemmen die Funktionsfähigkeit von SGLT 2 und reduzieren so die Rückgewinnung von Zucker, der bereits in der Niere filtriert wurde. Zucker, der nicht wieder zurückgewonnen werden konnte, wird über den Urin ausgeschieden – und das bewirkt, dass der Blutzuckerspiegel und wegen des einhergehenden Energieverlusts das Gewicht sinken.
Der HbA1c-Wert wird im Mittel um etwa 0,7 Prozent gesenkt. In Studien mit Typ-2-Diabetikern kam es zu einer Ausscheidung von Zucker von etwa 70 g/Tag, was etwa 300 kcal täglich entspricht.

So wirken Antidiabetika

Wirkstoff Wirkweise
Metformin hemmt u. a. die Neubildung von Zucker in der ­Leber, erhöht die Insulinempfindlichkeit
Glitazone erhöhen die Insulinempfindlichkeit
Sulfonylharnstoffe (der
3. Generation), Glinide
verstärken die Insulinfreisetzung aus den Betazellen der Bauchspeicheldrüse
GLP-1-Rezeptoragonisten „Nachahmer“ des Darmhormons GLP 1 stimulieren die Insulinfreisetzung aus den Betazellen der Bauchspeicheldrüse in Abhängigkeit vom Blutzucker
Gliptine (DPP-4-Hemmer) hemmen den Abbau des Darmhormons GLP 1
Alpha-Glukosidase-Hemmer verzögern die Aufnahme von Kohlenhydraten im Darm
Gliflozine (SGLT-2-Hemmer) hemmen die Rückresorption des Zuckers in der Niere, wodurch vermehrt Zucker über den Urin ausgeschieden wird

Die Patienten nahmen so in nur drei Monaten zwischen 1,3 und 2 kg an Gewicht ab. SGLT-2-Hemmer (fachsprachlich: SGLT-2-Inhibitoren, Gliflozine) senken insulinunabhängig den Blutzucker; der Gewichtsverlust ist ein erwünschter Nebeneffekt. Außerdem sinkt der Blutdruck leicht, und zwar durch den Verlust von Flüssigkeit und Blutsalzen. Studien (EMPA-REG-Outcome-Studie, DECLARE-Studie) zeigten einen Rückgang von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und von Einweisungen ins Krankenhaus wegen Herzschwäche.

Welche Nebenwirkungen gibt es?

Als Nebenwirkungen kommen bei Frauen etwas häufiger Scheideninfektionen (durch Pilze) vor, bei Männern Entzündungen an der Eichel des Penis. Entzündungen im Dammbereich scheinen nach aktuellen Studien nicht häufiger aufzutreten als bei Diabetikern, die keinen SGLT-2-Hemmer nehmen. Eine weitere Nebenwirkung kann eine Übersäuerung des Blutes (Ketoazidose) sein – Patienten sollten die entsprechenden Anzeichen (z. B. Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen) kennen.

SGLT-2-Hemmer: wichtig zu wissen

Am Grundprinzip der Behandlung von Typ-2-Diabetes hat sich nichts geändert: Angestrebt werden sollten mehr und regelmäßige Bewegung und eine „normale“ (meist kalorienärmere) Ernährung.

Neue, sehr effektive Medikamente wie die SGLT-2-Hemmer sind aber eine enorme Bereicherung bei der Therapie des Typ-2-Diabetes (und evtl. auch des Typ-1-Diabetes) und senken das Risiko für schwerwiegende Herz-Kreislauf-Folgen des Diabetes. Sie nur wegen möglicher, meist seltener, Nebenwirkungen nicht zu verordnen, wäre meiner Meinung nach eher ignorant. Schulung und Information zu allen verordneten Medikamenten mit ihren Wirkungen und Nebenwirkungen sind aber unbedingt notwendig.


Autor:

Dr. Gerhard-W. Schmeisl
Internist, Angiologe, Diabetologe und Sozialmediziner
Lehrbeauftragter der Universität Würzburg
Chefarzt Deegenbergklinik
Burgstraße 21, 97688 Bad Kissingen

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (4) Seite 36-38

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  • moira postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • ole-t1 antwortete vor 2 Wochen

      Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

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