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Die Geschichte der Insulin-Behandlung
4 Minuten
Schon vor 100 Jahren spielten die Angehörigen von Menschen mit Typ-1-Diabetes eine große Rolle bei der Therapie-Verbesserung. Eine Geschichte über das Insulin, über Entdecker und über Bauchspeicheldrüsen im Fleischwolf – wunderbar zusammengetragen von Redaktionsmitglied Dr. Viktor Jörgens!
Der 13-jährige Leonard Thompson war ein hoffnungsloser Fall, er lag meist im Bett, wog nur noch 29 kg und war dem Tod im diabetischen Koma nahe. Da wurde der Vater gefragt, ob er mit der Erprobung einer ganz neuen Behandlung des Diabetes einverstanden wäre. Er willigte ein, und so bekam Leonard am Morgen des 23.01.1922 um 11 Uhr die erste Spritze mit Insulin. Der kanadische Chemiker James Collip hatte es hergestellt.
Vorher hatten der junge Chirurg Frederick Banting und der Student Charles Best im Physiologischen Institut von Prof. J. J. R. Macleod in Toronto in Versuchen an Hunden gezeigt, dass man mit einem Extrakt aus Bauchspeicheldrüsen den Blutzuckerspiegel senken kann. Die Wirkung des Insulins bei Leonard Thompson war großartig: Die Azetonausscheidung verschwand, der Blutzucker sank von 520 auf 120 mg/dl (28,9 auf 6,7 mmol/l). Mit der lebensrettenden Insulintherapie hatte eine neue Epoche der Diabetesbehandlung begonnen!
Die erste Insulin-Massenproduktion
Schnell sprach sich die Entdeckung herum, immer mehr schwerkranke Menschen mit Diabetes verlangten nach Insulin. Aber in Toronto schaffte man es nicht, Insulin in großen Mengen herzustellen. Da kam das Unternehmen Eli Lilly zu Hilfe. Der in England geborene Chemiker George Clowes hatte 1899 in Göttingen seinen Doktor in Chemie gemacht. Clowes leitete die Forschung beim US-Unternehmen Eli Lilly. Er hatte den Vortrag von Banting am 30.12.1921 in New Haven gehört und gleich verstanden, dass eine Revolution der Diabetesbehandlung bevorstand.
Er telefonierte noch am Abend mit Prof. Macleod und bot eine Zusammenarbeit an, der aber zögerte noch. Dank des diplomatischen Geschicks von Clowes kam es ab Mai 1922 zu einer Kooperation zwischen Eli Lilly und den Forschern in Toronto. Das Team bei Eli Lilly schaffte in wenigen Monaten den großen Sprung zur industriellen Gewinnung von Insulin. Schon Anfang 1923 war das „Iletin“ von Eli Lilly in den USA verfügbar.
Frau Dr. Krogh braucht Insulin …
Der Physiologe Prof. August Krogh hatte 1920 den Nobelpreis erhalten. Bei seiner Frau, Dr. med. Marie Krogh-Jörgensen, wurde Anfang 1921 Diabetes festgestellt. Beide reisten 1922 zu einer Vortragsreise in die USA. Dort hörten sie von einem neuen kanadischen Wundermittel gegen Diabetes. Die Kroghs änderten ihre Reisepläne und besuchten im November 1922 Prof. Macleod in Toronto. Marie Krogh schrieb an ihren Hausarzt Dr. Hans Christian Hagedorn, er solle sich in Zukunft mit Insulin beschäftigen.
Am 15.12.1922 begann Dr. Hagedorn in seinem Haus mit der Insulinherstellung. Seine Frau drehte in der Küche Bauchspeicheldrüsen durch den Fleischwolf, er selbst gab Alkohol dazu und filtrierte das Ganze. Schon am 13. März 1923 wurde erstmals in Kopenhagen mit seinem Insulin behandelt. Hagedorns Insulin rettete auch das Leben von Frau Dr. Krogh.
Was mit dem Fleischwolf in Hagedorns Küche begann, wurde zum Unternehmen Novo Nordisk – dem heute größten Insulinhersteller der Welt. Der Chemiker John Jacob Abel schaffte es 1928, Insulinkristalle zu bilden – Insulin wurde viel reiner herstellbar. 1958 erhielt Frederick Sanger den Nobelpreis, er hatte die genaue Zusammensetzung des Insulins aus Aminosäuren entdeckt.
Fortschritt durch Forschung: „Humaner geht’s nicht!“
1963 gelang Helmut Zahn in Aachen die erste Synthese des Insulins aus Aminosäuren. 1977 erhielt Rosalyn Yalow den Nobelpreis für eine Methode, Insulin zu bestimmen. Die Insulinpräparate wurden in den folgenden Jahrzehnten immer besser, Allergien wurden zu einer Seltenheit. Schließlich gelang es sogar, Insulin herzustellen, das genau der Aminosäurezusammensetzung des menschlichen Insulins entsprach.
„Humaner geht’s nicht“, lautete mit Recht damals die Insulinwerbung. Aber es war immer noch sehr umständlich, in den Schlachthöfen die Bauchspeicheldrüsen herauszuschneiden und zu den Insulinunternehmen zu bringen. Damit war es endlich vorbei, als es gelang, gentechnisch Bakterien und Hefen dazu zu bringen, Insulin herzustellen. Niemand mehr brauchte Angst zu haben, dass es irgendwann mangels Bauchspeicheldrüsen von Tieren nicht mehr genug Insulin geben könnte.
Und es wurde auch technisch möglich, das Insulinmolekül zu verändern. Seither gibt es Insulinanaloga, deren Wirkungsablauf kürzer oder länger ist als der der entsprechenden Insuline mit der Zusammensetzung des natürlichen, menschlichen Insulins. Auch technische Neuerungen wie Insulinpens und Insulinpumpen machten die Therapie einfacher und wirksamer. Schon die ersten Menschen mit Diabetes, die Banting 1922 mit Insulin behandelte, lernten, täglich ihren Urin auf Zucker zu untersuchen und ihre Behandlung selbst anzupassen.
Von Beginn an: Erfolg durch Schulung
Der berühmte Diabetologe Elliott P. Joslin in Boston schrieb, dass jeder Mensch mit Diabetes lernen sollte, sein eigener Arzt zu werden. In Deutschland aber verboten „führende“ Diabetologen nach 1933 den Patienten die Selbstkontrolle. Die besten Stoffwechselexperten wurden durch die Nationalsozialisten vertrieben, die Übriggebliebenen wie die Professoren Gerhardt Katsch und Ferdinand Bertram bezeichneten Selbstkontrollen des Stoffwechsels als „verwerflich“ oder „bedenklich“.
Behandelt wurde meist nur mit Verzögerungsinsulin und einer penibel ausgerechneten Diät, und man propagierte eine eher lasche Einstellung des Diabetes mit Ausscheidung geringer Glukosemengen im Urin. Die wegweisende bedarfsgerechte Insulintherapie bei freier Kost des Breslauer Kinderarztes Prof. Karl Stolte wurde von solchen „Autoritäten“ vehement bekämpft. Erst Jahrzehnte später setzte sich die Schulung der Betroffenen zur Selbstbehandlung des Diabetes durch.
Sehr geholfen hat dabei die Einführung der Selbstmessung des Blutzuckers in den 1970er-Jahren. 1980 begann die erste Vollzeit-Diabetes-Schulungsschwester in Deutschland in der Uniklinik Düsseldorf mit ihrer Arbeit in der Klinik. 1993 wurde die erste Vergütung für die ambulante Schulung zur Insulintherapie in Deutschland eingeführt. Niemand bezweifelt heute mehr, dass die fachgerechte Schulung zur Selbstbehandlung bei Insulintherapie unverzichtbar ist.
Schwerpunkt „100 Jahre Insulin“
Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (7) Seite 14-15
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hexle postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 6 Tagen, 5 Stunden
Hallo,
das neueste update für iOS ist inzwischen das 26.4.2. ich nutze den Dexcom g7 und die Freigabe von Dexcom ist derzeit bei 26.3.1.
Wer sein Smartohone für online banking nutzt, muss bestätigen, dass updates regelmäßig gemacht werden. Ich finde es eine Zumutung, dass die Technik von Dexcom uns da immer so hinhält. Gibt es eine offizielle Stelle, die da mal intervenieren kann?-
ole-t1 antwortete vor 4 Tagen, 1 Stunde
Hallo hexle,
ich finde die Update-Empfehlungen von Dexcom auch etwas unbefriedigend.
Allerdings steht auf der Kompatibilitäts-Seite auch:
Zitat: “Sie können diese App auf jedem Betriebssystem verwenden, das die Mindestanforderungen erfüllt. Dexcom empfiehlt jedoch …”Eine “offizielle Stelle” bei Dexcom ist mir nicht bekannt, vom generellen Kundenservice mal abgesehen.
Bei ernsthaften, tatsächlichen Funktionsstörungen gäbe es noch die Möglichkeit, eine Meldung beim BfArM zu eröffnen.
Beste Grüße
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ole-t1 antwortete vor 4 Tagen, 1 Stunde
PS Ich wollte noch ergänzen: Eine aktuelle ernsthafte Funktionsstörung sehe ich hier nicht gegeben.
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schorschlinger antwortete vor 3 Tagen, 23 Stunden
Sicherheits-Updates der Betriebssysteme haben immer absolute Priorität. Dexcom und Abbott sind definitv sehr langsam mit den Tests und Freigaben. Beim G7 hat Dexcom etwas an Geschwindigkeit gewonnen, aber für G6 ist noch nicht einmal Android 16 getestet, das seit einem Jahr verfügbar ist. An Medizinprodukt-Freigaben liegt das nicht und besonders seriös und professionell ist es auch nicht. Neue Smartphones kann man nur mit aktueller OS-Version kaufen und wenn die nicht freigegeben ist, kann man theoretisch gar kein Smartphone sicher für Sensor oder AID-System verwenden. So war z. B. iOS 26 lange Zeit nicht auf den Listen, aber iPhones nur mit iOS 26 erhältlich. Die Listen verlieren damit zeitweise ihren eigentlichen Nutzen. Intervenieren können Anwender/Kunden mit Beschwerden bei den Hotlines.
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hexle antwortete vor 2 Tagen, 22 Stunden
@ole-t1: Danke Ole für deine Rückmeldung.
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hexle antwortete vor 2 Tagen, 22 Stunden
@schorschlinger: Danke für deine Rückmeldung. Beschwerden bringen einen da leider auch nicht weiter….
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uho1 postete ein Update vor 1 Woche, 5 Tagen
Hat jemand bereits Erfahrungen mit der Medtrum Pumpe und dem dazugehörigen Sensor?
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diahexe postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen
Hallo, ich habe mal eine Frage. Was macht ihr mit euren “Altgeräten”? Bei mir haben sich diverse Pumpen, BZ Messgerät, Transmitter usw angesammelt. Die Krankenkasse möchte sie nicht zurück, wegwerfen wäre zu schade. Kennt jemand eine Organisation, die diese Geräte annimmt?
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gregor-hess antwortete vor 2 Wochen, 1 Tag
Liebe diahexe,
Du könntest dazu mal bei „Insulin zum Leben“ nachfragen. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vornehmlich Insulin, das hierzulande nicht mehr benötigt oder verwendet wird, in Weltregionen schickt, in denen großer Bedarf dafür herrscht. Soweit mir bekannt ist, nehmen die auch viele Diabetes-Hilfsmittel an. Hier findest Du die Website: https://www.insulin-zum-leben.de/
Viele Grüße
Gregor aus der Diabetes-Anker-Redaktion -
diahexe antwortete vor 2 Wochen, 1 Tag
@gregor-hess: Vielen lieben Dank. Ich hatte schon beim Roten Kreuz nachgefragt, die wollten allerdings die BZ Messgeräte nicht, angeblich wären sie zu alt (5 Jahre), obwohl es die Geräte genauso noch gibt und sie einwandfrei funktionieren.
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crismo antwortete vor 6 Tagen, 21 Stunden
@gregor-hess: das ist ein sehr guter Hinweis. Ich war schon persönlich bei der Gründerin des Vereins und habe Insulin abgegeben. Diese Frau macht wirklich einen tollen Job und bringt das Insulin regelmäßig nach Afrika. Sie nimmt Insulin, Pens, Pennadeln, Lanzetten, Blutzuckerteststreifen usw…
Kann es nur empfehlen!!!
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