- Behandlung
Europäischer Diabetes-Kongress – EASD 2024: Forschung in China auf dem Vormarsch
5 Minuten
Vom 9. bis zum 13. September 2024 fand die 60. Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Diabetes-Forschung (EASD) in Madrid statt. Live waren 12 950 Personen dabei, im Internet hatten sich 1221 Teilnehmer registriert.
Das Programmkomitee der 60. Jahrestagung der EASD stand unter der Leitung von Prof. Dr. Tina Vilsbøll. Sie leitet in Gentofte bei Kopenhagen das Steno-Forschungszentrum für Diabetes. Eingereicht waren 1814 Abstracts für Beiträge, davon wurden 1064 angenommen. Die meisten angenommenen Präsentationen kamen aus dem Vereinigten Königreich (110), gefolgt von China (106), den USA (83), Italien (80) und Deutschland (72). Beachtenswert ist, dass hier mittlerweile die Diabetesforschung aus China auf dem zweiten Platz rangiert!
Claude-Bernard-Preis für Forschung zur Gewichtsabnahme
Die höchste Ehrung der EASD ist nach Claude Bernard benannt, dem Begründer der Stoffwechselforschung. Dieses Jahr wurde Prof. Dr. Roy Taylor aus Newcastle in England ausgezeichnet. Taylor propagiert seit vielen Jahren eine radikale Gewichtsabnahme bei übergewichtigen Menschen mit Typ-2-Diabetes. Auch in deutscher Sprache gibt es sein Buch: „Endlich Schluss mit Typ-2-Diabetes!“, erschienen im VAK-Verlag.

Prof. Dr. Roy Taylor erhielt für seine Forschung zur Gewichtsabnahme den Claude-Bernard-Preis.
Fett in Muskeln und Leber
Menschen mit Typ-2-Diabetes haben in der Regel eine Insulinresistenz. Sie speichern nach dem Essen viel weniger Glukose in den Muskeln, mehr Glukose wird zum Aufbau von Fettgewebe benutzt. Auch in der Leber wird deutlich mehr Fett gespeichert als bei Menschen ohne Diabetes. Sogar die Bauchspeicheldrüse „verfettet“. Dies stört die Insulinproduktion.
All diese Veränderungen lassen sich durch eine deutliche Gewichtsabnahme rückgängig machen. In der Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) zeigt sich, wie die Leber sozusagen „entfettet“ werden kann. Taylor hat beobachtet, dass besonders Menschen, bei denen Typ-2-Diabetes noch nicht lange besteht, durch die Reduktion der Fettablagerungen in Leber und Bauchspeicheldrüse völlig normale Blutzuckerwerte erreichen können.
Semaglutid hilft bei Nephropathie
Schon vor dem Kongress waren die Ergebnisse der FLOW-Studie im New England Journal of Medicine publiziert worden. In dieser Studie erhielten 3533 Menschen mit Typ-2-Diabetes und deutlich eingeschränkter Nierenfunktion zusätzlich zu den üblichen Medikamenten entweder Semaglutid oder ein Placebo. Beobachtet wurde, wie sich die Nierenfunktion weiter entwickelte und ob Herz-Kreislauf-Ereignisse und Todesfälle auftraten.
Die Ergebnisse der Studie waren sehr überzeugend. Nicht nur das Fortschreiten der Nierenschädigung wurde reduziert, es kam auch in der mit Semaglutid behandelten Gruppe zu weniger Todesfällen. Diese Studie wird sicher Auswirkungen auf die entsprechenden Leitlinien haben.
Viele Studien mit GLP-1-Rezeptor-Agonisten
Die GLP-1-Rezeptor-Agonisten sind zu „Blockbustern“ der Unternehmen Lilly und Novo Nordisk geworden. Für 2023 schätzt man den Umsatz dieser Medikamentengruppe auf etwa 40 Milliarden Euro. Kein Wunder, dass weltweit zahlreiche Unternehmen ähnliche Produkte entwickeln – viele davon präsentierten ihre Daten auf dem EASD-Kongress. Auch die chinesische Pharma-Forschung zeigte Studien mit neuen GLP-1-Rezeptor-Agonisten und könnte in Zukunft ein ernst zu nehmender Konkurrent werden.

Prof. Dr. Tina Vilsbøll leitete das Programmkomitee der 60. Jahrestagung der EASD.
Nur noch einmal in der Woche spritzen?
Die europäische Arzneimittel-Behörde (European Medicines Agency, EMA) hat das von Novo Nordisk entwickelte Insulin icodec als erstes „Wocheninsulin“ für Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes zugelassen, die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat dies zunächst nicht getan. Dort hat ein Expertenkomitee im Frühjahr 2024 von der Zulassung von Insulin icodec zur Behandlung des Typ-1-Diabetes abgeraten, weil es bei dieser Patientengruppe häufiger zu Unterzuckerungen kommt.
Bezüglich des Typ-2-Diabetes gab es keine Stellungnahme der FDA und die Zulassung wurde zunächst zurückgestellt – ohne Details zum Typ-2-Diabetes zu nennen. Jetzt kommt es zu einem Wettrennen der beiden führenden Insulin-Hersteller, denn Lilly präsentierte in Madrid Studien mit seinem Wocheninsulin Insulin Efsitora Alfa, das Menschen mit Typ-1- oder Typ-2-Diabetes einsetzten. Es wird interessant, zu verfolgen, wie FDA und EMA bezüglich Insulin Efsitora Alfa entscheiden werden.
Prof. Dr. Cees Tack aus Nijmegen in den Niederlanden lieferte einen recht kritischen Kommentar zu den Wocheninsulinen bei Typ-1-Diabetes. Er wies darauf hin, dass Menschen mit schweren Unterzuckerungen oder Wahrnehmungsstörungen von Unterzuckerungen in der Vorgeschichte in den Studien ausgeschlossen waren. Deshalb war eigentlich mit recht wenigen Unterzuckerungen zu rechnen. Tack glaubt nicht, dass ein Wocheninsulin bei Typ-1-Diabetes „eine gute Idee“ ist. Ob bei Typ-2-Diabetes die Wocheninsuline außer den selteneren Injektionen Vorteile bieten, wird die Zukunft zeigen.
Züchtung von Beta-Zellen möglich
Seit vielen Jahren kann man Inselzell-Transplantationen durchführen. Aus gespendeten Bauchspeicheldrüsen von Verstorbenen werden Inselzellen isoliert und in die Pfortader der Leber gespritzt. Diese Methode ist für die breitere Anwendung nicht umsetzbar, es gibt zu wenige Organspender. Mittlerweile ist es möglich, in unbegrenzter Zahl aus Stammzellen Beta-Zellen zu züchten.
Diese kann man unter die Haut oder in die Leber befördern. Allerdings müssen bisher dann, wie bei Organtransplantationen, Medikamente genommen werden, die das Abstoßen der fremden Zellen verhindern. Deshalb kommen für diese Behandlung besonders Menschen in Frage, die ohnehin solche Medikamente nehmen müssen, weil bereits eine Niere transplantiert wurde.
Beim EASD-Kongress berichtete ein Mitarbeiter des Unternehmens Vertex aus Boston (USA) über die ersten erfolgreichen Versuche mit aus Stammzellen gezüchteten Betazellen, eine größere Studie wurde gerade von der FDA genehmigt. Als nächsten Schritt wird Vertex diese Zellen in eine Kapsel gehüllt einpflanzen.
EASD-Vorträge online abrufen
Es ist schwierig, aus den zahllosen Beiträgen des EASD-Kongresses eine Auswahl zu treffen. Wer mehr erfahren möchte: Die Vorträge des Kongresses sind unter www.easd.org kostenfrei verfügbar.
Kein Traum mehr: nicht fremde Beta-Zellen
Optimal wäre es, aus Stammzellen Beta-Zellen zu züchten, die der Körper nicht als fremd erkennt. Das Unternehmen Sana Biotechnology aus Seattle (USA) berichtete, wie weit man damit schon gekommen ist. Begonnen hat eine Studie, in der man aus Spender-Organen gewonnene Inselzellen so verändert, dass sie nicht mehr von den Empfängern abgestoßen werden.
Nächster Schritt wäre es, dies mit aus Stammzellen hergestellten Beta-Zellen zu tun. Auch Vertex arbeitet an dieser Technik. Früher schien es Zukunftsmusik, den Typ-1-Diabetes mit solchen Therapien zu „heilen“. Aber jetzt arbeiten seriöse Unternehmen daran – Investoren sehen es also schon als realistisch an, damit eines Tages Geld zu verdienen.
Parodontitis und Folgeschäden des Diabetes
Bei 50 bis 60 Prozent der Menschen mit Typ-2-Diabetes besteht eine Parodontitis (Entzündung des Zahnfleischs) – also deutlich häufiger als ohne Diabetes. Jetzt zeigte Dr. Fernando Valentim Bitencourt aus der zahnärztlichen Abteilung des Steno Diabetes Center in Århus eine große Untersuchung in Dänemark, dass wesentlich häufiger Folgeschäden des Diabetes an Augen und Nerven vorliegen, wenn auch eine Parodontitis besteht. Also sollten ganz besonders Menschen mit Folgeerkrankungen des Diabetes auf das Vorliegen einer Parodontitis achten.

Die Vorstellungen der wissenschaftlichen Poster beim Kongress waren gut besucht.
Marathon mit Closed-Loop-System
Aus Chile berichtete Dr. Bruno Grassi über drei Menschen mit Typ-1-Diabetes, die an Marathonläufen in Paris, Tokio und Santiago teilgenommen hatten. Sie hatten ein Hybrid-Closed-Loop-System benutzt. Alle kamen im Ziel an, zum Teil in erstaunlich guten Zeiten. Beim Marathonlauf braucht man immer wieder Glukose-haltige Getränke, die die notwendige Energie liefern. Das klappte fast immer gut. Vor dem Rennen war ein ausgiebiges Frühstück mit Bananen hilfreich. Grassi riet, sich vor einem Marathonlauf ausführlich von Profis beraten zu lassen.
Beeinflusst Druck im Flugzeug Insulinpumpen?
In Flugzeugen kommt es bei Auf- und Abstieg zu Druck-Veränderungen. Beim Aufstieg fällt der Druck in der Kabine, beim Abstieg steigt er. Privatdozent Dr. Gerd Köhler von der Universität Surrey in Großbritannien benutzte eine Druckkammer, um zu untersuchen, ob diese Druck-Veränderungen einen Einfluss auf die Insulinreservoirs von Insulinpumpen haben.
Mittlerweile ist in den meisten Flugzeugen der Druck-Ausgleich so gut, dass diese Druck-Veränderungen keinen bedeutsamen Einfluss auf die Insulinmenge haben, die von der Pumpe abgegeben wird. Beim Aufstieg wurden gerade mal 0,6 Einheiten abgegeben. Sollte es aber zu einem notfallmäßigen, rapiden Druck-Abfall kommen, kann die Pumpe 5 bis 6 Einheiten Insulin zusätzlich abgeben.
Vom 15. bis 19. September 2025 treffen sich die Diabetesforscher aus aller Welt in Wien zum 61. EASD-Kongress.
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2024; 72 (12) Seite 39-41
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moira postete ein Update vor 2 Wochen, 3 Tagen
Ich hatte am letzten Wochenende viel Spaß mit Bluetooth: meine Pumpe und mein Handy wollten sich 1Stunde lang nicht koppeln – bis mein Mann auf die Idee kam es könnte an den 3 Bluetooth Controllern liegen mit denen gerade im selben Raum gespielt wurde. Mit genug Abstand klappte alles wieder hervorragend. 🙄
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bloodychaos postete ein Update vor 3 Wochen, 4 Tagen
Hat noch jemand Probleme mit dem Dexcom G7? Nachdem ich letztes Jahr im Sommer über drei Monate massive Probleme mit dem G7 hatte bin ich zum G6 zurückgewechselt. Jetzt zum Jahreswechsel bzw. jetzt Ende Februar wollte ich dem G7 mal wieder eine Change geben. Ich war davon ausgegangen, dass die Produktionsprobleme inzwischen behoben sind. Aber spätestens am dritten Tag habe ich massive Abweichungen von 50 – 70 mg/dL. Setzstellenunabhängig. Meine aktuellen G7 wurden im Dezember 2025 produziert. Also sollten die bekannten Probleme längst behoben worden sein. Zuerst lief es die ersten Monate von 2025 mit dem G7 super, aber im Frühjahr 2025 fingen dann die Probleme an und seitdem läuft der G7 nicht mehr bei mir, obwohl alle sagen, dass die Probleme längst behoben seien und der Sensor so toll funktioniert. Ich habe echt Angst. Mir schlägt das sehr auf die Psyche. Zumal ich die TSlim nutze, die nur mit Dexcom kompatibel ist und selbst wenn ich zur Ypsopump wechsel ist da der Druck, dass es mit dem Libre3 funktionieren MUSS. Ich verstehe nicht, warum der G7 bei allen so super läuft, nur ich bin die Komische, bei der er nicht funktioniert.
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ole-t1 antwortete vor 3 Wochen, 1 Tag
Kleine Ergänzung zum MeetUp von gestern.
Wenn ein “klassischer” Pumpenbetrieb ohne AID/Loop eine Option ist, dann tut sich eine breite Auswahl an CGM auf, die momentan auf dem deutschen Markt verfügbar sind:
Freestyle Libre 3 bzw. 3+
Dexcom G7
Dexcom G6 (noch)
Medtronic Guardian 4 (nur mit Medtronic-Pumpe)
Medtronic Simplera (nur mit Medtronic-Pumpe oder -Smartpen)
Eversense (implantiert für 1/2 Jahr, wird oft bei Pflasterallergien genutzt)
Accu-Chek Smartguide CGM
Medtrum Touchcare Nano CGMIch würde schätzen, dass die Reihenfolge ungefähr den Verbreitungsgrad widerspiegelt. Von Medtrum würde ich mir z.B. keinen grandiosen Kundenservice erhoffen. Aber wer weiß…?
Mag sein, dass ich etwas vergessen habe, aber die wichtigesten müssten dabei sein.
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thomas55 postete ein Update vor 4 Wochen, 1 Tag
Hallo,
ich habe zur Zeit die Medtronic Minimed 670G mit Libre als Sensor. Ich überlege, auf die 780G als AID mit dem Simplera umzusteigen. Hat jemand Erfahrung mit diesem Sensor? Wie sieht es mit der Verfügbarkeit aus? In der Vergangenheit wurden Neukunden der 780G nicht mit dem Simplera beliefert sondern nur Kunden, die die 780G schon länger nutzen. Das hat sich nach Aussagen von Medtronic-Mitarbeitern beim T1day heute genau umgekehrt. Mein Doc hat das vestätigt. Für mich als neuer Bezieher der 780G gut, für die Bestandskunden schlecht.
Danke vorab und bleibt gesund (von unserem Typ 1 lassen wir uns das Leben dank Technik nicht vermiesen!)
Thomas55-
crismo antwortete vor 5 Tagen, 15 Stunden
Hi Thomas 🙂
Ja genau für Bestandskunden bekommt man den Simplera leider nicht. Ich habe / hatte jetzt 8 Jahre lang die Pumpen von Medtronic. Aktuell hab ich die 780g noch bis Ende März, dann Wechsel ich zur Ypsopumpe.
Ich war eigentlich immer zufrieden mit der Pumpe und den Sensoren. Doch seit gefühlt einem Jahr sind die Guardian 4 Sensoren so schlecht geworden. Ich war dauerhaft damit beschäftigt, einen Sensor nach dem anderen zu reklamieren. Die Sensoren hielten bei mir nur max. 4-5 Tage. Danach war Schluss. Verschiedene Setzstellen wurden getestet, auch der Transmitter wurde getauscht. Aber es half alles nichts.Jetzt werde ich wechseln. Den Simplera wollte ich dann einfach nicht noch länger abwarten. Denn Bestandskunden hatten da leider das nachsehen. Schade Medtronic!!!
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thomas55 antwortete vor 5 Tagen, 14 Stunden
@crismo: Ich habe mich nun auch für die Ypsopump entschieden. Ich wollte von medtronic Angebote für die 780 und den Simplera haben für die Krankenkasse zur Übernahme der Kosten. Ausserdem wollte ich eine Zusicherung haben, dass ich den Simplera überhaupt bekomme. Nach einer Woche kam das Angebot für die 780 per Post, von einem Angebot für den Simplera kein Wort. Ich bin privat versichert und muss an medtronic zahlen und dann eine Erstattung von der Krankenkasse beantragen. Weil der Simplera mehr als das Doppelte vom Libre kostet, wollte ich das der Krankenkasse vorher offenlegen. Dann habe ich eine Mail an medtronic geschrieben, nach 2 Wochen keine Reaktion. Dann habe ich mich für die Ypsopump entschieden. Das Angebot kam am nächsten Tag per Mail. Das ist für mich Service! Jetzt warte ich auf Zustimmung der Krankenkasse und dann Tschüss medtronic. Schade, ich finde die Pumpen (seit 12 Jahren genutzt) gut.
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