Mitgliedschaft ja oder nein? Der Landesvorsitzende Arnfred Stoppok fragt in einem Kommentar, ob die Mitgliedschaft in einem Verein noch in unsere Zeit passt. Warum viele Menschen heute flexibler mitwirken wollen und wie Selbsthilfevereine Gemeinschaft, Unterstützung und politische Stimme trotzdem sichern können, schliddert er hier.
Vereine als Interessenvertretung haben in Deutschland eine lange Tradition. Auch die Selbsthilfe lebt davon, dass Menschen sich zusammenschließen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam etwas bewegen. Doch immer häufiger stellt sich eine Frage: Ist das klassische Modell einer Mitgliedschaft eigentlich noch zeitgemäß?
Viele von uns kennen es noch: Man tritt einem Verein bei, zahlt regelmäßig seinen Beitrag und bleibt oft über viele Jahre, manchmal ein ganzes Leben lang. Dieses Modell hatte viel Gutes. Es schuf Verlässlichkeit, Gemeinschaft und eine starke Stimme nach außen. Und trotzdem spüren viele Organisationen im Gesundheits- und Selbsthilfebereich, dass Mitgliederzahlen stagnieren oder sinken, die Hemmschwelle für einen Eintritt hoch liegt.
Weniger Bindung, mehr Flexibilität
Das Leben ist heute oft schneller und flexibler geworden. Menschen möchten sich engagieren, aber nicht unbedingt dauerhaft festlegen. Sie helfen gern bei konkreten Projekten, beteiligen sich an Aktionen oder tauschen sich auf Veranstaltungen und online aus. Eine langfristige Mitgliedschaft passt allerdings für viele nicht mehr in den Alltag.
Gerade jüngere Menschen informieren sich anders, vernetzen sich digital und suchen sich gezielt die Angebote heraus, die für sie gerade relevant sind. Das bedeutet nicht, dass ihnen das Thema Diabetes oder der Austausch egal ist, das Gegenteil ist der Fall. Aber die Form der Beteiligung verändert sich.
Was bedeutet das für uns?
Für Organisationen wie den Diabetiker Niedersachsen e. V. ist das eine einschneidende Entwicklung. Denn wir erfüllen mehrere Aufgaben gleichzeitig: Wir bieten Austausch und Unterstützung, wir informieren und wir vertreten die Interessen von Menschen mit Diabetes gegenüber Politik, Medizin und anderen Entscheidern.
Die Mitgliedschaft spielt dabei weiterhin eine wichtige Rolle. Sie gibt unserem Verein Stabilität und eine klare Grundlage. Mitglieder tragen die Arbeit, ermöglichen Angebote und geben uns Gewicht in der politischen Vertretung.
Aber gleichzeitig wird immer deutlicher: Nicht alle Menschen wollen oder müssen Mitglied sein, um Teil dieser Gemeinschaft zu sein.
Gemeinschaft neu denken
Die Zukunft der Patienten-Verbände liegt weniger in der Frage der formalen Mitgliedschaft, sondern darin, Gemeinschaft offener zu denken.
Viele Menschen möchten
- Informationen erhalten,
- sich austauschen,
- ihre Erfahrungen teilen,
- bei bestimmten Aktionen mitwirken
- – ohne Bindung über eine Mitgliedschaft.
Das ist kein existenzgefährdendes Problem, sondern eine Chance. Denn je mehr Menschen wir erreichen, desto stärker wird das Netzwerk für ein besseres Leben mit Diabetes.
Mitgliedschaft bleibt wichtig
Gleichzeitig wird es auch in Zukunft Menschen geben, die sagen: „Ich möchte mehr als nur teilnehmen, ich möchte unterstützen, mitgestalten und Verantwortung übernehmen.“ Für diese Menschen bleibt die Mitgliedschaft der Rahmen ihres Engagements. Sie wird nur wesentlich bewusster eingegangen als früher.
Mitglied zu sein, bedeutet,
- die Arbeit des Vereins aktiv und kontinuierlich finanziell zu unterstützen,
- Teil einer verlässlichen Struktur zu sein,
- die Interessen von Menschen mit Diabetes mitzutragen.
Ein Blick nach vorn
Die Entwicklung ist also kein „Ende des Vereinswesens“, sondern ein Wandel, den es aktiv zu gestalten gilt. Vereine müssen sich breiter aufstellen: mit offenen Angeboten, Projekten und flexibleren Formen der Beteiligung. Grundbedingung des Mitmachens ist nicht die Mitgliedschaft, sondern das aktive Engagement. Dies kann dann in einer Mitgliedschaft als Krönung der Verbindung münden – so, wie eine romantische Liebesbeziehung heute oft erst nach Jahren in einer Ehe mündet.
Für uns als Diabetiker Niedersachsen e. V. heißt das,
- weiterhin für unsere Mitglieder da zu sein,
- gleichzeitig offenzubleiben für alle, die sich einbringen möchten,
- neue Wege zu finden, Menschen zu erreichen und zu verbinden.
Ob Mitgliedschaft oder nicht, oberste Priorität hat, dass Menschen mit Diabetes nicht alleinstehen müssen und ihre Stimme gehört wird!
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (6) Seite 76-77
