Alkohol und Diabetes

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Alkohol und Diabetes

In unserer Gesellschaft ist es für die meisten normal, Alkohol zu trinken. Wer Diabetes hat, sollte dabei aber besonders vorsichtig sein, denn Alkohol erhöht u. a. die Unterzuckerungsgefahr, und man muss deshalb einige Regeln beachten.

In diesem Teil unserer Schulungsserie soll keineswegs der Genuss von Alkohol unterstützt werden. Da aber jeder Jugendliche früher oder später damit konfrontiert wird, möchte ich auf die Risiken hinweisen, die allgemein beim Konsum von Alkohol entstehen, und im Weiteren auf die Besonderheiten eingehen, die Jugendliche mit Diabetes im Umgang mit Alkohol beachten sollten.

Wie wirkt Alkohol?

Grundsätzlich ist der Verzehr und Genuss von Alkohol aus medizinischer Sicht nicht zu empfehlen, da er Auswirkungen hat, die die Gesundheit schädigen: Die Leistungsfähigkeit des Gehirns wird herabgesetzt, körperliche Reaktionen werden verlangsamt, das Sichtfeld wird möglicherweise eingeschränkt, es kann zu Übelkeit und Erbrechen kommen, um nur einige akut auftretende Komplikationen zu nennen. Langfristig gesehen führt der chronische Verzehr von Alkohol zu Schädigungen der Leber, des Gehirns, der Nerven und der Psyche und kann zur Abhängigkeit führen.

Für Erwachsene gilt, dass bereits der Verzehr von 10 bis 12 Gramm Alkohol pro Tag (1 Standardglas) bei Frauen zu einem erhöhten Gesundheitsrisiko führt. Bei Männern liegt die Grenze bei 2 Standardgläsern pro Tag. Ein Standardglas bedeutet die für die Alkoholform übliche Ausschankmenge: 330 ml Bier, 100 bis 150 ml Wein oder Sekt oder 40 ml Spirituosen. Diese Grenzwerte gelten für Erwachsene. Jugendliche hingegen sollten möglichst wenig Alkohol trinken, da im Gehirn bis zum 20. Lebensjahr noch wichtige Umbau- und Entwicklungsprozesse stattfinden. Hier schädigt insbesondere das Rauschtrinken das Gehirn.

Ein anderer wichtiger Punkt ist die Verkehrssicherheit: Für Fahranfänger in der Probezeit und Jugendliche unter 21 Jahren gilt die Null-Promille-Grenze. Ansonsten gilt in Deutschland die 0,5-Promille-Grenze.

Das sagt der Gesetzgeber

Trotz der hier genannten Gefahren wird in unserer Gesellschaft zu den verschiedensten Anlässen Alkohol in höherer oder niedrigerer Menge konsumiert, zunehmend auch im jugendlichen Alter. Das Jugendschutzgesetz dient dem Schutz von Kindern und Jugendlichen und nimmt ganz klar dazu Stellung, ab welchem Alter Alkohol an Kinder ausgeschenkt und verkauft werden darf.

Im § 9 heißt es darin, dass an Personen unter 16 Jahren grundsätzlich kein Alkohol verkauft oder abgegeben werden darf. In Anwesenheit einer sorgeberechtigten Person hingegen (Mutter oder Vater) dürfen Jugendliche bereits ab 14 Jahren Wein oder Bier, aber keine Spirituosen (Mindestalkoholgehalt: 15 Prozent, bei Eierlikör: 14 Prozent) trinken. Gekauft werden dürfen Wein, Bier oder Sekt ab 16 Jahren, Spirituosen erst ab 18 Jahren.

Bei Menschen, die an Diabetes erkrankt sind, können die oben erwähnten Auswirkungen eine noch größere Tragweite erreichen, deshalb ist der Verzehr von Alkohol bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes ein wichtiges Schulungsthema. Jugendliche mit Diabetes stehen beim Konsum von Alkohol vor der Herausforderung, weiterhin den Blutzucker zu kontrollieren und insbesondere Unterzuckerungen zu verhindern.

Wieso kann Alkohol Unterzuckerungen verursachen?

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Leber. Sie produziert kontinuierlich Glukose, um in Zeiten des Fastens einen stabilen Blutzuckerwert aufrechtzuerhalten (Glukoneogenese). Beim Konsum von Alkohol werden die Enzyme der Leber jedoch zum Abbau des Alkohols verwendet und stehen nicht mehr bzw. nur eingeschränkt zur Produktion von Glukose zur Verfügung. Dies bedeutet, dass z. B. die Aufnahme von Alkohol am Abend zu nächtlichen, eventuell unbemerkten Unterzuckerungen führen kann.

Dazu ein paar Daten und Fakten: Die Leber kann ca. 100 mg puren Alkohol pro Kilogramm Körpergewicht pro Stunde verbrennen. Ein Beispiel: Bei einem Menschen mit einem Körpergewicht von 70 kg dauert es ca. eine Stunde, um eine Flasche Bier, zwei Stunden, um 40 ml Likör und zehn Stunden, um eine Flasche Wein zu verbrennen. Dies sind jedoch alles nur Näherungswerte, so dass nie genau abgeschätzt werden kann, wann und wie stark der Blutzucker abfällt.

Der Konsum von Alkohol vermindert die Wahrnehmung

Zu der eingeschränkten Glukoseproduktion der Leber kommt hinzu, dass der Konsum von Alkohol zu einer verminderten Wahrnehmung von Unterzuckerungssymptomen führt und daher die Warnzeichen, wie Zittern der Hände, Hunger, Unwohlsein und andere Hypoglykämiesymptome, erst sehr spät oder gar nicht registriert werden und es deshalb durch einen weiter abfallenden Blutzucker zu einer schweren Unterzuckerung mit Bewusstseinsverlust kommen kann.

Es gibt mehrere Untersuchungen dazu, dass Menschen mit Diabetes nach dem abendlichen Konsum von z. B. Wein, morgens Blutzuckerwerte aufweisen, die um 55 bis 70 mg/dl (3,1 bis 3,9 mmol/l) niedriger liegen als ohne Alkohol und sogar im Laufe des Vormittages noch eine Unterzuckerungsneigung zeigen.

Um dem vorzubeugen, kann z. B. die abendliche Insulindosis beim Verzehr von Alkohol um zwei bis vier Einheiten reduziert werden und ein Zielblutzucker von 180 mg/dl bis 200 mg/dl (10 bis 11,1 mmol/l) vor dem Schlafen angestrebt werden. Außerdem sollte nicht zu lange geschlafen werden, so dass man sich am besten einen Wecker stellt und am nächsten Tag ein reichhaltiges Frühstück einnimmt.

Besser die Regeln beachten

Eine moderate Menge an Alkohol können Menschen mit Diabetes trinken, wenn sie einige Regeln beachten: Grundsätzlich sollte immer etwas gegessen werden, wenn man Alkohol trinkt. Wird Alkohol nämlich auf nüchternen Magen getrunken, setzt die blutzuckersenkende Wirkung noch schneller ein, außerdem hemmt Alkohol die Magenentleerung. Die Menge an alkoholischen Getränken sollte möglichst ein Standardglas bei Frauen und zwei Standardgläser bei Männern nicht überschreiten.

Grundsätzlich sollte bei Aufnahme von Alkohol immer auch etwas gegessen werden, das langwirkende Kohlenhydrate enthält, um eine Hypoglykämie zu vermeiden. Als Faustregel eignet sich hier: ein bis zwei langwirkende KE pro Glas Alkohol. Der Genuss von Mixgetränken sollte möglichst vermieden werden, da diese viel Zucker enthalten und den Blutzucker zunächst stark anheben, es aber im weiteren Verlauf zur Unterzuckerung kommen kann.

Außerdem sollte für die im Alkohol enthaltenen Kohlenhydrate niemals Insulin gespritzt werden. Auch das birgt eine große Unterzuckerungsgefahr.

Alkohol und Diabetes: Was ist wichtig?
  • Alkohol kann zu Unterzuckerungen führen.
  • Niemals bis zur Bewusstlosigkeit trinken.
  • Nicht alleine trinken.
  • Alkohol nicht auf nüchternen Magen trinken.
  • Ein bis zwei langwirksame KE zusätzlich aufnehmen, wenn Alkohol getrunken wird.
  • Die konsumierte Menge sollte ein bis zwei Standardgläser nicht überschreiten.
  • Umgebung (Freunde, Eltern der Freunde) über den Diabetes informieren.
  • Zur Nacht einen Blutzuckerwert zwischen 180 bis 200 mg/dl (10 bis 11,1 mmol/l) anstreben.
  • Das abendliche Basalinsulin um zwei bis vier Einheiten reduzieren.
  • Vor dem Zubettgehen die Eltern informieren, dass man Alkohol getrunken hat.
  • Morgens nicht endlos lange schlafen, sondern den Wecker stellen und den Blutzucker messen
  • Gut frühstücken, wenn am Abend vorher Alkohol getrunken wurde.

Vermieden werden sollte auch der Alkoholgenuss nach intensivem körperlichen Training, da der nach dem Training stattfindende “Muskelauffülleffekt” zu einer verstärkten Aufnahme von Glukose in die Muskelzellen führt und so das Hypoglykämierisiko noch steigert.

Ganz wichtig ist, dass das Umfeld, z. B. die Freunde, mit denen die Jugendlichen unterwegs sind, über die Erkrankung informiert ist. Wenn nämlich ein Jugendlicher mit Diabetes scheinbar schlafend vorgefunden wird, schläft er nicht unbedingt seinen “Rausch” aus, sondern hat möglicherweise gerade eine schwere Hypoglykämie. In solch einem Fall ist dann dringend ärztliche Hilfe zu holen.

Die Behandlung mittels der Notfallspritze ist nach Alkoholkonsum nämlich auch weniger wirksam, da die Glukagonvorräte der Leber durch die verminderte Glukoseproduktion möglicherweise nicht gut genug gefüllt sind. Im Fall einer schweren Unterzuckerung hilft dann evtl. nur noch eine intravenöse Zufuhr von Glukose durch den Notarzt.

Fazit

Alkohol ist gesundheitsschädlich und sollte nur in moderaten Mengen getrunken werden. Da Alkohol zu Unterzuckerungen führen kann, sind bei Jugendlichen mit Diabetes einige Besonderheiten zu beachten (siehe Merkkasten). Wichtig auch: Durch den Konsum von Alkohol wird die Wahrnehmung von Unterzuckerungssymptomen beeinträchtigt, und es kann durch einen weiter abfallenden Blutzucker zu einer schweren Unterzuckerung kommen.


von Dr. med. Nicolin Datz
Oberärztin Pädiatrie III, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin,
Kinder- und Jugendkrankenhaus „Auf der Bult“,
Janusz-Korczak-Allee 12, 30173 Hannover
E-Mail: datz@hka.de

Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2016; 9 (3) Seite 20-22

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