- Behandlung
Laubers Kolumne: Metformin kann Leben verlängern
6 Minuten
Längst nicht ausgereizt sind die Einsatzmöglichkeiten von Metformin, dem „Arbeitspferd“ der medikamentösen Diabetes-Therapie. Hans Lauber spricht darüber mit dem Diabetologen Prof. Dr. med. Morten Schütt
Prof. Dr. med. Morten Schütt ist Bereichsleiter Diabetes & Stoffwechsel am Universitätsklinikum Schleswig Holstein, Campus Lübeck. Der 48-jährige war wesentlich beteiligt an einem Bericht zum Stand der Diabetes-Erkrankungen und präventiven Maßnahmen zur Eindämmung der ausufernden Epidemie in Schleswig Holstein. Seit drei Jahren findet auf seine Initiative jeweils zum Weltdiabetestag in Lübeck eine hochkarätig besetzte Veranstaltung statt, die zum Ziel hat, Menschen mit und ohne Diabetes zu einem gesunden Lebensstil zu motivieren und Eigenverantwortung zu übernehmen.
Als „Arbeitspferd“ der Diabetologie gilt das zu den sogenannten Biguaniden zählende Medikament Metformin. Es setzt vor allem da an, wo es die Diabetiker am stärksten brauchen: Es lässt das Insulin wieder besser wirken, bekämpft also die Insulinresistenz. Außerdem hemmt Metformin die Neubildung von Glukose in der Leber und verzögert die Aufnahme von Kohlenhydraten im Darm. Mit Prof. Schütt spreche ich darüber, welche Einsatzmöglichkeiten dieses relativ preiswerte und nebenwirkungsarme Medikament hat – und welche Perspektiven sich für die Zukunft ergeben. Das Gespräch erscheint in meiner Reihe Lauber´s DiabDialog, wo ich wichtige Diabetes-Themen für einen kritischen Dialog aufbereite.
Engagiert sich für Prävention: Prof. Morten Schütt
Hans Lauber: Warum ist Metformin so einzigartig in der Diabetes-Therapie?
Prof. Schütt: Metformin ist das erste zugelassene orale Antidiabetikum, es besteht somit eine jahrzehntelange Erfahrung bezüglich von Wirkung und Nebenwirkung, vor allem auch bezüglich der Sicherheit. Zudem ist es relativ kostengünstig und zumeist etwas preiswerter als die häufig verordneten Sulfonylharnstoffe, die im Gegensatz zum Metformin ein hohes Risiko für gefährliche Unterzuckerungen haben und eine Gewichtszunahme begünstigen.
Mittlerweile gibt es eindeutige Daten für eine verminderte Sterblichkeit durch Herzinfarkte unter Metformin. Zudem wurde in diversen Beobachtungsstudien eine verlängerte Lebensdauer von Menschen mit Diabetes, die Metformin einnehmen, festgestellt. Hochinteressant sind aktuelle Daten, die Metformin mit einem reduzierten Krebsrisiko, das bei Menschen mit Typ 2 Diabetes erhöht ist, in Verbindung bringen. Metformin wird weltweit in sämtlichen Leitlinien als erstes Antidiabetikum zur medikamentösen Therapie des Typ 2 Diabetes aufgeführt.
Was schätzen Sie besonders an dem Medikament?
Dass es ganz hervorragend die eigenen Anstrengungen der Patienten unterstützt! Eine zeitgemäße Diabetestherapie sollte eine Blutzuckersenkung ohne ein erhöhtes Risiko für Unterzuckerungen und eine Gewichtszunahme ermöglichen. Metformin weist dieses ideale Wirkprofil auf und ist somit der optimale Kombinationspartner für Lebensstilinterventionen, da sich die Effekte gegenseitig verstärken können.
Obwohl Metformin seit Jahrzehnten in der Diabetestherapie etabliert ist, lernen wir immer neue vorteilhafte Wirkmechanismen kennen. Metformin dämpft den Appetit und scheint auf das Darmmikrobiom, die Mikroorganismen und deren biologische Funktionen im Magen-Darm-Trakt, einen nachhaltig positiven Effekt zu haben. Weitere positive Effekte, wie beispielsweise auf das Wachstum von Tumorzellen, die Entstehung einer Demenz oder auf wichtige Hormone, die den Glukosestoffwechsel regulieren, werden aktuell untersucht.
Wer braucht das Medikament dringend?
Grundsätzlich ist Metformin für jeden Menschen mit Typ 2 Diabetes sinnvoll. Besonders profitieren Menschen mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle, die Komplikation für Menschen mit Typ 2 Diabetes schlechthin. Bei guter Verträglichkeit, auch in niedriger Dosis, und bei Fehlen von Kontraindikationen (in erster Linie eine eingeschränkte Nierenfunktion), erscheint es fast schon fahrlässig, ein Medikament wie Metformin in der Diabetestherapie zu ignorieren. Es sollte also möglichst zeitnah nach Diagnosestellung, die ohnehin zumeist verspätet erfolgt, eingesetzt werden. Es gilt aber auch für Situationen, in denen die reine blutzuckersenkende Wirkung nicht ausreicht und die Diabetestherapie erweitert werden muss, ohne das Metformin abzusetzen.
Bekämpft Metformin nur den Typ-2-Diabetes?
Generell gilt, dass Metformin allein für die Therapie des Typ 2 Diabetes zugelassen ist. Und dennoch scheinen die Vorteile von Metformin vor allem hinter dem Vorhang Blutzuckersenkung versteckt zu sein. Die wesentlichen Effekte liegen weniger im Vermeiden der Erkrankungen kleiner Gefäße, wie Nieren, Netzhaut und Nerven, was eindeutig mit der Qualität der Blutzuckereinstellung korreliert. Metformin wirkt insbesondere positiv im Bereich der Erkrankungen großer auf das Herz und Hirn-zuführender Gefäße, die in Studien weniger gut von einer alleinigen optimalen Einstellung des Blutzuckers profitieren. Deshalb sollte Metformin auch bei einem scheinbaren Therapieversagen gemessen am HbA1c Wert nicht abgesetzt werden.
Zudem kann die Insulindosis im Rahmen einer Insulintherapie zumeist reduziert werden. Auch eine Gewichtszunahme durch andere Antidiabetika ist durch eine gleichzeitige Gabe von Metformin weniger stark ausgeprägt. Diese Vorteile erscheinen auch bei Menschen mit Typ 1 Diabetes möglich. Hier muss jedoch betont werden, dass Metformin nicht für die Behandlung des Typ 1 Diabetes zugelassen ist und eine Insulintherapie niemals ersetzt, aber Insulin möglicherweise eingespart werden kann.
Hilft es auch beim „modernen“ Double Diabetes?
Eine wichtige Frage: Denn beim sogenannten Double Diabetes könnte Metformin vor einer großen „Karriere“ stehen. Schließlich erzeugt der moderne Lebensstil auch bei immer mehr Typ-1-Diabetikern Anzeichen eines Typ-2-Diabetes, wie beispielsweise Übergewicht und eine eingeschränkte Insulinempfindlichkeit. Dies könnte zugleich auch das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle bei Menschen mit Typ 1 Diabetes erhöhen. Hier können sich die gewichtsreduzierenden und insulineinsparenden Eigenschaften von Metformin positiv bemerkbar machen. Genau so wie die gefäßschützenden Eigenschaften.
Welche Risiken hat das Präparat?
Es bestehen sehr gute Erfahrungen bezüglich der Risiken, die grundsätzlich unter Beachtung der Kontraindikationen sehr gering sind. Die wesentliche Kontraindikation ist eine eingeschränkte Nierenfunktion und damit einhergehend die Laktatazidose. Auch andere Erkrankungen, die zu einer Erhöhung der Laktatkonzentration führen können, sind zu beachten, wie etwa die höhergradige Herz- oder Lungenfunktionsschwäche.
Grundsätzlich ist eine regelmäßige Kontrolle der Nierenwerte wichtig. Dosisabhängig kann es vor allem am Anfang der Behandlung zu Blähungen, möglicherweise auch Durchfall kommen. Deshalb sollte initial immer die niedrigste Einstiegsdosis, möglichst unter häuslichen Bedingungen gewählt werden. Wird eine zu hohe Dosis reduziert, verschwinden die Symptome oft wieder und der Behandlungserfolg bleibt häufig gleichbleibend.
Gibt es neue Einschätzungen der Risiken?
Ja, die gibt es ganz aktuell. Denn die Deutsche Diabetes Gesellschaft kommt auf Basis einer Änderung der Fachinformation des Metforminpräparates Glucophage® zu der Einschätzung, dass Metformin auch bei Menschen mit mäßiger Nierenfunktionsstörung (sogenannte glomeruläre Filtrationsrate im Bereich 45 bis 59 ml/min) eingesetzt werden kann. In einer solchen Situation sollte die Metformindosis auf maximal 1000 mg/Tag (zum Beispiel 2 mal 500 mg) reduziert werden. Zudem sollte die Nierenfunktion alle drei bis sechs Monate überprüft werden.
Was können wir in Zukunft noch erwarten?
Im Sinne der Prävention eines manifesten Diabetes, aber auch zur Behandlung des metabolischen Syndroms, was per se mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle einhergeht, könnte in Zukunft Metformin auch bei Vorstufen des Typ 2 Diabetes, dem Prä-Diabetes, eingesetzt werden. Wichtig wäre es, dass im Vordergrund weiterhin eine Änderung des Lebensstils steht und Metformin den Erfolg unterstützt. Untersucht wird auch ein Zusammenhang des Effektes von Metformin auf den Erfolg von Chemotherapien. Auf jeden Fall zeigt sich, dass dieser Klassiker der Antidiabetika noch für viele positive Überraschungen gut sein kann.
Aus der Volksmedizin heraus entwickelt wurden die Biguanide. Denn sie sind chemisch verwandt mit dem Alkaloid Galegin, das sich in der Geißraute, der „Galega officinalis“, befindet. Die Pflanze wächst in unseren Breitengraden auch ohne menschliches Zutun hervorragend, und sie wurde über Jahrhunderte in der Volksmedizin bei „Zucker“ eingesetzt. Allerdings raten Experten heute davon ab, die Bestandteile der Galega direkt zu nutzen, da sie giftig sein können. Vor allem von dem Verzehr der Samen wird gewarnt, da sich darin besonders viel von dem Alkaloid befindet.
Eine wechselvolle Geschichte begleitet den Weg des Medikaments Metformin. Erstmals 1929 wurde die Blutzucker senkende Wirkung der Biguanide beschrieben und bei einer wissenschaftlichen Publikation von Prof. Dr. Erich Hesse und Dr. Gerd Taubmann vom Pharmakologischen Institut der Institut Breslau eingereicht. Aber erst nach einer Phase des Vergessens wurde das Präparat ab 1956 wieder klinisch eingesetzt. Es folgte dann wieder eine Zeit der Skepsis wegen der Laktazidosen – und erst ab 1990 gelang dann der Durchbruch zum heute weltweit am meisten verschriebenen Antibiotikum.
Wer mehr über die Geißraute und Metformin erfahren will, hat dazu Gelegenheit am 18. Juni 2015 ab 15 Uhr in „Lauber´s Diabetes Garten“ im Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt. Dort wird Hans Lauber zusammen mit Chefarzt Prof. Dr. med. Kristian Rett den Diabetes Garten eröffnen, in dem auch eine Galega wächst. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei, der Eingang befindet sich in der Schifferstraße 59.
Übrigens: Auch Professor Rett ist ein starker Befürworter von Metformin – und sieht in dem Medikament noch große Perspektiven. Seine Grundeinschätzung lautet kurz und bündig: „Metformin kann bedenkenlos verschrieben werden, aber nicht gedankenlos“.
Wächst auch wild: Geißraute, hier im Frankfurter Diabetes Garten
von Hans Lauber
- E-Mail: aktiv@lauber-methode.de
- Internet: www.lauber-methode.de
Mehr von Hans Lauber lesen:
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Leben mit Diabetes
Laubers Kolumne: Tiefer Einschnitt
< 1 minute
- Leben mit Diabetes
Laubers Kolumne: Weißmehl – Tückischer Dickmacher
3 Minuten
Keine Kommentare
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Über uns
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
Werde Teil unserer Community
Community-Feed
-
moira postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
-
bloodychaos postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
-
ole-t1 antwortete vor 2 Wochen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
-
-
thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55
