- Eltern und Kind
Wie sieht die ferne Zukunft mit Diabetes aus?
4 Minuten
Haben Kinder mit Diabetes eine geringere Lebenserwartung als ihre Alterskameraden? Diese Frage stellen sich Eltern oft. Eine eindeutige und verlässliche Vorhersage für den Einzelnen gibt es nicht – wohl aber Studien, aus denen sich viel Positives herauslesen lässt.
Nachdem Eltern den ersten Schock der Diabetesdiagnose bei ihrem Kind etwas überwunden und die Insulintherapie erlernt haben, beginnen viele Mütter und Väter, sich Gedanken über die weitere Zukunft ihres Kindes zu machen. So fragten die Eltern von Mia (5 Jahre), wie die Lebenserwartung ihrer Tochter wohl durch den Diabetes beeinflusst würde: “Wird sie so lange und gut leben können wie ihre gleichaltrigen Freundinnen im Kindergarten?”
Eine verlässliche Antwort auf diese Frage ist schwierig. Niemand kann wie eine Wahrsagerin im Märchen in der Kristallkugel die Zukunft eines einzelnen Menschen vorhersehen. Wir wissen nicht, ob es in ein paar Jahren möglich sein wird, die Diabetesbehandlung zu vereinfachen oder die Stoffwechselstörung auf “technische Art” zu heilen. Auch kann niemand vorhersagen, in welchen Situationen Mia später großes Glück haben oder vor einer schwierigen Entscheidung stehen wird. Vielleicht ist es gut, dass wir alle nicht wissen, was uns unser Leben noch bringen wird.
Statistiken geben Hinweise, erlauben aber keine Vorhersagen
In den letzten Jahren wurden einige wissenschaftliche Ergebnisse zur Lebenserwartung von Menschen mit Typ-1-Diabetes veröffentlicht. Mit ihnen kann die Frage von Mias Eltern ein wenig genauer beantwortet werden. Die Studien wurden in Ländern durchgeführt, die alle über ein sogenanntes Diabetesregister verfügen, d. h. eine große, landesweite Datenbank, in der über viele Jahre Daten aller Einwohner mit Typ-1-Diabetes gesammelt werden. Diese Möglichkeit gibt es in Deutschland noch nicht.
Eine Studie wurde in Dänemark, eine in Schweden und eine weitere in Schottland durchgeführt. Alle Studien hatten das Ziel, die Lebenserwartung von Menschen mit Typ-1-Diabetes zu schätzen. Außerdem sollte geklärt werden, in welchem Alter und woran Menschen mit Diabetes versterben. Dazu wurden die Daten der letzten Jahre herangezogen, um Vorhersagen für die Zukunft zu treffen.
Dänemark: positive Entwicklungen
In der landesweit durchgeführten dänischen Studie wurden die Daten von 4.800 Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes in den Jahren 2002 bis 2011 mit Überlebensdaten der dänischen Bevölkerung verglichen. Über die Jahre verlängerte sich die Lebenserwartung der Menschen mit Diabetes. Diejenigen, die keine Nephropathie (diabetische Nierenerkrankung) entwickelt hatten, unterschieden sich in ihrer Lebenserwartung nicht von der Allgemeinbevölkerung. Lag eine diabetische Nierenerkrankung vor, verkürzte sich die Lebenserwartung.
Eine schwedische Langzeitstudie – die Linköping Diabetes Complication Studie – konnte dazu zeigen, dass das Auftreten einer Nephropathie einerseits durch das Erbgut, andererseits aber auch durch die langfristige Stoffwechseleinstellung (HbA1c) beeinflusst wird. Bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, deren HbA1c meist unter 7,5 % lag, stellten die Forscher selbst nach 30 Jahren Diabetesdauer keine Nephropathie fest.
Schweden: Risiken durch schwere Ketoazidosen
In der schwedischen Registerstudie wurden fast 34.000 Erwachsene mit Typ-1-Diabetes über die Jahre 1998 bis 2011 mit Kontrollpersonen ohne Diabetes verglichen. In allen Altersgruppen verstarben Menschen mit Diabetes häufiger als Menschen ohne Diabetes – meist an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei den unter 30-jährigen waren schwere diabetische Ketoazidosen die häufigste Todesursache.
Die Autoren der Studie stellten dazu fest, dass besonders junge Leute, die Drogen konsumieren, psychische Probleme haben oder sich in schwierigen Lebenssituationen befinden, durch Ketoazidosen besonders bedroht sind. In höherem Lebensalter hängt die Lebenserwartung auch in Schweden wieder enger mit der diabetischen Nierenerkrankung zusammen.
Schottland: verkürzte Lebenserwartung
Die Schlussfolgerung der aktuellsten Studie aus Schottland ist auf den ersten Blick erschreckend: “Gegenüber Menschen ohne Typ-1-Diabetes (über 20 Jahre) verkürzt sich die Lebenserwartung bei Frauen mit Typ-1-Diabetes um etwa 13 Jahre und bei Männern um etwa 11 Jahre.” In die Studie wurden knapp 25.000 Erwachsene mit Typ-1-Diabetes eingeschlossen und von 2008 bis 2011 verfolgt.
Betrachtet man die Todesursachen im Einzelnen, dann fällt eine hohe Zahl von schweren Ketoazidosen und psychischen Problemen bei den unter 50-jährigen auf. Je älter die Menschen mit Diabetes in dieser Datenbank waren, umso mehr näherte sich deren Lebenserwartung an die der schottischen Bevölkerung allgemein an. Im hohen Alter war die Lebenserwartung mit Typ-1-Diabetes sogar länger.
Diese Ergebnisse können nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragen werden. Aktuelle Vergleichsstudien zeigen, dass die Qualität der Stoffwechseleinstellung in Schottland im Mittel einem HbA1c von 9 % entspricht. Die Langzeitbehandlung, die Versorgung mit Insulinpumpen und die Schulung entsprechen nicht dem hohen Niveau, das in den letzten Jahren in Deutschland erreicht wurde.
Hoffnung für Mia
Für junge Leute und Eltern mag es emotional schwierig sein, sich mit Todesursachen bei Diabetes zu beschäftigen. Aber allein diese Daten erlauben uns, die Lebenserwartung mit der Stoffwechselstörung einzuschätzen.
Wägt man die Ergebnisse der verschiedenen Studien ab, so sind Mias Zukunftschancen positiv. Warum? Mia wird von Anfang an gut mit einer Insulinpumpe behandelt, ihre Eltern sind gut geschult und das Diabetesteam ist erfahren. Ihr HbA1c-Wert ist meist unter 7,5 Prozent, die Gesundheit der Nieren wird überwacht, und Mia entwickelt sich prima – körperlich und seelisch. Ihre Eltern kümmern sich und schaffen so die besten Voraussetzungen dafür, dass Mia später als junge Frau seelisch stabil sein wird und ihren Diabetes sicher managen kann.
Sie wird spätestens dann neue technische oder medikamentöse Behandlungsmethoden nutzen können, von denen wir heute noch keine Vorstellung haben. Oder hätten Sie vor 20 Jahren gedacht, dass heute jedes Kind mit den Großeltern “skypen” oder Hausaufgaben mit Hilfe von “Apps” machen kann?
Die Goldene Kohorte
In den USA gibt es eine große Gruppe von Menschen, die seit 50, 60 und sogar schon seit 70 Jahren mit Typ-1-Diabetes lebt. Sie werden die Goldene Kohorte genannt und arbeiten eng mit den Wissenschaftlern des Joslin Diabetes Center (www.joslin.org) in Boston/Massachusetts zusammen, um das Geheimnis ihres langen Lebens mit Diabetes aufzuklären.
Ein Ergebnis der Untersuchungen überrascht: Ihre Blutzuckereinstellung war und ist akzeptabel (mittleres HbA1c: 7,6 %), aber nicht ideal. Dafür sind alle Nichtraucher, haben normale Blutdruck- und Blutfettwerte, sind normalgewichtig und viele stammen aus langlebigen Familien.
Die Kombination aus vielen günstigen Verhaltensweisen, gesundem Leben und etwas Glück scheint wichtiger zu sein als nur das Streben nach einem möglichst idealen Blutzucker- oder HbA1c-Wert. Die Erfahrungen der Goldenen Kohorte können deshalb Mia und ihren Eltern helfen, gelassen zu bleiben, selbst “wenn der Blutzucker manchmal macht, was er will.”
Fazit
Viele Eltern eines Kindes mit Typ-1-Diabetes möchten wissen, ob ihr Kind wahrscheinlich ähnlich lange leben wird wie die gleichaltrigen gesunden Freunde. Große Registerstudien aus Schweden, Dänemark und Schottland zeigen, dass Eltern positiv in die Zukunft blicken können, wenn ihr Kind gut behandelt wird, gute Werte hat und der Diabetes gut gemanagt wird. Auch die “Goldene Kohorte” macht Mut: Diese Gruppe von Menschen lebt schon seit vielen Jahrzehnten mit Typ-1-Diabetes – oft mit erstaunlich wenigen Komplikationen durch den Diabetes.
Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2016; 9 (1) Seite 12-14
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marina26 postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Für alle Höhen und Tiefen vor 18 Stunden, 10 Minuten
Huhu, ich bin Marina und 23 Jahre alt, studiere in Marburg, habe schon etwas länger Typ 1 Diabetes und würde mich total über persönlichen Austausch mit anderen jungen Menschen/Studis… freuen, vielleicht auch mal ein Treffen organisieren oder so 🙂 Schreibt mir gerne, wenn ihr auch Lust habt!
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wolfgang65 postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes Typ 3c vor 1 Tag, 13 Stunden
Liebe Leute, ich habe zwei neue Erfahrungen mach dürfen, die Ursächliche nicht so schön, woraus die 2. Erfahrung (notwendig gut) resultiert!
Ich bin kein Liebhaber von Zahnärzten und meine dort geführte Gesundheitsakte ist mit einem riesigen “A” für Angspatient gezeichnet. Ende letzten Jahres ist mir beim letzten verbleibenden Weisheitszahn (nie Schmerzen gemacht) größeres Teil abgebrochen, ZA meint, da geht er nicht bei, weil Zahn quer liegt, allso OP, und danach könnte man sich über Zahnersatz unterhalten … ich natürlich in Schockstarre gefallen, – gleich am selben Tag bei OP-Zahnarzt Termin gemacht, vor Weihnachten nix mehr möglich, gleich Anfang Januar Termin bekommen, Röntgenbild lag dem Chirugen bereits vor. Vieles wurde besprochen, auch der Zahnersatz, wobei der Chirug gleich meinte, dass ausser WZ wohl 3 weitere Zähne raus müssten. Schock nr. 2! Ich wollte mir aber noch 2Meinung einholen und fand Dank guten Rat von Bekannten, einen anderen Zahnarzt, dem ich mein Leid und Angst ausführlich schildern konnte und der auch zum erstenmal die Diabetes in Spiel brachte … kurz um ein bisher bestes aufklärendes Gespräch, wie weit Diabetes auch auf die Zahne und Zahnfleisch gehen kann. Bei mir Fazit Paradontites. (die 1. unschöne Erfahrung). Der Weisheits- und daneben liegende Zahn sind inzwischen raus, – war super gute und schmerzfreie OP, danach keinerlei Schmerzen, durfte allerdings auch Antibiotika nehmen. Die 2. Erfahrung: ich konnte meine Insulindosies halbieren, – bei 10 Tg. Antbiotika, und nun 15 ohne Medizin noch anhaltend niedrige Insulinmenge, mit steigender festen Nahrungsaufnahme.
Heute bei Diabetologen bestätigt, das Diabetiker besonders auf Ihre Zähne und Zahlfleich achten sollten. Da frage ich mich warum der Zahnarzt da nicht im Vorsorgekatalog von DMP aufgenommen ist.
LG Wolfgang
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laila postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes Typ 3c vor 2 Tagen, 8 Stunden
Hallo ihr Lieben….Mein Name ist Laila…Ich bin neu hier…Ich wurde seit 2017 mit Diabetes 2 diagnostiziert.Da bekam ich den Diabetes durch laufen ohne Medies in den Griff.Das ging so bis Januar 2025.Ich weiss heute nochicht warum…aber ich hatte 2024 den Diabetes total ignoriert und fröhlich darauf losgegessen.Mitte 2025 ging ich Sport machen und gehen nach dem Essen.Und nahm immer megr ab.Htte einen Hb1C Wert von 8…Da ich abnahm, dachte ich, das der Wert besser ist…Bis Januar 2025…Da hatte ich einen HbA1C Wert von 14,8…Also Krankenhaus und Humalog 100 zu den Malzeiten spritzen…Und Toujeo 6 EI am Morgen…Irgendwann merkte ich, das mich kein Krankenhaus einstellen konnte.Die Insulineinheiten wurden immer weniger.Konnte kein Korrekturspritzen megr vornehmen.Zum Schluss gin ich nach 5 Mon. mit 2 Insulineinheiten in den Hypo…Lange Rede …kurzer Sinn.Ich ging dann auf Metformin…Also Siofor 500…Ich war bei vielen Diabethologen….Die haben mich als Typ 1 behandelt.Mit Metformin ging es mir besser.Meine letzte Diaethologin möchte, das ich wieder spritze.Ich komme mit ihr garnicht zurecht.Mein HbA1C liegt jetztbei 6,5…Mein Problem ist mein Gewicht.Ich wiege ungefähr 48 Kilo bei 160 m…Ich bräuchte dringend Austausch…Habe so viele Fragen…Bin auch psychisch total am Ende. Achso…Ja ich habe seit 1991 eine chronisch kalfizierende Pankreatitis…Und eine exokrine Pankreasinsuffizienz…Also daurch den Diabetes 3c.Wer möchte sich gerne mit mir austauschen?An Michael Bender:” Ich habe Deine Geschichte gelesen . Würde mich auch gerne mit Dir austauschen, da Du ja auch eine längere Zeit Metformin eingenommen hast.” Ich bin für jeden, mit dem ich mich hier austauschen kann, sehr dankbar. dankbar..Bitte meldet Euch…!!!
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suzana antwortete vor 2 Tagen, 6 Stunden
Hallo Leila, ich bin Suzana und auch in dieser Gruppe. Meine Geschichte kannst du etwas weiter unten lesen.
Es ist sicher schwer aus der Ferne Ratschläge zugeben, dennoch: ich habe mich lange gegen Insulinspritzen gewehrt aber dann eingesehen, dass es besser ist. Wenn die Pankreas nicht mehr genug produziert ist es mit Medikamenten nicht zu machen. Als ich nach langer Zeit Metformin abgesetzt habe, habe ich erst gemerkt, welche Nebenwirkungen ich damit hatte.
Ja auch ich muss aufpassen nicht in den unterzucker zu kommen bei Sport und Bewegung aber damit habe ich mich inzwischen arrangiert. Traubensaft ist mein bester Freund.
Ganz wichtig ist aber ein DiabetologIn wo du dich gut aufgehoben fühlst und die Fragen zwischendurch beantwortet.
Weiterhin viel Kraft und gute Wegbegleiter! -
laila antwortete vor 2 Tagen, 4 Stunden
@suzana: Ich danke Dir für die Nachricht.Könnten wir uns weiterhin austauschen?Es wäre so wichtig für mich.Vielleicht auch privat? Gebe mir bitte Bescheid…Ich kenne mich hier leider nicht so gut aus…Wäre echt super…😊
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wolfgang65 antwortete vor 1 Tag, 14 Stunden
Hallo Leila, auch von mir ein herzliches willkommen. Auch meine Geschichte liest du im weiteren Verlauf.
Zur “chronisch kalfizierende Pankreatitis” kann ich nix sagen, da ist immer das Gespräch mit dem Arzt/Diabetologen vorzuziehen, wie in allen Gesundheitsfragen. Was sagen Ärzte dazu, auch wg. der NICHTzunahme an Gewicht. Wenn ich mit einem Arzt nicht kann, oder dieser mir nicht ausreichende Infos gibt, schaue ich mich nach einem anderen Arzt/Diabetologen um, das ist Dein Recht, es geht um Deine Gesundheit!
Sollte mit der Nichtzunahme noch mehr dahinter Stecken, vielleicht
auch mal einen Psychologen in Deine Überlegung ziehen. Oder eine auf dich zugeschnittene Diabetes Schulung o.Ä., auch hier sollte Dich ein guter Diabetologe aufklären können.Soweit was mir im Moment einfällt. Lass es Dir gut gehen.
Gruss Wolfgang
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michatype3 antwortete vor 1 Tag, 13 Stunden
Hey Laila, du kannst mir gerne hier im Typ 3c Bereich oder via PN schreiben. Ich bin gerade zwar etwas gesundheitlich angeschlagen, versuche aber, so gut es geht zu antworten.
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