- Eltern und Kind
Warnsignale und Hilfen
3 Minuten

Essen ist für alle Menschen von elementarer Bedeutung – egal ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, mit Diabetes oder ohne. Dabei geht es nicht nur darum, dem Körper Nährstoffe zuzuführen, wir essen auch aus sozialen oder stimmungsabhängigen Gründen. Welches Verhalten ist noch normal, welches deutet auf eine Essstörung hin? Wann sollten bei Eltern die Alarmglocken schrillen?
Julia ist 14, sie liebt Hip-Hop, ist meistens genervt von der Schule, findet, dass ihre Eltern zu streng sind, verbringt viel Zeit am Handy, hält sich für etwas zu moppelig und hätte gerne eine Modelfigur: eine ganz normale 14-Jährige. Ach ja, und sie hat Typ-1-Diabetes.
Natürlich hat sie sich mit ihren Freundinnen schon mal darüber ausgetauscht, welche Möglichkeiten es gibt, ein paar Pfund abzunehmen. Richtig gut funktioniert hat das nicht. Wenn Julia mal zu viel gegessen hat, gibt sie sich einfach weniger Insulin als nötig – so stellt sie sicher, dass sie nicht zunimmt. Hat Julia eine Essstörung?
Essstörungen entwickeln sich mit der Zeit, und es gibt einen fließenden Übergang von manchmal auftretendem ungünstigen oder gestörten Essverhalten hin zu einer behandlungsbedürftigen Essstörung. Einige Anzeichen können auf eine Essstörung bei Jugendlichen hindeuten. Das heißt aber nicht, dass Teenager automatisch krank sind, wenn eines oder mehrere dieser Anzeichen auf sie zutreffen. Eine klinische Diagnose können nur Fachleute stellen!
Auf Verhaltensänderungen beim Kind achten!
Eltern sollten jedoch aufmerksam für bestimmte Hinweise bei ihren Kindern sein. Dies können deutliche Veränderungen im Essverhalten sein, z. B. wenn ein Kind bestimmte Nahrungsmittel meidet, Mahlzeiten auslässt, abwechselnd große Mengen oder sehr wenig isst oder strenge Regeln aufstellt. Auch eine deutliche, unerklärliche Gewichtsabnahme in relativ kurzer Zeit oder eine Verschlechterung der Stoffwechseleinstellung können Hinweise auf essgestörtes Verhalten sein.
- Ruhig bleiben
- Mit dem Kind zu einem günstigen Zeitpunkt sprechen
- Keine Vorwürfe machen
- Beschreiben, was sie beobachten, denken und fühlen
- Professionelle Hilfe suchen (Arzt/Psychologe)
- Selbst ein gutes Vorbild sein
- Positive Zeit mit dem Kind verbringen
Viele Jugendliche mit einer Essstörung sind sehr unzufrieden mit ihrem Gewicht und ihrer Figur. Sie beschäftigen sich gedanklich sehr viel mit Strategien, wie sie Gewicht abnehmen können. Oft ziehen sich die Betroffenen mit der Zeit von Freunden, zuvor beliebten Hobbys und Aktivitäten zurück, sind gereizt und stimmungslabil.
Magersucht, Bulimie und Co
Die häufigsten Essstörungen sind die Magersucht (Gewichtsverlust, extrem niedriges Gewicht), die Bulimie (Essattacken gefolgt von Gegenmaßnahmen wie z. B. Erbrechen) und die Binge-Eating-Störung (Essattacken ohne Gegenmaßnahmen).
Obwohl Essen für uns alle wichtig ist, hat die Nahrungsaufnahme bei Typ-1-Diabetes natürlich einen besonderen Stellenwert: Jede Mahlzeit und jeder Snack müssen berechnet und der Körper entsprechend mit Insulin versorgt werden, um eine optimale Stoffwechseleinstellung zu gewährleisten. Sind Jugendliche mit Diabetes deshalb stärker gefährdet, eine Essstörung zu entwickeln?
Jugendliche mit Diabetes besonders gefährdet?
Einige Studien aus der Vergangenheit sprechen dafür, in vielen aktuellen Untersuchungen finden sich keine erhöhten Raten an Essstörungen – verglichen mit stoffwechselgesunden Jugendlichen. Allerdings scheint es einen bedeutenden Anteil an Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes zu geben, der ungünstige Strategien zur Gewichtsreduktion einsetzt bzw. essgestörtes Verhalten zeigt.
- Deutliche Veränderungen im Essverhalten
- Gewichtsabnahme (mehr als 6 kg in den letzten 3 Monaten) oder starke Gewichtsschwankungen
- Unzufriedenheit mit dem eigenen Gewicht und der eigenen Figur
- Verschlechterung der Stoffwechseleinstellung oder schwankende Blutzuckerwerte
- Rückzug von Freunden, übermäßige sportliche Betätigung, Stimmungsschwankungen
Insulin-Purging – fataler Abnehmtrick
Dies kann die Unterdosierung oder das Weglassen von Insulin sein, mit dem Ziel abzunehmen oder nicht zuzunehmen (Insulin-Purging). Purging (engl.) heißt übersetzt soviel wie entschlacken, abführen. Weniger Insulin führt zu mehr Glukose im Blut und schließlich zu einem Ausschwemmen von Kalorien über den Urin.
Das Insulin-Purging funktioniert zwar, um Gewicht abzunehmen, der erhöhte Blutzuckerspiegel, den die Jugendlichen in Kauf nehmen, hat allerdings langfristig fatale Folgen für ihre Gesundheit. Auch leichte Formen von essgestörtem Verhalten sollte man deshalb bei Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes thematisieren und bearbeiten. Wenn Eltern den Verdacht haben, dass ihr Kind tatsächlich eine Essstörung entwickelt, kann das starke Ängste auslösen. Es ist hilfreich, wenn es ihnen dennoch gelingt, ruhig zu bleiben.
Offenes Gespräch und gutes Vorbild
Ein offenes Gespräch mit dem betroffenen Kind sollte zu einem günstigen Zeitpunkt stattfinden (nicht im Streit, beim Essen, in Eile o. ä.). Damit das Gespräch konstruktiv verläuft, sollten die Eltern Vorwürfe vermeiden und stattdessen eigene Beobachtungen, Gedanken und Gefühle beschreiben. Was auch noch wichtig ist: dass Eltern selbst ein gutes Vorbild sind, sich regelmäßig und gesund ernähren und keine übertriebenen Ideen bezüglich Figur und Gewicht vertreten.
Frühzeitig Hilfe aufsuchen
Frühzeitig professionelle Hilfe aufzusuchen erhöht die Chancen für eine erfolgreiche Behandlung. In belastenden Situationen kommen positive Augenblicke häufig zu kurz. Um dem entgegenzuwirken, können Eltern bewusst schöne Zeiten und Aktivitäten gemeinsam mit ihrem Kind und evtl. den Geschwisterkindern einplanen.
- www.bzga-essstoerungen.de
- www.bundesfachverbandessstoerungen.de
- www.psychotherapiesuche.de
- www.diabetes-psychologie.de
- Lange K. et al.: Diabetes bei Jugendlichen: ein Behandlungs- und Schulungsprogramm. 2. Auflage, Kirchheim, 2009
- Bryant-Waugh R., Lask B.: Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen. Rat und Hilfe für Eltern. Hans Huber, 2008
Fazit
Ob Julia/ein Kind eine Essstörung hat oder nicht, kann nur ein Fachmann durch eine ausführliche Diagnostik herausfinden. Sicher ist, dass auch milde Formen von gestörtem Essverhalten bei Jugendlichen mit Diabetes zu einer schlechteren Stoffwechseleinstellung und damit zu negativen gesundheitlichen Konsequenzen führen können. Deshalb ist es wichtig, dass sich betroffene Familien rechtzeitig Hilfe holen.
von Dr. Heike Saßmann, Hannover
Diplom-Psychologin, Medizinische Hochschule Hannover
Kontakt:
E-Mail: sassmann.heike@mh-hannover.de
,
www.mh-hannover.de/medpsych.html
Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2014; 7 (3) Seite 16-18
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Ähnliche Beiträge
- Eltern und Kind
- Behandlung

2 Minuten
Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.
Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.
über deinen Diabetes?
Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.
olivers postete ein Update vor 1 Tag, 5 Stunden
Hallo Zusammen!
Ich bin ein T3er und freue mich Gleichbetroffene zwecks Erfahrungsaustausch zu finden. Bin im Frankfurter Raum, aber auch im Heidelberger Raum unterwegs.
Liebe Grüße
Oliverzojou96 postete ein Update vor 2 Tagen, 6 Stunden
Hallo, ich bin DT1 und trage seit etwa 1 Jahr eine Omnipod-Pumpe. Letztere löst seit mehrere Monaten eine Hautallergie an der Platzierungsstelle aus. Ich habe es bereits mit dem Cavillon-Spray und Pflastern (derzeit Omnifix von Hartmann und Unterpatch von My Sweet Stitch) für empfindliche Haut unter dem Pod probiert. Es hilft aber leider nicht oder nur bedingt, da auch mit Spray die Allergie ausgelöst wird und die Schutzpflaster nicht lange haften. Hat jemand vielleicht eine ähnliche Erfahrung gemacht und eine gute Lösung gefunden? Ich würde gerne weiterhin eine Pumpe tragen, wäre aber auch bereit das Modell zu wechseln, wenn es das Problem mit der Allergie löst. Ich bin um jeden Rat dankbar. Vielen Dank im Voraus 🙂
darktear postete ein Update vor 2 Tagen, 22 Stunden
Hallo,
hat irgendwer der den Libre3 benutzt auch so massive Probleme ?
Mein Kind hat ständig Ärger mit seinen Sensoren,selten wo mal einer durchhält. Entweder dauernd Sensorfehler oder ein neuer Sensor sitzt und nach kurzer Zeit kommt bitte neuen Sensor starten.
Das kann ja nicht sein,ich hab selten mal einen Sensorfehler.
Als ich das letzte mal bei denen angerufen hatte ,meinte dieser “sehr freundliche” Mitarbeiter nur es kann nicht sein das die so viele Fehler haben,es gab keinen Ersatz.
Müßen wir jetzt ernsthaft selber Sensoren bezahlen?
Weil bis der Nachschub kommt dauert es noch 🙁LG Sandra





Nun, ich weiß nicht, was ihr alles probiert habt. Aber Handyneustart, Bluetooth neu aktivieren, Akku muss genug Kapazität haben. Vielleicht ist der Sensor auch locker, Schweiss hat auch immer bei mir Schwierigkeiten gemacht (wird beim Kind nicht sein).
Gruß Oliver