Insulin-Serie: Der sanfte Einstieg in eine Insulintherapie

3 Minuten

© AleksandarNakic - iStockphoto
Insulin-Serie: Der sanfte Einstieg in eine Insulintherapie

Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes stehen einer Insulintherapie zunächst skeptisch gegenüber. Prof. Thomas Haak erklärt im aktuellen Teil der Insulin-Serie, wieso viele Sorgen unbegründet sind und wie ein sanfter Therapiestart gelingt.

Im Beispiel oben rät der Arzt zum Beginn einer Insulintherapie. Aber nur wenige Patienten sind begeistert von diesem Vorschlag. Was denkt sich der Arzt dabei, wieso wird Insulin bei Typ-2-Diabetes gebraucht? Normalerweise ist der Typ-2-Diabetes dadurch gekennzeichnet, dass Insulin zwar vorhanden ist, aber nicht mehr ausreichend wirkt. Diesen als Insulinresistenz bezeichneten Wirkverlust des Insulins kann man mit verschiedenen Medikamenten behandeln.

Das Fallbeispiel

Julius R. ist ein lebensfroher Mensch, der vor einem Jahr berentet wurde. “Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an” ist sein Motto, und als Genussmensch sind für ihn Essen und Trinken bedeutend für die Lebensqualität. Sport war nie seine Leidenschaft, aber er hat einen Hund und bewegt sich täglich mindestens ein bis zwei Stunden an der frischen Luft.Seit 11 Jahren hat er Typ-2-Diabetes und wird mit einer Kombination aus Metformin und einem “SGLT-2-Hemmer” behandelt: Das führt zu einem Glukoseverlust über den Urin.

Die Therapie verträgt er gut, Nebenwirkungen hat er bisher nicht. Beim letzten Arztbesuch rät der Hausarzt aufgrund des HbA1c-Wertes von 8,5 Prozent, dass die Therapie erweitert werden muss. Julius R. beginnt, über eine Woche seinen Blutzucker morgens, mittags, abends und vor dem Zubettgehen zu messen.

Dabei zeigt sich, dass der Blutzucker vor dem Zubettgehen zwischen 80 und 120 mg/dl (4,4 und 6,7 mmol/l) liegt, jedoch am nächsten Morgen selten niedriger als 160 mg/dl (8,9 mmol/l) ist. Der Hausarzt rät daher zu einer “basalunterstützten oralen Therapie” und verordnet ein Insulin zur Nacht.

Wenn andere Therapieoptionen nicht mehr ausreichen

Die Medikamente sind zumeist verträglich und lassen sich gut miteinander kombinieren. Auf diese Weise kann man in Verbindung mit einem besseren Lebensstil einen Typ-2-Diabetes problemlos über einige Jahre kontrollieren.

Allerdings ist der Typ-2-Diabetes eine fortschreitende Erkrankung: Das heißt, dass im Laufe der Jahre die Insulinproduktion geringer wird. Irgendwann einmal ist auch unter einer Kombinationstherapie mit verschiedenen Tabletten die Insulinproduktion so gering, dass sie für eine gute Blutzuckereinstellung nicht mehr ausreicht. Dies ist der Zeitpunkt, zu dem Insulin ins Spiel kommt.

Angst vor Gewichtszunahme unbegründet

Viele Patienten haben aber Angst vor Insulin: Zum einen befürchten sie, dass man von Insulin dick wird. Diese Sorge ist unbegründet. Insulin führt nur im Übermaß zu einer Gewichtssteigerung – dieses Überangebot an Insulin zu vermeiden, gelingt durch die Devise “so viel Insulin wie nötig, aber so wenig wie möglich”.

Eine andere Sorge von Betroffenen ist, dass man mit Beginn der Insulintherapie “irgendwie das Endstadium erreicht hat” und jetzt besonders schwer krank ist. Auch dieses Gefühl ist völlig unbegründet. Insulin ist genau wie Tabletten ein wirkungsvolles Medikament, das, sofern richtig angewendet, eine gute Blutzuckerführung ermöglicht.

Der sanfte Einstieg in die Insulintherapie

Ein sanfter Einstieg in die Insulintherapie gelingt mit der basalunterstützten oralen Therapie. Im Falle unseres Patienten Julius R. besteht das Problem, dass der Blutzucker in der Nacht unkontrolliert ansteigt. Dies kann man dadurch verhindern, dass man eine geringe Menge Insulin zur Nacht gibt. Unter einer geringen Menge versteht man 8 bis 10 Einheiten als Startdosis. Die Insulindosis wird so angepasst, dass der Blutzucker am nächsten Morgen zwischen 80 und 120 mg/dl (4,4 und 6,7 mmol/l) liegt.

Bei den meisten Menschen reichen geringe Insulindosen aus. Es gibt aber Betroffene, die 20 Einheiten Insulin oder mehr benötigen, um den Blutzucker in der Nacht zu kontrollieren. Wenn es jedoch mehr als 40 Einheiten werden, sollte dieses Therapiekonzept überdacht werden: In diesen Fällen ist meist der Umstieg auf eine intensivierte Insulintherapie (zusätzlich Insulin zu den Mahlzeiten) notwendig.

Bauchspeicheldrüse: Entlastung durch das Insulin zur Nacht

Das zur Nacht gegebene Insulin ist ein Verzögerungsinsulin (NPH-Insulin, Insulin glargin, Insulin detemir). Diese Verzögerungsinsuline wirken während der Nacht und entlasten auf diese Weise die Bauchspeicheldrüse – sie kann sich quasi für ihre Aufgaben am folgenden Tag ausruhen. Die bis zum Beginn der Insulintherapie verordneten Tabletten werden unverändert weitergegeben.

Auf diese Weise lässt sich der Blutzucker über einen längeren Zeitraum, manchmal sogar über Jahre weiterhin gut stabilisieren. Diese Injektion zur Nacht lässt sich für die meisten Menschen einfach erlernen und in das Ritual vor dem Zubettgehen integrieren: Man nennt dies auch den “sanften Einstieg in die Insulintherapie”, der auch vermittelt, dass eine Insulintherapie weder schmerzhaft noch mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden ist.

Das Fazit

Julius R. hat seinem Arzt vertraut und mit Insulin zur Nacht begonnen. Die ersten Insulininjektionen waren ihm nicht ganz geheuer, aber dann fiel es ihm doch leicht, die Therapie umzusetzen. Drei Monate später lag der HbA1c-Wert mit 7,2 Prozent im idealen Bereich, ohne dass Julius R. eine Unterzuckung erleben musste und ohne dass er groß an Gewicht zugenommen hat.


von Prof. Dr. Thomas Haak

Avatar von thomas-haak

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2017; 66 (9) Seite 30-31

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Die Kunst des Krieges: Kenne den Diabetes und dich selbst!

Die Kunst des Krieges: Kenne den Diabetes und dich selbst! | Foto: Yazid Nasuha - stock.adobe.com

9 Minuten

Community-Beitrag

Diabetes-Anker-Podcast – Höhen & Tiefen: Stephan Seiler – vom stillen Kämpfer zum Podcast-Host

In der Podcast-Reihe „Höhen und Tiefen“ spricht Stephan Seiler über seine Diabetes-Diagnose mit 15, den Umgang mit Stigmatisierung und den Weg in die Diabetes-Community. Gemeinsam mit Host Stephanie Haack diskutiert er Themen von Technik über Sprache bis zur mentalen Belastung.
Diabetes-Anker-Podcast – Höhen & Tiefen: Stephan Seiler – vom stillen Kämpfer zum Podcast-Host | Foto: privat / MedTriX

2 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • moira postete ein Update vor 2 Wochen, 3 Tagen

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen, 4 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 4 Wochen, 1 Tag

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

    • Hi Thomas 🙂
      Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
      Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.

      Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!

    • @crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.

Verbände