Entscheidungen finden für die Therapie: Wie geht das?

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Entscheidungen finden für die Therapie: Wie geht das?

Wer gut mit seinem Diabetes zurechtkommen möchte, benötigt bekanntermaßen viele Informationen zu den Themen Essen und Getränke, Bewegung und viel weiteres Wissen zum Diabetes, was in Schulung und Beratung vermittelt wird.

Diabetes und Ernährung gehören untrennbar zusammen. Empfiehlt sich bei Diagnose eines Diabetes oder im Verlauf der Erkrankung ein Umstellen der Ernährung, sollte diese bestenfalls an den vorherigen Lebensstil angepasst bzw. sollte dieser berücksichtigt werden. Hier spielt auch die Auswahl der Medikamente und deren Wirkcharakteristik eine Rolle, z. B. ob ein Medikament eine Unterzuckerung verursachen kann oder nicht. Die medikamentöse Therapie und die Auswahl der Nahrungsmittel sollten hierfür aufeinander abgestimmt werden.

Eine individuelle Beratung ist erforderlich, um auszuloten, welche Lebensmittel in welcher Menge für den jeweiligen Menschen geeignet sind, ohne dass er oder sie sich “verbiegen” muss im Vergleich zum vorherigen Essverhalten. So gibt es keine definierte vorgefertigte Ernährungstherapie, sondern die Auswahl der Lebensmittel wird immer “maßgeschneidert” in Qualität und Menge. Das Thema Essen und Trinken ist ein überaus privates Thema, das mit vielen Empfindungen verbunden ist. Nur im Gespräch lässt sich gemeinsam herausfinden, was gewünscht und geeignet ist und was nicht.

Ziele in der partizipativen Entscheidungsfindung und für individuelle Therapie-Entscheidungen sollten SMART sein, also spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch und mit einem festen Zeitplan (terminiert).

Bewegung ist individuell

Nicht viel anders sieht es bei der Bewegung aus: Auch hierbei bilden die bisherigen Aktivitäten eine Basis dafür, was für Möglichkeiten der Bewegung bestehen. Mit zunehmendem Alter sind Einschränkungen der Bewegung keine Seltenheit und grenzen die Möglichkeiten ein, die Therapie zu unterstützen. Gut ist dann die Suche nach einer alters- und körpergerechten Bewegungsart. Dies kann auch ein täglicher halbstündiger Spaziergang sein.

Wichtig dabei ist die partizipative Entscheidungsfindung, um herauszufinden, was zu dem jeweiligen Menschen mit Diabetes passt. Die partizipative Entscheidungsfindung wird auch in der Nationalen VersorgungsLeitlinie (NVL) für den Typ-2-Diabetes genannt. Was ist das genau und welche Auswirkungen hat es auf die Vorgehensweise und mögliche Erfolge für die Therapie?

Gemeinsam Entscheidungen treffen

Die partizipative Entscheidungsfindung (PEF; englisch auch Shared Decision Making, SDM) hat sich in den letzten Jahrzehnten etabliert. Sie ist die anzustrebende Form des Umgangs zwischen Ärztinnen und Ärzten, Diabetesberaterinnen und -beratern sowie Patientinnen und Patienten. Das Konzept beruht in erster Linie auf den Prinzipien der Autonomie und Fürsorge. Dass dieses Prinzip sinnvoll ist, belegen Studien.

Die partizipative Entscheidungsfindung beinhaltet auch, individuelle Zielvereinbarungen zu treffen. Diese berücksichtigen individuelle Bedürfnisse. Das wiederum erhöht die Zufriedenheit mit der Behandlung, sodass man gemeinsam überlegte Therapien gern und zuverlässig umsetzt und Vertrauen zum Behandlungsteam hat. Das Ziel sollte sein, die Diabetestherapie mit dem Alltag zu vereinbaren sowie die Belastung durch die Therapie so gering wie möglich zu halten.

Gelungene Kommunikation führt zu Win-win-Situation

Eine individuelle Zielvereinbarung beansprucht zwar durch das Gespräch mehr Zeit als eine einfach durch Ärztin oder Arzt festgelegte Therapie, aber sie erhöht den Erfolg der Therapie. Behandelnde und Behandelte profitieren also davon – es entsteht eine Win-win-Situation durch die partizipative Entscheidungsfindung. Eine gelungene Kommunikation hat zudem den Vorteil, dass Menschen mit Diabetes medizinische Informationen leichter verstehen können und keine Scheu haben, nachzufragen. Auf der Grundlage einer Bevölkerungs-basierten deutschen Untersuchung (KORA-Studie) konnte auch gezeigt werden, dass eine positive Beziehung zwischen Menschen mit Diabetes und Ärztin bzw. Arzt sowie Diabetesteam auch mit einer besseren psychischen Lebensqualität einhergeht.

Wann eine Kommunikation gelungen ist, hängt von vielen Faktoren ab. Klar ist aber, dass für ein gutes Gespräch wichtig ist, im Rahmen der Diabetestherapie die Bedürfnisse, die Wahrnehmungen und Erwartungen der beteiligten Person zu erfassen.

Partizipative Entscheidungsfindung gute Hilfe in der Diabetesbehandlung

Die partizipative Entscheidungsfindung ist ein kontinuierlicher Prozess, in den neben den Patientinnen und Patienten unterschiedliche Berufsgruppen und, wann immer möglich und gewünscht, An- und Zugehörige einbezogen werden sollten. Zentral für das Gelingen ist, in Gesprächen kognitive Fähigkeiten, Sprachkenntnisse und Wissen zu erfassen, um geeignete Hilfestellungen und verständliche Informationen bzw. Entscheidungshilfen anzubieten und auch sicherzustellen. Nur so kann eine Information verstanden werden und für den Alltag nützlich sein.

Entscheidungs-Zyklus für ein personalisiertes Diabetes-Management. Grafik zum Vergrößern anklicken oder hier als PDF-Datei herunterladen.

Kurz gefasst, lauten die oben dargestellten sieben Schritte aus der Praxisempfehlung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG):

  • Schritt 1: Assessment, also Anamnese und Befragung zur Krankheitsgeschichte
  • Schritt 2: Berücksichtigung spezifischer Faktoren, die die Therapiewahl beeinflussen
  • Schritt 3: gemeinsame Entscheidungsfindung zum Erstellen eines Therapieplans
  • Schritt 4: gemeinsame Einigung auf einen Therapieplan nach den SMART-Kriterien
  • Schritt 5: Umsetzen des Therapieplans mit Gesprächen einmal pro Quartal
  • Schritt 6: Monitoring und Unterstützung
  • Schritt 7: Überprüfen des Therapieplans und Zustimmen

Schulungsprogramme für Menschen mit Typ-2-Diabetes bilden eine wichtige Grundlage, wohlüberlegte Entscheidungen in Bezug auf ihre Erkrankung treffen zu können. Hier wird neben dem Wissen zum Krankheitsbild auch der Einfluss der Lebensmittel und der Bewegung und die Hilfe zum Selbstmanagement vermittelt.

Weniger wissenschaftlich formuliert kann die Vorgehensweise bei der partizipativen Entscheidungsfindung unter folgenden Aspekten betrachtet werden:

  • A: “Lassen Sie uns gemeinsam eine Entscheidung treffen, die am besten zu Ihnen passt.” Eine partnerschaftliche Ebene steht im Vordergrund.
  • B: “Lassen Sie uns die verschiedenen Möglichkeiten vergleichen.” Vor- und Nachteile sollten abgewogen werden.
  • C: “Mit welchen Entscheidungen kommen Sie Ihren persönlichen Zielen am nächsten?” Eine Entscheidung wird herbeigeführt und begleitet.

Akzeptierende und wertschätzende Gespräche

Im Gespräch eine akzeptierende und wertschätzende Haltung erfahren zu haben, ist ein Beleg für eine gemeinsame Entscheidungsfindung. “Wurde mein Anliegen im Gespräch gehört und sind meine Wünsche und Bedenken berücksichtigt worden?”, wäre eine weitere Frage. Und: “Konnte ich im Gespräch eigenverantwortliches Handeln aufbauen oder konnte dieses gestärkt werden? Konnte ich zukünftiges Verhalten vorstellbar in den Alltag integrieren?” Solche Fragen helfen, zu erkennen, ob man gemeinsam auf dem richtigen Weg ist.

Um Menschen mit Typ-2-Diabetes bei relevanten Entscheidungen und im Selbstmanagement zu unterstützen, wurden als Bestandteil der NVL Typ-2-Diabetes Gesundheitsinformationen und Entscheidungshilfen entwickelt. Sie sind im Internet zu finden unter www.patienten-information.de.

Optimale Entscheidungsfindungen bringen Vorteile

Folgende Vorteile haben Menschen mit Diabetes durch eine optimale Entscheidungsfindung:

  1. Eine abgestimmte Vorgehensweise bedeutet, therapeutische Ziele mit einem Einverständnis im Einklang erarbeitet zu haben.
  2. Ernst zu nehmende Bedenken können geäußert werden.
  3. Die Mitentscheidung zur Vorgehensweise vermittelt den Patientinnen und Patienten ein gewisses Maß an Verantwortung.
  4. Die Selbstverantwortung wird unter anderem dadurch gestärkt, weil die eigenen Bedürfnisse berücksichtigt wurden.
  5. Gemeinsam getroffene Entscheidungen zu Essen, Trinken, Bewegung und Medikamenten ermöglichen mehr Erfolge in der Therapie und auch eine hohe Zufriedenheit.

Die Förderung des Selbstmanagements bringt die Therapie erst richtig in Schwung.

Schwerpunkt: „Therapie-Entscheidungen – gemeinsam klug entscheiden“


von Dr. Nicola Haller

Avatar von nicola-haller

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (12) Seite 24-27

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  • moira postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • ole-t1 antwortete vor 2 Wochen

      Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

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