Im April trafen sich Eltern aus etwa 20 Familien im „Online-Treffpunkt Diabetes“ für einen Austausch über Vor- und Nachteile der „Zeit im Zielbereich“. Als medizinische Expertin stand Prof. Dr. Olga Kordonouri vom Kinder- und Jugendkrankenhaus AUF DER BULT in Hannover zur Verfügung. Der Austausch war informativ, auch wenn wir leider auf die Perspektive des kurzfristig ausgefallenen Psychotherapeuten verzichten mussten.
„Was kann ich tun, wenn meinem pubertierenden Kind die Werte völlig egal sind?“ Oder: „Wie schütze ich mich selbst davor, zu hohe Anforderungen an mich und mein Kind zu stellen?“ Das waren nur zwei der vielen Fragen, mit denen Eltern zum Online-Treffpunkt zum Thema „Zeit im Zielbereich: Orientierung oder Stressfaktor?“ kamen.
Wir bedauern sehr, und viele Eltern waren enttäuscht, dass der eingeladene Psychotherapeut Dr. Berthold Maier vom Diabetes Zentrum Mergentheim sehr kurzfristig verhindert war und wir an dem Abend auf seine Perspektive verzichten mussten. Dank vieler interessierter Eltern – etwa 20 Familien waren dabei – und der sehr engagierten medizinischen Expertin Prof. Dr. Olga Kordonouri wurde das Treffen dennoch zu einem ergiebigen Austausch.
Medizinischer Nutzen
Olga Kordonouri betreut im Kinderkrankenhaus AUF DER BULT ständig etwa 800 Familien mit Typ-1-Diabetes, forscht zur Vorbeugung von Begleiterkrankungen und zur Früherkennung des Diabetes und ist in vielen Gremien aktiv, um die Interessen betroffener Familien zu stärken. Sie erklärte eingangs den medizinischen Nutzen der „Zeit im Zielbereich“ als Messwert in der Diabetologie.
Seit der Einführung von Glukose-Sensoren in den 2000er-Jahren, zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht in der Breite verfügbar, ist es möglich, den Verlauf von Glukosewerten quasi live mitzuverfolgen. „Das eröffnet uns aus medizinischer Perspektive neue Möglichkeiten für die Therapie von Typ-1-Diabetes“, erklärte Kordonouri. „Schauen wir die Zeit im Zielbereich einzelner Tage an, können wir beispielsweise den Effekt bestimmter Lebensmittel erkennen, den von sportlicher Aktivität, Anstrengung oder Aufregung“, sagte sie. „Das und der Verlauf der gemittelten Tageswerte über einen längeren Zeitraum hilft uns, die Therapie auf bestimmte Gewohnheiten, Lebensumstände oder Altersabschnitte abzustimmen.“
Motivation – und Stress
Für Eltern und auch die betroffenen Kinder sei es wichtig, gut geschult darin zu sein, die ambulanten Glukose-Berichte (fachsprachlich: ambulante Glukose-Profile, AGPs) ihrer Systeme zu interpretieren. „Die Berichte machen Muster sichtbar. Das hilft uns, die individuelle Therapie zu optimieren.“ Und auch Erfolge sind anhand der Zeit im Zielbereich schnell zu erkennen. „Das kann Eltern Mut machen und alle Beteiligten motivieren, weiterzumachen“, sagt die erfahrene Kinderdiabetologin.
Motivation bringt das klare Wissen, dass mehr Zeit im Zielbereich eindeutige Vorteile für die Gesundheit bringt: Sie senkt das Risiko für Begleit- und Folgeerkrankungen des Diabetes. Genau weil sie das wissen, fühlen Eltern sich aber oft nicht nur motiviert, sondern vor allem gestresst: Sie verausgaben sich bei dem Versuch, die vorgesehene Zeit im Zielbereich einzuhalten.
Auf Augenhöhe mit Ärztinnen und Ärzten
Als Medizinerin war Olga Kordonouri 2019 selbst daran beteiligt, gemeinsam mit Patientinnen und Patienten sowie Forschenden internationale Empfehlungen zu klinischen Zielbereichen für verschiedene Personen-Gruppen zu erarbeiten. Sie weiß: Gerade im Leben von und mit Kindern ist vieles nicht plan- und vorhersehbar. Die Ärztin vergleicht das mit einem Golfspiel: „Ein Hole-in-One, bei dem der Spieler mit dem ersten Schlag das Loch trifft, ist ein sehr, sehr seltener Glückstreffer!“ Beim Golf spiele der Wind eine Rolle oder auch die mentale Verfassung des Spielers. „Und dass im Leben mit Typ-1-Diabetes noch viel mehr Faktoren eine Rolle spielen, wissen wir alle.“
Großer Dank an Prof. Kordonouri und Nachholtermin mit Dr. Maier
Wir bedauern sehr, dass der erfahrene Psychotherapeut Dr. Berthold Maier diesen Austausch nicht aus seiner Perspektive bereichern konnte. Umso mehr danken wir Prof. Dr. Olga Kordonouri für ihren fachlichen Input, ihr offenes Ohr für die Eltern und ihre klugen und herzlichen Antworten.
Austausch wird nachgeholt
Den Austausch mit Dr. Berthold Maier werden wir nachholen und rechtzeitig ankündigen!
Melden Sie sich gern per Mail an kontakt@diabetikerbund.de, damit wir Sie über anstehende Online-Treffen informieren.
Dass Eltern und Kinder gut geschult darin sind, die Werte des CGM-Systems zu interpretieren, sei Voraussetzung dafür, dass Behandelnde und Familien sich auf Augenhöhe begegnen und „mit einer Sprache sprechen“ – gerade, wenn es mal schwierig ist. Anstatt sich von der behandelnden Ärztin oder dem Arzt ermahnt oder gar „ausgeschimpft“ zu fühlen, ermutigte Olga Kordonouri die Eltern, von ihnen Rat und Unterstützung einzufordern, wenn die Werte nicht den vereinbarten oder selbstgesteckten Zielen entsprechen. Empathische und erleichterte Lacher der Teilnehmenden erntete sie zudem, als sie eine Mutter fragte, ob sie mit Blick auf die schulischen Leistungen ihres Kindes ebenso ambitioniert sei wie bei der Zeit im Zielbereich.
Im Zielbereich um jeden Preis?
Eltern wollen ihre Kinder darin unterstützen, eigenständig zu werden, ein gutes Gefühl für die eigenen Bedarfe und Bedürfnisse zu entwickeln, ihren Hobbys nachzugehen, Beziehungen und soziale Kontakte aufzubauen und zu pflegen – zu vollwertigen Mitgliedern einer starken Gemeinschaft heranzuwachsen. Und die Ärztin weiß so gut wie die Eltern, dass all das oft nicht unter einen Hut geht mit optimalen Zeiten im Glukose-Zielbereich. Was also tun, wenn ein Wochenende bei den Großeltern ansteht, ein Sportwettkampf oder die Übernachtung bei Freundinnen und Freunden?
„Entscheidend ist, das Ziel zu definieren“, brachte es Olga Kordonouri auf den Punkt: Soll das Kind die Chance haben, sich selbst zu beweisen? Zwischenmenschliche Beziehungen zu erleben? Selbstständig zu werden? Mit dem Gefühl von Leichtigkeit eine schöne Zeit für sich selbst zu haben? Dann ist genau dieses das Ziel! Und dann hat dieses Ziel Vorrang vor optimalen Glukosewerten, bestärkte Olga Kordonouri die Eltern.
von Dr. Ulrike Schneeweiß
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (7) Seite 60-61







