Gibt es Alternativen zur Amputation?

5 Minuten

Gibt es Alternativen zur Amputation?

Unser Autor Dr. Karl Zink sagt: Man sollte besser fragen, wo es keine Alternativen gibt zur Amputation. Anhand sehr klarer Beispiele nennt er die Risiken und Chancen der konservativen Fußwundenbehandlung mit Wundversorgung, Antibiotika-Therapie etc.

Amputationen sind meist das Ende einer langen Leidenszeit des betroffenen Patienten. Ca. 53.000 Menschen mit Diabetes müssen sich jährlich einer Amputation unterziehen (Stand 2010). 15.000 dieser Amputationen sind Majoramputationen: Diese Menschen verlieren ihr Bein im Bereich des Unterschenkels, Oberschenkels oder im Kniegelenk. Die anderen 38.000 Amputationen sind Minoramputationen – hier bleibt die Amputation auf die Füße beschränkt, überwiegend sind es Zehenamputationen (28.000).

“Armstrong”: viele Beispiele

Fußwunden beim Diabetischen Fußsyndrom können nach der Armstrong-Klassifikation eingeteilt werden (s. Tab. 1): In der Waagerechten wird die Wundtiefe dargestellt, in der Senkrechten wird beschrieben, ob eine Durchblutungsstörung oder eine Infektion oder gar beides vorliegt.

Wie zu vermuten ist, nimmt das Amputationsrisiko zu, je weiter man nach rechts und je weiter man nach unten geht. In der unteren rechten Ecke beträgt die Amputationswahrscheinlichkeit 100 Prozent. Die Möglichkeiten, die zur Behandlung beim Diabetischen Fußsyndrom bestehen, lassen sich am besten anhand von Fallbeispielen erläutern.

Beispiel 1 (roter Bereich)

Wenn man fragt, ob es Alternativen zur Amputation gibt, ist es einfacher, sich die Frage zu stellen, wo es keine Alternativen gibt – also, wie die Mediziner sagen, wo die Indikation zur Amputation sicher gegeben ist.

Hier sind in erster Linie schwerwiegende, nicht weiter behandelbare Durchblutungsstörungen zu nennen, die zum Gewebeuntergang geführt haben und wodurch Ruheschmerzen bestehen, die auch durch starke Schmerzmittel nicht mehr ausreichend gelindert werden können. Der mögliche Fußbefund reicht hier von kleineren, nicht mehr heilenden Geschwüren bis zu abgestorbenen, mittlerweile schwarzen Gewebeteilen – Nekrosen einzelner Zehen oder ganzer Fußteile.

Beispiel 2 (roter Bereich)

Als nächstes sind Situationen zu nennen, bei denen sich auf eine bestehende, meist chronische Wunde eine Infektion aufgesetzt hat. Die Infektion breitet sich dann im Fuß in tiefere Gewebeschichten aus, die Bakterien zersetzen und verflüssigen das Gewebe; dies allein führt schon zum Gewebeuntergang.

Weiter kommt es dann noch durch die Entzündungsreaktion zu Gefäßverschlüssen, und es bilden sich dadurch ebenfalls Nekrosen aus. Das Krankheitsbild, das dadurch entsteht, nennt man eine feuchte Gangrän. In diesem Fall muss amputiert werden, um die Ausbreitung der Infektion zu stoppen und um das unwiederbringlich zerstörte Gewebe zu entfernen.

Beispiel 3 (grüner Bereich)

Ebenfalls klar sind eigentlich die Situationen, in denen keine Amputation erforderlich ist. Dies sind Wunden, die keine tieferliegenden Fußstrukturen erreichen und bei denen auch keine höhergradige Durchblutungsstörung besteht. Hier kann meist eine Abheilung erreicht werden. Wichtig ist bei diesen Wunden, dass sie schnell zur Abheilung gebracht werden und nicht chronifizieren. Auch bei einer oberflächlichen Wunde besteht jederzeit das Risiko einer Infektion und damit die Ausbildung einer feuchten Gangrän – der Patient rutscht sehr schnell in die Beispielgruppe 2.

Die Entwicklung einer chronischen Wunde kann mehrere Ursachen haben:

  1. Durchblutungsstörung: Es kann eine Durchblutungsstörung bestehen, die die Abheilung der Wunde beeinträchtigt. Deswegen muss immer eine Durchblutungsstörung ausgeschlossen werden.
  2. mangelnde Druckentlastung: Bei den neuropathischen Fußwunden handelt es sich meistens um Druckschädigungen durch zu enges Schuhwerk, aber manchmal auch durch inneren Druck, der durch Fußverformungen oder durch Langzeitfolgen der Neuropathie entstanden ist.

Zum Ausschluss einer Durchblutungsstörung müssen die Pulse getastet und der Blutdruck am Knöchel oder an den Zehen gemessen werden. Als Nächstes können über eine Farbdoppleruntersuchung das Ausmaß und die Lokalisation der Engstellen und Verschlüsse festgestellt werden. Als erfahrener Untersucher bekommt man so schon eine gute Einschätzung, ob die Durchblutung ausreichend ist oder ob eine Aufdehnung der Arterien oder eine Anlage eines Bypasses erforderlich ist.

Zur Druckentlastung müssen bei bestehenden Wunden entsprechende Entlastungsschuhe getragen werden oder Verbandschuhe, Fertigorthesen oder extra gebaute Orthesen. Leider ist die Tragezeit der Entlastungshilfsmittel bei vielen Patienten unzureichend und damit der Heilungsfortschritt oft nicht gegeben. Deswegen ist das Eingipsen des Beines mit einem Total-Contact-Cast (TCC) sehr effektiv, da dieses Hilfsmittel vom Patienten selbst nicht ausgezogen werden kann.

Ein weiterer Weg, der zunehmend von kompetenten Fußchirurgen beschritten wird, ist die operative Korrektur von Fehlbelastungen, die durch verkürzte Sehnen hervorgerufen werden. Hier sind Wunden an den Zehenkuppen zu nennen, die durch eine Durchtrennung der langen Beugesehne rasch zur Abheilung gebracht werden können.

Auch die Verlängerung der Strecksehne der Großzehe ist möglich, um den Druck auf das Mittelfußköpfchen des Großzehenballens zu verringern, damit hier die Wunde abheilen kann. Leider werden solche Eingriffe zu selten in Betracht gezogen, da Wundheilungsstörungen befürchtet werden. Wenn man vorher die Durchblutungssituation abklärt und dann den Sensibilitätsverlust beachtet, sind diese Operationen auch bei Patienten mit Diabetes mit Erfolg möglich.

Beispiel 4 (oranger Bereich):

Ein Patient kommt mit einer tiefen Wunde, Knochen liegt in der Wunde frei sichtbar, es fließt schon Eiter aus der Wunde, die Wundumgebung ist gerötet, das Röntgenbild zeigt einen durch die Knocheninfektion teilweise zerstörten Knochen.

Mit den Fußwunden, die infiziert sind, ist es wie mit den Eisbergen: Nur ⅒ sind über Wasser sichtbar, die restlichen ⁹⁄₁₀ sind unter Wasser und nicht sichtbar. Der Patient sieht hier häufig nur eine kleine, z. B. 1 cm große Wunde an der Fußsohle – der Großteil des infizierten Gewebes reicht weit in den Fuß hinein und ist von außen nicht sichtbar. In diesem Fall gibt es zwei Behandlungsmöglichkeiten: die konservative Behandlung mit Druckentlastung und Gabe von Antibiotika oder die Amputation bzw. Entfernung des erkrankten Knochens.

Die Wahrscheinlichkeit der Abheilung ohne Amputation ist eher niedrig und birgt das Risiko der weiteren Ausbreitung der Infektion. Eventuell muss dann später mehr amputiert werden als zum jetzigen Zeitpunkt. Der sicherere Weg wäre hier die Amputation, führt aber dann zum Verlust eines Teils des Fußes.

Beispiel 5 (blaue Bereiche):

Hier kann man erkennen, dass die Amputationswahrscheinlichkeit deutlich geringer ist, aber eben auch nicht null. Hier müssen alle Maßnahmen ergriffen werden, um die Wunde zur Abheilung zu bringen. Diese Maßnahmen wären:

Optimale Druckentlastung

Eine optimale Druckentlastung ist erreichbar durch Eingipsen. Auch fertige industrielle Orthesen und individuelle Orthesen machen eine hervorragende Druckentlastung, wenn sie optimal angepasst und dauerhaft getragen werden. Unterstützt werden kann das durch gut angebrachte Polsterungen direkt am Fuß. Etwas schlechter sind Verbandschuhe mit Polstereinlagen, abzulehnen sind die Entlastungsschuhe, die Kanten aufweisen oder sogar nicht bestimmungsgemäß gebraucht werden, z. B. Vorfußentlastungsschuhe bei Geschwüren im Mittelfußbereich.

Durchblutungssituation falls nötig optimieren

Zunächst sollte die Durchblutungssituation durch eine Ultraschalluntersuchung festgestellt werden. Bei nicht ausreichender Durchblutung sind geeignet eine Ballondilatation oder, falls dies nicht gelingt, die Anlage eines Bypasses zur Wiederherstellung der Durchblutung.

Optimale Wundbehandlung

Die Wunde muss behandelt werden mit regelmäßigem Ausschneiden der Wundränder und Anfrischen des Wundgrundes. Die Wundbehandlung muss feucht erfolgen.

Gabe von Antibiotika

Je nach Entzündungsgrad und infizierten Strukturen erhält der Patient eine Antibiose.

Nun: Gerade bei den tieferen Wunden muss dem Patienten immer klar sein, dass ein Zuwarten jederzeit die Wundsituation durch eine Infektion verschlechtern kann.

Warten verschlechtert alles

Dies lässt sich auch durch beste Verbandstechnik und beste Wundbehandlung nicht sicher vermeiden. Der Gedanke, man könne eine aufkommende Infektion schon rechtzeitig bemerken, trügt, da dasFrühwarnsymptom Schmerz fehlt bei einer Polyneuropathie. Wenn der Patient mit Polyneuropathie Schmerzen bekommt, ist dies meist ein Zeichen einer weit fortgeschrittenen, tiefen Fußinfektion. Manche Bakterienarten, z. B. Streptokokken, schaffen es, innerhalb weniger Stunden große Gewebeteile unwiederbringlich zu zerstören. Wer sich dann dennoch für die konservative Therapie entscheidet, muss dieses Infektionsrisiko mit allen nachteiligen Folgen immer mittragen.

Auch zu bedenken ist, dass die Antibiotika-Therapie bei zu behandelnden Knocheninfektionen sehr lange aufrechterhalten werden muss – oft über 4 bis 8 Wochen. Dies kann zum Heranzüchten multiresistenter Erreger führen. Längerfristige Antibiotika-Gaben können Auswirkungen auf den Magen-Darm-Trakt haben: von Übelkeit über Durchfälle bis hin zu gefährlichen Dickdarmentzündungen durch Überwucherung des Darmes durch giftstoffbildende Bakterienstämme (Clostridium difficile).

Kompetente Experten finden

Deswegen ist alles daranzusetzen, Wunden durch die obigen Maßnahmen schnell zur Abheilung zu bringen. Manchmal ist es auch möglich und erforderlich, einen kleinen chirurgischen Eingriff vorzunehmen, um das Ziel der Wundfreiheit zu erreichen. Kompetente Ansprechpartner für die Behandlung diabetischer Fußwunden finden Patienten auf der Internetseite der AG Fuß in der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Hier werden Ärzte und Patienten gemeinsam die erforderlichen und möglichen Therapien diskutieren und die Patienten auch in dem eingeschlagenen Behandlungsweg betreuen.


Schwerpunkt Diabetischer Fuß

von Dr. Karl Zink | Oberarzt
Diabetes Klinik Bad Mergentheim, Theodor-Klotzbücher-Straße 12, 97980 Bad Mergentheim, E-Mail: fuss@diabetes-zentrum.de

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2015; 64 (2) Seite 22-25

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Tischtennisturnier für Menschen mit Diabetes: Jetzt Anmelden für den DiaCup 2026 im Juni in Düsseldorf

Der DiaCup 2026 bringt im Juni erneut Menschen mit Diabetes zu einem Tischtennisturnier in Düsseldorf zusammen. Im Trainingszentrum von Borussia Düsseldorf stehen Bewegung, gemeinsames Erleben und Austausch im Mittelpunkt. Die Anmeldung läuft bis zum 5. Juni.
Tischtennisturnier für Menschen mit Diabetes: Jetzt Anmelden für den DiaCup 2026 im Juni in Düsseldorf | Foto: DiaCup/DDZ

2 Minuten

Vorstoß bei der Zuckersteuer: Frische Brise aus dem Norden

Einige Zeit war es ruhig um die Zuckersteuer. Nun hat sich die CDU-geführte Landesregierung Schleswig-Holsteins der Sache verschrieben und einen Vorstoß gemacht. Die Argumente sind bekannt: Zu starker Zuckerkonsum verursacht erhebliche gesundheitliche Probleme und auch enorme gesellschaftliche Kosten.
Vorstoß bei der Zuckersteuer: Frische Brise aus dem Norden | Foto: anaumenko - stock.adobe.com

3 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • moira postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 2 Wochen, 3 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 1 Tag

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

Verbände