Diabetes und Schule gut im Griff

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Diabetes und Schule gut im Griff

Manchmal wirken einfach zu viele Stressfaktoren auf ein Kind ein. Durch einen klar strukturierten Tagesablauf, auch für den Diabetes, können sich die Kinder mehr auf die Schule konzentrieren – zum Beispiel im Nordsee-Internat.

Als erstes Internat in Norddeutschland hat sich das Haus in St. Peter-Ording auf die Betreuung von Schülern mit Diabetes spezialisiert. Für die diabetologische Betreuung ist Thomas Brinkmeier (siehe Abb. 1) und sein Team zuständig. Wie das Konzept in der Praxis funktioniert und wie sehr die Schüler und ihre Familien davon profitieren, beschreibt der Mediziner im Gespräch mit dem Diabetes-Eltern-Journal

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Diabetes-Eltern-Journal (DEJ): Sie arbeiten jetzt schon seit fünf Jahren mit dem Internat zusammen. Wie kam es dazu?

Thomas Brinkmeier: Ich hatte damals einen Jungen in meiner Ambulanz, der laut seinen Eltern sehr schwer einstellbar war, ständig Hypos und stark schwankende Blutzuckerwerte hatte. Dazu muss ich sagen: Beide Elternteile waren krank und hatten Probleme, so dass sich durch den Diabetes des Kindes in der Familie massive Schwierigkeiten entwickelt hatten. Die Eltern hatten ständig Angst vor Hypos etc., die häusliche Situation ist schließlich eskaliert.

Der Vater des Jungen hat dann Kontakt zu dem Nordsee-Internat aufgenommen. Nachdem wir von der Diabetesamulanz Heide erstmal eine kleine Betreuungsstruktur geschaffen hatten, kam der Junge ins Internat. Diese Struktur hat sich im Laufe der Zeit ausgeweitet, das gesamte Personal ist geschult worden und die Küche bietet eine diabetesgerechte Kost.

DEJ: Wie viele Kinder mit Diabetes betreuen Sie derzeit im Nordsee-Internat? Aus welchem Einzugsgebiet kommen sie?

Thomas Brinkmeier: Derzeit sind es neun Kinder im Alter von 11 bis 17 Jahren. Sie kommen aus Schleswig-Holstein, aber auch aus Süddeutschland, z. B. Stuttgart, oder dem Ruhrgebiet. Eigentlich wird das Angebot aus ganz Deutschland wahrgenom-men. Insgesamt leben 120 Schüler im Internat.

DEJ: Wer gehört noch zu Ihrem Diabetesteam?

Thomas Brinkmeier: Zum Team gehört Frau Schulz, eine Diabetesberaterin und Kinderkrankenschwester vom Klinikum in Heide. Im Internat macht das hauptamtlich Julia Riese. Sie ist Pädagogin und wurde von uns in Sachen Diabetes geschult.

DEJ: Wie funktioniert das Projekt “Betreuung von Schülern mit Diabetes im Internat” genau?

Thomas Brinkmeier: Es hat als Projekt angefangen, mittlerweile hat es sich etabliert. Ich komme einmal im Monat ins Internat und mache eine Sprechstunde mit den Patienten. Die Diabetesberaterin ist zwei- bis dreimal pro Woche dort und jederzeit telefonisch erreichbar. In der ersten Zeit war sie fast täglich da. Sie bespricht dann mit Frau Riese, den anderen Betreuern und den Kindern eventuelle Probleme, um dann mit mir Rücksprache zu halten, wenn irgendwelche Änderungen oder besonderen Dinge anstehen. Frau Riese ist rund um die Uhr Ansprechpartnerin für die Schüler.

DEJ: Wie nehmen die Jugendlichen die Betreuung an?

Thomas Brinkmeier: Nach meinem Empfinden werden die Sprechstunden und der gemeinsame Austausch gut angenommen.

DEJ: Und wie wirkt sich die Betreuung auf den Diabetes und die schulischen Leistungen aus?

Thomas Brinkmeier: Im Laufe der Zeit, die die Kinder im Internat verbringen, verbessert sich der HbA1c-Wert bei einigen deutlich. Diejenigen, die wegen massiver Stoffwechselprobleme gekommen sind, haben jetzt einen viel besseren Wert. Was uns vor allem auffällt, ist, dass sich die Kinder in der Schule deutlich verbessern. Das heißt, sie können um eine Schulform aufsteigen.

DEJ: Können Sie das erklären?

Thomas Brinkmeier: Der Stressfaktor Diabetes innerhalb der Familie fällt weg. Im Internat haben die Kinder einfach weniger Stress und Sorgen als im häuslichen Umfeld. Viele Kinder sind aus Gründen da, die nicht nur mit dem Diabetes zu tun haben, sondern weil es massive Probleme zu Hause gibt – durch Alkoholprobleme der Eltern, Depressionen oder ähnliches. Das sind alles Faktoren, die im Internat wegfallen.

Durch einen klar strukturierten Tagesablauf, in dem auch Strukturen für den Diabetes vorgegeben werden, können sich die Kinder einfach mehr um andere Sachen kümmern, zum Beispiel die Schule. Von daher bringt das Internat den Kindern sehr viel – für ihren Diabetes und für die Noten.

DEJ: Bekommen Sie Rückmeldungen von den Eltern?

Thomas Brinkmeier: Ja, positive. Das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern entspannt sich einfach wieder. Wenn sie sich z. B. in den Urlaubszeiten und an den Wochenenden sehen, sind die Belastungsfaktoren aus der Eltern-Kind-Beziehung zum großen Teil herausgenommen. Zitat eines Vaters: “Das Internat hat unsere Familie wieder zusammengeschweißt, obwohl wir nun mit der Entfernung leben.”

Das Nordsee-Internat St. Peter-Ording
  • Internatsplätze gesamt: 130
  • Plätze für Kinder mit Diabetes: 15
  • Schularten (öffentliche Schulen): Grundschule mit Förderzentrum, Regionalschule, Gymnasium (G 9)
  • Klassenstärke: zwischen 20 und 25 Schülern
  • Freizeit: über 30 Freizeitangebote, darunter Beachvolleyball, Reiten, Strandsegeln, Kitesurfen u.v.m.
  • Kosten: Monatliche Gebühr: 1.500 Euro, Monatliche Zusatzpauschale für Kinder mit Diabetes: 500 Euro (In den meisten Fällen werden die monatlichen Kosten und der Zusatzbeitrag vom Jugend- bzw. Sozialamt übernommen.)
  • Probewohnen: Das Nordsee-Internat bietet Interessierten die Möglichkeit eines unverbindlichen Probewohnenes für die Dauer von einer Woche.
  • Weitere Informationen gibt es unter: http://www.nordsee-internat.de
    , Ansprechpartner ist Rüdiger Hoff, der pädagogische Leiter.

Das Interview führte Angelika Leidner.

Kontakt:
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz, Tel.: (06131) 9 60 70 0,
Fax: (06131) 9 60 70 90, E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2014; 7 (1) Seite 14-15

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  • hexle postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 1 Woche

    Hallo,
    das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
    Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann?

    • Hallo hexle,
      ich finde die Update-Empfehlungen von Dexcom auch etwas unbefriedigend.
      Allerdings steht auf der Kompatibilitäts-Seite auch:
      Zitat: “Sie können diese App auf jedem Betriebssystem verwenden, das die Mindestanforderungen erfüllt. Dexcom empfiehlt jedoch …”

      Eine “offizielle Stelle” bei Dexcom ist mir nicht bekannt, vom generellen Kundenservice mal abgesehen.

      Bei ernsthaften, tatsächlichen Funktionsstörungen gäbe es noch die Möglichkeit, eine Meldung beim BfArM zu eröffnen.

      Beste Grüße

    • PS Ich wollte noch ergänzen: Eine aktuelle ernsthafte Funktionsstörung sehe ich hier nicht gegeben.

    • Sicherheits-Updates der Betriebssysteme haben immer absolute Priorität. Dexcom und Abbott sind definitv sehr langsam mit den Tests und Freigaben. Beim G7 hat Dexcom etwas an Geschwindigkeit gewonnen, aber für G6 ist noch nicht einmal Android 16 getestet, das seit einem Jahr verfügbar ist. An Medizinprodukt-Freigaben liegt das nicht und besonders seriös und professionell ist es auch nicht. Neue Smartphones kann man nur mit aktueller OS-Version kaufen und wenn die nicht freigegeben ist, kann man theoretisch gar kein Smartphone sicher für Sensor oder AID-System verwenden. So war z. B. iOS 26 lange Zeit nicht auf den Listen, aber iPhones nur mit iOS 26 erhältlich. Die Listen verlieren damit zeitweise ihren eigentlichen Nutzen. Intervenieren können Anwender/Kunden mit Beschwerden bei den Hotlines.

    • @ole-t1: Danke Ole für deine Rückmeldung.

    • @schorschlinger: Danke für deine Rückmeldung. Beschwerden bringen einen da leider auch nicht weiter….

  • uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen

    Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?

  • diahexe postete ein Update vor 3 Wochen

    Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?

    • Liebe diahexe,
      Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
      Viele Grüße
      Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion

    • @gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.

    • crismo antwortete vor 1 Woche

      @gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…

      Kann es nur empfehlen!!!

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