Extrem hohe Werte bei Typ-2-Diabetes

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Extrem hohe Werte bei Typ-2-Diabetes

Extrem hohe Blutzuckerwerte kommen bei Typ-2-­Diabetes leider immer wieder vor. Dies im Hinterkopf zu behalten, ist sehr wichtig, denn jedes daraus entstehende „hyperosmolare Koma“ ist lebensbedrohlich. Dr. Schmeisl erklärt Ursachen und Therapie.

Der Fall
Petra H. ist seit etwa 10 Jahren Typ-2-Dia­betikerin – der Diabetes wurde an ihrem 50. Geburtstag entdeckt. Sie geht alle 3 Monate zum Hausarzt. Ihren Blutzucker hat sie bisher nie selbst gemessen.
Seit etwa einer Woche hat sie einen Harnwegsinfekt, den sie aber auf keinen Fall mit Antibiotika behandeln möchte – trotz leicht erhöhter Temperatur (38 °C).

Bei vermeintlich leichten Entzündungen wie dieser bevorzugt Petra H. Blasentee – seit einigen Tagen trinkt sie davon bis zu 4 Liter täglich und muss deshalb auch 6- bis 8-mal am Tag Wasser lassen. Als sie aber kaum mehr von der Toilette kommt, immer mehr Durst hat und sich immer häufiger „komisch“ fühlt, ruft sie den Hausarzt an. Der misst neben ihrem Blutdruck auch den Blutzucker – und ist erschrocken: „Nicht messbar“ steht auf dem Gerät!

Eine Laborkontrolle bestätigt den Befund. Der Hausarzt, dem die Patientin etwas verwirrt vorkommt, schickt sie mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus. Dort sagt man ihr nach einigen Tagen, dass sie Glück gehabt habe. Mit einem diabetischen Koma sei nicht zu spaßen – ihr Blutzucker habe bei der Einweisung 650 mg/dl (36,1 mmol/l) betragen. Jetzt, nach 4 Wochen zu Hause, geht es ihr wieder gut. Sie ist zur Diabetesschulung angemeldet und auch bereit, das Blutzuckermessen zu lernen.

Ein hyperosmolares Koma, also ein Koma durch extrem hohe Blutzuckerwerte mit Austrocknung des Körpers, tritt bei Menschen mit Typ-2-Diabetes im Gegensatz zum Koma bei Menschen mit Typ-1-Diabetes (ketoazidotisches Koma) erst bei sehr hohen Blutzuckerwerten von über 600 bis 1 000 mg/dl (33,3 bis 55,6 mmol/l) auf. Ursache ist vor allem der massive Flüssigkeitsverlust von meist mehreren Litern pro Tag.

Warum ist das so? Bei Typ-1-Diabetes kann ein ketoazidotisches Koma schon bei relativ gering überhöhten Blutzuckerwerten von z. B. 250 mg/dl (13,9 mmol/l) auftreten und beruht dann auf einem absoluten Insulinmangel. Sehr hohe Blutzuckerwerte bei Menschen mit Typ-2-Diabetes entstehen hingegen dann, wenn der Blutzuckeranstieg meist langsam über Tage oder Wochen erfolgt und gar nicht bemerkt wird, weil die Betroffenen ihren Blutzucker nicht selbst testen.

Weil Typ-2-Diabetiker, je nach Krankheitsdauer, in geringem Maß noch Insulin produzieren, entsteht ein hyperosmolares Koma. Die Entwicklung einer Ketoazidose (Übersäuerung des Blutes) wird durch das Insulin verhindert. Grund ist, dass Insulin den Fettabbau bremst, sodass üblicherweise keine Ketonkörper entstehen, die ein Zeichen für eine Übersäuerung des Blutes sind – selbst bei Blutzuckerwerten von 800 mg/dl (44,4 mmol/l) oder 1000 mg/dl (55,6 mmol/l)!

Je höher die Blutzuckerwerte steigen, desto stärker wird die Insulinresistenz. So wird der Zucker aus dem Blut immer schlechter verwertet, gleichzeitig wird oft ungezügelt Zucker aus den Vorräten der Leber abgegeben. Beim Gesunden wird die Zuckerabgabe aus der Leber durch Insulin kontrolliert; bei Menschen mit Typ-2-Diabetes ist jedoch zu wenig Insulin vorhanden bzw. die Insulinwirkung ist nicht mehr ausreichend. Zudem überwiegt der „Gegenspieler“ des Insulins, das Hormon Glukagon, und veranlasst die Leber zu einer vermehrten Zucker­abgabe.

Auslöser des hyperosmolaren ­Komas oder: Warum gerade jetzt?

Auslöser sind oft vermeintlich harm­lose Infektionen:

  • Harnwegsinfektionen,
  • Bronchitis,
  • Magen-Darm-Erkrankungen.

Aber auch Medikamente, die wegen anderer Erkrankungen vorübergehend eingesetzt werden müssen, können Auslöser sein, z. B.:

  • Entwässerungstabletten (Diuretika) bei Herzschwäche (Herzinsuffizienz),
  • entzündungshemmende Medikamente (z. B. Kortison) bei Rheuma, Asth­ma­schub, Hauterkrankungen etc.

Wie macht sich das hyperosmolare Koma bemerkbar?

Am Anfang stehen mit dem Anstieg des Blutzuckers und der damit verbundenen vermehrten Ausscheidung von Zucker im Urin das vermehrte Wasserlassen und der Durst. Der Zucker wird mit dem Urin ausgeschieden, weil diese Menge für den Körper einen Überschuss darstellt.

Die Grenze, ab der die Niere den Zucker­über­schuss in den Urin abgibt, wird als Nierenschwelle bezeichnet und liegt bei Erwachsenen bei etwa 180 mg/dl (10,0 mmol/l). Mit dem Zucker wird gleichzeitig vermehrt Wasser ausgeschieden. Manche Menschen trinken in dieser Situation bis zu 8 Liter Flüssigkeit pro Tag oder noch mehr, um den Flüssigkeitsverlust über den Urin auszugleichen.

Zu einer Übersäuerung des Blutes kommt es in der Regel nicht – meist sind keine Ketonkörper als Anzeichen dafür nachweisbar. Durch den zunehmenden Flüssigkeitsverlust und durch die Verschiebung wichtiger Blut­salze (v. a. des Kaliums) treten andere Symptome bzw. Gefahren auf, u. a.:

  • zunehmender Durst und häufiges Wasserlassen,
  • trockene Haut,
  • manchmal Muskelkrämpfe,
  • rotes, heißes Gesicht,
  • Müdigkeit,
  • Sehstörungen durch die Flüssigkeitsverschiebungen,
  • Schwindel (aufgrund von niedrigem Blutdruck durch Volumenmangel),
  • zunehmende Verwirrtheit, Schläfrigkeit, Desorientiertheit,
  • evtl. Nierenversagen,
  • erhöhte Thrombose-Gefahr.

Welche Therapie ist nun nötig?

Das hyperosmolare Koma ist ein absoluter medizinischer Notfall – Betroffene müssen sofort ins Krankenhaus eingewiesen werden, vor allem wegen des extremen Flüssigkeitsverlustes und der Blutsalzverschiebungen. In der Klinik werden Flüssigkeit und Insulin über einen Katheter gegeben, um den Verlust an Flüssigkeit auszugleichen und die Konzentrationen der Blutsalze zu normalisieren.

Die Blutsalz- und Wasserverschiebungen in Gehirn und Rückenmark benötigen in der Regel mehrere Tage, bis sie sich wieder völlig normalisiert haben. Senkt man den Blutzucker zu schnell, kann ein Hirnödem (Wasseransammlung im Gehirn) entstehen. Die Folgen: der Hirndruck steigt und die Atmung wird beeinträchtigt – dies kann zum Tod führen.

Insbesondere das Kalium spielt eine entscheidende Rolle: Unter der Behandlung mit Insulin geht der Zucker aus dem Blut wieder in die Körperzellen. Dabei wird auch viel Kalium aus dem Blut in die Zellen mitgenommen – der Kaliumspiegel im Blut sinkt. Das muss kontinuierlich ausgeglichen werden, da sonst Herzrhythmusstörungen und sogar ein Herzstillstand drohen.

Wichtig zu wissen

Regelmäßige Blut- bzw. Gewebezucker­messungen, insbesondere während fieberhafter Erkrankungen, sind für Typ-2-Diabetiker der sicherste Weg, ein hyperosmolares Koma zu verhindern – gerade weil es sich langsam entwickelt. Es ist also sinnvoll, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes – auch im Alter, wenn sie dazu noch in der Lage sind – lernen, Blut- bzw. Gewebezucker selbst zu messen.

Nach der Behandlung eines hyperosmolaren Komas in der Klinik kann es manchmal sinnvoll sein, zusätzlich zu den blutzuckersenkenden Tabletten weiterhin Insulin zu spritzen. Dies ist auch für ältere Menschen mit Typ-2-Diabetes nach einer Schulung meist kein Problem. Bedenken Sie: Sie kommen so sicherer und selbstständiger durchs Leben! Und noch einmal zur Erinnerung: Wenden Sie sich bei Beschwerden bzw. Symptomen, die auf ein herannahendes hyperosmolares Koma hindeuten, rechtzeitig an Ihren behandelnden Arzt.


Autor:

Dr. Gerhard-W. Schmeisl
Internist, Angiologe, Diabetologe und Sozialmediziner
ehem. Lehrbeauftragter der Universität Würzburg und Chefarzt Deegenbergklinik
PrivAS Privatambulanz (Schulung)

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (6) Seite 32-34

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  • Hallo Philipa,
    beim Umstieg auf eine Pumpe musst du als Mensch fast genauso viele Entscheidungen treffen wie bei der ICT. Schätzfehler bleiben also. Du kannst aber die Basalrate individuell einstellen, z.B. In den frühen Morgenstunden mehr Insulin zuführen. Auch bei körperlichen Anstrengungen kannst du die Basalrate für eine Zeit stoppen, das morgens oder abends gespritzte Basalinsulin wirkt dagegen weiter. Auch bei Schätzfehlern und ansteigendem Zuckerwert kannst du einfach mit dem Drücken von Knöpfen o.ä. Insulin geben. Je nach Situation würdest du keine Spritze rausholen. Bei mir haben sich damals vor 12 Jahren beim Umstieg auf die Pumpe vor allem die Spitzen oben und unten verringert, die mein Doc damals immer als zu viel und zu groß angesehen hat. Der HbA1c, der damals entscheidende Wert, hat sich bei mir nur minimal verbessert. GMI und TIR gab es damals noch nicht, jedenfalls nicht für Patienten. Beim Umstieg auf AID haben sich bei mir GMI und TIR verbessert. Aber “automatisch” funktioniert das auch nur begrenzt. Wenn du z.B. Sport machst, kann ein AID-System die Insulinzufuhr maximal auf Null setzen, aber Zucker kann dir Pumpe auch nicht zuführen.
    Aber meine Meinung: Der Umstieg von ICT auf Pumpe war für mich eine sehr gute Entscheidung würde ich immer wieder so machen.
    Viel Erfolg
    Thomas

  • philipa postete ein Update vor 6 Tagen, 16 Stunden

    Hallo zusammen,
    Ich bin neu hier und wollte fragen ob sich euer GMI Wert gebessert hat nachdem ihr eine Pumpe bekommen habt?

    • Hallo philipa,
      Nein, mein GMI nicht, aber meine “Time in happyness” 🙂
      Aber das hängt von der individuellen Situation ab.
      Bei mir war die Umstellung z.B. damit verbunden, dass ich mehr Flexibilität im Alltag zulassen konnte.
      Bei vielen anderen fällt die “Sorge” um nächtliche Blutzuckerverläufe weg.
      Aber es gibt auch viele Menschen da draußen, die ihr Leben super mit ICT “rocken”. 🙂
      Beste Grüße

  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Wochen

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

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