„Vergesst die Menschen mit Diabetes nicht“: Appell mit Erfolg

4 Minuten

Vergesst die Menschen mit Diabetes nicht | Foto: bnenin – stock.adobe.com
Foto: bnenin – stock.adobe.com
„Vergesst die Menschen mit Diabetes nicht“: Appell mit Erfolg

Da sie die Diabetes-Versorgung in Deutschland durch ein neues Gesetz in Gefahr sahen haben verschiedene Diabetes-Verbände, u.a. aus der Selbsthilfe, erfolgreich für Anpassungen gekämpft.

Mit eindringlichen Worten haben viele Verbände, nicht nur die Verbände der Selbsthilfe, die Bundesregierung vor nicht beabsichtigten katastrophalen Folgen des „Gesetzes zur Stärkung der Gesundheitsversorgung in der Kommune“ (Gesundheits­versorgungs­stärkungs­gesetz – GVSG) gewarnt. Denn die Einführung einer einmaligen Jahres-Versorgungspauschale für Hausärzte hätte das Aus für zahlreiche diabetologische Schwerpunktpraxen bedeuten können.

Warum diese Befürchtung? Eine der Stoßrichtungen des GVSG war – und ist nach wie vor – die Reduktion von Verwaltungsaufwand für hausärztliche Praxen. Sie sollten künftig nicht mehr jeden chronisch Erkrankten einmal pro Quartal nur deshalb im Wartezimmer haben, um seine Versichertenkarte einlesen zu können, wenn es ansonsten nichts zu behandeln gibt.

Wörtlich hieß es in der Gesetzes-Begründung des Referenten-Entwurfs aus dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) vom 12. April 2024:

„Die zu beschließende Versorgungspauschale ist für die Behandlung von Versicherten abrechnungsfähig, bei denen mindestens eine lang andauernde, lebensverändernde Erkrankung vorliegt, die der kontinuierlichen Versorgung mit einem Arzneimittel bedarf. Die Versorgungspauschale ist je betroffenem Versicherten durch nur eine Arztpraxis einmal jährlich abrechnungsfähig und beinhaltet die Vergütung aller Behandlungen für das laufende Quartal, in dem der erste Arzt-/Praxis-Patienten-Kontakt stattfand, sowie für die drei darauffolgenden Quartale.“

Damit war beabsichtigt, monetäre Anreize zur „Überbehandlung“ zu vermeiden und die Mehrfach-Inanspruchnahme hausärztlicher Leistungen durch verschiedene Praxen zu reduzieren. Weiter hieß es dann im Begründungstext: „Die Versorgungspauschale ersetzt die Versicherten- und Chronikerpauschale sowie weitere kleinere Zuschläge und Pauschalen für vier Quartale.“

Diabetes-Regelversorgung durch Jahrespauschale in Gefahr

Spätestens jetzt war allen klar: Dieses System der einmaligen Jahrespauschale könnte dazu führen, dass die Regelversorgung für Menschen mit Diabetes in Gefahr ist, denn es sind nicht die wenigen als Facharztpraxen geführten diabetologischen Schwerpunktpraxen, sondern die vielen als Hausarztpraxen geführten diabetologischen Schwerpunktpraxen, die die Regelversorgung für uns Menschen mit Diabetes in den Kommunen übernehmen.

Wenn also die als Hausarztpraxen geführten Schwerpunktpraxen diese neu eingeführte Versorgungspauschale nicht abrechnen können, weil diese bereits durch den Hausarzt für „Husten, Schnupfen, Heiserkeit“ verbraucht ist, könnten etliche diabetologische Schwerpunktpraxen schließen oder würden ihre nicht mehr vergüteten Leistungen einstellen. Eine dramatische Lücke in der Diabetes-Versorgung könnte entstehen – und das bei jährlich steigenden Betroffenen-Zahlen! Ähnlich verhält es sich übrigens mit der neu einzuführenden „Vorhaltepauschale“. Auch hier befürchten die diabetologischen Schwerpunktpraxen neue Hürden, die ihnen die Abrechnung erschweren.

Überarbeiteten Entwurf trägt Bedenken in vielen Punkten Rechnung

Ich will es vorausschicken: Wir Verbände der Selbsthilfe sind keine Erfüllungsgehilfen einzelner Interessengruppen in dem immer härter werdenden Verteilungskampf um finanzielle Mittel im Gesundheitswesen. Ärzte, Apotheker oder auch die Pharmaindustrie können gut für sich selbst sprechen. Aber wir erheben unsere Stimme, wenn wir die Versorgung unserer Mitglieder und darüber hinaus der Gemeinschaft der Betroffenen gefährdet sehen. Und das war hier der Fall! Auf den vielfältigen Protest fast aller angefragten Verbände und Institutionen im Rahmen der Verbände-Anhörung am 6. Mai 2024 legte das Bundesgesundheitsministerium dem Kabinett am 22. Mai 2024 dann einen überarbeiteten Entwurf des GVSG vor, der gerade unseren Bedenken in vielen Punkten Rechnung trägt.

So soll die Versorgungspauschale je betroffenem Versicherten durch ausschließlich eine Arztpraxis jetzt pro chronische Erkrankung abrechenbar werden, d.h. diese Versorgungspauschale ist für Menschen mit Diabetes nicht bereits durch den „Husten-Schnupfen-Heiserkeit“-Hausarzt verbraucht, sondern kann von der diabetologischen Schwerpunktpraxis speziell für die Behandlung von Diabetes abgerechnet werden. So jedenfalls verstehen wir die Anpassung im nunmehr vom Bundeskabinett in die parlamentarische Beratung geschickten Gesetzes-Entwurf und so muss es auch sein. Die Versorgungspauschale soll die Hausarztpraxen von unnötigem Verwaltungsaufwand und Patienten ohne intensiven Betreuungsaufwand von unnötigen Praxisbesuchen entlasten. Für uns ist von zentraler Bedeutung, dass die geplanten Veränderungen die Versorgung von Menschen mit Diabetes nicht gefährden!

Selbsthilfe erhebt die Stimme: Protest mit Erfolg

Zusammenfassend kann derzeit davon ausgegangen werden, dass der nun bereits aktualisierte Entwurf erfreulicherweise Folgendes berücksichtigt:

  • Die Anwendung bezog zuerst alle Menschen ein, jetzt sind Kinder und Jugendliche ohnehin nicht davon betroffen.
  • Die Pauschale findet ohnehin keine Anwendung für Menschen mit erhöhtem Betreuungsaufwand. Die bisherige Behandlung ist nicht gefährdet. Es kommt nicht zu Einnahme-Ausfällen einer Praxis.
  • Eine Versorgungspauschale gilt je Indikation in einer jeweiligen Arztpraxis. Somit können Patienten in ihrer Hausarztpraxis z.B. mit Bluthochdruck betreut und mit Diabetes Typ 1 in ihrer diabetologischen Schwerpunktpraxis behandelt werden.

Auch bei der „Vorhaltepauschale“ muss die Gesetzgebung darauf achten, dass es keine unerfüllbaren Anforderungen für diese Leistung gibt, die diabetologische Schwerpunktpraxen nicht oder nur mit hohem Aufwand erfüllen können. Bei dieser muss der erhöhte Personal- und Sachaufwand einer diabetologischen Schwerpunktpraxis berücksichtigt werden, wie spezialisierte Wundassistenten für die Behandlung des Diabetischen Fußsyndroms, Diabetesassistenten oder eigens vorgehaltene Schulungsräume.

Mitwirkende der Selbsthilfe verstetigen Online-Treffen „Politik | Insights“ zur politischen Interessenvertretung
Im Juni fand eine erste gemeinsame Videokonferenz zum aktuellen Entwurf des Gesundheits­versorgungs­stärkungs­gesetzes statt. Ein Appell eines Arztes aus Thüringen wurde durch die hiesige DDF-Landesorganisation an den Bundesverband herangetragen und gab den Startschuss für die digitale Konferenz-Reihe Politik | Insights. Die DDF hat alle Selbsthilfeverbände zur Diskussion und Beratung weiterer Schritte eingeladen. Nach reichlich Information, Abwägung einzelner Standpunkte und reger Beteiligung haben alle Akteure eine gemeinsam gezeichnete Stellungnahme an den Gesundheitsminister und Abgeordnete des Deutschen Bundestags auf den Weg gebracht. Die DDF freut sich sehr über das neu entstandene Online-Format und man kann gespannt sein auf die nächsten Themen und Aktionen.

Deshalb haben wir in einem gemeinsamen Brief der Verbände der Diabetes-Selbsthilfe den Bundesgesundheitsminister und die Sprecherinnen und Sprecher der Fraktionen im Deutschen Bundestag dringend um erhöhte Aufmerksamkeit im weiteren parlamentarischen Prozess gebeten. Unser Appell: Vergesst die Menschen mit Diabetes nicht! Dieser Vorgang zeigt, wie wichtig eine starke Interessenvertretung von Menschen mit Diabetes gegenüber der Politik ist und welche entscheidende Rolle hier den Selbsthilfeverbänden zukommt. Mit einer Stimme zu sprechen, ist wichtiger denn je!


von Leonard Stärk, DDF-Vorsitzender

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Landesdiabetestag 2026 in Wilhelmshaven: „Von Harz bis Nordsee – Diabetes im Blick“

Entdecken, mitreden, erleben – der Landesdiabetestag 2026 kommt! Unter dem Motto „Von Harz bis Nordsee – Diabetes im Blick!“ erwartet die Besucher in Wilhelmshaven ein Tag voller Wissen, praktischer Impulse und spannender Einblicke rund um Diabetes. Lassen Sie sich inspirieren, tauschen Sie sich aus und holen Sie sich neue Ideen für Alltag, Therapie und Prävention.
Landesdiabetestag 2026 in Wilhelmshaven: „Von Harz bis Nordsee – Diabetes im Blick“ | Foto: DNI

2 Minuten

Familienwochenende: Zeit für Austausch, Bewegung und Aufatmen

Ein Familienwochenende von Diabetiker Thüringen e.V. bietet im März 2026 Gelegenheit für Austausch, Bewegung und Entlastung. Familien mit einem Kind mit Diabetes können sich informieren, miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsame Aktivitäten am Bleiloch‑Stausee erleben.
Familienwochenende: Zeit für Austausch, Bewegung und Aufatmen | Foto: SEZ Kloster

< 1 minute

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • moira postete ein Update vor 2 Tagen, 4 Stunden

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • ole-t1 antwortete vor 1 Woche

      Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 1 Woche, 6 Tagen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

Verbände