- Soziales und Recht
Das Gesunde-Herz-Gesetz: Präventionspolitik durch Ampel-Bruch ins Herz getroffen
3 Minuten
Streit über das Gesunde-Herz-Gesetz war sicher kein Grund für den Bruch der Ampel-Koalition, es gab sogar einen Kabinettsbeschluss. Unter den Akteuren des Gesundheitswesens war das Vorhaben im Detail aber durchaus umstritten. Was bleibt von der Idee über?
Der Tag, an dem das Gesunde-Herz-Gesetz (GHG) zur ersten Lesung im Bundestag aufgerufen wurde, wird wohl lange im politischen Gedächtnis Deutschlands bleiben – nicht wegen der Debatte zu dem Gesetzesvorschlag am 6. November, sondern weil kurz danach an diesem Abend die Ampelkoalition mit einem Knall zerbrochen ist. Die Zukunft des GHG und der anderen gesundheitspolitischen Projekte der bisherigen Bundesregierung, von der Krankenhausreform bis zum Werbeverbot für ungesunde Kinderlebensmittel, ist damit ungewiss.
Ein gesundes Herz per Gesetz: Wenn es so einfach wäre, hätte wohl nicht erst Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ein solches Vorhaben in den Bundestag gebracht. Auf das „Gesetz zur Stärkung der Herzgesundheit“ hatte sich die Ampelkoalition Ende August tatsächlich noch mit einem gemeinsamen Kabinettsbeschluss geeinigt.
Mehr Kosten und kaum Nutzen, urteilte Dietrich Monstadt, Berichterstatter für Diabetes der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, in der Debatte über den Entwurf. „Das GHG ist nicht nur realitätsfern, sondern bindet auch immense Mittel, die besser in bewährte Präventionsmaßnahmen investiert wären“, warnte er. Monstadt kritisierte auch explizit, dass die vor über vier Jahren verabschiedete Nationale Diabetes-Strategie bis heute nicht umgesetzt wurde.
In einem Änderungsantrag zum GHG kritisierte die Unions-Fraktion einen „Trend hin zu einer stärkeren Medikalisierung“ und plädierte für mehr Primärprävention. Und sie nahm einige Forderungen der Diabetologie auf: Die Bundesregierung solle sich mit den Ländern dafür einsetzen, Schulgesundheitsfachkräfte zu etablieren und verpflichtende Einheiten zur Gesundheitsbildung in Schulen einzuführen, die gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung in den Lehrplan integrieren.
Gesunde-Herz-Gesetz: Bruch der Ampel-Koalition brachte Ende für den „guten Anfang“
Johannes Wagner sprach in der Debatte für Bündnis 90/Die Grünen vom GHG als „guten Anfang“. Es seien aber alle Säulen der Prävention wichtig, neben Früherkennung und Nachsorge auch die Vermeidung kardiovaskulärer Krankheiten, auch durch gesunde Lebensumstände und eine Umgebung, die Kinder schützt und Bewegung fördert. Hier habe sich, trotz des Einsatzes von Monstadt, auch die Union eher als Blockierer gezeigt, monierte er.
Für das nun wohl ausfallende parlamentarische Verfahren hatte er ein klares Ziel ausgegeben: „Mittel der Krankenkassen, die bisher dafür eingesetzt werden, die Gesundheitskompetenz der Menschen zu stärken und ihre Lebensumstände gesünder zu machen, müssen auch in Zukunft umfänglich hierfür zur Verfügung stehen. Alles andere würde die Prävention in Deutschland auch langfristig in falsche Bahnen lenken.“
Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Warum ein Gesetz?
- Deutschlands Rückstand in der Lebenserwartung zum Durchschnitt der anderen westeuropäischen Länder bertrug im Jahr 2000 rund 0,7 Jahre – 2019 waren es bereits etwa 1,4.
- Unter 5 Prozent der Menschen mit genetisch bedingt hohen Cholesterin-Werten in Deutschland sind diagnostiziert.
- 70 Prozent der Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden durch ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Rauchen und Alkoholkonsum verursacht.
Die Nationale Herz-Allianz gehörte zu den Unterstützern des Gesundes-Herz-Gesetzes, auch sie nannte es einen „guten Anfang“. Es solle aber in eine gezielte nationale Herz-Kreislauf-Gesundheitsstrategie münden, plädierte das Bündnis aller großen herzmedizinischen Fachgesellschaften Deutschlands und der Deutschen Herzstiftung als Patientenvertretung für Verbesserungen.
Diese sollte Verhältnis- und Verhaltensprävention, Beginn der Lebensstil-Modifikation im Kindesalter, Anerkennung genetischer Ursachen und der Nikotinsucht als Krankheit und vor allem auch Maßnahmen zur Steigerung der Laien-Reanimation adressieren, erklärt die Allianz. Allein durch Letzteres wären rund 10 000 Menschenleben pro Jahr zusätzlich zu retten, betont sie.
Explizit forderte die Nationale Herz-Allianz, dass die bisherigen Leistungen der Krankenversicherungen zur Verhaltensprävention nach § 20 Absatz 5 SGB V nicht zugunsten des GHG umgeschichtet werden dürfen. Insbesondere die qualitätsgeprüften Bewegungsangebote müssten erhalten bleiben, so die Herzexperten.
Medikamentöse Cholesterin-Senkung bei Kindern: „Aber die lieben Kleinen!“
Als emotionales Argument gegen das „Gesunde-Herz-Gesetz“ wurde gern die angeblich geplante medikamentöse Therapie zur Cholesterin-Senkung auch bei Kindern ins Feld geführt. Der Entwurf sah einen gesetzlichen Anspruch auf erweiterte Leistungen zur Früherkennung einer Fettstoffwechsel-Erkrankung im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Jugendliche vor.
Ziel war, insbesondere die familiäre Hypercholesterinämie (FH) frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Dabei handelt es sich um eine gar nicht so seltene angeborene Störung des Fettstoffwechsels, die bereits im Kindesalter zu einer ausgeprägten Erhöhung des LDL-Cholesterins und damit erhöhtem Herzinfarkt-Risiko schon in jüngeren Jahren führt.
Familiäre Hypercholesterinämie: vererbtes Risiko
Es gibt zwei Formen der familiären Hypercholesterinämie: Die heterozygote (nur ein Elternteil hat die Veranlagung vererbt) führt unbehandelt zu LDL-Cholesterin-Werten zwischen 200 und 450 mg/dl (statt 100 mg/dl bei Gesunden) und tritt bei 1 von 250 Menschen auf. Die homozygote (von beiden Elternteilen vererbt) führt zu noch drastischeren Erhöhungen des LDL-Cholesterins bis 1000 mg/dl und tritt bei 1 von 1 Million Menschen auf.
Um die Therapie auf die Kinder mit dem höchsten Risiko zu fokussieren, sollte laut Gesetzentwurf bei hohen Cholesterinwerten in der geplanten U-Untersuchung eine genetische Diagnose der FH folgen. Es sei nicht geplant, eine Statin-Therapie bei Kindern ohne genetisch determinierte FH zu initiieren, strich die nationale Herz-Allianz klar heraus.
Die Deutsche Gesellschaft für pädiatrische und adoleszente Endokrinologie und Diabetologie (DGPAED) hatte die Aufnahme eines FH-Screenings in einer Stellungnahme zum Gesetzentwurf sehr begrüßt und empfohlen, es an die U9 anzugliedern. Bei erkannten Patienten sei dann tatsächlich der frühzeitige Einsatz von Statinen, aber auch anderen medikamentösen Cholesterinsenkern erforderlich.
Ob es nun noch zu einem Herz-Gesetz kommt, ist zweifelhaft. Als noch vor der Bundestagsdebatte ein SPD-Landesminister überlegt hatte, das Gesetz in die kommende Legislatur zu verschieben, stieß er auf Ablehnung. Eine Parteikollegin befürchtete laut Medienberichten, ein solcher Stopp könnte eine „mehrjährige Verschiebung“ des wichtigen Themas zur Folge haben. Ob das stimmt, wird man nun sehen müssen.
von Marcus Sefrin
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2024; 72 (12) Seite 48-49
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moira postete ein Update vor 6 Tagen, 14 Stunden
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 1 Woche, 4 Tagen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55
