- Eltern und Kind
ADHS und Diabetes: Symptome, Auswirkungen und Therapie
5 Minuten

Sind Kinder oft vergesslich und unkonzentriert, sprunghaft und impulsiv, kann es sein, dass sie eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) haben. Diese Störung macht es schwierig, die für das Diabetes-Management nötige Disziplin aufzubringen. Was kann helfen, wenn bei einem Kind mit Diabetes eine ADHS festgestellt wurde?
Der Alltag mit Typ-1-Diabetes ist anstrengend für Kinder, Jugendliche und deren Eltern – trotz aller neuen Technologien, die schon vieles erleichtern. Immer noch müssen die Kohlenhydrate gezählt, die Insulindosen berechnet und vor der Mahlzeit gegeben werden, nachts gibt es Alarme wegen zu hoher oder zu niedriger Glukosewerte, und ganz spontanes Naschen zeigt sich noch immer in rasant ansteigenden Kurven auf dem Display der Pumpe oder auf dem Handy. Gleichzeitig werden die Therapieziele immer anspruchsvoller, das HbA1c sollte unter 7 % sein und die Zeit im Zielbereich (TiR) möglichst deutlich über 70 %.
Das ist prinzipiell erreichbar, so zeigt eine aktuelle Studie der dpv-Initiative, dass ca. 27 % der Kinder und Jugendlichen mit Diabetes in Deutschland diese Ziele dauerhaft erreichen, für andere liegen diese Ziele jedoch oft weit entfernt.
Selbstdisziplin und Impulskontrolle – keine leichten Aufgaben
Die Chance, das Ziel zu erreichen, ist hoch, wenn die ganze Familie an einem Strang zieht und das Kind mit Diabetes altersgemäß unterstützt. Und Kinder und Jugendliche selbst brauchen viel (Selbst-) Disziplin und Konzentrationsfähigkeit, um an all das zu denken, was der Diabetes gerade von ihnen fordert, neben Schule, Freunden und anderen Aufgaben. Gleichzeitig müssen sie sich selbst bremsen können – Fachleute nennen das „Impulskontrolle“ –, wenn etwas Attraktives angeboten wird, das aber ihrem Diabetes schadet.
Das „Neinsagen“ fällt fast allen Kindern sehr schwer, sie sind altersgemäß spontan und können sich noch keine Gedanken über Folgen später machen. Entsprechend gibt es immer mal wieder Streit zwischen Eltern und Kindern um zu wenig Disziplin bei der Diabetesbehandlung oder auch keine Lust auf all die Regeln und Verbote. Das ist normal und gehört zum Aufwachsen mit einer chronischen Krankheit, es sollte aber keiner Dauerzustand sein.
Impulse und Spontaneität
Einigen Kindern und Jugendlichen fällt es jedoch ständig sehr schwer, an die notwendige Diabetestherapie zu denken. Auch im Schulalter essen und trinken sie noch ungesteuert, sie vergessen Insulinboli, finden ihren Traubenzucker nicht, ständig geht etwas schief. Die Betroffenen können sich schwer konzentrieren, sind sehr sprunghaft, stören im Unterricht, und es fällt ihnen oft wegen ihrer hohen Impulsivität schwer, gute Freunde zu finden. Sie wirken oft gestresst, wegen der anderen, weil etwas nicht gelingt, aber auch, weil sie innerlich „unter Strom“ zu stehen scheinen. Sie selbst sind darüber oft unglücklich, wissen aber nicht, was sie tun können, um von den anderen gemocht zu werden.
Solche Verhaltensstörungen können bei Kindern und Jugendlichen verschiedene Ursachen haben. Manchmal sind es schwierige Lebensbedingungen der Familie, manchmal ist es eine Reaktion auf einen schweren Verlust, z. B. wenn ein Elternteil die Familie verlassen hat. Es kann sich aber auch um eine lange bekannte angeborene Störung der Aufmerksamkeit und Aktivität handeln, eine ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung). Die Hauptmerkmale sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, d. h. spontanes unüberlegtes Handeln. Bei etwa 5 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland wurde eine ADHS festgestellt, deutlich häufiger bei Jungen als bei Mädchen. Diese Rate trifft wahrscheinlich auch auf junge Menschen mit Typ-1-Diabetes zu.
Hinweise auf ADHS
Bereits als Kleinkinder fallen Betroffen durch Unruhe und Einschlafprobleme auf, während der Kindergartenzeit kommt es oft zum Streit mit Gleichaltrigen und Problemen, den Regeln der Gruppe zu folgen. In der Schule stehen Konzentrationsprobleme, Störungen im Unterricht und ständige motorische Unruhe im Vordergrund. Diese setzen sich bei Jugendlichen entsprechend fort und führen zu großen Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen, Leistungsminderung in der Schule und riskanten Verhaltensweisen. Stellt man diese Symptome den Anforderungen der heutigen Diabetestherapie gegenüber, wird sofort deutlich, wie schwer es für junge Menschen mit ADHS und Diabetes gleichzeitig sein kann.
Die typischen Anzeichen der ADHS können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und müssen nicht alle gleichzeitig auftreten. Und nicht jedes unruhige oder verträumte Kind hat gleich eine ADHS. Deshalb sollten sich Eltern mit ihrem betroffenen Kind bei Fachleuten für Verhaltensauffälligkeiten vorstellen und klären, welche Hilfsmöglichkeiten es gibt. Ihr Diabetesteam in der Kinderklinik kann den Kontakt, z. B. zu einem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) herstellen. Dabei sollten sich die Auffälligkeiten mindestens sechs Monate in verschiedenen Lebensbereichen (Zuhause, Schule, Freizeit, Diabetesbehandlung) gezeigt haben.
Eine frühzeitige und gute Behandlung der ADHS ist gerade bei Diabetes wichtig, weil der Glukosestoffwechsel bei diesen Kindern besonders schwankt, sie häufiger sehr spontan handeln und sich z. B. bei der Insulindosisberechnung schlecht konzentrieren können. Entsprechend weisen Kinder und Jugendliche mit ADHS und Diabetes in internationalen Studien höhere HbA1c-Werte und mehr Ketoazidosen auf als Gleichaltrige nur mit Diabetes. Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass sich eine qualifizierte ADHS-Therapie günstig auf den Diabetes, aber auch die Schule und den Umgang mit Gleichaltrigen auswirkt.
Therapie der ADHS
Die Behandlung von ADHS setzt sich heute aus mehreren Elementen zusammen: Passend zur individuellen Situation einer Familie geht es zunächst um gute Informationen darüber, was ADHS wirklich ist und wie sie das Erleben und Verhalten beeinflusst; hinzu kommen Elterntrainings zum Umgang mit dem Kind, eine Verhaltenstherapie für das Kind und bei Bedarf auch eine medikamentöse Therapie.
Verhaltenstherapie
Bei der Verhaltenstherapie lernen Kinder beispielsweise, wie sie sich in stressigen Situationen beruhigen können, wie sie mit Ärger und Frustration besser umgehen und freundlichen Kontakt zu anderen Kindern aufnehmen können.
Bleibt die ADHS dagegen unbehandelt, kann dies ernsthafte Folgen haben, z. B. Schulversagen, Familienprobleme, eine erhöhte Suchtgefahr und ein langfristig zu hohes HbA1c. In den meisten Fällen kann Kindern und Jugendlichen durch intensive Betreuung und eine gezielte Behandlung eine weitgehend normale Entwicklung ermöglicht werden.
Inzwischen gibt es die Informationen und Elterntrainings nicht nur als Gruppenkurse, sondern auch als Trainings im Internet, z.B. der ADHS-Elterntrainer der AOK (unter adhs.aok.de/zum-adhs-elterntrainer) oder die Seite www.adhs.info. Hier finden alle Eltern bewährte Tipps, wie sie mit Verhaltensproblemen bei ihren Kindern besser umgehen und ihre liebevolle Beziehung zum Kind stärken können. Auch geht es darum, wie Eltern selbst bei schwierigen Erziehungsaufgaben seelisch und körperlich gesund bleiben können. Mit etwas Kreativität lassen sich mit diesen Tipps auch Konflikte um den Diabetes im Alltag vermeiden oder zumindest reduzieren. Solche Tipps finden sich auch im Eltern-Schulungsprogamm DELFIN.
Medikamentöse Therapie
Eine zusätzliche medikamentöse Therapie kann hilfreich sein, sie ist aber bei ADHS nicht immer notwendig. Chancen und Risiken sollten gemeinsam mit den Fachleuten und dem betroffenen Kind sorgfältig abgewogen werden. Sie sollte nur dann erfolgen, wenn die Symptome sehr stark ausgeprägt sind und andere Therapien nicht ausreichen.
Alle Medikamente zur Behandlung von ADHS wirken im Gehirn, indem sie die Übertragung von Informationen beeinflussen. Am häufigsten werden dabei sogenannte „Psychostimulanzien“ eingesetzt, dabei handelt es sich oft um den Wirkstoff Methylphenidat oder den Wirkstoff Amphetamin. Sie haben eine anregende Wirkung und können die Konzentrationsfähigkeit erhöhen. Wichtig: Diese Substanzen haben keine heilende Wirkung. Wie auch das Insulin bei Diabetes müssen sie bei ADHS regelmäßig gegeben werden, um die Konzentration und Impulsivität anhaltend zu beeinflussen.
Die Wirkung der Tabletten tritt etwa 30 Minuten nach Einnahme ein und hält dann zwischen einigen Stunden (kurze Wirkdauer) bis über den ganzen Tag hinweg an (längere Tageswirkdauer). Diese Medikamente können nach Absprache mit dem Diabetesteam auch von Kindern mit Typ-1-Diabetes eingenommen werden, bewährt haben sich diejenigen Medikamente mit einer längeren Wirkdauer – denn der Diabetes fordert ein Kind oder Jugendlichen den ganzen Tag.
Ursachen der ADHS
Das Wichtigste zuerst: ADHS wird nicht durch falsche Erziehung verursacht. Eltern haben hier nichts falsch gemacht. Aktuell geht die Wissenschaft davon aus, dass erbliche Faktoren die wichtigste Ursache der ADHS darstellen. Oft berichten auch Eltern von Kindern mit ADHS, dass sie selbst in der Kindheit sehr unter Konzentrationsproblemen und Konflikten mit anderen gelitten haben. Nur wurde darauf damals nicht eingegangen, und niemand hat ihnen bei ihren Schwierigkeiten geholfen.
Die erblichen Faktoren führen dazu, dass die Informationen zwischen den vielen Nervenzellen des Gehirns anders fortgeleitet und verarbeitet werden als bei Menschen ohne ADHS. Dabei kann ein Kind stärker oder auch schwächer durch ADHS beeinträchtigt sein. Heute weiß man aber auch, dass die Ausprägung einer ADHS durch ein gutes Erziehungsverhalten der Eltern, der anderen Betreuer und Lehrkräfte günstig beeinflusst werden kann. Und diese Chance sollten Familien nutzen, es lohnt sich nicht nur für das Kind, sondern auch für das Wohlbefinden der ganzen Familie.
Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2022; 13 (1) Seite 16-18
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Eltern und Kind
- Behandlung

2 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
olivers postete ein Update vor 1 Tag, 22 Stunden
Hallo Zusammen!
Ich bin ein T3er und freue mich Gleichbetroffene zwecks Erfahrungsaustausch zu finden. Bin im Frankfurter Raum, aber auch im Heidelberger Raum unterwegs.
Liebe Grüße
Oliverzojou96 postete ein Update vor 2 Tagen, 23 Stunden
Hallo, ich bin DT1 und trage seit etwa 1 Jahr eine Omnipod-Pumpe. Letztere löst seit mehrere Monaten eine Hautallergie an der Platzierungsstelle aus. Ich habe es bereits mit dem Cavillon-Spray und Pflastern (derzeit Omnifix von Hartmann und Unterpatch von My Sweet Stitch) für empfindliche Haut unter dem Pod probiert. Es hilft aber leider nicht oder nur bedingt, da auch mit Spray die Allergie ausgelöst wird und die Schutzpflaster nicht lange haften. Hat jemand vielleicht eine ähnliche Erfahrung gemacht und eine gute Lösung gefunden? Ich würde gerne weiterhin eine Pumpe tragen, wäre aber auch bereit das Modell zu wechseln, wenn es das Problem mit der Allergie löst. Ich bin um jeden Rat dankbar. Vielen Dank im Voraus 🙂
darktear postete ein Update vor 3 Tagen, 15 Stunden
Hallo,
hat irgendwer der den Libre3 benutzt auch so massive Probleme ?
Mein Kind hat ständig Ärger mit seinen Sensoren,selten wo mal einer durchhält. Entweder dauernd Sensorfehler oder ein neuer Sensor sitzt und nach kurzer Zeit kommt bitte neuen Sensor starten.
Das kann ja nicht sein,ich hab selten mal einen Sensorfehler.
Als ich das letzte mal bei denen angerufen hatte ,meinte dieser “sehr freundliche” Mitarbeiter nur es kann nicht sein das die so viele Fehler haben,es gab keinen Ersatz.
Müßen wir jetzt ernsthaft selber Sensoren bezahlen?
Weil bis der Nachschub kommt dauert es noch 🙁LG Sandra
- olivers antwortete vor 1 Tag, 22 Stunden
Nun, ich weiß nicht, was ihr alles probiert habt. Aber Handyneustart, Bluetooth neu aktivieren, Akku muss genug Kapazität haben. Vielleicht ist der Sensor auch locker, Schweiss hat auch immer bei mir Schwierigkeiten gemacht (wird beim Kind nicht sein).
Gruß Oliver - darktear antwortete vor 11 Minuten
@olivers: Haben wir alles gemacht und hat dennoch nicht geholfen 🙁
Wir haben auch spezielle Pflaster zum drauf kleben,aber die machen keine Probleme.
Nun sollten bis mitte nächster Woche die neuen Sensoren kommen und ich hoffe es klappt dann mal ohne ProblemeGruß Sandra




