Gesetzlich Versicherte warten oft wochenlang auf Facharzttermine, während Privatversicherte direkt drankommen. Dass die Politik diese Ungleichheit endlich angeht, ist zu begrüßen.
Wer krank ist, braucht medizinische Hilfe. Wie schnell ein Termin zustande kommt, sollte deshalb vor allem davon abhängen, wie dringend eine Untersuchung oder Behandlung ist. In der Realität spielt jedoch auch der Versicherungsstatus eine Rolle. Die Debatte darüber ist wieder in Bewegung geraten: Der GKV-Spitzenverband fordert eine Terminvergabe unabhängig von der Art der Krankenversicherung. Auch in der Politik wächst der Druck, die bestehenden Unterschiede zu verringern.
Dass dieses Problem endlich stärker in den Mittelpunkt der politischen Wahrnehmung rückt, ist ein wichtiges Signal. Menschen mit Diabetes und andere chronisch Erkrankte brauchen eine verlässliche Versorgung. Medizinische Notwendigkeit muss Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen haben. Eine fairere Terminvergabe kann allerdings nur ein erster Schritt sein. Die strukturelle Ungleichheit zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung bleibt bestehen, solange beide Systeme nebeneinander existieren.

Wochenlanges Warten ist mehr als ein Ärgernis
Die Zahlen zeigen, dass es nicht um Einzelfälle geht. Nach Angaben der Bundesregierung warteten gesetzlich Versicherte 2024 im Durchschnitt 42 Tage auf einen Facharzttermin. 2019 waren es noch 33 Tage. Eine GKV-Befragung ergab zudem: Jeder vierte Befragte wartete länger als einen Monat, jeder zehnte sogar länger als drei Monate.
Für Menschen mit Diabetes können solche Verzögerungen erhebliche Folgen haben. Die Erkrankung erfordert regelmäßige Kontrollen und eine rechtzeitige Anpassung der Behandlung. Auch mögliche Folgeerkrankungen wie Nierenprobleme, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Veränderungen an Augen und Füßen müssen früh erkannt und behandelt werden. Wo eine fachärztliche Abklärung nötig ist, können lange Wartezeiten den Beginn weiterer Diagnostik oder einer geeigneten Therapie verzögern.
Auch ein bislang unerkannter Typ-2-Diabetes bleibt häufig lange unentdeckt. Zwischen Krankheitsbeginn und Diagnose können mehrere Jahre liegen. Nicht jede verspätete Diagnose ist auf fehlende Facharzttermine zurückzuführen, aber umso wichtiger sind hier eine funktionierende Früherkennung, eine gute hausärztliche Versorgung und eben ein schneller Zugang zur spezialisierten Abklärung, wenn sie erforderlich ist.

Ein weiteres Portal schafft keine neuen Arztstunden
Der GKV-Spitzenverband schlägt eine tagesaktuelle Terminplattform vor, auf der Praxen einen festen Anteil ihrer Termine anbieten sollen. Bei der Buchung dürfte der Versicherungsstatus keine Rolle mehr spielen. Das ist ein sinnvoller Ansatz: Wer einen medizinisch dringenden Termin benötigt, sollte nicht schlechtere Chancen haben, nur weil die Behandlung über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet wird.
Die Ärzteschaft hält dagegen, dass zusätzliche Meldepflichten keine einzige neue Arztstunde schaffen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt vor mehr Bürokratie und Eingriffen in die Organisation der Praxen. Auch Fachärzte befürchten, dass reservierte Termine bestehende Behandlungen, Nachsorge und die Versorgung chronisch kranker Menschen verdrängen könnten.
Diese Einwände sind ernst zu nehmen. Eine digitale Plattform allein löst weder den Fachkräftemangel noch die ungleiche Verteilung von Praxen. Sie muss deshalb mit einer sinnvollen medizinischen Ersteinschätzung, klaren Dringlichkeitskriterien und ausreichend finanzierten Behandlungskapazitäten verbunden werden. Die Antwort auf ein reales Gerechtigkeitsproblem kann aber nicht sein, es unangetastet zu lassen. Praxen brauchen gute Rahmenbedingungen. Patienten brauchen aber zugleich einen fairen Zugang zu den vorhandenen Terminen.
„Deutschland steht international gut da“ – für wen?
Ein weiteres Gegenargument lautet, dass die Wartezeiten in Deutschland im internationalen Vergleich kurz seien. Zudem könne die Bevorzugung von Privatversicherten nicht allein erklären, warum gesetzlich Versicherte auf Termine warten. Entscheidend seien auch die Vergütungsregeln der gesetzlichen Krankenversicherung und eine bessere Steuerung der Patientenwege.
Daran ist eines richtig: die Versorgung lässt sich nicht auf den Gegensatz zwischen gesetzlich und privat reduzieren. Auch eine Bürgerversicherung würde fehlende Fachkräfte oder unterversorgte Regionen nicht automatisch beseitigen. Durchschnittswerte im internationalen Vergleich helfen jedoch wenig, wenn ein konkreter Mensch mit dringendem Abklärungsbedarf wochenlang warten muss. Entscheidend ist nicht nur, wie Deutschland insgesamt abschneidet, sondern ob Menschen rechtzeitig die Behandlung erhalten, die sie benötigen.
Auch der Hinweis auf Terminservicestellen greift zu kurz. Dass über die 116117 vermittelte Termine im Durchschnitt vergleichsweise schnell zustande kommen, bedeutet nicht, dass alle Patienten zeitnah einen Facharzttermin erhalten. Durchschnittswerte bilden nicht jede Fachrichtung, jede Region und jede individuelle Versorgungssituation ab.

Anreize anders setzen
Eine gerechtere Terminvergabe wäre ein Fortschritt. Doch die Politik sollte nicht bei einer neuen Buchungsplattform stehen bleiben. Die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung schafft unterschiedliche finanzielle Anreize und Behandlungserlöse. Solange Praxen für vergleichbare Leistungen je nach Versichertenstatus unterschiedlich abrechnen können, bleibt der Anreiz, dass Privatversicherte wirtschaftlich attraktiver sind.
Eine Bürgerversicherung, in die alle nach ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit einzahlen und aus der medizinisch notwendige Leistungen für alle finanziert werden, wäre eine Möglichkeit, diesen Anreiz wegfallen zu lassen. Dafür braucht es eine durchdachte Ausgestaltung: verlässliche Finanzierung, faire Vergütung und ausreichend Personal. Ein gemeinsames Versicherungssystem ist kein Zaubermittel gegen alle Engpässe. Es würde aber die Grundlage dafür stärken, dass nicht der Versicherungsstatus den Zugang und die Finanzierung mitbestimmt.
Für Menschen mit Diabetes ist das keine abstrakte Debatte. Sie sind auf eine langfristige und gut abgestimmte Behandlung angewiesen. Wenn Diagnostik, Therapieanpassung oder die Abklärung von Folgeerkrankungen zu spät erfolgen, kann das schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben und die Lebensqualität einschneidend verringern.
Wir begrüßen deshalb ausdrücklich, dass die Ungleichheit bei der Terminvergabe endlich ernsthaft diskutiert wird. Der nächste Schritt muss sein, medizinische Dringlichkeit zum entscheidenden Kriterium zu machen. Langfristig braucht es jedoch eine grundlegende Reform des gesamten Versicherungssystems, welche auch der demografischen Entwicklung und der Reichtumsverteilung Rechnung trägt. Denn faire Versorgung darf nicht vom Versicherungsstatus abhängen.






