Mein Diabetes, meine Geschichte – Mila (30): „Du lebst nur kurz, warum dann nicht richtig?“

6 Minuten

Community-Beitrag
Mein Diabetes, meine Geschichte – Mila (30): „Du lebst nur kurz, warum dann nicht richtig?“

Mila ist eine intelligente und selbstbewusste 30-Jährige. Ein kleiner Wirbelwind mit viel Humor. Man vermutet nicht, dass die angehende Erzieherin einen langen Kampf gegen den Diabetes und Depressionen hinter sich hat. Im April 2011 erhält sie die Diagnose. Sie studiert zu diesem Zeitpunkt Fitnessökonomie und arbeitet in einem Sportstudio. Bewegung, gesunde Ernährung und Leistung prägen ihren Alltag. Da passte der Diabetes so gar nicht hinein. Lange ignoriert sie die Erkrankung und begibt sich in Lebensgefahr. Es braucht einige Zeit, bis sie eine passende Therapieform findet und es bergauf geht. Mila möchte ihre Geschichte teilen, um die Bedeutung des Themas „Diabetes und Psyche“ zu zeigen und die Stigmatisierung zu durchbrechen.

Wann hast du deine Diagnose bekommen und wie war das für dich?

Das war Ostern 2011. Ich habe mit Freunden im Auto gemerkt, dass die Straßenschilder plötzlich verschwommen waren. Zuerst haben wir uns alle einen Spaß daraus gemacht und hatten den kleinen Wettbewerb, wann ich denn ein Schild lesen konnte. Am nächsten Morgen konnte ich aber nicht einmal mehr das S auf dem Salzstreuer erkennen. Da wurde meine Schwiegermutter hellhörig, stellte ein paar Fragen und sagte dann: „Du musst zum Notarzt, ich glaube, du hast Zucker!“

Ich habe noch einen Tag gewartet und bin dann erst ins Krankenhaus gegangen. Dort wurde ich ziemlich doof angeschaut, als ich meinte, dass ich Zucker haben könnte. Der Arzt sagte, ich sei mit meinen 23 Jahren zu alt dafür. Ein Wert von 600 mg/dl (33,3 mmol/l) überzeugte ihn dann doch.

Welche Gefühle hattest du im ersten Moment nach der Diagnose?

Ich wusste ja gar nicht, was Diabetes wirklich bedeutet. Ich hatte zwar gegoogelt, aber für mich war erstmal viel schlimmer, dass ich nicht mehr rauchen gehen durfte. Da bin ich dann eher der Rebell und habe mich durchgesetzt, um rausgehen zu können. Als es hieß, ich müsste über Nacht bleiben, war das für mich nochmal besonders schlimm. Es war das Krankenhaus, in dem mein Vater gestorben war. Daher habe ich mich am nächsten Tag auch sofort selber entlassen.

Wann hast du angefangen, dich mit der Diagnose auseinanderzusetzen?

Ich kann mich nicht so gut an diese Zeit erinnern. Ein Mitarbeiter aus dem Krankenhaus rief mich an und meinte, ich muss unbedingt einen Diabetologen aufsuchen. Ich bin dann auch zu einem Arzt gegangen. Dort bekam ich den nächsten Schock: Ich kam in die Praxis und am Empfang arbeitete ein Mädel aus meinem Dorf! Ich hatte Angst vor dem ganzen Tratsch. Zu diesem Diabetologen bin ich nie wieder hin.

Welchen Einfluss hatte der Diabetes auf dein Leben?

Ich habe damals Fitnessökonomie studiert und in einem Sportstudio gearbeitet. Ich habe versucht, einfach weiterzumachen. Im Kundenkontakt im Service war das aber schwierig. Viele Typ-2-Diabetiker kamen zu uns und ich dachte, die verurteilen mich. Das lag aber auch daran, dass ich nicht so richtig aussprechen konnte, welchen Typ ich habe, und immer versucht habe, das Thema zu vermeiden. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass die über mich reden. Denn ich bin einfach nicht damit klargekommen. Auch nicht mit der Stigmatisierung, dass man selbst schuld sei, als Kind zu viel Süßes gegessen hat und und und… denn ich bin eine Naschkatze, wirklich! Immer noch! Damals habe ich mich aber tatsächlich gefragt, ob es davon kommt.

Wie war es mit den anderen Arbeitsbereichen zu vereinbaren, wenn vor allem körperliche Leistung gefragt war?

Als ich auf die Trainingsfläche wechseln sollte, habe ich gemerkt, dass das gar nicht mehr klappt. Leistung und Sport nach Terminplan war nicht mehr möglich. Ich fasste nach 6 Monaten den Entschluss wegzuziehen. Ich habe schnell ein anderes Fitnessstudio gefunden, in dem ich wesentlich weniger körperliche Belastung hatte. Sportlich habe ich nichts mehr gemacht. Ich habe mir selbst nichts mehr zugetraut und war meist nach 15 Minuten unterzuckert. Irgendwann war ich so weit, dass ich einfach gar kein Insulin mehr gespritzt habe, nur noch Basal. Niemand sollte sehen, wie ich unterzuckere. Das ging drei Monate so und dann hat mich alles wieder eingeholt.

Was ist dann passiert, nachdem du aufgehört hast, Insulin zu spritzen?

Ich dachte: „Du lebst nur kurz, warum dann nicht richtig?“ Am Tag der Diagnose sagte man mir, dass ich nur noch etwa 20 Jahre hätte. Dann habe ich auch richtig gelebt, gar keinen Bolus und nur vereinzelt Basal gespritzt und mir alles gegönnt, was ich wollte. Ich war so sehr in dieser Schleife drin, dass ich mich sogar darüber gefreut habe, dass ich alles essen konnte, keinen Sport treiben musste und dennoch nicht zunahm. Gleichzeitig wurde ich depressiv.

Wann kam der Wendepunkt?

Das Vorhaben, mein Leben in vollen Zügen zu genießen, habe ich bis zum November 2012 durchgezogen. Ich war bis auf 40 kg abgemagert, konnte keine zwei Treppenstufen mehr hochgehen. Irgendwann hat mich mein damaliger Freund und heutiger Ehemann abends mit Magenproblemen in die Notaufnahme gefahren. Ich kam gar nicht auf die Idee, dass die Schmerzen vom Diabetes kommen könnten. Die Ärzte leider auch nicht. Mit dem Tipp, viel zu trinken und zu schlafen, bin ich nach Hause geschickt worden. Am nächsten Morgen bin ich aber nicht mehr aufgewacht. Ich lag durch die Ketoazidose zwei Tage im Koma. Und mein erster Gedanke, als ich aufwachte, war: „Mein Gott, warum hast du das überlebt?“ – Erst die Reaktion meines Ehemannes öffnete mir die Augen. Er war geschockt, dass ich nicht mehr leben wollte.

Hast du dich dann in eine Therapie begeben, um deine Depression und Akzeptanzstörung behandeln zu lassen?

Noch nicht. Ich habe erst einmal wieder einen Diabetologen aufgesucht, angefangen, Insulin zu spritzen, und irgendwie versucht, die Situation zu retten. Es gab aber kein langfristiges Ziel. Ich habe erst einmal nur den Gedanken gehabt, dass ich für meinen Mann überlebe. Zusätzlich habe ich versucht, eine psychologische Behandlung anzufangen, aber es dauerte, bis ich den passenden Therapeuten und die passende Therapieform gefunden hatte. Ich habe mehrmals gewechselt, auch den Diabetologen. Irgendwann hatte ich eine gute Ärztin gefunden, die mich zum Glück in eine psychosomatische Klinik überwies. Dort hatte ich die Gelegenheit, endlich zur Ruhe zu kommen.

Wie ging es nach der Klinik weiter? Konntest du mit deinem Diabetes Frieden schließen?

Danach habe ich zum Glück eine gute Therapeutin gefunden, mit der ich Schritt für Schritt an der Akzeptanzstörung arbeiten konnte. Es ging nur um Diabetes, die Psyche und mich! Ich war 14 Monate lang krankgeschrieben und habe mich endlich mal um alles kümmern können. Ich war einmal in der Woche bei meiner Diabetologin und beschäftigte mich erstmals richtig mit der Erkrankung. Sozial habe ich mich komplett zurückgezogen und hatte nur Kontakt zu meinen Ärztinnen und meinem jetzigen Ehemann. Aber diese Menschen waren meine Stütze und das Netz, was mich auffing. In dieser Zeit habe ich endlich wieder angefangen, mich kreativ zu beschäftigen. Das entlastet mich psychisch sehr.

Glaubst du, dass dieser psychologische Aspekt wesentlich stärker in die Behandlung von Diabetikern mit einbezogen werden sollte?

Definitiv! Meine Psychologin hatte keine Ahnung von Diabetes, war aber interessiert und hat sich eingelesen, um mir zu helfen. Die Momente, in denen sie mir bei Gefühlen und Erlebnissen eine andere Brille aufgesetzt hat, um meine Perspektive zu ändern, waren entscheidend. Durch ihr angelesenes Wissen konnte sie mich gezielt fragen, ob gewisse Dinge nicht mit dem Diabetes zu erklären sind. Wie zum Beispiel Ängste oder Aggressionen bei Unterzuckerungen. Diese Therapie war für mich ein wichtiger Schritt hin zu einer besseren Akzeptanz.

Wie lange hat es gedauert, bis du den Diabetes akzeptiert hast?

Ich glaube, ich habe es bis heute nicht vollkommen akzeptiert. Aber ich arbeite kontinuierlich daran. Ich suche mir Menschen, Gleichgesinnte, andere Diabetiker. Die können einen verstehen und nachvollziehen, worüber man redet. Sie fühlen das, was auch ich fühle. Der Austausch und das Verständnis sind sehr wichtig für mich.

Was wünscht du dir für deine Zukunft mit Diabetes?

Heilung! Aber das realistischere Ziel ist, dass endlich die technischen Möglichkeiten genutzt werden können, ohne dass man sich halb strafbar macht und ein Technikgenie sein muss. Das Closed-Loop-System sollte für alle zugänglich sein. Und für mich persönlich wünsche ich mir, dass ich mich frei fühle!

 

Diabetes hält dich nicht auf? Auch du hast eine bewegende Geschichte, die du mit anderen Diabetikern teilen möchtest? Dann schreibe eine Mail an: contact@diapolitan.com

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Atherosklerose behandeln: Enzym-Infusion bei Gefäß-Verschlüssen – alte Therapie neu entdeckt

Für die Therapie von Gefäß-Verschlüssen gibt es Standard-Verfahren. Mitunter reichen diese Möglichkeiten jedoch bei der Behandlung einer Atherosklerose nicht aus. Ein Blick über den Tellerrand zeigt, das eine Enzym-Infusion hier Abhilfe schaffen kann.
Atherosklerose behandeln: Enzym-Infusion bei Gefäß-Verschlüssen – alte Therapie neu entdeckt | Foto: Jo Panuwat D - stock.adobe.com

3 Minuten

Schwerbehinderten-Ausweis und Führerschein: Arbeiten Behörden zusammen?

Manche Menschen mit Diabetes haben Bedenken, dass ein Antrag für einen Schwerbehinderten-Ausweis zu Problemen mit dem Führerschein führen könnte, da die Fahrerlaubnisbehörde und das Versorgungsamt beim gleichen Behörden-Träger angesiedelt sind und erstere von den dort genannten Beeinträchtigungen durch den Diabetes erfahren könnte. Sind solche Bedenken berechtigt?
Schwerbehinderten-Ausweis und Führerschein: Arbeiten Behörden zusammen? | Foto: Kaluya Stock - stock.adobe.com

3 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist das neue Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage

Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community

Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen

Community-Feed

  • moira postete ein Update vor 2 Wochen, 1 Tag

    Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄

  • bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen, 1 Tag

    Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.

    • Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.

      Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:

      Freestyle Libre 3 bzw. 3+
      Dexcom G7
      Dexcom G6 (noch)
      Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
      Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
      Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
      Accu-Chek Smartguide CGM
      Medtrum Touchcare Nano CGM

      Ich würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
      Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.

  • thomas55 postete ein Update vor 3 Wochen, 6 Tagen

    Hallo,
    ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
    Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
    Thomas55

    • Hi Thomas 🙂
      Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
      Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.

      Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!

    • @crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.

Verbände