Opium? Insulin! Die Geschichte der Diabetesforschung in einem Buch

4 Minuten

© SecondSide - stock.adobe.com
Opium? Insulin! Die Geschichte der Diabetesforschung in einem Buch

„Die Geschichte der Diabetesforschung“: So heißt das neue Buch von Dr. Viktor Jörgens. Ausgegraben und entdeckt hat er dafür viele spannende Geschichten. Im Interview berichtet er, worüber es darin genau geht.

Diabetes-Journal (DJ): Herr Dr. Jörgens, für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?

Dr. Viktor Jörgens: Spannend ist dieses Buch für alle, die sich für Diabetes interessieren – man muss für die Lektüre nicht Medizin studiert haben. Das Buch ist für den Nachttisch geschrieben: Man kann es irgendwo aufschlagen, ein Kapitel lesen und mit mehr Wissen über die Geschichte des Diabetes einschlafen. Jedes Kapitel erzählt seine eigene Geschichte: Es gibt darin Lustiges, wie das Spottgedicht von Prof. Adolf Kußmaul über die Wiener Mediziner, und auch Bedrückendes, wie die Probleme mit der Insulin-Versorgung im Zweiten Weltkrieg und das Schicksal der vielen deutschen Diabetologen jüdischer Herkunft.

DJ: Wie kamen Sie dazu, dieses Buch zu schreiben?

Dr. Jörgens: Mit meinem Freund Prof. Massimo Porta in Turin hatte ich gerade ein wissenschaftliches Buch über die Geschichte der Diabetesforschung in Englisch herausgebracht. Als dann die Corona-Pandemie kam – keine Reisen, keine Kongresse –, habe ich diese Zeit genutzt, um ein allgemeinverständliches Buch über die Diabetes-Geschichte in deutscher Sprache zu schreiben.

DJ: Spannend ist, dass viele Diabetesforscher ganz andere Lebenspläne hatten, wie der berühmte Claude Bernard, der eigentlich Schriftsteller werden wollte …

Dr. Jörgens: Auch Apollinaire Bouchardat hat ein Theaterstück geschrieben – ein Glück für die Forschung, dass diese Stücke keinen Erfolg hatten.

DJ: Interessante Informationen haben Sie auch über die deutschen Professoren Katsch und Bertram gefunden, nach denen Auszeichnungen der Deutschen Diabetes Gesellschaft benannt sind. Worum geht es da?

Dr. Jörgens: Ich wusste vor meinen Recherchen nicht, dass Prof. Ferdinand Bertram und Prof. Gerhardt Katsch in der NSDAP waren, Katsch war sogar bei der SA und Fördermitglied der SS. Erst jüngste Forschungen haben dies ans Licht gebracht. Die wissenschaftliche Bedeutung der beiden wird meiner Meinung nach weit überschätzt. Sie konnten nur lange die deutsche Diabetologie bestimmen, weil die besten Diabetesforscher Deutschland verlassen hatten.

DJ: Was könnte das für die beiden Auszeichnungen bedeuten?

Dr. Jörgens: Andere Fachgesellschaften haben längst ihre Vergangenheit aufarbeiten lassen. Es freut mich sehr, dass auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft jetzt entsprechende historische Gutachten in Auftrag gegeben hat. Meine persönliche Meinung dazu habe ich im Buch deutlich dargestellt: Die Katsch-Medaille nach dem Kinderarzt Prof. Karl Stolte zu benennen und statt eines Bertram-Preises einen Kimmelstiel-, Magnus-Levy- oder einen Thannhauser-Preis zu verleihen, wäre medizinhistorisch und politisch korrekt. Auch der herausragende Entdecker Freiherr von Mering oder Georg Ludwig Zülzer kämen als Namensgeber in Frage. Die Geschichte der deutschen Diabetesforschung ist reich an bedeutenden Persönlichkeiten.

Die Geschichte der Diabetesforschung

Vom Opium zum Insulin

von Dr. Viktor Jörgens
Kirchheim-Verlag
1. Auflage 2022
304 Seiten, Hardcover
19,90 Euro
ISBN 978-3-87409-738-3

➤ bestellen im MTX-Shop

Buchcover „Die Geschichte der Diabetesforschung – Vom Opium zum Insulin“

DJ: Die Entdeckung des Insulin müsste man eigentlich auch neu schreiben, oder?

Dr. Jörgens: Dass der Berliner Zülzer schon 1914 sehr wirksames Insulin hergestellt hatte, ist heute kaum mehr bekannt. Nur der Kriegsausbruch und die Dummheit der Führungskräfte eines Pharmaunternehmens haben 1914 die Einführung der Insulin-Behandlung verhindert – sonst hätte Zülzer den Nobelpreis bekommen! Auch er musste später aus Deutschland fliehen und wurde wie zahlreiche jüdische Forscher fast vergessen.

DJ: Der Untertitel Ihres Buchs lautet “Vom Opium zum Insulin”. Warum?

Dr. Jörgens: Bis zur Entdeckung des Insulins wurde die Behandlung mit Opium von allen berühmten Diabetes-Professoren empfohlen, selbst von Bismarcks Arzt Prof. Friedrich Theodor Frerichs. Auch viele andere Behandlungen sind im Laufe der Jahrzehnte in der Versenkung verschwunden, entweder, weil sie völlig wirkungslos waren, oder, weil sie wegen erheblicher Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen werden mussten.

DJ: Die Leistungen von Banting und Best als Entdecker des Insulins sehen Sie kritisch. Warum?

Dr. Jörgens: Die Hunde-Versuche von Banting und Best im Sommer 1921 waren ein unnötiges Gemetzel. Das Verdienst, brauchbares Insulin hergestellt zu haben, kommt dem Chemiker James Collip zu. Und kaum bekannt ist, wie bedeutend die Fortschritte der Insulin-Herstellung durch den Chemiker Clowes bei Eli Lilly waren. Ohne seine Arbeit wäre es nicht möglich gewesen, so schnell so vielen Menschen mit Insulin das Leben zu retten. Vor allem Charles Best hat seine und Bantings Leistungen immer mehr in den Vordergrund gerückt und die Leistungen anderer wurden dadurch vergessen.

DJ: Was war bei Ihren Recherchen für das Buch besonders bemerkenswert?

Dr. Jörgens: Nicht vergessen werde ich die persönlichen Kontakte zu den Nachkommen berühmter Diabetesforscher. Der Enkelin des Diabetologen Thannhauser, einem Großneffen von Prof. Zülzer und den Nachkommen von Bouchardat verdanke ich Informationen und Abbildungen, die Familienhistorikerin der von Merings lieferte mir bisher völlig Unbekanntes aus dem Leben des Entdeckers der SGLT-2-Hemmer und des Pankreasdiabetes.

DJ: Das letzte Kapitel in Ihrem Buch ist sehr bewegend …

Dr. Jörgens: Diese Geschichte wollte ich den Lesern nicht vorenthalten. Eine bewegende Story: Ein junges Paar muss vor den Nazis aus Prag nach China fliehen, Eva Saxl bekommt dort Diabetes und dann gibt es plötzlich wegen der japanischen Invasion kein Insulin mehr. Ich habe Eva Saxl noch kennengelernt – sie war eine beeindruckende Persönlichkeit und hat sich lebenslang in den USA und in Chile für Menschen mit Diabetes eingesetzt.

DJ: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Jörgens! Das Buch ist als Lektüre wirklich zu empfehlen.


von Redaktion Diabetes-Anker

Das Redaktionsteam des Diabetes-Ankers besteht aus erfahrenen Journalistinnen und Journalisten – teils mit medizinischem und naturwissenschaftlichem Hintergrund sowie selbst von Diabetes betroffen – die seit vielen Jahren zum Thema Diabetes publizieren.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2022; 71 (10) Seite 10-11

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Ähnliche Beiträge

Behandlung des Diabetes: Diese Bücher und Materialien helfen weiter
Diabetes erfordert Wissen, das regelmäßig aufgefrischt werden muss. Diese Ratgeber und Nachschlagewerke helfen dabei, den Überblick zu behalten, Neues zu lernen und die Therapieziele an aktuelle Entwicklungen anzupassen.
Behandlung des Diabetes: Diese Bücher und Materialien helfen weiter | Foto: stokkete – stock.adobe.com

8 Minuten

VDBD-Vorsitzende Kathrin Boehm: „Diabetesberaterinnen sind lebenslange Begleiter“
Diabetesberaterinnen und -berater sind für Kathrin Boehm die zentrale Schnittstelle zwischen Patient und Diabetesteam. Die VDBD-Vorsitzende ist selbst Diabetesberaterin und engagiert sich für die Weiter- und Fortbildung.
VDBD-Vorsitzende-Kathrin-Boehm-„Diabetesberaterinnen sind lebenslange Begleiter

8 Minuten

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Diabetes-Anker-Newsletter

Alle wichtigen Infos und Events für Menschen mit Diabetes – kostenlos und direkt in deinem Postfach. Mit unserem Newsletter verpasst du nichts mehr.

Hinweise zum Datenschutz

Über uns

Geschichten, Gemeinschaft, Gesundheit: Der Diabetes-Anker ist ein umfassendes Angebot für alle Menschen mit Diabetes – live, gedruckt und digital. Der Diabetes-Anker und die Community sind immer da, wo du sie brauchst. Für alle Höhen und Tiefen.

Community-Frage
Mit wem redest du
über deinen Diabetes?

Die Antworten werden anonymisiert gesammelt und sind nicht mit dir oder deinem Profil verbunden. Achte darauf, dass deine Antwort auch keine Personenbezogenen Daten enthält.

Werde Teil unserer Community
Folge uns auf unseren Social-Media-Kanälen
Community-Feed
Zur Community
  • kety22 postete ein Update vor 1 Woche, 2 Tagen

    Hallo zusammen, ich bin eine Dia-Mama und wollte fragen, was isst ihr abends oder kocht abends für eure Dia-Kids, damit der Wert nicht so hoch steigt und dann nachts nicht in die Unterzuckerung fällt? Oder habt ihr generell irgendwelche Tipps gegen nächtliche Unterzuckerung?

    • Hallo!
      Ich habe für mich festgestellt, dass Proteine am Anfang vom Abendessen helfen (Käse, Ei…) dann steigt der Blutzucker beim Essen nicht so schnell. Außerdem geht der Zucker später noch etwas hoch wegen den Proteinen. Das hilft etwas gegen Unterzucker.
      Allerdings habe ich kaum noch Unterzucker seit ich meine Insulinpumpe habe.
      Vielleicht hilft das etwas – viel Glück

  • katrin-kraatz schrieb einen neuen Beitrag vor 2 Wochen, 2 Tagen

    Diabetes-Anker-Podcast | Extra: Gürtelrose bei Diabetes – Risiken, Symptome und Vorbeugung im Überblick In dieser Podcast-Sonderfolge geht es um Gürtelrose bei Diabetes. Dr. Katrin Kraatz spricht mit Diabetologe Dr. Dietrich Tews über Risiken, Symptome u …

  • mr postete ein Update vor 2 Wochen, 6 Tagen

    Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.

    • Hallo mr,

      Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.

      Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.

      Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.

      Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?