- Eltern und Kind
Wie die Mama, so die Tochter
5 Minuten
Hanna Maas-Zeimmes aus der Eifel in Rheinland-Pfalz ist 33 Jahre alt und hat seit ihrem 11. Lebensjahr Typ-1-Diabetes. In ihrem Alltag spielte die Erkrankung lange Zeit keine Hauptrolle mehr. Das änderte sich allerdings schlagartig, als bei ihrer damals 3-jährigen Tochter Frieda ebenfalls Diabetes diagnostiziert wurde.
Mutter und Tochter haben beide Typ-1-Diabetes – eine Konstellation, die relativ selten vorkommt. Waren Sie sehr überrascht, als Ihre Tochter auch Diabetes bekommen hat, oder hatten Sie damit gerechnet?
Hanna Maas-Zeimmes: Ich hatte das natürlich im Hinterkopf. Schon in der Schwangerschaft wurde untersucht, ob es beim Kind irgendwelche Auffälligkeiten gibt, weil eine Schwangerschaft mit Diabetes zu den Risiko-Schwangerschaften zählt. Da ich aber wusste, dass die Wahrscheinlichkeit, Typ-1-Diabetes zu vererben, sehr gering ist, war ich von der Diagnose trotzdem geschockt – vor allem auch, weil Frieda so früh Diabetes bekommen hat. Ich hätte mir gewünscht, dass sie zumindest etwas älter ist. Sie macht das aber alles schon so toll, deshalb denke ich mir rückblickend, dass es vielleicht doch der richtige Zeitpunkt war. Wie das Leben ohne Diabetes war, weiß sie inzwischen schon gar nicht mehr. Für Frieda ist das alles Normalität, und weil sie es vorher bei mir schon gesehen hat, war es für sie nichts Neues. Ihre Schlussfolgerung ist: Meine Mama hat das, also hab ich das auch!
Steckbrief
Name: Hanna Maas-Zeimmes
Alter: 33 Jahre
Diabetes seit: 2001
Therapie: Insulinpumpe und CGM-System
Und sonst? Tochter Frieda (4) hat seit 2022 ebenfalls Typ-1-Diabetes
Wie ist die Erkrankung bei Frieda festgestellt worden?
Hanna Maas-Zeimmes: Ganz klassisch, wie bei fast jedem Diabetiker. Sie hat sehr viel getrunken und musste oft zur Toilette. Eigentlich war sie schon trocken, und dann hatte sie plötzlich nachts wieder viel Pipi in der Pampers. Zunächst war meine Hoffnung, dass es vielleicht nur eine Blasenentzündung ist. Als wir eine Urinprobe abgegeben haben, war dann aber relativ schnell klar, dass es Diabetes ist. Frieda hat mir im ersten Moment sehr leid getan, weil ich ja wusste, was ich mit Diabetes emotional alles durchgemacht habe. Besonders als Teenager war es schwierig. Man hat in dem Alter ständig das Gefühl, dass man sich rechtfertigen muss. Warum darf ich Süßigkeiten essen, obwohl ich Diabetes habe? Warum sollte ich in bestimmten Momenten vielleicht keine Süßigkeiten essen? Ich musste direkt daran denken, dass Frieda diesem Rechtfertigungsdruck auch irgendwann ausgesetzt ist. Im Studium hat sich das bei mir zum Glück gebessert, weil auch meine Freunde älter und reifer wurden.
Im Gegensatz zu anderen Eltern, deren Kinder an Diabetes erkranken, kennen Sie sich schon mit der Behandlung aus. Haben Sie das als Vorteil empfunden?
Hanna Maas-Zeimmes: Ich hatte mich trotzdem vorher nicht damit beschäftigt, was Diabetes bei einem kleinen Kind bedeutet. Wir waren mit Frieda nach der Diagnose zur Einstellung im Klinikum Mutterhaus in Trier, wo ich als Kind ebenfalls in Behandlung war. Mein damaliger Arzt ist immer noch dort im Dienst. Das hat mir sehr viel Halt gegeben, weil ich wusste, das sind Leute, die mich als Kind auch schon gut betreut haben. Auf unserem Zimmer war eine Mutter mit einem Kind in ähnlichem Alter, bei dem auch gerade Diabetes diagnostiziert worden war. Da habe ich gemerkt, wie schwierig die Umstellung für Eltern ist, die im unmittelbaren Umfeld niemanden mit Diabetes haben und die sich noch nicht damit auskennen. Es geht ja nicht nur ums Spritzen und Messen. Es gibt so viele Sachen, die man von heute auf morgen lernen muss – das Ausrechnen, das Abwiegen und auch das Abwägen. Das Thema ist unheimlich komplex.
Wie hat sich Ihr Alltag durch Friedas Diabetes verändert?
Hanna Maas-Zeimmes: Bei Frieda bin ich wesentlich genauer als bei mir selbst. Ich wiege meine Lebensmittel zum Beispiel schon lange nicht mehr ab, weil ich meine Portionen kenne und ich weiß, wie ich auf verschiedene Lebensmittel reagiere. Für Frieda wiegen wir hingegen alles ab, und wir berechnen die Einheiten auch ganz genau. Meine Tochter ist sehr zierlich, und ihr Körper reagiert sehr empfindlich auf das Essen und das Insulin. Wenn wir uns mal leicht verrechnen, merkt man das sofort. Dann gehen ihre Werte schnell rauf oder runter. Das Wiegen und Berechnen ist zeitaufwendig und hat auch meinen Alltag verändert. Man kann schon froh sein, wenn man die Zusammenhänge schon 20 Jahre kennt. Diabetes bei einem kleinen Kind war allerdings auch für mich nochmal ein Neuanfang.
In den 20 Jahren seit Ihrer Diagnose hat sich medizinisch und technisch viel getan. Was sind die größten Unterschiede zu damals?
Hanna Maas-Zeimmes: Frieda hat sofort eine Pumpe und einen Sensor bekommen. Ich musste meine Spritzen anfangs noch selbst aufziehen und hatte zunächst unter anderem ein Mischinsulin, das schon morgens vor der Schule für den Bedarf des gesamten Vormittags gespritzt wurde, also auch für das Pausenbrot, das ich dann natürlich essen musste. Gemessen wurde damals vielleicht vier- oder fünfmal am Tag. Heute fühle ich mich sofort verloren, wenn Friedas Sensor mal ausfällt. Der Blutzuckerwert kann ja so schnell steigen oder fallen, ohne dass man es mitbekommt. Frieda ist derzeit noch zu klein, um selbst zu merken, wann sie Unterzucker hat. Dank der Technik schaltet sich ihre Pumpe nachts bei zu tiefen Werten automatisch ab, ohne dass man irgendwie eingreifen muss. Die Technik hilft einem auf jeden Fall dabei, etwas gelassener zu sein.
Wie läuft es ab, wenn sie Frieda abgeben müssen, zum Beispiel im Kindergarten?
Hanna Maas-Zeimmes: Im Kindergarten läuft es ganz toll. Die Erzieherinnen in Friedas Gruppe haben eine Schulung mitgemacht. Ich habe ihnen danach selbst noch die Bedienung der Pumpe erklärt und alle nötigen Schritte fotografiert. Mittlerweile machen sie in der Kita alles selbst. Sie messen Friedas Blutzuckerwert zum Frühstück und zum Mittagessen und dosieren das Insulin, und sie messen auch zwischendurch mal, falls ihnen der Wert des Sensors irgendwie merkwürdig vorkommt.
Das Loslassen und Abgeben fällt Eltern von Kindern mit Diabetes mitunter schwer. Glauben Sie, dass Ihre eigene Erfahrung mit der Erkrankung in diesem Zusammenhang hilfreich ist? Oder macht sie es eher noch schwieriger?
Hanna Maas-Zeimmes: Auch ich überlasse Frieda nicht so gerne anderen Leuten. Man muss ja immer überlegen, wem man das zutrauen und zumuten kann. Frieda merkt, wie gesagt, noch nicht selbst, wenn sie Unterzucker hat, und sie kann sehr überzeugend sein, wenn sie sagt, dass sie jetzt etwas essen muss, auch wenn es vielleicht nicht stimmt. Ein Vorteil ist sicherlich, dass sich meine Mutter schon mit Diabetes auskannte. Sie wusste durch ihre Erfahrungen mit mir schon, wie man KEs und Faktoren berechnet. Da mein Mann und ich arbeiten gehen, brauchen wir natürlich manchmal die Oma. Viele Eltern, die ein Kind mit Diabetes haben, sind mit solchen Situationen erstmal allein. In der Schule oder im Kindergarten gibt es vielleicht jemanden, der geschult ist und der sich kümmert, aber privat muss bei allen Anlässen jemand mitgehen und dabei bleiben, zum Beispiel bei Kindergeburtstagen. Ich kann mir vorstellen, dass das für andere Familien noch schwieriger ist.
Wenn Mama und Tochter Diabetes haben, kann das womöglich auch zusammenschweißen. Spüren Sie durch die Erkrankung eine noch stärkere Verbindung?
Hanna Maas-Zeimmes: Ja, das schon. Wir können gegenseitig nachempfinden, wie sich der andere gerade fühlt, wie miserabel es manchmal ist, aber auch, wie wir Sachen zusammen schaffen. Ich sehe, wie Frieda mit ihrer Erkrankung umgeht und wie sie an ihren Aufgaben wächst. Wir haben durch den Diabetes noch mehr gemeinsam, als Mutter und Tochter ohnehin schon gemeinsam haben. Das schweißt auf jeden Fall zusammen und ist etwas Positives an der Situation. Ändern können wir es ja eh nicht.
DJ: Wir bedanken uns für das Gespräch!
Interview: Thorsten Ferdinand
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2023; 72 (4) Seite 36-38
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Eltern und Kind
Kohlenhydrat-Apps im Überblick: Unterstützung für Diabetes-Management im Alltag
3 Minuten
- Begleit-Erkrankungen
Atherosklerose behandeln: Enzym-Infusion bei Gefäß-Verschlüssen – alte Therapie neu entdeckt
3 Minuten
Diabetes-Anker-Newsletter
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Über uns
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
Werde Teil unserer Community
Community-Feed
-
moira postete ein Update vor 2 Wochen, 2 Tagen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
-
bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen, 3 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
-
ole-t1 antwortete vor 3 Wochen
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
-
-
thomas55 postete ein Update vor 4 Wochen
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55-
crismo antwortete vor 4 Tagen, 15 Stunden
Hi Thomas 🙂
Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!
-
thomas55 antwortete vor 4 Tagen, 14 Stunden
@crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.
-
