Fett und Eiweiß berechnen – aber wie?

3 Minuten

© © Dani Vincek - Fotolia
Fett und Eiweiß berechnen – aber wie?

Auch Eiweiß und Fett wirken auf den Blutzucker. Wann und wie müssen sie berechnet werden? Das weiß Dr. Bernhard Lipp-mann-Grob, Diabetologe am Diabetes Zentrum Mergentheim.

DJ: Herr Dr. Lippmann-Grob, was versteht man unter einer FPE?

Dr. Lippmann-Grob: Neben Kohlenhydraten können auch Fett und Eiweiß den Blutzucker erhöhen. Zur Berechnung der erforderlichen Insulindosis dient die Fett-Protein-Einheit, kurz FPE. Sie entspricht 100 Kilokalorien aus Fett und Eiweiß. Berechnet wird sie entweder aus dem Kaloriengehalt von Fett (mit 9 Kilokalorien pro Gramm) und Eiweiß (mit 4 Kilokalorien pro Gramm) oder aus dem Gesamtenergiegehalt abzüglich des Kaloriengehalts der Kohlenhydrate mit 4 Kilokalorien je Gramm. Die Insulindosis für eine FPE orientiert sich am entsprechenden KE- oder BE-Faktor.

DJ: Wie sinnvoll ist es, die FPE bei der Kalkulation der Insulinmenge zu verwenden?

Dr. Lippmann-Grob: Dazu muss zunächst der genaue Berechnungsweg für einen BE- oder KE-Tagesplan betrachtet werden. Dafür geht man davon aus, dass zu den jeweils 10 bis 12 Gramm Kohlenhydraten, die im Schnitt zwischen 40 bis 48 Kilokalorien enthalten, noch die Energiegehalte aus Fett und Eiweiß gehören. Eine gesonderte Berechnung eines Fett-Eiweiß-Gemisches ist nur sinnvoll, wenn die ursprünglich der Berechnung zugrunde liegende Relation von Kohlenhydraten auf der einen und Fett und Eiweiß auf der anderen Seite deutlich zugunsten von Fett und Eiweiß verschoben ist.

So viel erst mal zu den theoretischen Grundlagen. Praktischer Hintergrund: Betroffene stellen selbst fest, dass ein kohlenhydratfreies Abendessen, beispielsweise Salat mit Steak oder Putenbrust, Tomate-Mozzarella ohne Brot oder Rührei mit Schinken, einen Blutzuckeranstieg verursacht. Der Grund: Fette verursachen eine gewisse Insulinresistenz. Ferner wird ein Teil der Aminosäuren (Eiweißbausteine) aus dem Fleisch oder Ei in der Leber in die Zuckerneubildung, die Glukoneogenese, eingeschleust.

Diese verstärkte Zuckerneubildung in der Leber kann nur durch zusätzliches Insulin unterdrückt werden. Deshalb wird auch für eine kohlenhydratfreie Mahlzeit eine bestimmte Insulinmenge benötigt. Diese richtet sich nach dem Energiegehalt der gegessenen Eiweiß- und Fettmenge, die sich als FPE erfassen lässt.

DJ: Was ist dabei zu beachten?

Dr. Lippmann-Grob: Die FPE sollte nur verwendet werden, wenn die normalerweise mit BE oder KE bereits erfasste zusätzliche Kalorienmenge deutlich überschritten wird. Zu einer BE oder KE gehören knapp 50 Kilokalorien Fett-Eiweiß-Gemisch. In der FPE werden allerdings 100 Kilokalorien Fett-Eiweiß-Gemisch erfasst. Die Insulinmenge für eine FPE sollte verzögert, etwa nach ein bis vier Stunden, abgegeben werden, denn Fett verzögert die Magenentleerung. Andererseits gibt es die Zuckerneubildung aus Eiweiß mittels Umweg über die Leber. Die erforderliche Insulinmenge für eine FPE ist umstritten. Sie reicht von älteren Angaben wie 0,5 Einheiten pro FPE nach Howorka aus dem Jahre 1987 bis hin zu Mengen wie für eine BE oder KE nach Kordonouri von 2010.

Praktisches Beispiel zur Berechnung der Fett-Protein-Einheit
Lasagne
  • 427 kcal (1787 kJ)
  • 35 g Kohlenhydrate
  • 23 g Fett
  • 20 g Eiweiß

1. Möglichkeit: Fett-Kalorien: 23 g x 9 kcal = 207 kcal+ Protein-Kalorien: 20 g x 4 kcal = 80 kcal, Kalorien aus Fett und Protein zusammen: 287 kcal, FPE: 287 : 100 = 2,8

2. Möglichkeit: Kohlenhydrat-Kalorien: 35 g x 4 kcal = 140 kcal, 427 kcal (Gesamtkalorien) – Kohlenhydrat-Kalorien =Fett-Protein-Kalorien: 287 kcal, FPE: 287 : 100 = 2,8

DJ: Welche Praxistipps haben Sie für Diabetes-Journal-Leser?

Dr. Lippmann-Grob: Nach unserer Erfahrung im Diabetes Zentrum Mergentheim ist für Erwachsene ein FPE-Faktor in der Größenordnung wie ein BE- oder KE-Faktor zu groß. Ich empfehle, vom älteren FPE-Faktor (0,5 Einheiten Insulin) auszugehen und ihn entsprechend den Verläufen anzupassen. Grundvoraussetzung für eine gute Erarbeitung ist die möglichst genaue Schätzung des Energiegehalts. Ferner ist eine gute Dokumentation der Einflussfaktoren wie Größe des Fleischstücks, Verzögerungsdauer, Begleitumstände wichtig. Dazu, insbesondere zu Beginn, auch der Verzicht auf begleitenden Alkoholgenuss.

So lassen sich in der Zusammenschau mehrerer Versuche individuelle, tageszeitabhängige FPE möglichst sauber herausarbeiten. Das Ausmaß des Blutzuckeranstiegs unterliegt jedoch individuellen Schwankungen und sollte durch Blutzuckermessungen überprüft werden. Die verzögerte Insulinabgabe ist nur mit einer Insulinpumpe über einen verzögerten, sprich verlängerten oder dualen Bolus, durchführbar. Bei der intensivierten Insulintherapie muss der Blutzuckeranstieg später korrigiert werden.

DJ: Herr Dr. Lippmann-Grob, wir danken Ihnen für diese Tipps.


Das Interview führte Dr. Astrid Tombek.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2014; 63 (12) Seite 30-31

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Zwei Tage intensive Haferkur reichen aus: Studie zeigt deutliche LDL-Cholesterin-Senkung

Bereits eine kurze, strikt durchgeführte Haferkur mit Kalorienreduzierung kann den Fettstoffwechsel über mehrere Wochen positiv beeinflussen. Darauf weist eine Studie der Universität Bonn hin, die den Effekt einer intensiven Haferzufuhr über zwei Tage auf den LDL‑Cholesterin-Spiegel bei Menschen mit metabolischem Syndrom untersuchte.
Zwei Tage intensive Haferkur reichen aus: Studie zeigt deutliche LDL‑Cholesterin-Senkung | Foto: sonyakamoz – stock.adobe.com

3 Minuten

Bericht vom t1day 2026: Technik, Menschen, Emotionen

Der t1day hatte am vergangenen Sonntag wieder nach Berlin gelockt. Auch 2026 waren viele dem Ruf gefolgt und nutzten den Tag für neues Wissen, gute Gespräche und intensiven Austausch. Welche Themen im Fokus standen, erfahrt ihr im Bericht von Diabetes-Anker-Chefredakteurin Dr. Katrin Kraatz.
Bericht vom t1day 2026: Technik, Menschen, Emotionen | Foto: K. Kraatz/MedTriX

5 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • Hallo, ich bin noch ganz neu hier. Ich war heute beim T1day und bin dadurch auf den DiabetesAnker aufmerksam geworden. Ich bin Ende 20 und komme aus Berlin und bin auf der Suche nach anderen Menschen mit Typ 1 Diabetes (ungefähr in meinem Alter) zum Austauschen und Quatschen. Vielleicht hat ja jemand Interesse 🙂

  • jasminj postete ein Update vor 5 Tagen, 19 Stunden

    Hi,
    Ich bin Jasmin und gerade auf dem t1day 🙂 hab seit 23 Jahren Diabetes, aktuell mit Ypsopump und G7. Bin entweder in Hamburg oder Berlin anzutreffen und freue mich auf Kontakte und Austausch!

  • galu postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen

    hallo,
    ich bin d«Deutsche und lebe seit ca.40jahren in Portugal… meine Tochter, deutsch portugiesin, nun 27 ist seit ihrem 11.Lebensjahr Typ1.
    Nachdem ich, gleich nach der Diagnose, eine Selbsgthilfegruppe – die jungen Diabetiker der Algarve, gegruendet habe – finden wir nun so einige Beschraenkungen, was Selbsthilfe und relevante Info betrifft….meine Frage an die Gruppe:
    Kann mir jemand , irgendwo in Deutschland eine gute Diabetes Kur oder Kuren mit Hauptgewicht auf Diabetes empfehlen?
    Wir werden eh alles privat organsieren und bezahlen muessen – also sind eh nicht auf Krankenkassenangebote angewiesen (falls es diese ueberhaupt (wo?) geben sollte)
    Irgendwo in Deutschland (vielleicht nicht zuweit weg von internationalen Flughaefen, da wir ja immer aus Portugal kommen muessen.
    Hat vielleicht jemand eine Idee? vielen dank im Voraus

    • Hallo! Die beste Klinik für Diabetes ist in Bad Mergentheim! Ich hoffe Euch damit geholfen zu haben! Die Gesetzlichen Krankenkassen schicken die bei ihnen versicherten Diabetiker alle dahin! Privat geht aber auch? Liebe Grüße aus dem kalten Deutschland!

Verbände