- Bewegung
Die Energiewende für weniger Kilogramm …
4 Minuten
“Ohne Energiewende fällt das Körpergewicht nicht”, sagt Autor Dr. Meinolf Behrens. Er kommt zum Schluss: Nur die negative Energiebilanz eines jeden macht ein Abnehmen des Körpergewichts möglich. Dabei zieht er auch Parallelen zur Energiewirtschaft unseres Landes.
“Die Energiewende – ein gutes Stück Arbeit” ist auf der Homepage des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie zu lesen. Einiges ist seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima am 11. März 2011 bewegt worden – aber der Weg in eine sichere und umweltverträgliche Energiezukunft bleibt ein nicht ganz einfacher.
Die Ursachen für Übergewicht sind komplex
Was hat das große innenpolitische Thema der letzten 5 Jahre mit Strategien für eine erfolgreiche Gewichtsabnahme zu tun? Die Ursachen für Übergewicht sind komplex – vieles ist noch nicht oder nur unvollständig verstanden. Das Körpergewicht eines jeden wird z. B. bestimmt durch Erbfaktoren, übergewichtsfördernde Umweltbedingungen (Bewegungsmangel, Fehlernährung), hormonelle oder psychische Erkrankungen sowie Stress in seinen Facetten.
Vielleicht ist es auch das (egoistische) Gehirn des Menschen, das letztlich fast allein über die Körperfülle entscheidet (mehr dazu hier). Immer mehr in den Fokus der Wissenschaft rückt zudem die Zusammensetzung der Darmflora;als Darmflora wird die Gesamtheit der Mikroorganismen bezeichnet, die den Darm besiedeln. Offensichtlich finden sich bei übergewichtigen Menschen andere Bakterienstämme im Darm als bei schlanken.
Die Zusammensetzung der Bakterienvielfalt im Darm kann zu unterschwelligen Entzündungsreaktionen führen, die wiederum Einfluss auf das Gewicht haben. Vielleicht noch spannender ist eine Theorie, wonach die Darmflora Signale an das Gehirn sendet und so Appetit und Sättigungsgefühl gesteuert werden – interessante Ansätze rund um das vielschichtige Thema Übergewicht mit vielen offenen Fragen, die die Wissenschaft in den nächsten Jahren und Jahrzehnten beschäftigen werden.
Ohne Energiewende fällt das Körpergewicht nicht
Die Ursachen für das Übergewicht werden unterschiedlich bewertet und gewichtet von Stoffwechselforschern, Hirn- und Verhaltensforschern, Psychologen oder auch Mikrobiologen – in einem Punkt besteht Einigkeit: Letztlich bestimmt die Energiebilanz eines jeden sein Körpergewicht: Ist der Energieverbrauch höher als die Energieaufnahme (negative Energiebilanz), fällt das Körpergewicht.
Voraussetzung für eine erfolgreiche Gewichtsabnahme ist wie in der Umweltpolitik eine Energiewende, die meist viel Arbeit bedeutet: Für eine nachhaltige Energiewende ohne Jo-Jo-Effekt sind das Verständnis der Körperzusammensetzung (s. Abb. 1) und des Energiehaushalts (s. Abb. 4) von großer Bedeutung.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Adipositas als eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts. Als Beurteilungsgrundlage wird der Körper-Massen-Index (Body-Mass-Index, BMI) herangezogen (siehe Seite 19); er ist aber nur ein sehr grobes Maß der Körperfettmasse; so berücksichtigt der BMI nicht, ob das Körpergewicht durch eine kräftige Muskulatur oder reichlich Körperfett entsteht.
Zudem erlaubt der BMI keine Unterscheidung zwischen dem Fettgewebe unter der Haut (subkutanes Fett) und dem besonders problematischen Fettgewebe im Bauchraum(viszerales Fett), das in erster Linie das Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Risiko bestimmt.
“Impedanzanalyse” ist am besten
Zur wichtigen Erfassung der Fettverteilung und damit zur besseren Beschreibung von Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Risiko eignet sich vielmehr die Bestimmung des Taillenumfangs (siehe Seite 21). Idealerweise aber bestimmt man die Körperzusammensetzung mit einer bioelektrischen Impedanzanalyse (BIA). Die Methode ist einfach durchzuführen und liefert alle wichtigen Informationen zur Muskel- und Fettmasse.
Für die Frage, ob überhaupt und in welchem Ausmaß eine Gewichtsreduktion medizinisch sinnvoll ist, benötigt man somit meist mehr Informationen als Körpergewicht oder BMI. Vor allem in der BMI-Kategorie 25 bis 29,9 kg/m2 wird die Behandlungsindikation neben der Körperzusammensetzung von individuellen zusätzlichen Risikofaktoren abhängig gemacht.
Grundumsatz: Energiemenge, die in völliger Ruhe verbraucht wird
Beim Blick auf den Energiehaushalt und die Komponenten des Energieverbrauchs (s. Abb. 4) fällt auf, dass der Grundumsatz etwa 50 bis 70 Prozent des menschlichen Energieverbrauchs ausmacht. Vereinfacht beschreibt der Grundumsatz diejenige Energiemenge, die der Körper in völliger Ruhe verbraucht. Der Grundumsatz wird auch beeinflusst durch die kaum oder nicht zu beeinflussenden Faktoren Alter, Geschlecht, Genetik, Aktivität des Nervensystems und Hormonstatus.
Mit der Muskulatur gibt es aber einen Faktor, der beeinflussbar bzw. trainierbar ist. Mehr Muskulatur bedeutet mehr Grundumsatz und damit einen Anstieg des Energieverbrauchs in Ruhe – Fettverbrennung trotz Sofas! Muskeltraining wirkt damit doppelt auf die Energiebilanz: durch den akuten Energieverbrauch und langfristig durch eine Steigerung des Grundumsatzes.
Unabhängig von der Energiebilanz wirkt eine aktive Muskulatur als sekretorisches Organ, das viele Botenstoffe (Myokine) ausschüttet mit positiven Effekten auf den Stoffwechsel, das Herz und den Kreislauf, die Hirnleistung und die Knochen.
Bewegung beginnt im Alltag
Schamgefühle, vielleicht mangelnde Fitness oder Gelenkbeschwerden: Gerade für übergewichtige Menschen ist der Einstieg in die Bewegung selten ohne Hürden. Bewegung beginnt am einfachsten im Alltag – zu Fuß oder mit dem Rad zur Arbeit, Rasenmähen etc. Neben Spaziergängen, Nordic Walking oder Radfahren schafft ein Training im Wasser optimale Startbedingungen (wie Aqua-Gymnastik oder Aqua-Cycling).
Gesundheitsorientierte Fitnesseinrichtungen bieten zudem gute Möglichkeiten für ein gezieltes Kraftausdauertraining bei Übergewicht. Wer lieber (allein) in den eigenen vier Wänden trainiert, kann natürlich auch alternativ seine Muskeln mit Kleingeräten (wie Theraband, Kurzhanteln) und Heimtrainer stärken.
Bewegung allein reicht nicht
Die Leitlinie zur Vorbeugung und Behandlung der Adipositas empfiehlt als Basis jedes Gewichtsmanagements eine Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Ein tägliches Energiedefizit von etwa 500 kcal/Tag gilt es idealerweise anzustreben. Die Frage, ob es die richtige Ernährungsstrategie für übergewichtige Menschen mit Diabetes gibt, beantwortet Prof. Rudofsky ab Seite 22
Eine gute Starthilfe ist oft der Mahlzeitenersatz mit Formulaprodukten (Fertigdrinks oder mit Wasser bzw. Milch anzurührendes Nährstoffpulver) mit einer Energiezufuhr von 800 bis 1 200 kcal/Tag. Idealerweise erfolgt die Behandlung des Übergewichts im Rahmen strukturierter Gewichtsreduktionsprogramme (“Ich nehme ab” von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, M.O.B.I.L.I.S. oder Bodymed).
Das Spektrum geeigneter verhaltenstherapeutischer Interventionen ist groß. Vielerorts ist das Angebot geeigneter Therapieplätze begrenzt, so dass übergewichtige Menschen oftmals leider keine verhaltenstherapeutische Begleitung erhalten.
Adipositas-Chirurgie: Wenn nichts anderes mehr hilft
In besonderen Fällen kann bei unzureichender Gewichtsabnahme unter einer Lebensstiländerung eine medikamentöse Therapie erwogen werden. Der Nutzen ist allerdings meistens sehr begrenzt, zudem muss der Patient die Kosten hierfür selbst tragen. Bei ausgeschöpften konservativen Behandlungsmöglichkeiten ist bei Adipositas Grad II oder III (in Einzelfällen auch bei Adipositas Grad I) eine adipositaschirurgische Therapie mitunter sinnvoll.
Welche Strategie mit welcher Gewichtung für den Einzelnen die richtige ist, sollte immer gemeinsam mit dem Diabetes- oder Ernährungsteam entschieden werden, damit eine nachhaltige Energiewende auch wirklich gelingt.
Wie die Energiewende in der Umweltpolitik ist auch die Energiewende zum richtigen Gewicht oftmals keine einfache.
- Die Energiewende für weniger Kilogramm …
- Welche “Diät” kommt in Frage bei Diabetes?
- Das Gehirn ist egoistisch
von Dr. Meinolf Behrens
Arzt für Innere Medizin, Diabetologe DDG, Sport- und Ernährungsmedizin
Diabeteszentrum Minden
E-Mail: mb@diabetes-minden.de
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2016; 65 (4) Seite 16-21
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