Neue Barrieren für Inklusion? Teilhabe darf kein Sparmodell werden

3 Minuten

Neue Barrieren für Inklusion: Teilhabe darf kein Sparmodell werden | Foto: golero – gettyimages
Foto: golero – gettyimages
Neue Barrieren für Inklusion? Teilhabe darf kein Sparmodell werden

In der Politik werden Einsparungen im Bereich Teilhabe und Familie diskutiert. Angedachte Kürzungen träfen Familien mit Diabetes besonders hart. Was steht auf dem Spiel?

Im April berichtete der Paritätische Gesamtverband über Regierungspläne, Leistungen im Bereich Familie und Teilhabe zu kürzen. Eine Arbeitsgruppe aus Bundes- und Landesministerinnen und -ministern hatte entsprechende Vorschläge gemeinsam mit kommunalen Spitzenverbänden beraten. Für viele Menschen mit Diabetes stellt sich seitdem eine grundlegende Frage: Wird gesellschaftliche Teilhabe künftig stärker von Kassenlagen als von individuellen Bedarfen abhängen?

Die Sorge ist berechtigt. Denn die bekannt gewordenen Überlegungen betreffen genau jene Unterstützungsleistungen, die Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes den gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Freizeit und gesellschaftlichem Leben ermöglichen.

Wenn Teilhabe Verhandlungssache wird

Für Familien mit Kindern, die mit Typ-1-Diabetes leben, bedeutet der Alltag ein hohes Maß an Organisation und Verantwortung. Blutzucker- bzw. Gewebezuckermessungen, Insulingaben, Sensor-Alarme und das Erkennen von Unter- oder Überzuckerungen beschäftigen Kinder im Unterricht, auf Klassenfahrten, beim Sport und in der Ganztagsbetreuung.

Deshalb sind Schulbegleitungen, Assistenzkräfte oder andere Teilhabe-Leistungen häufig unverzichtbar. Werden diese Leistungen eingeschränkt oder schwerer zugänglich, trifft das nicht nur die Kinder selbst. Eltern müssten deutlich häufiger Lücken in der Betreuung schließen, Arbeitszeiten reduzieren oder berufliche Perspektiven aufgeben.

Gleichzeitig würde der Druck auf Schulen und Kindertageseinrichtungen steigen. Einrichtungen könnten aus Unsicherheit oder fehlenden Ressourcen zurückhaltender werden, wenn es um die Aufnahme chronisch kranker Kinder geht. Was als Sparmaßnahme beginnt, könnte somit langfristig zu neuen Barrieren für Inklusion und Bildungsgerechtigkeit führen.

Mehr Bürokratie statt mehr Selbstständigkeit

Die diskutierten Reform-Ideen würden die Verantwortung stärker in die Familien verlagern. Mehr Anträge, Nachweise, Widerspruchsverfahren und längere Einzelfallprüfungen bedeuten noch höhere Belastungen für Menschen in ohnehin angespannten Lebens-Situationen. Besonders betroffen wären Alleinerziehende, Familien mit geringem Einkommen und Menschen in strukturschwachen Regionen.

Hinzu kommt die Gefahr einer zunehmenden Ungleichheit. Wenn Kommunen künftig stärker über Art und Umfang von Leistungen entscheiden, könnten Unterstützungs-Angebote je nach Wohnort unterschiedlich ausfallen. Der tatsächliche Bedarf eines Kindes würde damit zunehmend von lokalen Haushaltslagen abhängig.

Kontinuität schafft Sicherheit

Besonders kritisch sehen wir als Interessenvertretung für Menschen mit Diabetes die diskutierte Einschränkung des Wunsch- und Wahlrechts. Betreuungspersonen müssen Warnsignale erkennen, technische Hilfsmittel verstehen und in Notfällen sicher handeln können. Vertrauen, Erfahrung und Kontinuität sind zentrale Voraussetzungen für eine sichere Betreuung.
Aktuelle Studien zur schulischen Inklusion von Kindern mit Typ-1-Diabetes zeigen zudem, dass erfolgreiche Teilhabe mit geschultem Personal und verlässlichen Unterstützungs-Strukturen steht und fällt.

Jetzt starkmachen für Teilhabe und Inklusion

Der Deutsche Diabetiker Bund verfolgt die aktuellen Entwicklungen mit großer Aufmerksamkeit und setzt sich gemeinsam mit anderen Selbsthilfe-, Patienten- und Sozialverbänden für den Erhalt bestehender Teilhaberechte ein. Wir beobachten die angedachten Gesetzesänderungen und Verwaltungsreformen genau und bringen die Perspektive von Menschen mit Diabetes wo immer möglich in politische Diskussionen ein. Und wir beraten und informieren Betroffene – vor Ort, auf Landes- und auf Bundesebene.

Der DDB macht deutlich: Teilhabe, Bildung und Selbstbestimmung sind grundlegende Rechte, die auch für Menschen mit Diabetes uneingeschränkt gelten müssen. Die aktuelle Debatte berührt weit mehr als einzelne Verwaltungsregelungen. Sie betrifft die Frage, welches Verständnis von Inklusion und gesellschaftlicher Verantwortung Deutschland künftig leben will.

Mitmachen: Ihre Erfahrungen sind wichtig!

Politische Entscheidungen werden häufig auf Grundlage von Zahlen getroffen. Doch hinter jeder Zahl steht eine persönliche Geschichte.

Deshalb möchten wir von Ihnen wissen:

  • Wo erleben Sie oder Ihr Kind bereits heute Einschränkungen der Teilhabe?
  • Welche Herausforderungen gibt es in Schule, Kita, Ausbildung oder Beruf?
  • Welche Unterstützung erhalten Sie aktuell – und was würde wegfallen, wenn die diskutierten Kürzungspläne umgesetzt würden?
  • Welche Folgen hätte dies für Ihre Familie, Ihre berufliche Situation oder die Entwicklung Ihres Kindes?

Schreiben Sie uns: kontakt@diabetikerbund.de. Ihre Erfahrungen helfen dabei, die tatsächlichen Auswirkungen geplanter Kürzungen sichtbar zu machen und die Interessen von Menschen mit Diabetes wirksam gegenüber Politik und Öffentlichkeit zu vertreten.


Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (8/9) Seite 75

➤ zur Beitragsübersicht von Deutscher Diabetiker Bund e.V.

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Diabetes verstehen – neu gedacht | Teil 3: Der unsichtbare Stoffwechsel – was Glukosewerte nicht zeigen
Im zweiten Teil dieser Serie stand Insulin bildlich an der Kellertür: Je geringer seine Wirkung ist, desto leichter kann der Körper auf seine Fett-Reserven zugreifen. Gewicht können wir messen. Glukosewerte können wir rund um die Uhr verfolgen. Aber was hinter der Kellertür passiert, bleibt weitgehend unsichtbar.
KI-generierte Illustration mit drei Kurvenverläufen für Glukose, Insulin und Ketone an einer Wand, davor ein leerer Teller, ein Glas Wasser und bunte Gummibärchen auf einer Tischplatte.

4 Minuten

Sommer, Sonne, Selbsthilfe in Bad Nauheim: Mit Engagement, Sachkenntnis und Herzblut
In Bad Nauheim gehört die Selbsthilfemeile zum festen Sommerprogramm. Die Diabetiker Hessen sind traditionell mit von der Partie in der Kurstadt.
An einem Informationsstand unter einem Pavillon berät eine Frau im weißen Kittel eine Besucherin. Auf dem Tisch liegen Broschüren und Materialien zur Blutzuckermessung.

2 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • Hallo, hat hier noch jemand Doppeldiabetes (durch Corona verursacht oder warum auch immer)? Ich würde mich gerne austauschen.

  • olivers postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen

    Hallo Zusammen!
    Ich bin ein T3er und freue mich Gleichbetroffene zwecks Erfahrungsaustausch zu finden. Bin im Frankfurter Raum, aber auch im Heidelberger Raum unterwegs.
    Liebe Grüße
    Oliver

  • zojou96 postete ein Update vor 1 Woche, 3 Tagen

    Hallo, ich bin DT1 und trage seit etwa 1 Jahr eine Omnipod-Pumpe. Letztere löst seit mehrere Monaten eine Hautallergie an der Platzierungsstelle aus. Ich habe es bereits mit dem Cavillon-Spray und Pflastern (derzeit Omnifix von Hartmann und Unterpatch von My Sweet Stitch) für empfindliche Haut unter dem Pod probiert. Es hilft aber leider nicht oder nur bedingt, da auch mit Spray die Allergie ausgelöst wird und die Schutzpflaster nicht lange haften. Hat jemand vielleicht eine ähnliche Erfahrung gemacht und eine gute Lösung gefunden? Ich würde gerne weiterhin eine Pumpe tragen, wäre aber auch bereit das Modell zu wechseln, wenn es das Problem mit der Allergie löst. Ich bin um jeden Rat dankbar. Vielen Dank im Voraus 🙂