Bessere Werte bereits an den ersten Tagen

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Bessere Werte bereits an den ersten Tagen

Können Menschen mit Typ-2-Diabetes erfolgreich und auf Dauer ihr Gewicht reduzieren, indem sie Mahlzeiten ersetzen durch Fertigdrinks oder durch mit Flüssigkeit anzurührende Nährstoffpulver („Formula-Diät“)? Zu dem Thema gab es Ende Oktober in Berlin ein wissenschaftliches Fachsymposium, veranstaltet von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe. Am Rande sprachen wir mit Prof. Dr. Stephan Martin (Düsseldorf), einem der Diskutanten.

Einfach, weil es funktioniert …“: Vielleicht kennen Sie auch die TV-Werbung vor der Tagesschau um 20 Uhr? Es geht ums Körpergewicht bzw. ums Abnehmen: Einer oder mehrere angerührte Nährstoffpulver-Drinks am Tag sollen eine oder mehrere Mahlzeiten ersetzen. Das Pulver besteht aus Soja, Joghurt und Honig. Funktioniert das auch bei Typ-2-Diabetikern? Am Rande des Symposiums (Sponsor: Almased) sprachen wir mit dem Diabetes-Experten Prof. Stephan Martin (Chefarzt, Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf).


Diabetes-Journal (DJ): Deutlich über die Hälfte der Deutschen sind übergewichtig, dazu kommen diejenigen mit krankhafter Fettleibigkeit (Adipositas). Wie viele Typ-2-Diabetes-Patienten sind übergewichtig?
Prof. Stephan Martin: Man kann davon ausgehen, dass der überwiegende Teil der Personen mit Typ-2-Diabetes übergewichtig ist. Bei Personen mit einem BMI unter 27 kg/m2 stelle ich immer fest, dass diese, auch wenn der Diabetes im späteren Lebensalter entstanden ist, eher Zeichen eines Insulinmangels haben. Das sind dann eher die spätmanifesten Typ-1-Diabetiker – man spricht auch gerne von LADA.

DJ: Sie sagen, dass man den Typ-2-Diabetes bzw. dessen Behandlung „neu denken“ müsse: Welche Erfahrungen machen Sie im Behandlungsalltag mit Betroffenen?
Martin:
Wir haben in den letzten Jahren zu sehr auf den Blutzucker geschaut und nicht auf die Ursachen des Diabetes. Im überwiegenden Teil produzieren die übergewichtigen Personen mit Typ-2-Diabetes basal viel Insulin. Dadurch sind die insulinproduzierenden Zellen so ausgelastet, dass die Insulinproduktion nach Mahlzeiten nicht mehr gesteigert werden kann. Dies haben Studien aus den USA und England klar gezeigt.

DJ: Was schließen Sie daraus?
Martin:
Wir müssen den Betroffenen helfen, die basalen Insulinspiegel zu senken, damit der Körper wieder zu den Mahlzeiten genügend Insulin produzieren kann. Dies gelingt durch eine radikale Gewichtsabnahme. Die Kollegen in England, die weltweit durch die DiRECT-Studie für Aufsehen gesorgt haben, nutzen über Wochen einen flüssigen Mahlzeiten­ersatz von 850 kcal pro Tag. Wir haben in unseren Studien, die wir auch in hochrangigen Wissenschaftszeitschriften haben publizieren können, einen ähnlichen Ansatz gewählt. Da wir aber eine kohlenhydratarme und proteinreiche Formula-­Diät verwenden, erhalten unsere Patienten in der ersten Woche über 1 200 kcal.

DJ: Wie viel Gewicht muss man als Diabetiker abnehmen, um deutliche Erfolge zu erringen hinsichtlich a) der Körperwerte und b) potenzieller Medikamentenreduzierung?
Martin:
Das Gewicht spielt da in den ersten Tagen keine Rolle. In der englischen Studie, aber auch in unserem Programm können wir eine Verbesserung der Blutzuckerwerte bereits an den ersten Tagen sehen, ohne dass die Patienten Gewicht abgenommen haben. Das kennen wir auch von den Magenbypass-Operationen, bei denen Insulin schon am ersten Tag nach der Operation abgesetzt werden kann.

DJ: Sie berichten von guten Behandlungserfahrungen mit Formula-Diät. Was sagen Ihnen Patienten: Fällt der Beginn damit sehr schwer? Wie lange halten die meisten durch?
Martin:
In den ersten Tagen bedeutet das sicher etwas Überwindung, aber die schnellen Effekte auf den Blutzucker motivieren die Patienten. Interessanterweise haben viele Patienten schon Erfahrungen mit Formula-Diäten.

DJ: Was geschieht hinsichtlich der Blutzuckerwerte, worauf muss ich achten?
Martin:
Patienten mit einer Insulintherapie oder der Medikamentenklasse der „Sulfonylharnstoffe“ (Glibenclamid, Glimepirid) müssen sehr aufpassen, dass sie nicht unterzuckern. Daher reduzieren wir bei ihnen am ersten Tag der Formula-Diät die Insulindosis um die Hälfte und setzen es am zweiten Tag komplett ab.

DJ: Können Sie einen in Ihren Augen idealen Formula-Diät-Verlauf schildern: Start, ­Dauer, Erfolg, welche Kosten etc.?
Martin:
Unser strukturiertes Programm – wir haben es für Betroffene auch in dem Buch „Das neue Diabetesprogramm“, erschienen im TRIASVerlag, zusammengefasst – basiert nicht nur auf Formula-Diät, sondern auch auf einer Blutzuckerselbstkontrolle und einer sich anschließenden Low-Carb-Ernährung, sprich wenigen Kohlenhydraten. Die Patienten nehmen die erste Woche drei Mahlzeiten der Formula-­Diät täglich ein.

In der zweiten bis vierten Wochen wird die teilweise normale Kost wieder eingeführt; aber unter normal verstehen wir eine Low-Carb-Ernährung. Parallel dazu messen die Betroffenen den Blutzucker und sehen, was für ein Potenzial in der Ernährung steckt. Nach und nach lernen sie, welche Mahlzeiten sich ungünstig auf den Blutzucker auswirken und welche nicht. In den Monaten 2 und 3 wird nur noch die abendliche Mahlzeit durch die Formula-­Diät ersetzt.

Im überwiegenden Teil der Fälle ist dieses Vorgehen sehr erfolgreich – wenn nach drei Tagen nachweislich genommener Formula-Diät kein Erfolg da ist, ist möglicherweise die Insulinproduktion nachhaltig gestört und man sollte dann das Programm nicht weiterführen. In der englischen Studie waren nach einem Jahr bei einem Gewichtsverlust von 10 kg 46 Prozent der Patienten mit einer mittleren Diabetesdauer von vier Jahren in einer klinischen Remission, d. h. der HbA1c-Wert lag unter 6,5 Prozent, obwohl alle Diabetesmedikamente abgesetzt wurden.

Die Kosten der Formula-Diät sind überschaubar, pro Mahlzeit kostet dieses handelsübliche Produkt 2 bis 2,50 € – die Menge dosieren wir nach der Größe des Patienten.

DJ: Wie beurteilen Sie Kohlenhydrate in der Ernährung der Deutschen – insbesondere in der Ernährung der Menschen mit Typ-2-­Diabetes?
Martin:
Wir reden viel über Zucker, aber auch Stärke, eines der am häufigsten verzehrten Kohlenhydrate, das im Darm durch ein Enzym in puren Zucker gespalten wird. Kartoffelpüree hat einen höheren glykämischen Index als Haushaltszucker. Daher sind Aktivitäten wie die Zuckerreduktion in Lebensmitteln sinnvoll, aber gehen bei Weitem nicht weit genug. Was hilft es, wenn man Zucker weg­lässt, dafür vermehrt Brot isst? Die Unterschiede von hellem und dunklem Brot auf den Blutzucker und die Insulinspiegel ist übrigens nicht sehr groß.

DJ: Unterscheiden sich die Formula-Diäten?
Martin:
Die kommerziellen Produkte unterscheiden sich erheblich. Wir können nur zu einem Produkt etwas sagen, da nur dieses in unseren Studien getestet wurde. Wir haben viele Unternehmen kontaktiert, aber das Interesse für solche Studien ist in der Regel nicht vorhanden.

DJ: Sind die Erkenntnisse aus aktuellen Studien eingearbeitet in Behandlungsleitlinien?
Martin:
Bis vor kurzem haben wissenschaftliche Fachgesellschaften eine kohlen­hydrat­reiche Kost empfohlen. Der im Oktober publizierte Consensus Report sieht eine Low-Carb-Ernährung für Personen mit Typ-2-Diabetes vor. Im Übrigen ist auch die Anwendung von Formula-Diät explizit enthalten. Bis das in der Praxis umgesetzt wird, wird es noch etwas dauern. In Deutschland steht nun auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sicher in der Pflicht, ihre Empfehlungen zu überarbeiten.

DJ: Menschen mit welchen Eigenschaften schaffen es eher als andere, abzunehmen?
Martin:
Das ist eine sehr individuelle Angelegenheit, denn es geht hier um Willenskraft. Jedoch ist eine Low-Carb-Ernährung für Personen mit Typ-2-Diabetes besser umsetzbar als die kohlenhydratreiche Ernährung. Wenn die körpereigenen Insulinspiegel absinken, dann haben die Patienten auch weniger Hunger. In unseren Studien konnten wir das nachweisen, da wir validierte Fragebögen eingesetzt haben. Die Patienten gaben nach einem Jahr ein signifikant reduziertes Hungergefühl an.

DJ: Welche Therapie-Erfahrungen haben Sie mit Typ-1-Diabetikern und Formula-Diät?
Martin:
Patienten mit Typ-1-Diabetes benötigen Insulin! Das allgemeine Übergewicht in der Gesellschaft geht auch an Personen mit Typ-1-Diabetes nicht spurlos vorbei. Die modernen Insulinregime, nach denen keine Diät mehr eingehalten werden muss, Hauptsache, die Patienten spritzen die korrekte Insulinmenge, begünstigen die Gewichtszunahme. Wenn Betroffene über 100 Einheiten täglich spritzen, ist das ein Zeichen, dass sich auch eine Insulinresistenz entwickelt hat. Hier geben wir häufig Metformin, wobei Studien keine langfristigen Effekte zeigen.

Bisher haben wir nur in Einzelfällen bei Patienten mit Typ-1-Diabetes die Formula-Diät eingesetzt und damit die Insulindosis reduzieren und die Stoffwechselsituation verbessern können. Hier fehlen uns Studienergebnisse, ob dies langfristig Erfolg hat.

DJ: Haben Sie derzeit Studien am Laufen?
Martin:
Wir führen aktuell eine Registerstudie durch. Die Betroffenen können sich bei uns melden. Sie müssen uns die DMP-Daten schicken, und der Hausarzt muss einverstanden sein. Wenn alles vorliegt, bekommen die Patienten unser Buch „Das neue Diabetesprogramm“ und werden gebeten, uns die HbA1c-Werte im Verlauf zukommen zu lassen. Wir haben in diesem Register bereits 500 Patientenverläufe dokumentiert, die uns zeigen, dass dies auch in der Praxis sehr gut funktioniert.


Interview: Günter Nuber
Chefredaktion Diabetes-Journal, Kirchheim-Verlag,
Wilhelm-Theodor-Römheld-Straße 14, 55130 Mainz,
Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0, Fax: (0 61 31) 9 60 70 90,
E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (1) Seite 12-14

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  • moira postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen, 1 Tag

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 6 Tagen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

    • Hi Thomas 🙂
      Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
      Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.

      Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!

    • @crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.

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