Bluthochdruck ernst nehmen

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Bluthochdruck ernst nehmen

Jung, groß, schlank, sportlich … und Bluthochdruck?! Selbst Kinder und Jugendliche können schon Bluthochdruck haben – nach Schätzungen der Deutschen Hochdruckliga sind daran etwa 700 000 Kinder in Deutschland erkrankt – und es sind nicht immer nur die Übergewichtigen!

Der Fall
Herr Müller ist mit seinen 78 Jahren noch immer fit – er fährt täglich Fahrrad, macht den Haushalt, seitdem seine Frau verstorben ist, allein und sorgt sogar noch für einen aufgeräumten Garten. In den letzten Wochen aber bekommt er immer schlechter Luft – hat manchmal bei Anstrengung ein leichtes Engegefühl in der Brust und fühlt sich einfach nicht so wohl!

Deswegen sucht er seinen Hausarzt auf: Dieser misst zum ersten Mal wieder seit Jahren den Blutdruck bei Herrn Müller: Im Liegen ergibt sich am linken Arm ein Druck von 210/110 mmHg! Eine Kontrolle am rechten Arm bestätigt die Werte.

Herr Müller ist schlank, raucht nicht und regt sich auch nicht so schnell über etwas auf. So verschreibt der Hausarzt ihm neue Medikamente, die er regelmäßig einnehmen soll. Er erhält auch ein Blutdruckmessgerät zum Selbstmessen. Schon nach 2 Wochen sind seine Blutdruckwerte wieder im akzeptablen (aber noch nicht guten) Bereich: im Liegen 160/90 mmHg.

Generell haben jüngere Menschen einen niedrigeren Blutdruck als ältere – der Druck steigt etwas mit dem Alter und der Körpergröße. Bei Kindern wird momentan noch nicht berücksichtigt, ob nur der obere (systolische) oder nur der untere (diastolische) Blutdruck oder beide Werte erhöht sind. Bei Erwachsenen kennt man dagegen auch die “isolierte systolische Hypertonie”: Dabei ist nur der obere Blutdruckwert erhöht. Diese isolierte systolische Hypertonie kommt bei Menschen über 65 Jahre vergleichsweise häufig vor.

Das liegt vor allem an der zunehmenden Steifigkeit großer Arterien, die an Elastizität durch Einlagerung von Kalk, Fett und Bindegewebe in die Gefäßwände verloren haben. So steigt vor allem der “zentrale Blutdruck”, das ist der Druck direkt hinter dem Herzen in den großen Blutgefäßen wie der Aorta (Hauptschlagader). Bei Erwachsenen ist die isolierte systolische Hypertonie genauso gefährlich wie ein Bluthochdruck, bei dem beide Werte erhöht sind.

Je höher der Blutdruck desto mehr Arbeit fürs Herz

Der zentrale Blutdruck direkt am Abgang der Hauptschlagader vom Herzen kann nur mittels einer speziellen Technik, der Pulswellen-Analyse, am Arm gemessen werden. Bei gesunden Menschen ist der systolische Blutdruck nicht am Arm oder Handgelenk, sondern “zentral” gemessen am niedrigsten.

Klassifikation des Blutdrucks

(Werte in mmHG)
systolisch             diastolisch
optimal < 120         und       < 80
normal (normoton) 120 – 129         und/oder       80 – 84
hochnormal 130 – 139         und/oder       85 – 89
milde Hypertonie
(Schweregrad 1)
140 – 159         und/oder       90 – 99
mittelschwere Hypertonie
(Schweregrad 2)
160 – 179         und/oder       100 – 109
schwere Hypertonie
(Schweregrad 3)
≥ 180         und/oder       ≥ 110
isolierte systolische Hypertonie ≥ 140         und       < 90
modifiziert nach ESH/ESC 2013

Durch zunehmendes Alter, aber auch Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und mangelnde Bewegung kann es zu einer Erhöhung des zentralen Blutdrucks wegen einer Versteifung der Gefäße kommen. Hier könnte man das biologische Alter ablesen – ob jemand jung geblieben oder schon früh verkalkt ist. Eine Zunahme des zentralen Blutdrucks bedeutet aber immer auch eine Zunahme der Arbeit, die das Herz gegen diesen erhöhten Blutdruck in den Blutgefäßen leisten muss!

Wie aber kann der Blutdruck effektiv gesenkt werden?

Im Rahmen eines Kongresses in den USA wurde von Prof. Robert H. Schneider, Direktor des Institute for Natural Medicine and Prevention, aufgezeigt, dass z. B. transzendentale Meditation nicht nur hilft, den systolischen Blutdruck um durchschnittlich 5 mmHg zu senken, sondern sich dadurch sogar das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich reduziert – und zwar um 45 Prozent.

Aktuelle Empfehlungen für den Zielblutdruck

generell < 140/90 mmHG
Menschen mit Diabetes < 140/< 90 mmHG
„gebrechliche“ Ältere Menschen
und Menschen über 80 Jahre
140 - 150 mmHG systolisch
Niereninsuffiziens < 130 mmHG systolisch
bei Eiweißausscheidung im
Urin (Proteinurie) über 1g/Tag
< 130 mmHG systolisch
modifiziert nach ESH/ESC 2013

Selbst sehr konservative Schulmediziner kommen zu dem Schluss, dass z. B. Yoga zu den im weitesten Sinne unterstützenden Maßnahmen einer Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählt (neben der medikamentösen Therapie). Dass der Blutdruck über das Beeinflussen der Psyche durch Anti-Stress-Techniken gesenkt werden kann, ist glücklicherweise schon länger allseits bekannt.

Diese Medikamente werden gegen Bluthochdruck eingesetzt

In der medikamentösen Therapie werden aktuell meist 4 Substanzklassen, die ABCD-Substanzen bzw. -Gruppen maximal miteinander kombiniert:

ACE-Hemmer und AT1-Blocker (Sartane) sollten bei der Behandlung des Bluthochdrucks nicht miteinander kombiniert werden, weil das gehäuft zu Komplikationen führt! Viele Hypertoniker haben weitere Erkrankungen und nehmen deshalb oft weitere Medikamente ein wie Diabetesmedikamente, Medikamente gegen Asthma/COPD, Fettstoffwechselstörungen.

Deren Zusammenwirken bzw. “Nichtpassen” muss immer berücksichtigt werden. Die Nebenwirkungen müssen also ganz besonders von Anfang an beachtet werden; dazu gehören niedriger oder hoher Puls. Betablocker werden häufig bei Bluthochdruck und gleichzeitigen Herzrhythmusstörungen und/oder einer koronaren Herzkrankheit (Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße) angewendet.

Blutdruckbedingte Sturzneigung

Durch Stürze – besonders bei sehr alten (geriatrischen) Patienten – ist häufig deren Eigenständigkeit stark gefährdet. Nach Studien haben bis zu 50 Prozent aller geriatrischen Patienten mindestens 1 x/Jahr einen schweren Sturz. In der Hälfte der Fälle ist eine Verletzung die Folge, in 15 Prozent ein schwerwiegender Knochenbruch oder eine Gehirnschädigung.

Die Häufigkeit der Hypertonie nimmt mit dem Alter zu – und damit auch die Notwendigkeit der Therapie. Im Alter von mehr als 65 Jahren leiden 50 Prozent an einer Hypertonie. In einer Studie des American College of Cardiology von 2011 wurden Nebeneffekte der Behandlung berücksichtigt – sie zeigt auch den Zusammenhang von blutdrucksenkender Therapie und dem erhöhten Auftreten von Stürzen bei geriatrischen Patienten!

Ursachen solcher Stürze sind:

  • erhöhte Empfindlichkeit geriatrischer Patienten auf Medikamente,
  • 3-fach höheres Risiko für Arzneimittelnebenwirkungen im Vergleich zur “Normalbevölkerung”,
  • mit Zunahme der Anzahl von Medikamenten steigt auch die Sturzneigung,
  • andere Wirkung der Medikamente und deren Aufnahme aus dem Darm.

Wie und wann Blutdruck messen?

Zunächst muss der Blutdruck regelmäßig und zu verschiedenen Tageszeiten – am besten in Ruhe, manchmal auch unter Belastung (z. B. beim Belastungs-EKG) gemessen werden. Die Selbstmessung, wenn möglich, ist dabei sehr sinnvoll und nützlich. Wenn dies nicht geht, sollte der Blutdruck aber öfter beim Hausarzt oder z. B. durch einen Pflegedienst oder Angehörige gemessen werden. Studien zeigen, dass sich auch im hohen Alter eine konsequente Blutdruckeinstellung lohnt.

Zusammenfassung

Bluthochdruck ist eine Erkrankung und nicht nur eine Befindlichkeitsstörung. Denn ein über Jahre unbehandelter Bluthochdruck kann z. B. zu einem Schlaganfall, einer Herzschwäche oder auch zu Vorhofflimmern im Herzen führen und so lebensgefährlich sein. Auch alte Menschen – dick oder dünn – profitieren von einer konsequenten Blutdruckbehandlung.


Autor:

Dr. Gerhard-W. Schmeisl
Internist, Angiologe, Diabetologe und Sozialmediziner
Lehrbeauftragter der Universität Würzburg
Chefarzt Deegenbergklinik
Burgstraße 21, 97688 Bad Kissingen

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2017; 66 (9) Seite 26-28

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  • thomas55 postete ein Update vor 2 Tagen, 17 Stunden

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

  • sayuri postete ein Update vor 3 Tagen, 16 Stunden

    Hi, ich bin zum ersten Mal hier, um mich für meinen Freund mit Diabetes Typ 1 mit anderen auszutauschen zu können. Er versteht nicht alles auf Deutsch, daher schreibe ich hier. Etwa vor einem Jahr wurde ihm der Diabetes diagnostiziert und macht noch viele neue Erfahrungen, hat aber auch Schwierigkeiten, z.B. die Menge von Insulin besser abzuschätzen. Er überlegt sich, mal die Patch-Pad am Arm auszuprobieren. Kann jemand uns etwas über eingene Erfahrungen damit erzählen? Ich wäre sehr dankbar!🤗🙏
    Liebe Grüße
    Sayuri

  • cina_polada postete ein Update vor 1 Woche

    Hi, ich bin Julija und komme aus Frankfurt. Vor ein paar Wochen wurde bei mir Diabetes Typ 2 mit gerade mal 33 Jahren diagnostiziert.. Kämpfe im Moment noch sehr mit der Diagnose und würde mich über etwas Austausch sehr freuen 🙂

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