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Bei der Schaufensterkrankheit handelt es sich nicht um ein modernes Einkaufsverhalten, den „Shoppingwahn“, sondern um eine immer häufiger auftretende Erkrankung vor allem der Beinarterien der Menschen – mit schwerwiegenden Folgen. Im Diabetes-Kurs klärt Dr. Schmeisl auf.
Der Orthopäde findet jedoch ein gesundes linkes Hüftgelenk. Schließlich kommt sein Hausarzt noch auf die Idee (Peter M. war 40 Jahre lang starker Raucher), es könnte auch eine Durchblutungsstörung sein. Eine Gefäßuntersuchung schließlich bestätigt eine Beckenarterienstenose links, die mit Aufdehnung und Stent behandelt werden kann. Peter M. ist seitdem beschwerdefrei und raucht nie wieder, wie er sagt.
Die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), genannt „Schaufensterkrankheit“, ist eine Erkrankung, die viele Menschen dazu zwingt, beim Gehen immer wieder nach kurzer Distanz stehen zu bleiben. Deshalb erfolgt die medizinische Einteilung der pAVK nach der Entfernung, die die Menschen gehen können. In Deutschland sind etwa 4,5 Mio. Menschen betroffen; Männer trifft es häufiger als Frauen.
Diese Patienten haben ein 4-fach erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt sowie ein bis zu 3-fach erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall. Die Krankheit nimmt mit dem Alter rapide zu, gerade bei Menschen über 65 Jahren. Nach Schätzungen ist etwa jeder 4. Patient über 55 Jahre alt.
Gefäßerkrankungen betreffen meist den ganzen Körper – im Fall der pAVK besonders die großen Arterien im Bereich des Beckens und der Beine. Die Gefäßerkrankungen sind in über 95 Prozent bedingt durch Fettablagerungen mit zusätzlichen Verkalkungen. Durchblutungsstörungen der Arme und Hände sind viel seltener.
Die Lebenserwartung von Menschen mit einer pAVK ist ca. 10 Jahre geringer als bei Vergleichspersonen ohne pAVK! Etwa 50 bis 70 Prozent der pAVK-Patienten sterben vorzeitig am Herzinfarkt, 10 bis 20 Prozent erleiden einen Schlaganfall, und 10 bis 20 Prozent sterben durch andere Gefäßkomplikationen (z. B. gerissenes Aneurysma an der Hauptschlagader).
Typisch ist, dass die pAVK am Anfang schmerzlos ist, die Beschwerden kommen oft schleichend. In der großen, deutschlandweit angelegten Studie „GetAbi“ konnte gezeigt werden, dass jeder 5. der beim Hausarzt Untersuchten eine Schaufensterkrankheit im beginnenden oder sogar fortgeschrittenen Stadium hatte, ohne davon etwas zu ahnen. Teils starke, krampfartige Schmerzen in der Wade (gelegentlich auch im Fuß, im Oberschenkel, im Po) treten erst auf, wenn die Betroffenen beim Gehen vor allem im Unter- und Oberschenkelmuskel mehr Blut und damit mehr Sauerstoff brauchen, aber nicht bekommen.
Aber nur einer von 10 Patienten hat die typischen Schmerzen, die der Krankheit den Namen gaben: Die Betroffenen bleiben vor Schaufenstern stehen, angeblich aus Interesse an der Auslage – Grund sind aber die Schmerzen im den Beinen. Viele Menschen haben mit zunehmendem Alter auch Wirbelsäulenprobleme, so dass die „pAVK-Beschwerden“ oft nicht als arterielle Durchblutungsstörungen erkannt oder eingestuft werden.
Typischerweise nimmt mit den Jahren die Strecke ab, die ein Betroffener ohne Schmerzen gehen kann – sie können sich aber auch weiterentwickeln bis hin zum „Ruheschmerz“. Manchmal treten auch ohne größere Vorboten Geschwüre am Fuß auf, die schlecht heilen.
Besteht zusätzlich eine diabetische Nervenerkrankung (Polyneuropathie), so geschieht dies oft ohne jegliche Schmerzen: Es drohen eine kritische Durchblutungsstörung, Infektion und Amputation. Von ca. 65.000 Amputationen in Deutschland jährlich betreffen etwa 40.000 Menschen mit Diabetes. Etwa 40 Prozent aller Patienten mit pAVK haben Diabetes; etwa die Hälfte aller Menschen mit schweren Durchblutungsstörungen hat Diabetes.
periphere arterielle Verschlusskrankheit: Stadien | |
Stadium I | trotz vorhandener Engstellen der Gefäße keine Beschwerden oder Beschwerden bzw. Missempfindungen nur bei höherer Belastung |
Stadium II | Hinken/Stehenbleiben („Claudicatio intermittens“); IIa: Schmerzen treten bei einer Strecke von mehr als 200 m auf, IIb: Schmerzen treten bei einer Strecke von weniger als 200 m auf |
Stadium III | Schmerzen bereits im Ruhezustand, besonders auch nachts |
Stadium IV | meist offene Wunden oder schlecht heilende Wunden durch untergegangenes Gewebe („Nekrose“) |
Es gibt einen engen Zusammenhang mit der pAVK und dem Auftreten einer koronaren Herzkrankheit (KHK) sowie dem Risiko für einen Schlaganfall. Die pAVK ist also eine Art „Marker-Erkrankung“, die den Gesamtzustand des Gefäßsystems eines Menschen widerspiegelt – sie ist meist Ausdruck eines erhöhten generalisierten Risikos für schwerwiegende Durchblutungsstörungen.
Meist liegt der Erkrankung eine Ablagerung des schlechten Cholesterins (LDL-Cholesterins) in den inneren Arterienwänden zugrunde. Im Verlauf der Erkrankung wird darin zusätzlich Kalk eingelagert, was die Gefäßinnenwand schädigt. Diabetes und Rauchen fördern zusätzlich diese „Endothel-Schädigung“. Die Gefäßwände werden immer starrer, schließlich immer enger und somit auch die Blutversorgung (also auch die Sauerstoffversorgung) immer schlechter.
Der Knöchel-Arm-Index (ankle-brachial index, ABI) ist ein einfacher Test, bei dem der Blutdruck mittels einer Manschette am Fußknöchel und am Oberarm gemessen und ins Verhältnis gesetzt wird. Der Index kann Hinweise auf eine Durchblutungsstörung an den Beinen geben. Normalerweise ist der Druck an den Füßen höher als am Arm. Ist dies nicht der Fall, kann je nach Ausprägung eine schwerwiegende arterielle Durchblutungsstörung vorliegen, die dann durch weitere Untersuchungen bestätigt werden muss (wie Gefäß-Duplex- oder Farbduplex-Untersuchung, evtl. Röntgen).
Menschen mit Diabetes haben öfter auch abschnittsweise an den Blutgefäßen eine „Mediasklerose“. Diese Verkalkung der Muskelschicht führt dazu, dass der Blutdruck nicht zuverlässig gemessen werden kann, weil die Gefäßwände zu starr sind; die Druckwerte sind dann zu hoch. In diesem Fall ist der Messwert nicht für die Diagnostik verwertbar.
Weiterführende Techniken sind:
Zunächst stehen einfache konservative Maßnahmen im Vordergrund, denn wie alle Studien zeigen, haben fast 80 Prozent aller Patienten mindestens zwei der oben genannten Risikofaktoren.
Gesicherte konservative Behandlung:
Wenn trotz all der Maßnahmen ein Bein z. B. durch eine schwere arterielle Durchblutungsstörung akut gefährdet ist, muss die Durchblutung durch einen Eingriff sofort wiederhergestellt werden.
Dazu gibt es verschiedene vom Einzelbefund des Patienten abhängige Verfahren, die alle ihre Bedeutung haben:
Weitere Verfahren sind:
Wie zuvor schon gesagt, hängt der Erfolg auch dieser Maßnahmen davon ab, wie konsequent der Betroffene ab dann Risikofaktoren vermeidet und vor allem Gehtraining durchführt.
Die periphere arterielle Verschlusskrankheit, auch Schaufensterkrankheit genannt, ist nicht rückgängig zu machen. Man kann jedoch sehr viel erreichen, um die örtliche Durchblutung wiederherzustellen und die Arteriosklerose soweit möglich zu bremsen. Dazu müssen die Risikofaktoren ausgeschaltet werden, insbesondere das Rauchen. Hinzu kommt heutzutage die Gabe von Thrombozytenaggregationshemmern und/oder Gerinnungshemmern.
Autor:
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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (10) Seite 30-33
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