Alkohol und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes: Gut vorbereitet durch den Abend

3 Minuten

Alkohol und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes: Gut vorbereitet durch den Abend | Foto: NDABCREATIVITY – stock.adobe.com
Foto: NDABCREATIVITY – stock.adobe.com
Alkohol und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes: Gut vorbereitet durch den Abend

Alkohol gehört für viele Jugendliche zu Feiern oder Festivals dazu. Für Jugendliche mit Typ-1-Diabetes ist Alkohol nicht grundsätzlich verboten, stellt aber eine besondere Herausforderung für die Stoffwechsel-Einstellung dar. Die Auswirkungen auf den Blutzucker werden häufig unterschätzt, da sie oft zeitverzögert auftreten.

Alkohol wird überwiegend in der Leber abgebaut. Gleichzeitig spielt die Leber eine zentrale Rolle in der Blutzucker-Regulation. Bei sinkenden Glukosewerten setzt sie Glukose ins Blut frei. Der Abbau von Alkohol hat jedoch Priorität, wodurch die Blutzucker-regulierenden Prozesse vorübergehend gehemmt werden.

Kurz nach dem Konsum alkoholischer Getränke kann es zunächst zu erhöhten Blutzuckerwerten kommen, insbesondere bei Bier oder zuckerhaltigen Mixgetränken. In den Stunden danach, häufig während der Nacht oder in den frühen Morgenstunden, besteht jedoch ein erhöhtes Risiko für einen ausgeprägten Blutzucker-Abfall.

Einfluss von Alkohol auf den Blutzucker

  1. Alkohol kann den Blutzucker kurzfristig erhöhen, später kann der Blutzucker allerdings stark abfallen.
  2. Wer Alkohol konsumieren möchte, sollte gut vorbereitet sein.
  3. Sowohl bei der Pen- als auch der Pumpentherapie sollten die Insulin-Dosierungen verringert werden.

Dieser späte Blutzucker-Abfall entsteht durch mehrere Faktoren. Während des Schlafs wird keine Nahrung aufgenommen, gleichzeitig wirkt das zuvor gegebene Insulin weiter. Normalerweise gleicht die Leber diesen Zustand aus, was nach Alkohol-Konsum jedoch nur eingeschränkt möglich ist. Zusätzliche körperliche Aktivität am Abend, etwa Tanzen, kann die Insulin-Empfindlichkeit weiter erhöhen und das Risiko für Unterzuckerungen (Hypoglykämien) verstärken.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Symptome einer Hypoglykämie oft mit den Wirkungen von Alkohol überschneiden. Müdigkeit, Schwindel oder Unsicherheit beim Gehen werden leicht falsch gedeutet. Dadurch können Unterzuckerungen zu spät erkannt oder im Schlaf übersehen werden.

Auch das Risiko einer Ketoazidose, also einer Übersäuerung des Bluts, kann durch Alkohol-Konsum steigen. Im Trubel eines Abends werden Glukose-Kontrollen häufiger vergessen. Alkohol kann zudem die Wahrnehmung von Warnzeichen beeinträchtigen, sodass Alarme überhört oder technische Probleme von Insulinpumpe oder Glukose-Sensor zu spät bemerkt werden. Erbrechen aufgrund einer Ketoazidose kann mit Alkohol-bedingtem Erbrechen verwechselt werden.

Gut vorbereiten und informiert handeln

Um Risiken zu verringern, ist eine gute Vorbereitung besonders wichtig. Vor dem Ausgehen sollten Glukose-Sensor und Insulin-Zufuhr überprüft werden. Bei der Insulinpumpe gehören dazu Katheter-Funktion, Reservoir-Menge und Batteriestand, bei der Therapie mit Insulinpens ausreichend Insulin und frische Pen-Kanülen. Zudem sollte mindestens eine vertraute Person über den Typ-1-Diabetes informiert sein und wissen, wie im Notfall zu reagieren ist.

Bei Alkohol-Konsum und damit einhergehenden erhöhten Blutzuckerwerten ist ein besonders vorsichtiges Vorgehen wichtig. Eine zu aggressive Korrektur birgt die Gefahr, dass der Blutzucker einige Stunden später stark abfällt.

Deshalb gilt grundsätzlich, egal ob eine intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT) mit Insulinpens oder eine Pumpentherapie (Systeme zur automatisierten Insulin-Dosierung, AID) genutzt wird: Bei Alkohol sollte vorsichtiger korrigiert werden als im Alltag. Leicht erhöhte Werte sind in dieser Situation oft sicherer als eine vollständige Korrektur, insbesondere vor dem Schlafengehen.

Tipps für Pen-Nutzer

Bei Jugendlichen, die eine ICT anwenden, ist besondere Vorsicht geboten. Das gespritzte Basalinsulin wirkt über viele Stunden und kann nicht spontan angepasst werden. Dadurch steigt das Risiko für nächtliche Unterzuckerungen.

Die Basalinsulin-Menge sollte deshalb vorausschauend angepasst werden (z.B. 30 bis 50 Prozent weniger). Korrekturen bei erhöhten Werten sollten deutlich verringert (z.B. um 30 bis 50 Prozent) oder je nach Höhe des Werts auch mal ganz vermieden werden, vor allem am späten Abend. Dieses Vorgehen gilt auch für die Abgabe von Insulin zu den Mahlzeiten.

Hinweise für Pumpen-Träger

AID-Systeme können zusätzliche Sicherheit bieten, da sie im Gegensatz zur ICT fallende Glukosewerte erkennen und die Insulin-Zufuhr reduzieren oder zeitweise stoppen. Dennoch haben auch diese Systeme Grenzen. Sie reagieren ausschließlich auf gemessene Glukosewerte und erkennen nicht, dass Alkohol die Ursache für einen späteren Blutzucker-Abfall sein kann.

Deshalb kann es sinnvoll sein, bereits vor dem Alkohol-Konsum z. B. ein separates Profil, einen Aktivitätsmodus/Ease-off-Modus oder einen erhöhten Zielwert einzustellen, sodass die Insulinpumpe insgesamt zurückhaltender auf erhöhte Glukosewerte reagiert. Dadurch kann das Risiko späterer Unterzuckerungen verringert werden.

Kommt es dennoch zu erhöhten Glukosewerten, übernimmt der Algorithmus bereits einen Teil der Korrektur. Zusätzliche manuelle Korrekturen sollten daher vorsichtig erfolgen. Häufig ist es sinnvoll, auf eine volle Korrektur-Dosis zu verzichten oder nur eine deutlich reduzierte Menge abzugeben (z. B. 30 bis 50 Prozent weniger). Auch bei der Abgabe von Insulin zu den Mahlzeiten empfiehlt sich Zurückhaltung.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Alkohol die Stoffwechsel-Einstellung bei Typ-1-Diabetes deutlich beeinflussen kann, insbesondere zeitverzögert. AID-Systeme können unterstützen, ersetzen aber nicht das eigene Wissen und eine bewusste Vorbereitung. Wer die Zusammenhänge kennt und vorsichtig handelt, kann informierte Entscheidungen treffen und kommt sicherer durch den Abend.


Im Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg werden Kinder und Jugendliche mit Diabetes interdisziplinär behandelt und individuell betreut. Für den Diabetes-Anker schreibt das Team regelmäßig Beiträge.

Im Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg werden Kinder und Jugendliche mit Diabetes inter­disziplinär behandelt und individuell betreut. Für den Diabetes-Anker schreibt das Team regelmäßig Beiträge.


von Dr. med. Melanie Heinrich-Lassi

Avatar von melanie-heinrich-lassi

Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (4) Seite 46-47

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Sport-Experte Prof. Dr. Othmar Moser im Interview: Eigene Diabetes-Erkrankung als Wegbereiter
Prof. Dr. Othmar Moser forscht zu Sport und Typ-1-Diabetes und lebt selbst seit 17 Jahren damit. Im Interview spricht der Experte über Profisport, Angst vor Unterzuckerungen bei Kindern und warum der Diabetes seine Karriere geprägt hat.

6 Minuten

Passt Alkohol bei Diabetes?
Alkohol kann entspannend wirken, schmeckt vielen Menschen und gehört, besonders in Gesellschaft, meistens mit dazu. Im Zusammenhang mit Diabetes sind in Bezug auf Alkohol ein paar Aspekte zu bedenken, abhängig vom Diabetes-Typ und der aktuellen Diabetes-Therapie.

4 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • mr postete ein Update vor 10 Stunden, 50 Minuten

    Hallo,
    Ich bin neu hier.
    Seit gut zwei Jahren Typ 1 Diabetikerin.
    Ich würde mich gerne austauschen

  • Hallo, hat hier noch jemand Doppeldiabetes (durch Corona verursacht oder warum auch immer)? Ich würde mich gerne austauschen.

  • olivers postete ein Update vor 2 Wochen

    Hallo Zusammen!
    Ich bin ein T3er und freue mich Gleichbetroffene zwecks Erfahrungsaustausch zu finden. Bin im Frankfurter Raum, aber auch im Heidelberger Raum unterwegs.
    Liebe Grüße
    Oliver

    • Hey Oliver, kannst mich gerne mal anschreiben. Viele Grüße
      Gunnar

    • @gunnar83: hallo, aktuell im Frankfurter Raum. Wir können aber gerne mal ein Treffen organisieren, zwecks Austausch.
      Viele Grüße
      Oliver

    • Hallo Oliver, auch ich bin Typ 3c und würde mich gern mit dir ein wenig per Mail mit dir austauschen, wenn du magst. Bin vor 15 Jahren mit Kausch-Whipple auf “Verdacht” operiert worden – war aber kein Krebs, sondern “nur” eine Pankreatitis (AIP), also eine Fehldiagnose (hätte keiner OP bedurft, also kein Diabetes als Folge).