- Behandlung
Therapie des Diabetes bei älteren Menschen
4 Minuten
Was ist alles zu beachten, wenn man einen Diabetes hat und immer älter und allmählich wirklich alt wird? Besonders zu beachten sind hier Veränderungen der Therapie. Diese hängen von vielen Faktoren ab: der Eigenständigkeit, dem körperlichen und geistigen Befinden, den Wohnverhältnissen und vielem mehr. Aber ein Nachlassen der Fähigkeiten muss nicht immer bedeuten, dass die Therapie einfacher werden sollte – manchmal kann auch sinnvoll sein, dass sie komplexer wird.
Alt werden ist nichts für Feiglinge, besonders dann, wenn Erkrankungen hinzukommen. Aber man kann heute auch mit chronischen Erkrankungen eine sehr gute Lebensqualität behalten. Im höheren Lebensalter ist der Diabetes eine der häufigsten chronischen Erkrankungen. Meist ist es ein Typ-2-Diabetes. Seltener sind alt gewordene Menschen mit Typ-1-Diabetes, auch wenn diese erfreulicherweise heute ebenfalls älter und alt werden. Und ganz selten sind Menschen, die im höheren Alter noch einen „LADA“, also einen spät aufgetretenen Typ-1-Diabetes, bekommen.
Therapieziele und -vorgehensweisen wurden bislang leider nicht wirklich individuell auf die Möglichkeiten und Bedürfnisse Älterer ausgerichtet. Sowohl Ärzte als auch Betroffene wissen noch wenig über die Besonderheiten, die bei der Diabetestherapie im Alter eine Rolle spielen – dabei sind ca. 3 Millionen Menschen in Deutschland über 65 Jahre alt und haben einen Diabetes.
Ziele ändern sich mit dem Älterwerden
Im höheren Alter kommt es oft nicht mehr so sehr auf das Normalisieren der Blutzuckerwerte an, das HbA1c spielt eine deutlich geringere Rolle. Zusätzlich zum Diabetes liegen meist viele andere Krankheiten vor, die Menschen sind „multimorbid“. Heute verfügen wir über Diabetes-Medikamente, die nicht nur den Blutzucker senken, sondern darüber hinaus Organe wie Herz, Blutgefäße oder Nieren schützen. Die Aufgabe von Arzt bzw. Diabetesteam ist, für jeden die medizinisch geeignete Behandlung zu finden und mit den Menschen mit Diabetes individuell abzustimmen, denn neben medizinischen Zielen gibt es weitere.
Allgemeine Therapieempfehlungen
- Säulen der Diabetestherapie sind auch im höheren Lebensalter Schulung, Bewegung, Ernährung und Pharmakotherapie. Damit kann man auch beim älteren Menschen individuelle Behandlungskonzepte zusammenstellen. Als fünftes Element kommt das „Können und Wollen“ des Patienten hinzu.
- Schulungsmaßnahmen für alte Patienten müssen sich an deren besonderen Bedürfnissen und geistigen Fähigkeiten ausrichten. Hier sind spezielle Schulungsprogramme wie die „Strukturierte Geriatrische Schulung“ (SGS) erfolgreich.
- Bewegungstherapie ist für alte Patienten schwerer umsetzbar, sollte jedoch so weit wie irgend möglich durchgeführt werden. Bereits moderate Bewegung ist nicht nur bezüglich des Stoffwechsels, sondern auch in Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Knochendichte, aber auch Sturzneigung und Demenzrisiko von Nutzen.
- Ernährungsempfehlungen müssen sich auf Besonderheiten des alten Patienten beziehen. Der Zustand des Munds, speziell der Zähne, aber vor allem das häufige Vorliegen von Fehl- und Mangelernährung müssen in Betracht gezogen werden. Hochkalorische, proteinreiche Nahrungsergänzungen sind zusammen mit körperlichem Training bei Gebrechlichkeit sinnvoll.
Eine gute Diabetestherapie im Alter muss heute unbedingt auch die Möglichkeiten und Grenzen der Betroffenen selbst berücksichtigen. Vorhandene und fehlende Fähigkeiten und Möglichkeiten spielen vermehrt eine Rolle. So können Ältere mit Einschränkungen der Hirnleistung (Demenz) oder Beweglichkeit nicht mehr alle üblichen vorgeschlagenen Therapiemaßnahmen umsetzen. Mit speziellen Funktionsuntersuchungen, dem „geriatrischen Assessment“, lassen sich Fähigkeiten und Einschränkungen sehr gut erfassen und bei der Therapie berücksichtigen.
Therapieziele gemeinsam setzen
Seit März 2021 steht die aktualisierte Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes zur Verfügung. Diese sieht eine gemeinsame Zielsetzung vor, das sich etwas sperrig nennt „partizipative Entscheidungsfindung und Teilhabe in allen relevanten Lebensbereichen“. Dies bedeutet, dass Arzt und Betroffene gemeinsam die individuellen Therapieziele festlegen. Dabei werden verschiedene Bereiche individuell berücksichtigt, vor allem auch bei den HbA1c-Zielen (siehe folgende Abbildung).

Eigenständigkeit ist wichtig
Auch Menschen mit Typ-1-Diabetes sollten im Alter umdenken. Altersbezogene Erkrankungen, auch als geriatrische Syndrome bezeichnet, wie Demenz oder eingeschränkte Feinmotorik schränken viele Fertigkeiten zum Selbstmanagement dauerhaft ein. Diese aber benötigen Menschen mit Typ-1-Diabetes immer.
Sehr viele Menschen mit Typ-1-Diabetes führen eine intensivierte Insulintherapie oder eine Insulinpumpentherapie im jüngeren und mittleren Lebensalter durch. Bei geriatrischen Patienten stellt sich oft die Frage, ob eine solche Therapie weiterhin sinnvoll und möglich ist. Einfachere Therapieformen, mit denen die Therapie möglicherweise sicherer selbstständig durchzuführen ist, könnten dann Vorteile bieten.
Die Eigenständigkeit zu erhalten, ist ein ganz wichtiges Therapieziel. Die Injektion von Insulin durch andere, z. B. durch einen Pflegedienst, kann eine deutliche Reduktion der Lebensqualität bewirken. Ein Vereinfachen der Therapie kann allerdings zu größeren Blutzuckerschwankungen führen und – bei starren Insulinmengen – zu einem Verlust von Flexibilität, wie relativ freier Nahrungsaufnahme. Beim betagten Patienten mit Typ-1-Diabetes ist es daher sehr wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu finden, an welchem eine Insulintherapie verändert werden muss.
Insulintherapie – mal einfacher, mal komplexer
Manchmal müssen langjährig eingesetzte Therapien, wie eine intensivierte Insulintherapie oder eine Insulinpumpentherapie, vereinfacht werden, um den Betroffenen eine sicherere Diabetestherapie zu bieten. In anderen Fällen ist mit der Zunahme der Funktionsprobleme, z. B. Ess- und Schluckstörungen, eine sehr viel komplexere Insulintherapie erforderlich. Neuere langwirksame Insuline können hier sinnvoll eingesetzt werden. Die individuelle Vorgehensweise, aber auch die individuelle Schulung der Pflegenden, z. B. in der Altenpflege, spielen hier eine sehr wichtige Rolle.
Alte Menschen mit Typ-1-Diabetes benötigen eine enge Begleitung durch informierte Angehörige und das professionelle Behandlungsteam. Hilfsangebote sollten regelmäßig gegeben werden. Dazu gehören Angebote, auf eine intensivierte Insulintherapie mit festem Schema und Korrekturtabelle umzustellen, eine durch einen Pflegedienst übernommene Insulintherapie, bis eine akute Erkrankung vorüber ist, oder die Ausstattung mit einem Notrufsystem, um schnell Hilfe anfordern zu können.
Manchmal sind auch Kompromisse aus teilintensivierter Therapie mit ein bis zwei Korrekturzeiten und sonst festen Dosen sinnvoll. Beachtenswert ist, dass z. B. beim Umzug in eine Pflegeeinrichtung mitunter sogar komplexere Therapieformen beibehalten oder wieder aufgenommen werden können.
Den idealen Zeitpunkt für eine Übernahme der Insulintherapie durch die Familie oder einen Pflegedienst gibt es nicht. Nicht selten kommen Betroffene erst nach den ersten „Betriebsunfällen“ mit schweren Hypoglykämien zu der Erkenntnis, dass es besser ist, wenn andere die Therapie übernehmen.
Erhalt der Eigenständigkeit – wie wird mein Alter?
Zukünftig könnte möglicherweise auch durch den Einsatz von technischen Hilfsmitteln wie Apps oder intelligenten Blutzuckermessgeräten oder Insulinpens ein Erfassen der tatsächlich durchgeführten Insulintherapie ermöglicht werden. Aus ethischer Sicht ist hier natürlich zu beachten, dass dies nicht in eine Kontrolle umschlagen darf. Des Weiteren ist immer daran zu denken, dass die Eigenständigkeit im Selbstmanagement nicht nur von Menschen mit Typ-1-Diabetes im Alter einen sehr hohen Stellenwert hat, denn ihr Verlust zählt zu den wesentlichen einschneidenden negativen Ereignissen im Alterungsprozess.
Eine Umfrage unter Menschen mit Typ-1-Diabetes in Deutschland im Jahr 2018 ergab, dass sich nur weniger als die Hälfte der Betroffenen eine Betreuung im Pflegeheim vorstellen kann. Deutlich wird auch, dass sich die meisten, die jahrzehntelang eine Insulinpumpentherapie betrieben haben, keine konventionelle Insulinbehandlung wünschen. Eine Lösung könnte sein, Wohngemeinschaften für alt gewordene Menschen mit Typ-1-Diabetes zu errichten, wie es sich in besagter Umfrage 33 %, also ein Drittel der Teilnehmenden, wünschen würden.
Schwerpunkt „Älter werden und gut und sicher leben“
- Diabetes-Problemen im Alter vorbeugen
- Therapie des Diabetes bei älteren Menschen
- Digitale Hilfsmittel helfen bei der Diabetes-Therapie
- Durch Weiterbildung zum Thema Diabetes kompetent pflegen
von PD Dr. med. Andrej Zeyfang
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (11) Seite 22-24
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moira postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 2 Wochen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55
