Die Hypoglykämie und die Psyche

3 Minuten

Community-Beitrag
Die Hypoglykämie und die Psyche

Das Herz rast. Alles dreht und wankt ein wenig. Ich kann noch stehen, auch wenn sich alles etwas wackelig anfühlt. Der Blick ist verschwommen und das T-Shirt klebt schon vor Schweiß an meinem Körper. Die Erschöpfung erreicht mich langsam, aber sicher. Der Strohhalm findet seinen Weg nur schwerlich in das Trinkpäckchen, der erste Schluck und der Gedanke: Gleich wird es besser. Gleich geht es wieder weiter.

Wahrscheinlich wissen jetzt schon einige, welchen Zustand ich gerade aus meiner Sicht beschrieben habe. Eine Hypoglykämie.

Die körperliche Grenzerfahrung

Ich finde, es ist sehr schwer, einem Außenstehenden eine „Hypo“ zu erklären. Ein Versuch von mir ist meist das Marathon-Beispiel: „Es fühlt sich an, als wärst du gerade einen Marathon gelaufen, du bist total erschöpft, merkst, dass du an deine Grenzen gekommen bist. Aber da ist etwas, was dich weiter antreibt und dich zwingt, über deine körperlichen Grenzen zu gehen. Weiterzulaufen und zu laufen und zu laufen.“ Aber ich denke, dass dies nicht im Ansatz diesen Zustand beschreiben kann. Machen wir uns nichts vor, es ist anstrengend und auch nervig.

Doch es gibt noch eine Grenze, die bei der „Hypo“ übertreten wird, zumindest aus meiner Erfahrung heraus.

Die Psyche während einer „Hypo“

Es gibt hierzu zwei Situationen, die sich in meine Erinnerung und mein Leben eingebrannt haben.

Ich war damals 16 Jahre alt und unterzuckerte in der Schule, bis dahin keine allzu besondere Situation. Jedoch war meine psychische Verfassung alles andere als stabil. Ich wusste noch nicht, wer ich bin. Mir war nur bewusst, dass es so, wie es ist, nicht richtig sein kann. Das, was dann passierte, weiß ich nur aus Erzählungen von den Menschen, die mir halfen. Ich selbst habe zu diesem Ereignis keinerlei Erinnerungen, sondern eher ein verschwommenes Nichts, ich würde es als Blackout beschreiben. Ich rannte anscheinend unterzuckert durch das ganze Schulgebäude und schrie herum, dass ich nun Sport machen müsste und der Traubenzucker viel zu viele Kalorien hätte. Daraufhin wurde ich von mehreren Mitschülern zu Boden gedrückt und man versuchte, mir den besagten Traubenzucker zu verabreichen, ich spuckte ihn aus, teilweise sogar den Helfern entgegen.

Hypo und Psyche: Mann schaut traurig zu Boden
Quelle: Pixabay

Dies alles wurde mir erzählt, als ich im Krankenzimmer meiner Schule wieder aufwachte. Das alles zu hören, war für mich ein riesiger Schock. Es vermischte sich in mir das Gefühl von Scham und Furcht vor mir selber. Es dauerte einige Zeit, bis ich dieses Erlebnis therapeutisch verarbeiten konnte. Ich musste verstehen, dass meine Psyche einer „Hypo“ genauso wenig standhalten kann wie mein Körper.

Diabulimie und Hypoglykämie

Die zweite Situation ist wiederkehrend und wird mich wahrscheinlich auch nie wieder verlassen.

Durch meine Diabulimie fiel ich, sozusagen als Endergebnis, in eine schwere Ketoazidose. Ich wurde auf dem Weg ins Krankenhaus bewusstlos und musste auch wiederbelebt werden, das verlief jedoch ohne großen Erfolg. Die Ärzte hatten mich eigentlich schon aufgegeben, meine Mutter forderte einen weiteren Versuch, der mich dann zum Glück zurückholte.

Ich habe keine Bilder von diesen Momenten in meinem Kopf, ich habe mich nicht von oben beobachten können, aber doch ist etwas von diesem Erlebnis geblieben.

Jedes einzelne Mal, wenn mich eine „Hypo“ überrennt, spüre ich die Gefühle, die in mir aufsteigen und die ich durchaus kenne.

Nach einer „Hypo“ fühlt man sich körperlich schwach. Doch ich fühle mich auch seelisch schwach.

Jede „Hypo“ bedeutet für mich eine Art Flashback. Es kommt das Gefühl zurück, dass nun alles vorbei ist. Dass ich genau jetzt sterben werde. Die Panik, die sich dabei breitmacht, ist unangenehm, aber ich kenne sie.

Ich habe gelernt, damit umzugehen, dieses Gefühl zu akzeptieren und dem Platz und Raum zu geben. Mir selbst Zeit zu geben, mich zu regenerieren von den körperlichen, aber auch von den seelischen Nachwirkungen.

Dieser Weg war aber nicht immer leicht. Alleine, zu erkennen, was da mit mir passiert, hat mich einige Therapiestunden gekostet. Es zu akzeptieren und der Psyche ihren Platz zu geben, war dann die Kür.

Wie geht es eurer Psyche damit?

Ich kann mir gut vorstellen, dass der ein oder andere diese oder ähnliche Gefühle kennt. Dass man sich überrollt fühlt. Dass viel zu viel auf einmal kommt und man nicht weiß, wohin mit sich selber. Dass neben dem Körper auch die Seele während einer „Hypo“ ihren Platz sucht. Aber das ist vollkommen in Ordnung. Jeder ist anders, fühlt anders und keiner sollte sich für seine vermeintlichen Schwächen schämen. Genau so ist es vollkommen in Ordnung, sich Hilfe zu holen. Ich bin sehr glücklich, dass es mir möglich war, eine Psychotherapie zu machen, und stolz, wie weit es mich gebracht hat.

Passt auf euch auf. Ihr seid einzigartig.


Wie eine Hypoglykämie ein Gefühl von Panik und Hilflosigkeit auslösen kann – Heikes Erfahrung mit einer angsteinflößenden Unterzuckerung.

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Ähnliche Beiträge

Folge-Erkrankungen des Diabetes: Das solltest Du wissen, um Komplikationen zu verhindern
Nieren, Herz und Augenlicht in Gefahr: Dauerhaft erhöhte Glukosespiegel oder starke Blutzucker-Schwankungen können auf lange Sicht das Risiko für Folge-Erkrankungen des Diabetes erhöhen. Warum das so ist und welche Diabetes-Komplikationen häufig auftreten, erfährst du in diesem Beitrag.
Diabetes-Folgeerkrankungen: Das solltest Du wissen

3 Minuten

Prof. Reger-Tan wird neue Direktorin der Diabetologie und Endokrinologie am HDZ NRW
Prof. Dr. Susanne Reger-Tan übernimmt im Oktober die Leitung der Diabetologie und Endokrinologie am Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW) in Bad Oeynhausen. Die renommierte Expertin für klinische Diabetologie, Endokrinologie und Metabolismus wechselt vom Universitätsklinikum Essen an die Ruhr-Universität Bochum und folgt als Direktorin auf Prof. Dr. med. Dr. h.c. Diethelm Tschöpe.
Prof. Reger-Tan wird neue Direktorin der Diabetologie und Endokrinologie am HDZ NRW – HDZ NRW

2 Minuten

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
  • lena-schmidt hat eine Umfrage erstellt vor 3 Tagen, 10 Stunden

    Reminder: Das nächste Community-Meetup findet am 15. Juli statt!
    Den Link und weitere Infos gibt es hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juli/

    Wer ist am Start?

    ( 2 von 3 )
    66.67%
    ( 0 von 3 )
    0%
    ( 1 von 3 )
    33.33%
  • schubidu postete ein Update in der Gruppe In der Gruppe:Diabetes-Technik vor 2 Wochen

    Hallo zusammen,
    ich möchte im Herbst auf eine Patchpump umsteigen, daher würde mich interessieren, ob jemand mit der Nano touchcare Erfahrungen machen konnte. Lieben Dank für Rückmeldungen im Voraus!

    • Hey, ja ich nutze aktuell das Medtrum Nano System also CGM + Patchpumpe. Zuvor hatte ich das Omnipod Dash (war schon sehr gut) aber das Medtrum System ist eine ganz andere Welt (im positiven) der Automodus läuft und hält die Werte größtenteils stabil. Auch die Auto Bolus Abgabe (nur auswählen Frühstück, mittag, Abendessen oder snack) Damit brauchst du bei bis bis zu 90g Kolenhydrate nicht mehr den Bolusrechner verwenden, kannst du aber bei Bedarf trotzdem jederzeit. Es hat mein Leben verändert, auch dass du wenn du möchtest eine Schnittstelle (smartphone eine App für Cgm+Pumpe) funktioniert einwandfrei. Das einzige wo man aufpassen muss, man sollte den Sensor gelegentlich kalibrieren. Der Dexcom g7 war ohne kalibrieren etwas genauer, aber die Vorteile vom Medtrum überwiegen. Ich kann’s nur empfehlen. Viel Erfolg beim Einstieg! Melde dich gerne falls du noch konkrete Fragen hast. Erfahrung in der Praxis hab icb schon einige Monate hinter mir.

    • uho1 antwortete vor 2 Wochen

      @calvin240: Super, dass du geantwortet hast. Ich hatte vor einiger Zeit die gleiche Frage. Auch ich werde diese Pumpe ab Herbst nutzen. Bin aber absoluter Pumpenneuling. Darf ich dich bei Bedarf anschreiben? Viele Grüße aus der schönen Rhön!

    • @uho1: klar kannst du gerne machen. Wenn du Allgemein Pumpenneuling bist (jeder hat andere Anforderungen) aber aus meiner Sicht ist eine Patchpumpe also auch das Medtrum Nano die innovativste Behandlungsmöglichkeit.
      Liebe Grüße

  • stephanie-haack postete ein Update vor 1 Monat

    Jetzt schon vormerken: Das nächste virtuelle Community-MeetUp findet am 10. Juni statt. Wir freuen uns drauf! 🙂

    Alle Infos hier: https://diabetes-anker.de/veranstaltung/virtuelles-diabetes-anker-community-meetup-im-juni2026/