In der Mai-Ausgabe des Diabetes-Ankers haben wir beschrieben, warum Selbsthilfe heute neue Zugänge braucht. Viele Menschen mit Diabetes suchen erste Antworten längst digital. Gleichzeitig bleibt der persönliche Austausch mit anderen Betroffenen unverzichtbar. Am 23. Juni haben wir diese Fragen in der Veranstaltung DENKRAUM mit Menschen aus Selbsthilfe, Versorgung, Wissenschaft und weiteren Organisationen weitergedacht.
Dabei stand eine einfache, aber wichtige Frage im Mittelpunkt: Was brauchen Menschen mit Diabetes in dem Moment, in dem sie Unterstützung suchen? Nicht abstrakt, sondern in einer konkreten Situation mit einer konkreten Frage oder Belastung.
Ein anderes Arbeitsformat
Der Denkraum war bewusst nicht als klassische Fachveranstaltung angelegt. Es gab keine Vortragsreihe und keine fertigen Antworten. Stattdessen ging es darum, Erfahrungen zusammenzubringen und genauer hinzusehen.
Schon der Einstieg setzte einen klaren Impuls: Ein Flyer ist keine Unterstützung. Der Satz richtet sich nicht gegen Flyer, Websites oder Informationsmaterial. Verlässliche Information bleibt unverzichtbar. Aber sie hilft Menschen vor allem dann, wenn sie eingeordnet werden kann: Was bedeutet das für mich? Was ist jetzt wichtig? Was kann ich als Nächstes tun? Es ging also nicht um mehr Information an sich, sondern um die Frage, wie aus Information, Erfahrung und vorhandenen Angeboten ein passender nächster Schritt werden kann.
Vom Fall zur Lebenssituation
Gearbeitet wurde mit beispielhaften Lebenssituationen: Eltern nach der Diagnose ihres Kindes, Menschen mit Überforderung oder Scham, Angehörige mit vielen offenen Fragen. Die Teilnehmenden sollten diese Situationen nicht einfach lösen. Sie sollten zunächst verstehen: Was ist hier wirklich los? Was versucht die Person vermutlich zuerst? Wo landet sie damit?
So wurde deutlich: Diabetes ist zwar die gemeinsame Überschrift. Aber die Diagnose allein sagt noch wenig darüber aus, welche Unterstützung ein Mensch gerade braucht. Entscheidend sind Alltag, Lebenslage, Dringlichkeit, Vertrauen, Energie und die Frage, was jemand in diesem Moment annehmen kann.
Ein Angebot ist noch keine Unterstützung
Im Denkraum wurde sichtbar, wie vielfältig die Unterstützungslandschaft bereits ist. Es gibt Websites, Gruppen, digitale Communitys, Beratung, Schulungen, Peer-Angebote und medizinische Versorgung. Das ist wertvoll. Gleichzeitig stehen diese Angebote oft nebeneinander.
Für Menschen in einer belastenden Situation ist genau das schwierig. Sie müssen selbst herausfinden, ob sie Information, Austausch, eine Gruppe, persönlichen Kontakt, Fachberatung oder professionelle Versorgung brauchen. Deshalb reicht die Frage „Was gibt es?“ nicht aus. Die wichtigere Frage lautet: Was passt jetzt zu diesem Menschen in dieser Situation? Ein Angebot ist noch keine Unterstützung. Entscheidend ist der nächste Schritt, der zur Situation passt.
Selbsthilfe stärken, ohne sie zu überlasten
Eine wichtige Erkenntnis des Denkraums war auch: Selbsthilfe soll nicht immer mehr Aufgaben übernehmen. Sie ist besonders stark dort, wo Menschen merken: Ich bin nicht allein. Andere kennen ähnliche Fragen, können Mut machen, Erfahrungen teilen und Wege aufzeigen.
Gleichzeitig braucht gute Selbsthilfe klare Grenzen. Nicht jede Frage ist eine Selbsthilfe-Frage. Nicht jede Belastung lässt sich durch Austausch auffangen. Manchmal ist Fachberatung notwendig. Manchmal braucht es medizinische, psychologische oder soziale Hilfe. Gute Selbsthilfe bedeutet deshalb auch, verantwortungsvoll weiterzuvermitteln. Die Weiterentwicklung der Selbsthilfe bedeutet also nicht, alles in die Selbsthilfe hineinzuziehen. Es geht darum, ihre Stärken sichtbar zu machen, passende Übergänge zu schaffen und Menschen nicht allein durch die Angebots-Landschaft gehen zu lassen.

Was daraus praktisch folgt
Für die laufenden Projekte der DDF ist der Denkraum ein wichtiger Impuls. Die neue Website soll den Zugang zu verständlichen Informationen und passenden Angeboten erleichtern. Eine digitale Orientierung soll Fragen sortieren und mögliche nächste Schritte sichtbar machen. Sie ersetzt keine Beratung und keine persönliche Selbsthilfe. Die Diabetes Guides sollen persönliche Unterstützung stärken.
Menschen sollen nicht im Informations-Dschungel hängen bleiben. Sie sollen schneller verstehen, welche Art von Unterstützung ihnen in ihrer Situation helfen kann und wo sie diese finden.
Dabei bleibt der Kern unverändert: Selbsthilfe lebt von Menschen. Digitale Zugänge können Wege verkürzen und Orientierung erleichtern. Aber sie ersetzen nicht das Gespräch, die Erfahrung und das gegenseitige Auffangen. Oder anders gesagt: Selbsthilfe beginnt heute oft digital. Aber sie endet beim Menschen.
Ein Anfang, kein Abschluss
Der Denkraum hat keine fertige Lösung präsentiert. Er hat eine gemeinsame Suchbewegung eröffnet. Die zentrale Frage bleibt: Wie finden Menschen mit Diabetes in belastenden Situationen schneller zu verständlicher, vertrauenswürdiger und passender Unterstützung? Für die DDF ist das eine Einladung, die nächsten Schritte gemeinsam weiterzugehen: mit Menschen aus der Selbsthilfe, Fachleuten, Organisationen und denen, die Unterstützung suchen.
Daran arbeiten wir weiter. Und darüber werden wir in den kommenden Monaten berichten.
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (8/9) Seite 66-67
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