Diabetes Verstehen – neu gedacht | Teil 4: Eine Kurve reicht nicht

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Diabetes Verstehen – neu gedacht | Teil 4: Eine Kurve reicht nicht | Foto: DDF (KI-generiert)
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Diabetes Verstehen – neu gedacht | Teil 4: Eine Kurve reicht nicht

Im letzten Teil dieser Serie ging es um eine Spur, die unser Stoffwechsel beim Fasten hinterlässt: Ketone. Sie können sichtbar machen, dass sich die Energie-Bereitstellung verändert. Am Ende blieb eine Frage offen: Was könnten wir lernen, wenn wir Glukose und Ketone nicht getrennt betrachten, sondern beide kontinuierlich nebeneinander sehen?

Dabei zeigt sich etwas Überraschendes: Wir sehen zwei Kurven, aber zwei ganz unterschiedliche Geschwindigkeiten. Beide sprechen nicht dieselbe Sprache – und vor allem nicht im selben Tempo.

Glukose reagiert schnell. Wer einen Glukosesensor trägt, kennt das: Ein Mango-Lassi oder eine andere kohlenhydratreiche Mahlzeit kann schon kurze Zeit später eine deutliche Bewegung auf der Kurve auslösen. Essen bekommt unmittelbar ein sichtbares Echo.

Bei Ketonen ist das anders. Eine relevante Ketonbildung entsteht normalerweise nicht innerhalb weniger Minuten. Der Körper braucht Zeit, um sich stärker auf gespeicherte Energie umzustellen. Wie schnell das geschieht, hängt auch davon ab, was vorher gegessen wurde und in welcher Stoffwechsellage man startet.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Glukose und Ketone reagieren auf unterschiedlichen Zeitskalen: Glukose oft in Minuten, Ketone eher über viele Stunden.
  • Die gleiche Fastendauer bedeutet nicht automatisch die gleiche Stoffwechsellage. Entscheidend ist auch, mit welcher Ausgangslage man startet.
  • Glukose- und Ketonverläufe ergänzen sich. Ein Dual-Sensor macht diese gemeinsame Betrachtung vor allem einfacher – nicht die Physiologie neu.

Wie stark die Ausgangslage zählt, zeigt eine aktuelle Untersuchung: Nach einer kohlenhydratarmen Ausgangsmahlzeit erreichten übergewichtige über 50-jährige Erwachsene während eines anschließenden Fastens im Mittel nach etwa 12 Stunden eine ernährungsbedingte Ketose. Eine solche lag vor, wenn der Beta-Hydroxybutyrat-Wert (BHB-Wert; ein Keton) bei mindestens 0,5 mmol/l lag.

Nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit wurde diese Schwelle im Mittel selbst innerhalb von 24 Stunden nicht erreicht. Das ist kein Stundenplan fürs Fasten. Es zeigt etwas Interessanteres: Dieselbe Fastendauer kann metabolisch etwas völlig Unterschiedliches bedeuten.

Was die eine Kurve nicht erzählt

Nehmen wir eine längere Essenspause. Die Glukosekurve kann dabei ziemlich unspektakulär aussehen. Vielleicht bewegt sie sich stundenlang in einem engen Bereich. Wer nur auf Glukose schaut, könnte denken: Es passiert nicht viel. Gleichzeitig können die Ketone im Verlauf langsam ansteigen.

Umgekehrt reagiert Glukose nach einer kohlenhydratreichen Mahlzeit rasch, während die Ketonkurve eine andere zeitliche Geschichte erzählt. Und wie das Gummibärchen-Beispiel aus dem letzten Teil gezeigt hat, kann eine kleine Menge schnell verfügbarer Kohlenhydrate nach längerem Fasten einen bereits aufgebauten Zustand in kurzer Zeit wieder deutlich verändern.

Genau deshalb ist die Kombination so spannend: Wir sehen nicht zweimal dasselbe. Wir beobachten zwei unterschiedliche Signale desselben Stoffwechsels. Die Glukosekurve zeigt besonders schnell und anschaulich, was Essen oder Trinken auslöst. Die Ketonkurve ergänzt eine langsamere Perspektive darauf, wie sich die Energie-Bereitstellung über Stunden verändert.

Kontinuierlich gemessen heißt nicht gleich schnell

Nur weil zwei Sensoren rund um die Uhr messen, laufen die zugrunde liegenden Prozesse nicht im gleichen Takt. Ein Glukoseanstieg nach einer Mahlzeit und ein Ketonanstieg beim Fasten sind deshalb keine Spiegelbilder. Wer beide Kurven verstehen will, muss in unterschiedlichen Zeithorizonten denken: Minuten auf der einen, viele Stunden auf der anderen Seite.

Gerade darin könnte für uns der zusätzliche Erkenntnisgewinn liegen. Für unsere Frage ist nicht nur der einzelne Ketonwert interessant, sondern vor allem der Verlauf: Wann beginnt sich etwas zu verändern? Wie reagiert der eigene Körper auf die letzte Mahlzeit, auf Bewegung oder auf eine längere Essenspause?

Das geht schon heute

Dafür müssen wir nicht erst auf die nächste Sensor-Generation warten. Kontinuierliche Ketonmessung gibt es bereits und zusammen mit einem Glukosesensor lassen sich beide Verläufe parallel beobachten.

Die Keton-Messtechnik ist allerdings deutlich jünger als CGM. Interessant sind deshalb zunächst vor allem Muster und Trends – weniger die vermeintlich perfekte zweite Nachkommastelle.

Der nächste technische Schritt liegt auf der Hand: beide Messungen in einem einzigen Sensor zusammenzuführen. Ein solches Dualsystem hat inzwischen in Europa eine CE-Kennzeichnung erhalten.

Das klingt zunächst nach einer kleinen Vereinfachung: statt zwei Sensoren nur noch einer. Für die Wahrnehmung des eigenen Stoffwechsels könnte der Unterschied aber größer sein. Glukose und Ketone würden nicht mehr in zwei getrennten Welten erscheinen, sondern als zwei Kurven eines gemeinsamen Geschehens.

Und dann?

Zwei Kurven sind noch keine Therapie. Ein Sensor macht niemanden automatisch leichter und bringt keinen Typ-2-Diabetes von allein in Remission. Aber plötzlich können wir etwas beobachten, das bisher weitgehend unsichtbar blieb: nicht nur die schnelle Antwort auf das Essen, sondern auch eine langsamere Veränderung während längerer Essenspausen.

Was machen wir mit dieser Information? Kann sichtbarer Stoffwechsel dabei helfen, Verhalten tatsächlich zu verändern? Kann er vielleicht sogar helfen, eine Strategie wie Fasten besser zu verstehen und durchzuhalten? Genau an diesem Punkt wird aus Messtechnik eine therapeutisch spannende Frage. Darum geht es im letzten Teil dieser Serie.

Weiterführende Literatur

  • Gipson EZ, Deru LS, Graves PG, et al.: The effects of initiating a 24-hour fast with a low versus a high carbohydrate shake on glycemic control in older adults: a randomized crossover study. Nutr Metab (Lond) 2025; 22: 32
  • Kjær SK, Ridder LOR, Svart M, et al.: Continuous Ketone Monitoring: Data From a Randomized Controlled Trial. JMIR Diabetes 2026; 11: e85548
  • Martens TW, Willis HJ, Bergenstal RM, et al.: A Randomized Controlled Trial Using Continuous Glucose Monitoring to Guide Food Choices and Diabetes Self-Care in People with Type 2 Diabetes not Taking Insulin. Diabetes Technol Ther 2025; 27: 261 – 270

von Thomas Roth


Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (10) Seite 68-69

➤ zur Beitragsübersicht von Deutsche Diabetes Föderation e.V.

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    Hallo zusammen, ich bin eine Dia-Mama und wollte fragen, was isst ihr abends oder kocht abends für eure Dia-Kids, damit der Wert nicht so hoch steigt und dann nachts nicht in die Unterzuckerung fällt? Oder habt ihr generell irgendwelche Tipps gegen nächtliche Unterzuckerung?

    • Hallo!
      Ich habe für mich festgestellt, dass Proteine am Anfang vom Abendessen helfen (Käse, Ei…) dann steigt der Blutzucker beim Essen nicht so schnell. Außerdem geht der Zucker später noch etwas hoch wegen den Proteinen. Das hilft etwas gegen Unterzucker.
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  • katrin-kraatz schrieb einen neuen Beitrag vor 1 Woche, 6 Tagen

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  • mr postete ein Update vor 2 Wochen, 4 Tagen

    Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.

    • Hallo mr,

      Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.

      Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.

      Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.

      Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?