APS: sieben Forderungen an die Politik für eine neue Sicherheitskultur

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APS: sieben Forderungen an die Politik für eine neue Sicherheitskultur

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) hat sich das Ziel gesetzt, für mehr Sicherheit im Gesundheitswesen eine Kulturveränderung herbeizuführen. Dabei sollen nicht nur sämtliche Akteure im Gesundheitswesen eingebunden werden, sondern vor allem auch die Politik. Ein Forderungspapier konkretisiert dieses Anliegen, das auch bei der digitalen APS-Jahrestagung (29. bis 30. April) diskutiert werden wird.

Die Parteien haben ihre Kanzlerkandidaten in Stellung gebracht, der Wahlkampf für die Bundestagswahl geht allmählich in die heiße Phase. Unabhängig davon, wie die neue Bundesregierung ab Herbst aussehen wir, hat das Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS) bereits jetzt sieben Anliegen für die nächste Legislaturperiode zum Thema Sicherheit im Gesundheitswesen zusammengestellt – und lädt dazu ein, diese auch schon vorher umzusetzen.

Die sieben konkrete Forderungen an die Politik, sollen laut APS dazu beitragen, das Gesundheitswesen leistungsfähiger zu machen, eine neue Sicherheitskultur zu entwickeln und mögliche Patientenschädigungen zu vermeiden. Im folgenden Kasten sind diese Handlungsanstöße mitsamt konkretisierter Zielsetzungen aufgelistet; das gesamte Forderungspapier inklusive ausführlicher Operationalisierungsvorschlägen und Begründungen ist hier abrufbar.

Sieben Kernforderungen der APS zur Erhöhung der Patientensicherheit


1. Umsetzungsverantwortung für Gesundheitspolitikstärken
Es müsse sichergestellt werden, dass die Gesundheitspolitik wirksame und patientenorientierte Veränderungen im Gesundheitswesen durchsetzt.

2. Verantwortung für Patientensicherheit auf oberster Leitungsebene verankern
Patientensicherheit müsse integraler Bestandteil der Entscheidungsgrundlagen und Steuerungsgrößen jeder Einrichtung im Gesundheitswesen auf der obersten Leitungsebene werden.

3. Transparenz über Qualität und Patientensicherheit schaffen
Um ein komplexes Gesundheitswesen hinsichtlich Sicherheit und Qualität der Versorgung steuern zu können, seien aussagekräftige, belastbare und zeitnah zur Verfügung stehende Kennzahlen unerlässlich.

4. Mitarbeitersicherheit im Gesundheitswesen erhöhen
Patientengefährdungen durch Personal, das selbst unter den psychischen Folgen von sekundären Traumatisierungen leidet, und die Abwanderung aus den medizinischen Berufen, insbesondere aus der Pflege, aufgrund belasten der Arbeitssituationen sollten verringert werden.

5. Bevölkerung in die Erhöhung der Patientensicherheit einbeziehen
Die Bevölkerung in Deutschland müsse darin unterstützt werden, in ihren jeweiligen Rollen als Bürger:in, Patien:in, Arbeitnehmer:in oder Führungskraft inner‐ und außerhalb des Gesundheitswesens mehr Verantwortung für eine sichere Gesundheitsversorgung übernehmen zu können.

6. Patientensicherheit umfassend in der Ausbildung aller Gesundheitsberufe verankern
Die Beschäftigten aller Gesundheitsberufe müssten Patientensicherheit, Sicherheitskultur und das Denken in Versorgungsprozessen von Beginn ihrer Ausbildungv erinnerlichen.

7. Barrierefreiheit als wesentlichen Teil der Patientensicherheit stärken
Die physische Zugänglichkeit zu Versorgungsangeboten und gelingende Kommunikation zwischen Behandelnden und Patient:innen müssten verbessert und unterstützt werden.

„Wenn man den Gedanken der Patientensicherheit im Gesundheitswesen verankern möchte, dann muss man die allgemeine Haltung zu dem Thema verändern“, kommentiert die APS-Vorsitzende Dr. Ruth Hecker die Handlungsansätze. Eine Kulturveränderung sei aber ein langwieriger Prozess, der zum einen von unten – über eine Verankerung der Patientensicherheit in der Ausbildung aller Gesundheitsberufe – zum anderen aber über die obersten Entscheidungsebenen ablaufen müsse.

Dazu müssten sämtliche Akteure im Gesundheitswesen eingebunden werden: von Krankenhäusern, Körperschaften und politischen Institutionen über Pharma- und Medizintechnikfirmen bis hin zu den Praxen von Ärzten und anderen Gesundheitsberufen.

„In all diesen Bereichen gehört das Thema Patientensicherheit in die Unternehmensstrategie“, so Hecker. Hier müsse es über eindeutig formulierte und mithilfe von Kennzahlen nachprüfbare Ziele verankert werden, über die in größeren Firmen auch regelmäßig der Aufsichtsrat informiert wird. Die Verantwortung hierfür liege auf oberster Ebene, also bei einem Mitglied des Vorstands oder der Geschäftsführung, so eine der APS-Forderungen.

Missstände aufdecken: Transparenz in Bezug auf Qualität und Patientensicherheit

Um rasch auf Missstände oder fehleranfällige Mechanismen in der Gesundheitsversorgung reagieren zu können, sollten diese zeitnah und möglichst aufwandsarm identifiziert werden können. Auch hier setzen einige der Forderungen der APS an, etwa die nach Transparenz in Bezug auf Qualität und Patientensicherheit. „Das Prinzip der Freiwilligkeit, das wir in den vergangenen 15 Jahren verfolgt haben, hat hier nicht den gewünschten Erfolg gebracht“, so Hecker.

Auch eine Stärkung und Weitentwicklung der Position des/der Patientenbeauftragten der Bundesregierung in eine Ombudsstelle, bei der Betroffene (Patientinnen und Patienten, aber auch alle Gesundheitsberufe) Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen melden können – zählt zu den Anliegen des APS. „In einem komplexen Gesundheitswesen entfalten Gesetze oft nicht die gewünschte Wirkung“, erläutert Hecker.

Ausbleibende oder möglicherweise sogar negative Auswirkungen könnten nur dann zeitnah erkannt und korrigiert werden, wenn Mechanismen für eine direkte und konstruktive Rückmeldung etabliert würden.

Während der Coronapandemie wurden Schwächen in der Versorgung aufgezeigt

Dass selbst gut gemeinte Gesetze beim Kontakt mit der Wirklichkeit schnell Schwächen offenbaren können, habe sich während der Coronapandemie besonders deutlich gezeigt. „Für behinderte Menschen, die nicht in einem Heim leben, stand aufgrund der fehlenden Priorisierung in Impfgruppe 1 lange Zeit kein Impfstoff zur Verfügung“, berichtet Constantin Grosch, stellv. APS-Vorsitzender und Patientenvertreter im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), aus eigener Erfahrung. Als Muskeldystrophie Betroffener wäre er aufgrund seiner beeinträchtigten Atemmuskulatur vermutlich besonders anfällig für einen schweren COVID-19-Verlauf.

„Weder ich noch meine acht Helfer, die mich im Wechsel durch den Alltag begleiten, haben eine hohe Impfpriorität erhalten“, sagt Grosch – ein Umstand, der ihn in den vergangenen 12 Monaten zu fast vollständiger Isolation gezwungen hat. Inzwischen ist er vor wenigen Tagen geimpft worden. Allerdings verweist er auf die Situation in der ambulanten und stationären Versorgung vor allem im ländlichen Raum, die oftmals nicht barrierefrei zugänglich sei.

Dies erschwere die Impfungen von behinderten Menschen durch Haus- und Fachärzte und gefährde grundsätzlich die Versorgungssicherheit dieser Patientengruppe. Versorgung, die aufgrund von fehlender Barrierefreiheit oder unzugänglichen Informationen gefährdet ist oder gar unterbleibt, stellt ein Risiko für die Patienten dar. Die Forderung nach mehr Barrierefreiheit als Teil der Patientensicherheit findet sich daher auch in den sieben aktuellen Handlungsanstößen des APS wieder.

Großen Bandbreite an Themen: digitale APS-Jahrestagung am 29. und 30. April

„Das APS bietet den politischen Entscheidungsträgern gern an, sich in die weitere Gestaltung der geforderten Maßnahmen einzubringen“, so Professor Dr. Reinhard Strametz, Generalsekretär des APS und Tagungspräsident der diesjährigen Jahrestagung des APS, die am 29. und 30. April in digitaler Form durchgeführt wird.

Bereits ein Blick in das Programm der Jahrestagung zeige, dass das APS starker Partner mit großer Kompetenz in diesen Fragen sei. Hecker betont: „Mit der großen Bandbreite an Themen aus allen Gesundheitsbereichen zeigt das APS plastisch, was es auch von der Politik fordert: Es geht darum, Verantwortung für eine sichere Patientenversorgung zu übernehmen – auf allen Ebenen.“


Quelle: Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS) | Redaktion

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