AID: Chancen und Herausforderungen

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AID: Chancen und Herausforderungen

Was können AID-Systeme leisten? Welche Chancen bieten sie, um z. B. die Zeit im Zielbereich zu verlängern, welche Herausforderungen müssen aber auch gemeistert werden? Diabetesberaterin Sarah Biester gibt dazu einen Überblick und erklärt zudem, was im Krankheitsfall zu tun ist.

In diesem Jahr liegt die „Entdeckung des Insulins“ 100 Jahre zurück. Der Chirurg Frederick G. Banting und der Medizinstudent Charles Best konnten 1921 Insulin aus der Bauchspeicheldrüse eines Hundes isolieren, und schon 1922 wurde der 13-jährige Leonard Thompson als erstes Kind der Welt mit Insulin behandelt. Seitdem ist viel in der Behandlung des Diabetes mellitus Typ 1 passiert:

  • Viele Jahre wurden Injektionshilfen aus Glas verwendet. Später kamen Injektoren (Pens) auf den Markt.
  • Der Stoffwechsel konnte viele Jahre nur mit Hilfe einer Urinzuckermessung kontrolliert werden. Ein weiterer Schritt, der die Behandlung des Diabetes verbesserte, war deshalb die Blutzuckerbestimmung. Zuerst gab es nur große Geräte, mit denen der Blutzucker bei der ärztlichen Vorstellung kontrolliert werden konnte, später auch kleine Handgeräte für zu Hause.
  • Schließlich wurden die ersten Insulinpumpen entwickelt und eingesetzt, später auch kontinuierliche Glukosemesssysteme.
  • Mit den heute erhältlichen AID-Systemen ist der Wunsch nach einem System, das den Glukosewert bestimmt und die Insulinabgabe aufgrund des aktuellen Wertes und Bedarfs steuert, Realität geworden.

Was können AID-Systeme?

Ein System zur automatischen Insulindosierung (AID) besteht aus einer Insulinpumpe und einem kontinuierlichen Glukosemesssystem, die miteinander kommunizieren können. Derzeit sind für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre drei Systeme verfügbar. Die Glukosewerte des Sensors werden je nach System an die Insulinpumpe bzw. an einen Empfänger gesendet, auf dem der Algorithmus programmiert ist. Ein Algorithmus verarbeitet die Glukosewerte, berechnet den Ist-Zustand und eine Vorhersage für die nahe Zukunft. Aufgrund dieser Berechnung wird die Insulinabgabe durch die Pumpe alle fünf Minuten angepasst.

Einige Systeme reduzieren die voreingestellte Basalinsulinabgabe oder lassen sie aus, wenn die Glukosewerte fallen und der einprogrammierte Zielwert oder Zielbereich wahrscheinlich unterschritten werden wird. Bei einem Anstieg der Glukosewerte wird die Basalinsulinabgabe erhöht und/oder es ist möglich, dass ein automatischer Bolus erfolgt, um den Glukosewert im Zielbereich zu halten.

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Insulinpumpe t:slim X2 mit „Control IQ“-Technologie, Anbieter: VitalAire Insulinpumpe MiniMed 780 G mit „Smartguard“-Technologie, Anbieter: Medtronic Insulinpumpe Dana RS mit „CamAPS“-Technologie, Anbieter: IME
CGMS: Dexcom G6 CGMS: Guardian 3 und 4 CGMS: Dexcom G6
Ab 6 Jahre
Körpergewicht: über 25 kg
Mind. 10 Einheiten Tagesgesamtinsulin
Ab 7 Jahre
Mind. 8 Einheiten Tagesgesamtinsulin
AID-Technologie ab vollendetem 1. Lebensjahr,
Dexcom G6 ab dem 2. Lebensjahr

Die Sensorsysteme messen die Gewebeglukosewerte über 280-mal am Tag, reagieren somit zeitnah, und die Pumpen geben entsprechend dem individuellen Bedarf das Insulin ab. Die Verwendung eines AID-Systems führt so zu einer deutlichen Stabilisierung des Stoffwechsels, und Unterzuckerungen können verkürzt und in manchen Fällen ganz verhindert werden. Hohe Werte, die z. B. entstehen können, wenn die Kohlenhydratmenge der Mahlzeit nicht korrekt berechnet wurde oder eine Mahlzeit sehr ballaststoffreich oder reich an Fett und Eiweiß war, werden automatisch korrigiert.

Verschiedene Einstellungsmodi helfen bei unterschiedlichen Aktivitäten im Alltag. Bei Sport oder viel Bewegung über den gesamten Tag hinweg gibt es die Möglichkeit, den Zielwert zu erhöhen. Diese Erhöhung führt zu einer geringeren Insulinabgabe und kann somit das Essen von zusätzlichen „Sport-KH“ erübrigen.

AID-Systeme brauchen einen Vertrauensvorschuss

Alle AID-Systeme verfügen natürlich auch über Warnfunktionen. Die Alarme sollten individuell einprogrammiert sein und gut mit den Eltern und dem Kind/Jugendlichen besprochen werden: Wann sind welche Alarme sinnvoll? Welche Alarm führen möglicherweise zu einer Überreaktion des Anwenders und dazu, dass man mit dem System unter dessen Möglichkeiten bleibt?

Die Umstellung auf ein AID-System benötigt einen Vertrauensvorschuss für das System, besonders von den Eltern, die häufig viele Jahre die Therapie ihres Kindes sehr genau und penibel durchgeführt haben. Jetzt gibt es eine Technik, die eine Entlastung schaffen soll – aber auch daran müssen sich viele erst einmal gewöhnen. Ein guter Vergleich ist das Lesen von Karten, das früher nötig war, um einen bestimmten Ort zu erreichen: Heute ist die Nutzung von Navigationsgeräten selbstverständlich.

AID bietet die Chance zu mehr „Zeit im Zielbereich“

Die Chancen, die ein AID-System bietet, sind die häufigen Anpassungen des Insulins an den aktuellen Wert unter Berücksichtigung des Trends und des aktiven Insulins. Daraus ergibt sich eine Verbesserung des Stoffwechsels durch mehr Zeit im Zielbereich. Eine weitere Erleichterung entsteht durch die automatische Anzeige des aktuellen Glukosewertes im Bolusrechner. Durch zusätzliche Insulingaben wird ein erhöhter Glukosewert wieder in den Zielbereich abgesenkt.

Die Zeit, die für die Behandlung des Diabetes am Tag anfällt, kann sich reduzieren, und das Thema Diabetes kann etwas in den Hintergrund treten. Für die Eltern kann es eine Beruhigung sein, dass die Kinder in der Schule durch das System gut überwacht und geschützt sind. Bei Jugendlichen führen die häufige Insulinanpassung und automatische Korrekturen zu stabileren Glukoseverläufen, weil das Insulin individuell angepasst wird; und hormonelle Veränderungen die herabgesetzte Insulinwirkung mit ausgleichen können. Außerdem werden hohe Werte, die durch „ Nicht-Bolen“ oder falsches Abschätzen von zu großen Mahlzeiten entstehen, abgemildert.

Herausforderungen

Herausforderungen bei der Nutzung eines AID-Systems sollten genau wie die Chancen im Detail in der Schulung besprochen werden. Die Basics einer Insulinpumpentherapie und die Bewertung der Glukosewerte, die von einem Sensor gemessen werden, sind Grundvoraussetzung, damit ein AID-System korrekt, sicher und stoffwechselverbessernd getragen werden kann. Die Insulinzufuhr muss kontinuierlich gewährleistet sein. Hautbereiche mit Veränderungen, die durch ein zu häufiges Anlegen des Infusionssets an derselben Stelle entstanden sind, verhindern eine adäquate Insulinaufnahme in den Körper. Auch wenn ein AID-System alle 5 Minuten mehr Insulin abgeben würde, kann eine Erhöhung des Glukosewertes nicht immer verhindert werden.

Weiterhin muss der Glukosesensor korrekt angebracht und wenn notwendig richtig kalibriert sein. Der Sensor muss richtig fixiert sein und an einer Körperstelle liegen, die keinem Druck durch Kleidung oder während des Schlafs durch den Körper ausgesetzt ist. Hintergrund: Der Druck von außen kann dazu führen, dass der Sensorfühler nicht ausreichend mit der Flüssigkeit im Unterhautfettgewebe umspült wird; die Folge können falsche Glukosewerte sein.

Ein Navigationsgerät bringt den Fahrer auch nur dann an den gewünschten Ort, wenn die Adresse richtig programmiert ist. Genauso müssen die variablen Einstellungswerte der verschiedenen Systeme gut ausgewählt und durch regelmäßiges Auswerten der Berichte kontinuierlich angepasst werden. Zu hohe Glukosewerte nach Mahlzeiten müssen in der Schulung analysiert werden. Ist die Mahlzeit korrekt berechnet oder geschätzt? Das entscheidet häufig zwischen einer Erhöhung des Kohlenhydratfaktors oder der Empfehlung, sich für einen bestimmten Zeitraum noch einmal intensiv um die Berechnung der Kohlenhydrate zu kümmern.

Der Zeitpunkt der Bolusgabe vor dem Essen ist essentiell. Wird ein Bolus verabreicht, „weiß“ das AID-System, dass bei einer Erhöhung der Glukosewerte postprandial nicht sofort auch vom System gegengesteuert werden muss. Würde man während oder nach der Mahlzeit bolen, würde das System bereits aufgrund des Glukoseanstiegs die Insulinabgabe erhöhen; dies könnte zu niedrigen Glukosewerten nach der Mahlzeit führen, wenn dann erst gebolt wird.

Was tun bei Krankheit?

Eine zusätzliche Herausforderung ist das Verhalten im Krankheitsfall. Oft ist es so, dass die Insulinwirkung herabgesetzt ist und ein höherer Bedarf besteht, der abgedeckt werden muss, um den Stoffwechsel nicht entgleisen zu lassen. Während der Schulung zu einem AID-System sollte daher besprochen werden, wann es notwendig sein kann, die Automatisierung zu beenden und die Pumpe mit der vom Diabetesteam eingestellten Basalrate zu nutzen. Besonders wenn eine Blutketonmessung erhöhte Werte zeigt, muss das AID-System vorübergehend gestoppt werden und nach dem geschulten Ketoazidoseschema des Diabetesteams gehandelt werden. Zusätzlich ist es hilfreich, das Diabetesteam zu kontaktieren.

Fazit

Ein AID-System bietet die Chance, die Glukosewerte zu verbessern und Entlastung zu schaffen. Die Herausforderungen sollten angenommen, aufgezeigt und mit einem erfahrenen Diabetesteam besprochen werden.

Wichtiges in Kürze
  • Ein System zur automatischen Insulindosierung (AID) besteht aus einer Insulinpumpe und einem kontinuierlichen Glukosemesssystem (CGMS).
  • Das CGMS misst die Gewebeglukosewerte über 280-mal am Tag, die Pumpe gibt entsprechend dem individuellen Bedarf das Insulin ab.
  • Die Umstellung auf ein AID-System benötigt einen Vertrauensvorschuss für das System.
  • Ein AID-System bietet die Chance für eine Verbesserung der Glukosewerte durch mehr Zeit im Zielbereich.
  • Herausforderungen bei der Nutzung eines AID-Systems sollten im Detail in der Schulung besprochen werden. Die Basics einer Insulinpumpentherapie und die Bewertung der vom Sensor gemessenen Glukosewerte sind Grundvoraussetzung, damit ein AID-System korrekt, sicher und stoffwechselverbessernd getragen werden kann.

Autorin:

Sarah Biester
Diabetesberaterin
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin „Auf der Bult“
Janusz-Korczak-Allee 12
30173 Hannover

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2021; 12 (4) Seite 8-11

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