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Ein Antrag auf Nachteilsausgleich – zwei Urteile
4 Minuten
Nervige Unter- und Überzuckerungssituationen während Klausuren, Acht-Uhr-Seminare mit Anwesenheitspflicht nach einer Nacht mit drei Kühlschrankbesuchen oder tagelanges Suchen nach Konzentration, die dank hoher Werte nicht auffindbar ist – ich könnte diese Liste noch lange weiterführen und bin mir sicher, dass viele von euch solche Situationen kennen.
Nachteilsausgleich? Ach, da war ja was!

Aufgrund solcher Beeinträchtigungen, die für Menschen mit Diabetes Alltag bedeuten können, gibt es an Unis die Möglichkeit eines Nachteilsausgleiches. Lea berichtete bereits vor zwei Jahren über die Formalien. Als ich im Sommer 2016 in mein Studium startete, war ich es aus der Schule gewöhnt, bei Klausuren zusätzliche Pausenzeiten zum Blutzuckermessen und zum Essen zu bekommen. Die Informationen, die ich auf der Homepage meiner Uni zu dem Thema fand, stärkten mich in der Annahme, dass es auch an Universitäten solche Möglichkeiten gibt.
Auf der Homepage der Uni heißt es: „in Anspruch nehmen können den Nachteilsausgleich alle Studierenden mit Behinderung bzw. chronischer Erkrankung“. Die Worte des Mannes, der mich daraufhin beraten sollte, ließen mich das Projekt Nachteilsausgleich jedoch erstmal auf Eis legen: „Diabetes? Bald kommt hier jeder zweite mit einer Lebensmittelunverträglichkeit an.“
Keine Flipflops mehr: ein zweiter Anlauf für den Nachteilsausgleich

Zu Beginn des Jahres entschied ich mich, in Absprache mit meiner Therapeutin, einen neuen Versuch zu wagen. Mittlerweile hatte ich mehr als eine Handvoll Prüfungssituationen erlebt, in denen mir mein Blutzucker in verschiedenen Ausmaßen einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte.
Da ich im Zwei-Fach-Bachelor studiere, geht der Antrag bei meiner Uni an zwei Fakultäten, die jeweils individuell entscheiden. Die Formulierung des Antrags fiel mir schwerer, als ich dachte, und zog sich wochenlang hin. Normalerweise laufe ich durch die Welt und versuche dauerhaft zu vermitteln: „Hey, Leute, ich komme klar. Ich bin stark. Das ist alles kein Problem für mich.“ Wie formuliert man dann das Gegenteil? Dass Diabetes im Alltag doch eine Rolle spielt? Ich befinde mich seit Jahren auf einer Reise, zu akzeptieren, dass ich nicht immer 180 Prozent geben muss, dass es okay ist, Schwächen zu zeigen, vor allem mir selbst. Ein großer Fortschritt auf dieser Reise schien dieser Antrag – quasi wie den Jakobsweg lange in Flipflops bestritten zu haben und dann auf einmal geeigneteres Schuhwerk zu bekommen, den Rahmenbedingungen angemessen, um damit schneller voranzukommen.
Ein Antrag, zwei Urteile?!
Mit dem endlich fertigen Antrag im Gepäck, einer Stellungnahme meines Diabetologen und guter Musik auf den Ohren machte ich mich auf den Weg zum Prüfungsamt der Fakultät No. 1. „Natürlich haben Sie ein Anrecht auf Nachteilsausgleich! Tut mir schrecklich leid, dass Sie erst jetzt zu uns kommen und schlechte Erfahrungen machen mussten. Ich mache den Ausgleich fertig. Morgen ist er abholbereit. Wenn es noch Probleme gibt, kommen Sie immer wieder gerne zu mir.“
Die zuständige Frau, die hinter einer großen Süßigkeitenschüssel saß, ließ mich das Büro mit einem beflügelnden Gefühl verlassen. Am nächsten Tag konnte ich das Schreiben, welches mir ein Drittel mehr Bearbeitungszeit sowohl für Klausuren als auch für Hausarbeiten versicherte, abholen. Sogar einen Extra-Raum sollte ich für Prüfungssituationen bekommen. „Dann können Sie in Ruhe Ihren Blutzucker messen und gegebenenfalls essen, ohne dass es für Sie oder andere Prüflinge zu einer unangenehmen Situation kommen könnte.“
Rechtlich arbeiten beide Ämter nach den gleichen Richtlinien, es konnte also bei Fakultät No. 2 nicht mehr allzu viel schieflaufen. Jedoch war bereits die Begrüßung nur halb so herzlich. Eine Süßigkeitenschale konnte ich auch nicht finden. Der Mann in dem verdunkelten Büro entgegnete mein Anliegen stirnrunzelnd mit den Worten: „Diabetes? Das hat meine Mutter auch, sie scheint nicht so davon beeinflusst.“ Mein wütender Blick ließ ihn die Kurve kriegen.

Zwei Wochen später durfte ich die Antwort aus dem Briefkasten holen. Einzig mein Antrag auf Befreiung von der Anwesenheitspflicht wurde bewilligt, allerdings können dafür Ersatzleistungen anfallen. Der Antrag auf Verlängerung von Bearbeitungsfristen könne jedoch nicht bewilligt werden, „da nicht vorauszusehen ist, ob es […] in jeder zukünftigen Prüfungssituation zu einer krankheitsbedingten Beeinträchtigung kommt.“
Soll ich meine Unterzuckerungen von jetzt an planen?
Es ist nicht vorauszusehen? Soll ich meine Unterzuckerungen von nun an planen? Das Urteil des Prüfungsamts lässt mich wütend und frustriert zurück. Wieso kann es auf den gleichen Antrag zwei so unterschiedliche Reaktionen geben? Allein die Tatsache, dass eine außenstehende Person das Recht hat, darüber zu urteilen, wie sehr mich meine Krankheit beeinflusst, scheint mir falsch. Jetzt gilt es, weiterzumachen, noch beim Lesen des Schreibens habe ich die Gleichstellungsbeauftragte kontaktiert.
Wie ist es bei euch? Habt ihr euch die Arbeit für einen Antrag auf Nachteilsausgleich gemacht? Ähnliche Erfahrungen gesammelt? Es bleibt spannend! Hier gibt es den zweiten Teil meiner Geschichte: Nachteilsausgleich – und jetzt?
Zum Weiterlesen
- Klausurenstress mit Diabetes? Lea hat für diese besonderen Situationen ein paar Tipps zusammengestellt.
- Einen allgemeinen Artikel über den Nachteilsausgleich findet ihr auf der Seite des Studentenwerks.
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lelolali postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Für alle Höhen und Tiefen vor 4 Tagen, 12 Stunden
Hallo, ich bin noch ganz neu hier. Ich war heute beim T1day und bin dadurch auf den DiabetesAnker aufmerksam geworden. Ich bin Ende 20 und komme aus Berlin und bin auf der Suche nach anderen Menschen mit Typ 1 Diabetes (ungefähr in meinem Alter) zum Austauschen und Quatschen. Vielleicht hat ja jemand Interesse 🙂
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jasminj postete ein Update vor 4 Tagen, 20 Stunden
Hi,
Ich bin Jasmin und gerade auf dem t1day 🙂 hab seit 23 Jahren Diabetes, aktuell mit Ypsopump und G7. Bin entweder in Hamburg oder Berlin anzutreffen und freue mich auf Kontakte und Austausch!-
lelolali antwortete vor 4 Tagen, 12 Stunden
Hey Jasmin, ich war heute auch auf dem T1day, vielleicht hast du Lust auf Austausch 🙂
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jasminj antwortete vor 4 Tagen, 12 Stunden
@lelolali: Ich würde mich über Austausch und Kontakte sehr freuen. Gerne hier oder anders online und ansonsten bin ich aktuell alle ein bis zwei Wochen in Berlin – also ggf. auch gerne persönlich?
Wie hat Dir der Tag gefallen? -
lelolali antwortete vor 4 Tagen, 11 Stunden
@jasminj: Ja sehr gerne! Ich kann dir hier leider keine private Nachricht schreiben (werde auf die Startseite weitergeleitet) , funktioniert dies bei dir? 🙂
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jasminj antwortete vor 4 Tagen, 10 Stunden
@lelolali: funktioniert bei mir leider auch nicht. Ich wollte es mir morgen nochmal über die Webabsicht anschauen, vllt geht es da 🙂
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gregor-hess antwortete vor 3 Tagen, 16 Stunden
@jasminj & @lelolali: Leider funktionieren die DM aktuell tatsächlich nicht, sorry! Wir kümmern uns schnellstmöglich darum!
LG Gregor aus der Redaktion -
gregor-hess antwortete vor 3 Tagen, 2 Stunden
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jasminj antwortete vor 3 Tagen, 1 Stunde
@gregor-hess: vielen lieben Dank! Hab es direkt ausprobiert und es sieht gut aus 🙂
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galu postete ein Update vor 1 Woche, 1 Tag
hallo,
ich bin d«Deutsche und lebe seit ca.40jahren in Portugal… meine Tochter, deutsch portugiesin, nun 27 ist seit ihrem 11.Lebensjahr Typ1.
Nachdem ich, gleich nach der Diagnose, eine Selbsgthilfegruppe – die jungen Diabetiker der Algarve, gegruendet habe – finden wir nun so einige Beschraenkungen, was Selbsthilfe und relevante Info betrifft….meine Frage an die Gruppe:
Kann mir jemand , irgendwo in Deutschland eine gute Diabetes Kur oder Kuren mit Hauptgewicht auf Diabetes empfehlen?
Wir werden eh alles privat organsieren und bezahlen muessen – also sind eh nicht auf Krankenkassenangebote angewiesen (falls es diese ueberhaupt (wo?) geben sollte)
Irgendwo in Deutschland (vielleicht nicht zuweit weg von internationalen Flughaefen, da wir ja immer aus Portugal kommen muessen.
Hat vielleicht jemand eine Idee? vielen dank im Voraus-
connyhumboldt antwortete vor 1 Woche, 1 Tag
Hallo! Die beste Klinik für Diabetes ist in Bad Mergentheim! Ich hoffe Euch damit geholfen zu haben! Die Gesetzlichen Krankenkassen schicken die bei ihnen versicherten Diabetiker alle dahin! Privat geht aber auch? Liebe Grüße aus dem kalten Deutschland!
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Hey, ich bin Lara und 23 Jahre alt. Ich komme zwar nicht aus Berlin, aber bin im Mai wieder dort. Freue mich trotzdem immer über Austausch, auch wenn es digital ist. Liebe Grüße
@laratyp1life: Hallo, über digitalen Austausch freue ich mich natürlich auch 🙂