Impfungen sind auch für Kinder mit Typ‑1‑Diabetes wichtig – dennoch verunsichern Mythen viele Familien. Im Interview berichtet Pädiaterin Prof. Olga Kordonouri, was zum Thema Impfen wissenschaftlich belegt ist und wie Risiken und Nutzen fachlich einzuordnen sind.
Impfungen schützen vor schweren Verläufen und Folgen von Infektionskrankheiten. Insbesondere Eltern erkennen, welchen Wert dieser „kleine Piks“ für ihre Kinder hat. Trotzdem ist Impfen zuweilen Thema hitziger Diskussionen. Noch immer kursieren Gerüchte um Impf- und Folgeschäden, die Menschen verunsichern – erst recht, wenn eine chronische Erkrankung wie Typ-1-Diabetes im Spiel ist.
Die Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin Prof. Dr. Olga Kordonouri betreut Familien am Kinder- und Jugendkrankenhaus AUF DER BULT in Hannover, einem der führenden pädiatrischen Diabeteszentren Deutschlands. Sie ist dort Chefärztin der Diabetologie, Endokrinologie und Allgemeinen Pädiatrie sowie stellvertretende Ärztliche Direktorin. Wir haben sie gefragt: Was ist bei Kindern mit Typ-1-Diabetes zu beachten?
DDB: Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmun-Erkrankung. Das heißt, das Abwehrsystem richtet sich gegen bestimmte Zellen des eigenen Körpers. Eine Impfung, bei der meistens ein Bruchstück eines Krankheitserregers oder ein abgeschwächtes Virus verabreicht wird, stimuliert das Immunsystem. Viele Eltern haben das im Kopf, wenn sie sich fragen: Kann eine Impfung meinem Kind schaden?
Prof. Dr. Olga Kordonouri: Groß angelegte Kohortenstudien, Meta-Analysen und systematische Übersichtsarbeiten kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass routinemäßige Impfungen im Kindesalter – darunter Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln (MMR), Haemophilus influenzae Typ b (Hib), Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Polio – das Risiko für die Entwicklung von Typ-1-Diabetes bei Kindern nicht erhöhen. Dies gilt unabhängig vom Zeitpunkt der Impfung, der Anzahl der Dosen oder der genetischen Veranlagung. Es gibt keinen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Impfungen und der Entwicklung von Typ-1-Diabetes.
Medizinischer Konsens ist die dringende Empfehlung: Kinder mit bereits diagnostiziertem Typ-1-Diabetes oder einem entsprechenden Risiko sollten ebenso wie andere Kinder nach dem regulären Impfschema immunisiert werden – ohne Ausnahmen. Zudem gehören sie zur Hochrisikogruppe, für die wir zusätzlich die Impfung gegen COVID-19 und saisonale Grippe empfehlen.
DDB: Eine Infektions-Erkrankung kann der Auslöser dafür sein, dass zum ersten Mal Symptome eines bisher unerkannten Typ-1-Diabetes auftreten. Auch die Immun-Reaktion nach einer Impfung kann unter Umständen die Erstmanifestation des Typ-1-Diabetes auslösen. Eltern, die das bei einem Kind erlebt haben, meiden in der Folge möglicherweise Impfungen …
Prof. Kordonouri: Für jede Infektion gilt: Die Auseinandersetzung mit einem Erreger bedeutet für den Körper Stress. Stresshormone beeinträchtigen die Wirkung des Insulins, den Blutzucker im Normbereich zu halten. Deshalb benötigt der Körper in stressigen Situationen mehr Insulin.
Hat eine Person mit unerkanntem Typ-1-Diabetes bereits reduzierte Insulin-Produktions-Kapazitäten, kann es während des Infekts oder danach zur Demaskierung der Stoffwechsellage kommen: Aufgrund des laufenden Autoimmun-Prozesses und der dadurch reduzierten Produktions-Kapazität für Insulin kann der Körper die Blutzuckerwerte nicht mehr unter Kontrolle halten. Sie steigen und es kann zu Symptomen wie erhöhter Urinausscheidung (Polyurie) oder gesteigertem Durst (Polydipsie) kommen. Werden diese Symptome übersehen, weil sie zum Beispiel mit den Erkältungssymptomen überlappen, kann sich die Situation schnell verschlechtern.
Die Auseinandersetzung des Körpers mit einer Impfung bedeutet ebenfalls Stress, allerdings in deutlich geringerem Ausmaß als bei einer akuten Infektion. Deshalb beobachten wir sehr selten, dass es nach einer Impfung zu einer diabetischen Ketoazidose kommt.
DDB: Der Schutz vor schweren Infektionen überwiegt also das Risiko einer möglichen Typ-1-Diabetes-Erstmanifestation nach einer Impfung?
Prof. Kordonouri: Eindeutig.
DDB: Die Forschung nutzt das, was wir bisher über den Zusammenhang von Infektionen und Typ-1-Diabetes wissen, sogar, um Strategien der Diabetes-Vorbeugung zu entwickeln. Wie ist der Stand der Forschung?
Prof. Kordonouri: Derzeit wird in Deutschland (Dresden, Hannover und München) sowie in Belgien, Großbritannien, Österreich und Schweden eine randomisierte, Placebo-kontrollierte Phase-IV-Studie durchgeführt. Diese wichtige Studie (Avant1a) soll zeigen, ob eine frühzeitige Impfung gegen SARS-CoV-2 die Häufigkeit von Insel-Autoimmunität bei Säuglingen mit einem hohen genetischen Risiko für Typ-1-Diabetes verringert.
Abgesehen davon wissen wir bereits, dass bestimmte Virus-Infektionen tatsächlich mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Typ-1-Diabetes verbunden sind. Das ist insbesondere belegt für lang anhaltende oder wiederkehrende Infektionen mit Enteroviren* in der frühen Kindheit. Diese Viren können die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse direkt schädigen und dadurch Autoimmun-Reaktionen gegen Beta-Zell-Antigene auslösen, die dem klinischen Typ-1-Diabetes vorausgehen.
Allerdings entwickeln nur einige der Infizierten die Krankheit – mutmaßlich abhängig von genetischen Faktoren und der individuellen Immun-Antwort. Im Rahmen der Avant1a-Studie werden Virus-Infektionen aller Art in den ersten beiden Lebensjahren intensiv überwacht, um deren Rolle in der Entstehung der Insel-Autoimmunität und der Entwicklung von Typ-1-Diabetes besser zu verstehen.
* Zu den Enteroviren gehören zum Beispiel das Polio- und das Coxsackie-B-Virus. Sie werden häufig über die Hände oder Gegenstände wie Kinderspielzeug übertragen und lösen verschiedene Symptome aus – vom Hautausschlag bis zu gefährlichen Atemwegsproblemen.
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (3) Seite 60-61




