Heikles Thema: Stuhltransplantation

3 Minuten

Heikles Thema: Stuhltransplantation

Das Darmmikrobiom ist die Summe aller mikroskopisch kleinen Bewohner, die den Verdauungstrakt vom Mund bis zum After besiedeln. Im Artikel geht es um die “Stuhltransplantation”: Sie wird bei nur einer einzigen Erkrankung durchgeführt, ist da aber absolut erfolgreich.

Das Darmmikrobiom ist deutlich mehr als eine Hilfstruppe von Einzellern beim Zerlegen der Nahrung in verwertbare Komponenten: Es ist ein Schlüssel zum Verständnis für das Auftreten von Autoimmunerkrankungen, steuert mit, ob und wann wir übergewichtig werden und womöglich an Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen erkranken, und bestimmt, ob wir einzelne Medikamente nicht vertragen.

Gerät das fein austarierte Gleichgewicht zwischen den mehreren tausend Spezies aus der Balance, drohen chronische Entzündungen des Darms und anderer innerer Organe – und auch das psychische Wohlbefinden kann erheblich beeinflusst werden.

Die Mechanismen sind nur zum Teil entschlüsselt. Allen gemeinsam ist der Einfluss eines gestörten Darmmikrobioms auf die Barrierefunktion der Schleimhaut: Ist diese verändert, gelangen unkontrolliert Substanzen in die Blutbahn, die an hochspezialisierten Zellen einzelner Organe Funktionsstörungen wie eine Entzündungsreaktion hervorrufen können.

Bereits eine einwöchige Einnahme eines Antibiotikums ändert die Zusammensetzung und Aktivität der Darmflora dramatisch:

Antibiotika greifen das Mikrobiom an

Dutzende Spezies verschwinden, andere nehmen ihren Platz ein. 88 Prozent der rund 2 000 üblicherweise im Stuhl nachweisbaren Metaboliten (das ist sozusagen ein Fingerabdruck der gesamten Bioaktivität aller Bakterienpopulationen) erscheinen in veränderten Konzentrationen. In diesem Umfeld kann es vorkommen, dass ungünstige Bakterien die Oberhand gewinnen.

Etwa einer von 20 Menschenträgt den Darmkeim Clostridium difficile in sich, der meist ein Schattendasein führt und weder Symptome verursacht noch sich ausbreitet. Die anderen Darmbakterien halten ihn in Schach. Wird die natürliche Darmflora aber aus ihrer Balance gebracht – etwa durch eine Antibiotikatherapie –, nutzt der Keim gern die Chance und breitet sich aus.

Die Clostridien können sehr hartnäckig sein: Bei rund jedem 10. Betroffenen behält die körpereigene Darmflora nicht mehr die Oberhand, und fast alle gängigen Antibiotika sind gegen den Keim wirkungslos.

Bei der antibiotikaassoziierten Dickdarmentzündung (Kolitis) kann sich Clostridium difficile ungehemmt vermehren. Die Bakterien produzieren Gifte (Toxine), die zu einer Entzündung der Darmschleimhaut und zu schweren, blutigen Durchfällen führen. Die übliche Therapie ist wiederum die Gabe spezieller Antibiotika, die gezielt das Clostridium-Bakterium bekämpfen. Bei etwa einem Fünftel der Patienten kommt es zu einem Rückfall, entweder durch Neubesiedelung oder durch inkomplette Eliminierung des Bakteriums.

Im Zweifel eine “Stuhltransplantation”

In diesen Fällen hat sich die Stuhltransplantation als äußerst erfolgreicher Eingriff und schnell wirksame Therapie gezeigt – man nennt sie auch fäkale Bakteriotherapie oder schöner ausgedrückt eine Mikrobiota-Transplantation. Darunter versteht man die Übertragung des kompletten Mikrobioms von einer gesunden Person auf einen Patienten. Dabei wird der Stuhl eines gesunden Spenders in den Darm einer erkrankten Person übertragen. Dieser Vorgang hat zum Ziel, wieder eine normale Darmflora aufzubauen.

Praktisches Vorgehen

Am Tag der Transplantation bringt der Spender eine frische Stuhlprobe (50 bis 200 g) in die Klinik. Diese wird aufbereitet und in Lösung gebracht. Der Empfänger erhält eine Darmspülung. Danach wird ihm der fremde Stuhl mit einem Instrument zur Dickdarmspiegelung, einem Koloskop, oder alternativ über eine Sonde, die durch die Nase bis zum Dünndarm reicht (nasoduodenale Sonde) infundiert.

Das Therapieansprechen nach einmaliger Stuhltransplantation bei Patienten mit Clostridium-difficile-Infektion ist sehr schnell und dauerhaft. Dies scheint insbesondere auf die schnelle Erneuerung der Darmflora mit einer Stuhlgabe, die ein ausgewogenes Verhältnis krankmachender Bakterien zu gesunden, verdauungsfördernden und das Immunsystem stimulierenden Mikroben enthält, zurückzuführen zu sein. Es kommt zu einer Wiederbesiedlung mit balancierter Darmflora. 95 Prozent der Patienten können damit geheilt werden.

Basierend auf der aktuellen Datenlage, bei der Patienten mit wiederauftretenden bzw. sich anschließenden Clostridium-difficile-Infektionen behandelt wurden, sollte das genannte Verfahren vorwiegend bei diesen Patienten als Therapieoption angewendet werden. Sowohl Spender als auch Empfänger müssen vor der Übertragung umfangreich untersucht werden. In unserer Klinik bevorzugen wir Verwandte oder im selben Haushalt lebende gesunde Personen ohne chronische Erkrankungen. Durchfallepisoden oder antibiotische Behandlungen in den letzten sechs Monaten sind Ausschlusskriterien.

Tests bei einer Reihe weiterer Erkrankungen

Die Stuhltransplantation wird bei einer Reihe weiterer Erkrankungen getestet, nicht nur bei Reizdarm, sondern auch bei chronischer Verstopfung, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und sogar beim Metabolischen Syndrom. Möglicherweise stellt die Stuhlübertragung in Zukunft sogar eine Therapie bei Adipositas (krankhaftem Übergewicht) und Typ-1- sowie Typ-2-Diabetes dar.

Man geht davon aus, dass bestimmte Bakterien in der Bauchspeicheldrüse eine lokale Entzündung verursachen können, die dann den Autoimmunprozess in Gang setzt und letztlich zur Zerstörung der Betazellen führt. Der Einsatz bei diesen Erkrankungen sollte allerdings nur in Studien erfolgen.


Schwerpunkt. Die Bedeutung des Darms

von Priv.-Doz. Dr. Erhard Siegel
Ärztlicher Direktor St. Josefskrankenhaus
Abt. Gastroenterologie, Diabetologie und Stoffwechsel
Landhausstraße 25, 69115 Heidelberg

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2017; 66 (3) Seite 26-27

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Vorschau auf den Dexcom G8: Was über den nächsten CGM-Sensor des Unternehmens bekannt ist
Das Diabetes-Technologie-Unternehmen Dexcom hat gegenüber Investoren seinen nächsten Sensor für die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) vorgestellt: Der G8 soll kleiner, genauer und technologisch grundlegend neu sein. Ein Marktstart ist frühestens Ende 2027 geplant. Wir geben hier eine kleine Vorschau auf das Produkt.
Vorschau auf den Dexcom G8: Was über den nächsten CGM-Sensor des Unternehmens bekannt ist | Foto: Dexcom / MedTriX

3 Minuten

Neues Kochbuch mit rund 100 Rezepten: Blutzuckerfreundlich kochen und genießen – ohne Verzicht und Spezialzutaten
Ernährungs-Expertin Kirsten Metternich von Wolff zeigt in ihrem neuen Kochbuch „Blutzuckerfreundlich genießen – Rezepte für ein gesundes Leben“, wie eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung gelingt. Mit rund 100 Rezepten, aber ohne Verzicht oder Spezialzutaten, sondern mit gängigen Produkten aus dem Supermarkt
Neues Kochbuch mit rund 100 Rezepten: Blutzuckerfreundlich kochen und genießen – ohne Verzicht und Spezialzutaten | Foto: MedTriX / tarapatta – stock.adobe.com

4 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/

  • tako111 postete ein Update vor 10 Stunden, 56 Minuten

    Ich habe Ihr Heft 1-2/2026 leider erst jetzt in die Hände bekommen und war über den Bericht auf Seite 14 „Spritzen, aber kein Insulin“ schon verwundert. Zwar nennen Sie einige mögliche Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen, jedoch fehlt ein Hinweis auf eine besonders schwerwiegende Komplikation: die Gefahr einer Schädigung des Sehnervs beziehungsweise anderer Augenstrukturen. Nach meinem Kenntnisstand kann diese Nebenwirkung unter Umständen nicht mehr reversibel sein.

    Ich würde mir wünschen, dass Sie bei künftigen Berichten auch auf solche Risiken eingehen und diese entsprechend berücksichtigen. Auffällig ist zudem, dass in Ihrem Heft häufig über Menschen mit Diabetes Typ 1 berichtet wird, während der Diabetes Typ 2 deutlich weniger Beachtung findet. Darüber hinaus entsteht der Eindruck, dass die entsprechenden Spritzenmedikamente bei Typ-2-Diabetes oftmals in einem überwiegend positiven Licht dargestellt werden, ja geradezu für den Typ 2 gegenüber beispielsweise Metformin, präferiert werden.

  • moira postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen

    Hallo! Ich fahre in den Ferien nach Paris und möchte gerne auf den Eiffelturm steigen. Mein Mann macht sich deshalb große Sorgen, weil die Treppe schon sehr lang ist.
    War jemand schon mal dort und hat den einen oder anderen Tipp?

Verbände