Menschen können ganz unterschiedlich mit einer chronischen Erkrankung umgehen. Einen Einfluss auf den Umgang hat ihre soziale Identität, also die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen. Eine Studie untersucht die Zusammenhänge näher.
Menschen mit einer chronischen Erkrankung integrieren diese in ihr Selbstbild, sie wird also zu einem festen Teil ihrer persönlichen Identität. Das Verständnis von und der Umgang mit der Erkrankung fällt dabei unterschiedlich aus und kann sich im Lauf des Lebens verändern: Betroffene können sich von der Belastung völlig überfordert fühlen, sie können die Auseinandersetzung damit vermeiden, die Krankheit akzeptieren oder ihr sogar positive Aspekte abgewinnen.
Wie sie sich selbst als chronisch erkrankte Person erleben, hängt auch mit ihrer sozialen Identität zusammen, also damit, welchen Gruppen sie sich zugehörig fühlen. Den Zusammenhang zwischen dem Selbstbild als chronisch erkrankte Person und der sozialen Identität untersucht Dr. Svenja Frenzel. Sie ist Sozial- und Gesundheitspsychologin am Leibniz-Institut für Psychologie (ZPID) in Trier.
Mehr Kontakte in Gruppen – mehr persönliche Ressourcen
„Eine Gruppe ist beispielsweise die Familie, die Arbeitskolleg:innen oder ein Sportverein“, erklärt Frenzel. Einer Gruppe anzugehören, ist grundsätzlich eine Quelle sozialer Unterstützung und stärkt die persönlichen Ressourcen. „Menschen, die vielen sozialen Gruppen angehören, verfügen über mehr soziale Ressourcen und berichten von höherem Wohlbefinden. Sie sind generell psychisch als auch physisch gesünder als Menschen mit weniger Gruppenzugehörigkeiten“, erklärt Frenzel zunächst.
„Dieser sogenannte Social-Cure-Effekt ist wissenschaftlich gut belegt.“ Die Wissenschaftlerin, bei der mit 11 Jahren ein Typ-1-Diabetes diagnostiziert wurde, möchte nun mehr darüber herausfinden, was Gruppenzugehörigkeiten für Menschen mit einer chronischen Erkrankung bedeuten.
Organisierte Selbsthilfe kann unterstützend sein
Interessant ist dabei die Rolle der organisierten Selbsthilfe. Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen suchen Anschluss an Gruppen, in denen sie Erfahrungsaustausch und gegenseitige Unterstützung erleben. Doch was bedeutet es, wenn eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit stark dominiert? Wenn eine Gruppe, der Menschen mit der gleichen Erkrankung angehören, sie selbst belastet, weil sie das Leid der anderen teilen? Was, wenn eine Gruppe gar gesundheitsschädliche Werte vertritt? Diesen Fragen geht Svenja Frenzel in einer laufenden Studie nach.
„Wir untersuchen den Zusammenhang zwischen der Art, wie Menschen mit Diabetes die Erkrankung in ihr Selbstbild integrieren, und ihrer sozialen Identität – also der Zugehörigkeit zu verschiedenen Gruppen“, sagt sie. „Unsere Annahme ist, dass sie am meisten profitieren, wenn sie in verschiedenen Gruppen stabil verankert sind – zum Beispiel in solchen von Menschen mit der gleichen Erkrankung und solchen ohne gemeinsamen Krankheitsaspekt“, erläutert Frenzel den Ausgangspunkt ihrer aktuellen Studie. „Sie bekommen quasi ‚the best of both worlds‘.“
Auch Angehörige profitieren von Gruppen-Zugehörigkeiten
Das Gleiche könnte übrigens auch für Mitmenschen der Erkrankten zutreffen – Eltern, Lebensgefährten, Angehörige. Auch sie entwickeln oft Zugehörigkeiten zu Gruppen von Menschen, die ähnlich betroffen sind. „Gleichzeitig wäre es vermutlich hilfreich, andere soziale Identitäten oder Zugehörigkeiten zu stärken oder zumindest nicht zu vernachlässigen“, meint Frenzel, „was aber in der Situation der Betroffenen oft eine große Herausforderung ist.“
Interesse an den psychosozialen Fragen bei Diabetes wächst
Der DDB begrüßt die Arbeit von Svenja Frenzel. „Die Forschung nimmt zunehmend einen Aspekt in den Fokus, der lange unterschätzt wurde: den Menschen hinter der Diagnose“, sagt die DDB-Vorsitzende Maria Vogel. „Während bisher vor allem neue Medikamente und Technologien die wissenschaftliche Diskussion geprägt haben, wächst nun das Interesse an den psychosozialen Bedingungen eines erfolgreichen Diabetes-Managements.“
Und viele von uns erleben es selbst: Die Stoffwechsel-Situation wird wesentlich davon beeinflusst, wie Menschen ihre Erkrankung bewältigen, welche Unterstützung sie erfahren und ob sie sich mit ihren Herausforderungen als Teil einer Gemeinschaft fühlen.
Mitmachen für wissenschaftlich fundierte Kenntnisse
Die Studie läuft noch bis Mitte Dezember 2026. Wir würden uns freuen, wenn wir Sie und Euch für die Teilnahme an der Studie gewinnen können! Profitieren können wir alle, denn: „Eine moderne Diabetesversorgung braucht wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse darüber, wie soziale Unterstützung, Gemeinschaft und Selbsthilfe die Gesundheit nachhaltig stärken können“, so Maria Vogel.
Aufruf: Teilnehmen an der Studie
Gesucht werden Personen mit Diabetes (Typ 1 oder Typ 2), die mindestens 18 Jahre alt sind und sich regelmäßig mit anderen Menschen mit Diabetes austauschen.
Weitere Informationen und die Befragung finden Sie und findet Ihr unter folgendem Link: www.soscisurvey.de/soziale_identifikation_bei_chron
Die Beantwortung dauert etwa 15 Minuten. Die Studie umfasst zwei Befragungen im Abstand von vier Wochen, es gibt eine Aufwandsentschädigung.
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (11) Seite 66-67







