Bewegung senkt Blutzucker, stärkt Herz und Gefäße und verbessert die Lebensqualität. Trotzdem herrscht oft Unsicherheit: Was ist sicher? Was wirkt wirklich? Zwei Experten erklären, worauf es beim Sport mit Diabetes ankommt – und warum Struktur entscheidend ist.
Darüber sprechen wir mit Dr. Meinolf Behrens vom Diabeteszentrum Minden und Prof. Dr. Christian Brinkmann von der Deutschen Sporthochschule Köln und IST Hochschule Düsseldorf. Beide befassen sich seit Jahren mit der Frage, wie Bewegung bei Diabetes sicher und strukturiert in die Versorgung integriert werden kann – ein Ansatz, der sich auch im Gütesiegel „Fit mit Diabetes“ widerspiegelt.
Diabetiker Baden-Württemberg (DBW): Lange wurde Sport bei Diabetes eher empfohlen als systematisch eingeplant. Heute gilt Bewegung als therapeutische Notwendigkeit. Herr Dr. Behrens, ist Sport bei Diabetes eher Risiko oder Therapie?
Dr. Meinolf Behrens: Die Frage lässt sich klar beantworten – Sport bei Diabetes ist in erster Linie Therapie. Trotzdem braucht es eine differenzierte Sicht. Der Nutzen hängt vom Diabetestyp, der Behandlung, Begleiterkrankungen sowie von Art und Intensität der Bewegung ab. Für junge Menschen mit Typ-1-Diabetes gilt vor allem: den Sport machen, der Spaß bringt. Bei Typ-2-Diabetes mit Insulinresistenz ist Bewegung eine der wirksamsten Therapien. Mit dem Diabetes-Team findet sich fast immer ein passendes, sicheres Programm.
DBW: Wenn Sport also Therapie ist – wie wirkt er physiologisch? Herr Prof. Brinkmann, welche physiologischen Effekte sind wissenschaftlich gesichert?
Prof. Dr. Christian Brinkmann: Evidenz für die positive Wirksamkeit von Sport und Bewegung bei Diabetes gibt es hinreichend. Jährlich werden aktuell etwa 3000 internationale wissenschaftliche Papers rund um das Thema Bewegung bei Diabetes publiziert. Regelmäßige körperliche Aktivität hat nicht nur das Potenzial, das glykämische Profil zu verbessern, sondern vor allem auch das Auftreten oder Fortschreiten von Sekundärerkrankungen zu verhindern und die frühzeitige Mortalität zu reduzieren. Wir verstehen heute immer mehr, vor allem auch auf zellulärer und molekularer Ebene, wie über Sport und Bewegung positive Effekte ausgelöst werden.
DBW: Und im Alltag? Ganz praktisch gefragt, Herr Dr. Behrens: Wie lassen sich Hypoglykämien beim Training konkret vermeiden?
Dr. Behrens: Als sicher gilt meist ein Blutzucker von etwa 150 bis 180 mg/dl (8,3 bis 10,0 mmol/l) vor dem Sport. Moderne Medikamente bei Typ-2-Diabetes führen dabei selten zu Unterzuckerungen. Menschen mit Insulintherapie senken vor dem Sport die letzte Dosis oder nehmen zusätzliche Kohlenhydrate („Sport-BE“) ein. Diabetestyp, Diabetesdauer, Therapie und die gewählte Sportart können zu sehr unterschiedlichen Blutzuckerverläufen führen. Wichtig bleibt daher: Blutzucker auch während und nach dem Sport kontrollieren.
DBW: Sicherheit ist also planbar. Doch wie sieht wirksames Training konkret aus? Herr Prof. Brinkmann, was unterscheidet wirksames Training von bloßer Bewegung?
Prof. Brinkmann: Wir wissen heute, dass jede Form von Bewegung Vorteile bringt. Eine aktuelle Studie im Lancet hat gezeigt, dass fünf Minuten mehr Bewegung am Tag inaktiven Personen bereits helfen können, länger zu leben. Ein richtiges Training, z. B. im Fitness-Studio, ist im Gegensatz zu bloßer Bewegung aber strukturiert, setzt gezieltere Reize und ermöglicht bessere messbare Fortschritte. Eigentlich spricht also alles für mehr Bewegung.
DBW: Und trotzdem? Aus Ihrer langjährigen Praxiserfahrung, Herr Dr. Behrens: Warum ist Bewegung trotz klarer Evidenz noch kein selbstverständlicher Bestandteil der Versorgung?
Dr. Behrens: Oh je – auf diese Frage suche ich seit über 30 Jahren eine Antwort. Bewegung ist wissenschaftlich klar wirksam, aber im Gesundheitssystem fehlen oft Anreize und feste Strukturen für Prävention und Bewegungstherapie. Und zur Wahrheit gehört auch: Für viele Menschen ist Sport schlicht unbequem – und somit leider nicht besonders sexy.
DBW: Um diese Lücke zu schließen, braucht es verbindliche Strukturen. Zum Abschluss die Frage an Sie, Herr Prof. Brinkmann: Welchen Beitrag kann „Fit mit Diabetes“ leisten?
Prof. Brinkmann: Fitness-Studios, die mit dem Gütesiegel „Fit mit Diabetes“ zertifiziert sind, können Menschen mit Diabetes ein auf sie abgestimmtes und sicheres Training ermöglichen. Das Konzept soll auch eine Brücke schlagen und ermöglichen, dass Fitness-Studios und diabetologische Schwerpunkt- oder auch Hausarztpraxen in Kontakt treten. Das gemeinsame Ziel ist klar: Mehr Menschen mit Diabetes in Bewegung bringen!
Gütesiegel „Fit mit Diabetes“
„Fit mit Diabetes“ ist ein bundesweites Gütesiegel und Zertifizierungsprogramm für Fitness- und Gesundheitseinrichtungen. Ziel ist es, Menschen mit Diabetes ein sicheres, qualitätsgesichertes Training nach klar definierten medizinischen Standards zu ermöglichen. Zertifizierte Einrichtungen verfügen über Diabetes-spezifisch geschultes Personal, strukturierte Trainingskonzepte, Notfall-Management und ärztliche Kooperation. Das Projekt wird von der Arbeitsgemeinschaft Diabetes, Sport & Bewegung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) initiiert und soll ein bundesweites Qualitätsnetzwerk aufbauen.
Bewegung wirkt – wenn sie sicher umgesetzt wird. Entscheidend sind klare Strukturen, qualifizierte Begleitung und verbindliche Standards. Dann wird aus einer Empfehlung gelebte Therapie.
von Nadja Jüngling (DDF)
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (4) Seite 64-65
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