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Prof. Dr. Bernhard Kulzer im Interview: Menschen mit Diabetes selbst befähigen
14 Minuten

Wer sich mit Diabetes und Psychologie befasst, stößt bei seinen Recherchen sicher auf Prof. Dr. Bernhard Kulzer. Der Psychologe aus Bad Mergentheim hat in diesem Bereich und auch bei der Diabetes-Schulung sehr viel vorangebracht. Im Interview berichtet er über sein vielseitiges Engagement.
Im Interview: Prof. Dr. Bernhard Kulzer
Die Wege in die Diabetologe sind oft Zufälle – auch bei so engagierten Personen wie Prof. Dr. Bernhard Kulzer aus Bad Mergentheim. Der Psychologe wollte sich in seiner Diplom-Arbeit mit Bewältigungs-Strategien befassen. Der Diabetes erschien ihm dafür geeignet. So gelangte er in die Diabetes-Klinik Bad Mergentheim. Deren damaliger Chefarzt ließ ihn nicht mehr gehen und das Thema hatte Bernhard Kulzer gepackt …

Psychologie hat Fuß gefasst in der Diabetologie
„Dass man die Psychologie auch bei somatischen Erkrankungen braucht, das hat sich erst so vor 40 Jahren entwickelt“, berichtet er. „Ich fand diese Wechselwirkung spannend, wie die Psyche somatische Prozesse mit triggern kann und wie somatische Prozesse eine Auswirkung auf die Psyche haben.“ Inzwischen ist die Psychologie in der Diabetologie voll abgekommen, auch durch den Psychologen aus Bad Mergentheim. Auch eigene Symposien dazu gibt es seit einigen Jahren während der großen Diabetes-Kongresse.
Begeistert für Schulung und Forschung
Aber das ist nicht das einzige Verdienst von Bernhard Kulzer. Mit ihm ist der Verein und auch die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Diabetes Gesellschaft „Diabetes und Psychologie“ entstanden. Die heute überall in Deutschland eingesetzten Schulungs-Programme entstammen zu großen Teilen seiner Federführung und folgen dem Prinzip: „Wie können wir Menschen mit Diabetes in ihrem eigenen Selbstmanagement unterstützen?“ Und natürlich begeistert ihn auch die Forschung zu Psychologie, zu Diabetes-Technologie und vielem mehr, die im Forschungsinstitut der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim, kurz FIDAM, läuft, deren Leiter er ist.
Diabetes-Anker (DA): Bernd, als du begannst, dich mit der Psyche bei Diabetes zu beschäftigen, war das Thema noch nicht im Fokus. Wie kam es bei dir dazu?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Das hat eigentlich mit meiner Diplomarbeit angefangen. Damals habe ich mich mit Bewältigungsstrategien, also sogenannten Coping-Strategien, beschäftigt. Als Beispiel hatte ich mir Diabetes ausgesucht, weil das eine Erkrankung ist, bei der Menschen im Alltag sehr viel bewältigen müssen.
Ich hatte damals die Möglichkeit, meine Forschung an der Diabetes-Klinik in Bad Mergentheim durchzuführen. Und dann bin ich dort irgendwie hängen geblieben. Mein damaliger Chefarzt hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, dort anzufangen, weil er meine Arbeit spannend fand. Eigentlich wollte ich das nur für ein oder zwei Jahre machen – und bin bis heute dort geblieben.
DA: Es war also mehr oder weniger Zufall, dass deine Wahl auf den Diabetes fiel, weil er eben diese Möglichkeiten bot?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Ja, das war tatsächlich eher Zufall. Früher haben Psychologinnen und Psychologen vor allem im Zusammenhang mit psychischen Störungen und Problemen gearbeitet. Dass psychologische Aspekte auch bei körperlichen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen, hat sich erst vor etwa 40 Jahren stärker entwickelt. In dieser Zeit entstand auch das noch relativ junge Feld der Verhaltensmedizin.
Mich hat diese Wechselwirkung besonders interessiert: Wie kann die Psyche körperliche Prozesse beeinflussen und möglicherweise auch triggern? Und umgekehrt: Welche Auswirkungen haben körperliche Erkrankungen auf die Psyche? Das fand ich damals sehr spannend. Und mich hat gereizt, dieses neue Feld der Verhaltensmedizin auf den Diabetes zu übertragen und dort neu zu entwickeln.
DA: Aber wie du gesagt hast: Du warst aus meiner Sicht damals ein kleiner Satellit. Wie ist dieser Zusammenhang im Laufe der Jahre zunehmend intensiver verstanden worden, auch von anderen?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Wir haben 1990 die Arbeitsgemeinschaft „Diabetes und Psychologie“ gegründet, zunächst vor allem mit dem Ziel, mit anderen Kolleginnen und Kollegen in Kontakt zu kommen und herauszufinden, wer noch auf diesem Gebiet arbeitet. Relativ schnell haben wir dann beschlossen, regelmäßig Tagungen zu veranstalten – in den ersten Jahren sogar zweimal jährlich. Dazu haben wir auch externe Referentinnen und Referenten eingeladen.
Diese Tradition haben wir bis heute beibehalten. Einmal im Jahr veranstalten wir eine wissenschaftliche Tagung, bei der wir den aktuellen Stand des Wissens vermitteln und gleichzeitig praktische Workshops anbieten, um dieses Wissen auch in die Praxis zu übertragen.
Darüber hinaus veranstalten wir regelmäßig Symposien beim Diabetes Kongress und bei der Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft. So versuchen wir, die psychologischen Aspekte des Diabetes sowohl wissenschaftlich als auch in der praktischen Versorgung kontinuierlich weiterzuentwickeln.
„Vor einer Woche haben wir nun beschlossen, den Verein in ,Deutsche Gesellschaft für Diabetes und Psychologie e.V.’ umzubenennen. Damit wollen wir auch nach außen deutlich machen, dass sich die Bedeutung und das Spektrum der Psychologie in der Diabetologie in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt haben und wir uns stärker gesundheitspolitisch einbringen.“
DA: Wer war wir?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Am Anfang waren wir eine kleine Gruppe von etwa zehn Psychologinnen und Psychologen, die im Bereich der Diabetologie tätig waren. 1994 haben wir dann beschlossen, ganz offiziell den Verein „Diabetes und Psychologie“ zu gründen. Drei Jahre später wurden wir auch eine offizielle Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Diabetes Gesellschaft, ebenfalls unter dem Namen „Diabetes und Psychologie“.
Und vor einer Woche haben wir nun beschlossen, den Verein in „Deutsche Gesellschaft für Diabetes und Psychologie e.V.“ umzubenennen. Damit wollen wir auch nach außen deutlich machen, dass sich die Bedeutung und das Spektrum der Psychologie in der Diabetologie in den vergangenen Jahrzehnten weiterentwickelt haben und wir uns stärker gesundheitspolitisch einbringen.
DA: Das waren nur Psychologen oder auch andere Fachgruppen?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Am Anfang waren es tatsächlich vor allem Psychologinnen und Psychologen. Aber schon bald kamen andere Berufsgruppen dazu, zum Beispiel Ärztinnen und Ärzte, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen. Unsere Arbeitsgruppe ist heute sehr interdisziplinär aufgestellt.
Das betrifft zum einen die verschiedenen therapeutischen Ansätze – von der Verhaltenstherapie über die Psychoanalyse bis hin zu anderen Verfahren. Zum anderen sind ganz unterschiedliche Berufsgruppen vertreten: Psychologinnen und Psychologen, Psychosomatikerinnen und Psychosomatiker, Diabetologinnen und Diabetologen, Diabetesberaterinnen und Diabetesberater, Theologinnen und Theologen sowie Apothekerinnen und Apotheker.
Grundsätzlich können alle, die sich für dieses Thema interessieren, Mitglied im Verein beziehungsweise in der Arbeitsgemeinschaft der DDG werden. Uns ist diese interdisziplinäre Zusammenarbeit sehr wichtig, weil die psychologischen Aspekte des Diabetes viele verschiedene Bereiche der Versorgung betreffen.
DA: Anfangs war es aber wahrscheinlich doch eher so, dass die psychologisch ausgebildeten Personen die Übermacht hatten. Wie gestaltete sich anfangs die Zusammenarbeit mit den Ärztinnen und Ärzten und wie hat sich das bis heute verändert?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Ich würde sagen, dass wir damals zunächst eine klassische Add-on-Therapie zur eigentlich als wichtig angesehenen medizinischen Behandlung waren. Wir waren eher geduldet als wirklich anerkannt – ein Hilfsberuf, der vor allem für die „schwierigen“ Fälle zuständig war. Der Klassiker war: „Na ja, Psychologen braucht man auch.“ Die medizinische Therapie war die eigentliche Basis, und wenn es mit einem Patienten besonders schwierig wurde, wurden wir hinzugezogen, um mit ihm zu sprechen und vielleicht dazu beizutragen, dass die Diabetestherapie besser funktioniert. Man könnte damals fast sagen: Wir waren wie „Red“ Adair und seine „Hellfighters“ – wir wurden gerufen, wenn es besonders schwierig wurde, und sollten den Brand löschen.
Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten aber grundlegend verändert. Man hat zunehmend erkannt, dass psychologische Konzepte eine ganz zentrale Rolle in der Diabetologie spielen. Denn letztlich ist der Mensch mit Diabetes die entscheidende Größe dafür, wie eine Therapie im Alltag umgesetzt wird und welche Therapieergebnisse erreicht werden. Menschen gehen sehr unterschiedlich mit ihrer Erkrankung um. Deshalb stellt sich die Frage: Wie können wir sie möglichst gut dabei unterstützen, mit ihrem Diabetes zurechtzukommen und die chronische Erkrankung gut in ihr Leben zu integrieren?
Diese Entwicklung hat auch dazu geführt, dass psychologische Konzepte heute eine wichtige Grundlage moderner Diabetes-Schulungsprogramme sind. Es geht nicht nur darum, Wissen über die Erkrankung zu vermitteln. Menschen brauchen auch die notwendigen Fertigkeiten für den Umgang mit ihrer Therapie, Unterstützung bei Veränderungen des Lebensstils und Hilfe dabei, den Diabetes anzunehmen und in ihr Leben zu integrieren.
„Die Psychodiabetologie heute meines Erachtens ein zentraler und integraler Bestandteil der Diabetes-Behandlung.“
Und wir haben immer besser verstanden, dass wir Menschen, die Schwierigkeiten im Umgang mit ihrem Diabetes haben, nicht einfach damit alleinlassen dürfen. Sie brauchen Unterstützung, um wieder besser mit der Erkrankung zurechtzukommen.
Die Ursachen können dabei ganz unterschiedlich sein. Sie können direkt mit dem Diabetes zusammenhängen, zum Beispiel durch Diabetesdisstress oder andere Belastungen, die irgendwann zu einer Überforderung und möglicherweise auch zu einer Depression oder anderen psychischen Erkrankungen führen.
Es kann aber genauso gut sein, dass andere Lebensbereiche so viel Kraft und Energie beanspruchen, dass für das Diabetes-Management kaum noch etwas übrig bleibt. Oder es gibt belastende Lebensereignisse, die zunächst gar nichts mit dem Diabetes zu tun haben, aber dazu führen, dass jemand seine Therapie zunehmend vernachlässigt.
Von daher ist die Psychodiabetologie heute meines Erachtens ein zentraler und integraler Bestandteil der Diabetes-Behandlung. Und ich finde, dass sich das auch in der Zusammenarbeit deutlich verändert hat. Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben inzwischen ein sehr gutes Ansehen in der Diabetologie. Die Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Ärzten, aber auch mit Diabetesberaterinnen und Diabetesberatern, funktioniert sehr gut und weitgehend reibungslos.
Ich habe heute nicht mehr das Gefühl, dass wir um unsere Existenz werben oder uns ständig dafür rechtfertigen müssen, warum Psychologie bei Diabetes wichtig ist. Für die allermeisten Menschen, die in der Diabetologie tätig sind, ist es inzwischen selbstverständlich, dass psychologische Aspekte einen wesentlichen Bestandteil der Diabetesbehandlung darstellen und dass Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten dabei eine wichtige Rolle haben.
DA: Wenn du schätzt: Welchen Anteil hatte das Thema Psychologie vor 30, 40 Jahren im Programm der großen Diabetes-Kongresse und wie ist es heute?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Wir waren tatsächlich am Anfang eher Exoten und fanden bei den Kongressen eher am Rande statt, zum Beispiel bei Poster-Sitzungen. Das hat sich inzwischen deutlich verändert. Heute richten wir regelmäßig eigene Symposien und Workshops aus, die in der Regel sehr gut besucht sind.
Schätzungsweise zehn Prozent der Einreichungen beim DDG-Kongress haben mittlerweile einen psychologischen oder psychoedukativen Schwerpunkt. Das zeigt schon, wie sehr sich die Bedeutung psychologischer Themen in der Diabetologie verändert hat.
DA: Im Prinzip also die Entwicklung von 0,1 Prozent zu zehn Prozent, wenn man so will?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Ja.
DA: Wie weit spielt auch eine Rolle, dass heute bei Kongressen Menschen mit Diabetes selbst ohne medizinischen oder psychologischen Hintergrund anwesend sind und auch zu den Referierenden gehören?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Wir haben bei unseren Veranstaltungen schon früh Wert darauf gelegt, auch Menschen mit Diabetes einzubeziehen, die ihre eigenen Erfahrungen einbringen können. Gerade Menschen mit Diabetes kommen zunehmend selbst als Referierende zu Wort und berichten aus ihrer persönlichen Perspektive. Wenn ich mich daran erinnere, wie es früher war, ist das schon eine bemerkenswerte Entwicklung. Damals war es auf wissenschaftlichen Kongressen fast undenkbar, dass Betroffene oder andere Laien selbst als Teilnehmende oder gar Referierende dabei waren. Heute ist das zum Glück ganz anders.
„Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie können wir Menschen mit Diabetes dabei unterstützen, ihr eigenes Selbstmanagement zu entwickeln?“
DA: Du hast eben schon erwähnt, dass die modernen Schulungsprogramme eher aus psychologischer Sicht und von Psychologen entwickelt wurden. Wann habt ihr damit begonnen und gab es einen konkreten Anlass, dass ihr gesagt habt: Dieses frontale Schulen funktioniert so nicht mehr, wir müssen das ändern?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Es gab schon damals wissenschaftliche Studien, die gezeigt haben, dass sehr frontal ausgerichtete Schulungsformen – man sprach damals vom Compliance-Ansatz – schlechtere Ergebnisse erzielen als Selbstmanagement-Schulungen. Das war für uns ein wichtiger Impuls, ein neues Schulungsprogramm für Menschen mit Typ-2-Diabetes zu entwickeln, damals zunächst für nicht insulinpflichtige Menschen. Schon der Name sollte diese neue Idee zum Ausdruck bringen: mehr Diabetes-Selbstmanagement.
Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie können wir Menschen mit Diabetes dabei unterstützen, ihr eigenes Selbstmanagement zu entwickeln? Dieses Prinzip zieht sich eigentlich durch alle Schulungsprogramme, die aus Mergentheim kommen: Menschen sollen nicht einfach Vorgaben bekommen, sondern Unterstützung dabei, selbst aktiv zu werden und zunehmend Sicherheit im Umgang mit ihrem Diabetes zu gewinnen. Dazu gehört auch, den Diabetes in den eigenen Lebensentwurf zu integrieren, eigene Ziele zu formulieren und konkrete Hilfen zu bekommen, um diese Ziele im Alltag umzusetzen.
Diese zentralen Elemente des Selbstmanagements sind mittlerweile fester Bestandteil unserer Schulungsprogramme. Aber auch bei anderen Programmen, etwa für Kinder und Jugendliche, beispielsweise in Hannover, spielt dieser Ansatz eine zentrale Rolle.
DA: Im Zusammenhang mit diesen ganzen Entwicklungen wurde auch das Forschungsinstitut der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim, kurz FIDAM, gegründet. Wann war das und welche Aufgaben hat es?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Das gab es eigentlich schon früher, allerdings als Bestandteil eines gemeinnützigen Vereins, der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim. Wir haben dann gesehen, dass das aus mehreren Gründen schwierig ist. Zum einen haftet der Vereinsvorstand persönlich. Gerade bei Studien müssen immer wieder Entscheidungen getroffen werden, und wenn man gar nicht vollständig überblicken kann, welche Konsequenzen bestimmte Entscheidungen haben, können damit natürlich auch Risiken verbunden sein. Dafür braucht es entsprechende Spezialisten und Strukturen.
Zum anderen haben wir für die Forschung auch externe Fördermittel erhalten, zum Beispiel vom BMBF, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Die Summen waren teilweise so hoch, dass dadurch die Gemeinnützigkeit und die damit verbundenen Steuervorteile des Vereins gefährdet worden wären.
Deshalb haben wir vor genau 20 Jahren beschlossen, das FIDAM als Forschungsinstitut auszugliedern – also eine eigenständige Ausgründung aus der Klinik. Das FIDAM ist heute eine eigenständige GmbH und betreibt Forschung rund um den Diabetes, mit einem Schwerpunkt auf der klinischen Forschung, Diabetes-Technologien und psychologischen Themen.
DA: Aber die Diabetes-Akademie selbst gibt es doch auch immer noch, oder?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Genau. Auch in der Diabetes-Akademie werden Studien durchgeführt, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung.
„Mit dia·link haben wir ein großes Forschungspanel, mit dem wir ganz unterschiedliche Forschungsfragen untersuchen können.“
DA: Ist das dann Forschung, die ausschließlich in Richtung Psychologie geht, oder gibt es auch andere Schwerpunkte in den Forschungsaufgaben?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Wir haben verschiedene Forschungsschwerpunkte. Einer unserer größten Schwerpunkte sind Diabetes-Technologien und die Digitalisierung. Wir untersuchen alle technischen Devices, ob CGM, AID-Systeme, Pens, Apps, aber auch digitale Schulungsfornen.
Darüber hinaus betreuen wir die Studien, die im Diabetes-Zentrum durchgeführt werden, zum Beispiel auch Studien zu neuen Medikamenten. Ein weiterer wichtiger Bereich sind die sogenannten PROs, also Patient-Reported Outcomes, bei denen die Perspektive und die Erfahrungen der Patientinnen und Patienten systematisch erfasst werden.
Außerdem haben wir mit dia·link ein großes Forschungspanel, mit dem wir ganz unterschiedliche Forschungsfragen untersuchen können. Gleichzeitig bietet es auch anderen Forschenden die Möglichkeit, eigene Fragestellungen einzubringen und über dieses Panel ihre Forschungsfragen mit Patientinnen und Patienten zu bearbeiten.
DA: So dass ihr im Prinzip auch eine Dachorganisation seid für andere, damit sie ihre Forschungen durchführen können?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Bei dia·link ist es tatsächlich so, dass wir immer wieder auch andere Forschungsprojekte unterstützen, die selbst keinen direkten Zugang zu Patientinnen und Patienten haben. Dadurch, dass wir das Panel über viele Jahre aufgebaut haben, können wir die Community sehr einfach zu unterschiedlichen Themen befragen und erfahren, welche Fragen und Interessen für sie relevant sind.
Wir machen auch viel Forschung, deren Fragestellungen direkt aus der Community entstehen. Wenn wir beispielsweise ein Treffen des Expertenbeirats haben, fragen wir immer: Welche Ergebnisse wären für euch eigentlich relevant? Gerade bei unserer „Frage des Monats“ entstehen dadurch immer wieder interessante Forschungsideen aus der Community.
Wir haben auch für die DDG Umfragen durchgeführt, die ganz bewusst das Ziel hatten, Menschen mit Diabetes eine Stimme zu geben. Wenn man beispielsweise politische Forderungen formuliert oder bestimmte Aussagen mit Daten belegen möchte, ist es sehr viel aussagekräftiger, die Perspektive der Betroffenen direkt über die Community oder über Online-Befragungen einzubeziehen.
Ein konkretes Beispiel ist unsere Befragung zum Thema Diabetes-Stigma. Dafür konnten wir rund 1200 Menschen mit Diabetes gewinnen, die einen entsprechenden Fragebogen ausgefüllt haben. Dabei konnten wir erstmals zeigen, dass ein sehr großer Anteil der Menschen mit Diabetes Erfahrungen mit Stigmatisierung gemacht hat – konkret berichteten 95 Prozent davon. Wir konnten darüber hinaus genauer untersuchen, in welchen Lebensbereichen diese Erfahrungen auftreten und welche Personengruppen davon besonders betroffen sind. Das sind Erkenntnisse, die nicht nur wissenschaftlich interessant sind, sondern auch für die weitere Arbeit mit und für Menschen mit Diabetes eine wichtige Rolle spielen.
„Ich glaube, es gibt kaum eine andere Klinik, die so viele Psychodiabetologinnen und Psychodiabetologen in der direkten klinischen Versorgung beschäftigt wie wir in der Diabetesklinik.“
DA: Also wirklich lebensrelevante Forschung?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Das ist tatsächlich Forschung, die für Menschen mit Diabetes unmittelbar relevant ist und bei der wir auch untersuchen, welche ganz konkreten Auswirkungen diese Erkenntnisse auf den Alltag haben. Und diejenigen, die bei dia·link dabei sind, bekommen die Ergebnisse natürlich als Erste zurückgespielt. Das ist uns wichtig, weil die Community nicht nur Daten liefert, sondern auch unmittelbar von den Ergebnissen der Forschung profitieren soll.
DA: Was ist deine ganz persönliche Rolle bei diesen ganzen Aufgaben?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Meine persönliche Rolle besteht vor allem darin, dass ich die psychodiabetologische Abteilung in dem Zentrum aufgebaut habe. Die Psychodiabetologie ist damit zu einem wichtigen Schwerpunkt des Diabetes Zentrums Bad Mergentheim geworden.
DA: Ein Schwerpunkt im Sinne deutschlandweit?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Ja, sogar weltweit. Ich glaube, es gibt kaum eine andere Klinik, die so viele Psychodiabetologinnen und Psychodiabetologen in der direkten klinischen Versorgung beschäftigt wie wir in der Diabetesklinik. In diesem Bereich sind wir wahrscheinlich tatsächlich weltweit mit an der Spitze. Mir ist jedenfalls keine andere Einrichtung bekannt, in der so viele Psychodiabetologinnen und Psychodiabetologen unmittelbar in der klinischen Behandlung von Menschen mit Diabetes tätig sind. Und dabei geht es ausdrücklich nicht nur um Forschung, sondern um ein konkretes psychodiabetologisches Angebot für die Patientinnen und Patienten.
DA: Aber du hast noch mehr Aufgaben, oder?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Genau. Ich bin seit vielen Jahren Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der DDG und des Vereins Diabetes und Psychologie. Außerdem leite ich das Forschungsinstitut Diabetes, also FIDAM.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Digitalisierung und der Einsatz neuer Technologien in der Diabetologie. Dafür bin ich ebenfalls Geschäftsführer von diateam.
DA: Kannst du zu diateam noch etwas sagen?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: diateam hat im Wesentlichen zwei Aufgaben. Zum einen organisieren wir jedes Jahr im Januar in Berlin die „diaTec“, eine Tagung zu Digitalisierung und neuen Technologien in der Diabetologie. Direkt am Sonntag danach findet mit dem „T1Day“ eine Veranstaltung über neue Entwicklungen, neue Technologien statt, der sich speziell an Menschen mit Typ-1-Diabetes richtet.
Zum anderen führen wir jedes Jahr eine große Befragung zu Diabetes-Technologien durch. Die machen wir inzwischen nicht mehr nur in Deutschland, sondern auch in acht weiteren europäischen Ländern. Dadurch können wir die Ergebnisse miteinander vergleichen und gleichzeitig Menschen mit Diabetes eine Stimme geben.
Wir fragen beispielsweise: Wie beurteilen Menschen mit Diabetes die aktuellen digitalen Lösungen? Was wünschen sie sich? Wo sehen sie Verbesserungsbedarf? Wie schätzen sie die zukünftige Entwicklung ein und was sollte sich bei den derzeit verfügbaren Diabetes-Technologien noch verändern? Damit können die Menschen mit Diabetes ihre Erfahrungen und Wünsche direkt einbringen. Diese Perspektive wird inzwischen auch von der Industrie sehr ernst genommen. Die Ergebnisse zeigen jedes Jahr, wie Menschen mit Diabetes die verschiedenen Technologien tatsächlich erleben und bewerten.
Durch die Befragungen in mittlerweile neun europäischen Ländern haben wir außerdem die Möglichkeit, einen Benchmark zu schaffen. Wir können sehen, wo die Bedürfnisse von Menschen mit Diabetes und auch von Healthcare Professionals – also Ärztinnen und Ärzten sowie Diabetesberaterinnen und Diabetesberatern – ähnlich sind und wo es zwischen den Ländern Unterschiede gibt.
„Ich sehe die große Chance darin, dass Menschen ihre Erfahrungen miteinander teilen und sich gegenseitig unterstützen.“
DA: Du hast vorhin schon die wichtige Stimme der Menschen mit Diabetes erwähnt. In den sozialen Medien geben viele Menschen mit Diabetes auch psychologische und medizinische Tipps, ohne darin ausgebildet zu sein. Siehst du darin Chancen oder auch Risiken?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Ich sehe da beides – Chancen und Risiken. Grundsätzlich finde ich es gut, wenn sich Menschen mit Diabetes auch über psychologische oder medizinische Themen austauschen und ihre eigenen Erfahrungen weitergeben. Gerade der Austausch innerhalb der Community kann sehr hilfreich sein.
Schwierig wird es dort, wo Menschen ohne entsprechende fachliche Ausbildung anfangen, andere von bestimmten Lösungen oder Behandlungsmöglichkeiten zu überzeugen. Bei manchen Apps zum Beispiel werden Angebote von Betroffenen entwickelt oder empfohlen, ohne dass immer klar ist, wie es mit dem Datenschutz aussieht oder ob die Inhalte tatsächlich wissenschaftlich fundiert und sinnvoll sind. Eine unabhängige Qualitätskontrolle gibt es häufig nicht.
Das ist ein bisschen vergleichbar mit dem Begriff „Coach“: Im Grunde kann sich jeder Coach nennen. Es gibt sehr seriöse Angebote, aber eben auch vieles, was wissenschaftlich nicht ausreichend abgesichert ist. Für Menschen, die sich damit nicht auskennen, ist es oft schwierig, das zu unterscheiden.
Deshalb sehe ich die große Chance darin, dass Menschen ihre Erfahrungen miteinander teilen und sich gegenseitig unterstützen. Gleichzeitig müssen wir aber auch darauf achten, dass klar bleibt: Was ist evidenzbasiert und wissenschaftlich fundiert? Was ist eine persönliche Erfahrung? Und was ist lediglich eine Meinung, die jemand als Tatsache darstellt? Gerade diese Unterscheidung wird in den sozialen Medien zunehmend wichtiger.
DA: Welche Möglichkeiten siehst du für Menschen, diese Falle, in solche Risiken zu tappen, zu umgehen?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Wir arbeiten gerade zum Beispiel an einem größeren Projekt gemeinsam mit der DDG. Dabei geht es um eine Art Chatbot, in den Menschen ihre Fragen eingeben können und anschließend fundierte Antworten erhalten. Unser Ziel ist, ein Angebot zu schaffen, bei dem die Nutzerinnen und Nutzer darauf vertrauen können, dass die Antworten auf qualitätsgesicherten und wissenschaftlich fundierten Informationen basieren.
Ich glaube, genau das ist der entscheidende Punkt: Menschen müssen erkennen können, ob ein Angebot tatsächlich qualitätsgesichert ist und auf verlässlichen Informationen beruht. Das ist die Idee hinter diesem Chatbot.
Eine weitere Möglichkeit sind die DiGAs, also digitale Gesundheitsanwendungen. Diese werden vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, dem BfArM, geprüft. Dadurch gibt es zumindest einen definierten Qualitäts- und Prüfrahmen, unter anderem im Hinblick auf die Inhalte und den Datenschutz.
Ich würde deshalb empfehlen, sich möglichst an solchen qualitätsgesicherten Angeboten zu orientieren und nicht einfach irgendwelche Informationen aus dem Internet, aus Foren zu übernehmen und als wahr anzusehen. Gerade bei gesundheitlichen Fragen ist es wichtig, die Qualität und Herkunft von Informationen kritisch zu prüfen.
DA: Noch mal zu dir zurück. Wer dich kennt, weiß, dass du viel arbeitest. Wann denkst du auch mal nur an dich und deine Familie?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Ja, das stimmt, ich arbeite relativ viel und habe auch viele verschiedene Aufgaben. Aber ich würde schon sagen, dass ich eine ganz gute Balance zwischen Arbeit, Freizeit und anderen Interessen habe. Es gibt bestimmte Zeiten im Kalender, die ich mir ganz bewusst freihalte. Dazu gehören Urlaube, Geburtstage oder zum Beispiel eine Reise mit Freunden. Meistens blocke ich mir auch den August, um einfach etwas anderes zu machen oder eine Auszeit zu nehmen.
Ich habe außerdem relativ viele Hobbys. Ich bin sehr gerne in den Bergen und begeisterter Bergsteiger, fahre Rennrad, bin gerne mit Freunden unterwegs und lese sehr viel. Von daher glaube ich, dass ich genügend Interessen und Hobbys außerhalb der Arbeit habe, die für einen guten Ausgleich sorgen.
DA: Eigentlich hast du schon das Ruhestandsalter erreicht. Wann planst du, den Ruhestand tatsächlich zu beginnen, und wie wirst du dein Leben dann gestalten?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Ich bin nur noch wenig in der Klinik tätig. Die psychodiabetologische Abteilung wird mittlerweile von einem sehr geschätzten Kollegen geleitet. Einige meiner anderen Aufgaben habe ich ebenfalls reduziert. Mein Schwerpunkt liegt inzwischen auf FIDAM und diateam.
Und ich muss sagen, dass mir das sehr viel Spaß macht, weil wir ein wirklich tolles Team haben und ich dort sehr gerne arbeite. Ich schätze es sehr, selbstbestimmt arbeiten zu können. Ich glaube, wenn man seine Arbeit in hohem Maße selbst gestalten kann und dabei das Gefühl hat, dass sie einem Freude macht und sinnvoll ist, dann ist das sehr befriedigend.
DA: Aber gibt es etwas, wo du sagst: Bevor du tatsächlich irgendwann mal aufhörst, wann auch immer das sein mag, möchtest du unbedingt noch dieses oder jenes erreichen?
Prof. Dr. Bernhard Kulzer: Ja, es gibt tatsächlich eine ganz konkrete Sache, die mir noch sehr wichtig ist. In Deutschland gibt es nach wie vor viel zu wenige Psychodiabetologinnen und Psychodiabetologen. Wenn Menschen mit Diabetes psychische Probleme entwickeln, haben sie deshalb häufig Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der sich sowohl mit Psychotherapie als auch mit den besonderen Anforderungen des Diabetes auskennt.
Das wollen wir ändern und da haben wir in den letzten Jahren auch schon einiges erreicht. Ein großer Erfolg ist, dass es inzwischen eine offizielle Weiterbildung der Psychotherapeutenkammern für „Spezielle Psychotherapie bei Diabetes“ gibt. Jetzt versuchen wir, entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten auch in den verschiedenen Regionen der Psychotherapeutenkammern aufzubauen.
Mein Wunsch wäre, dass wir dadurch die Zahl der Psychodiabetologinnen und Psychodiabetologen deutlich erhöhen und damit die Versorgung verbessern. Ich würde gerne erleben, dass Menschen mit Diabetes und psychischen Problemen nicht mehr große Schwierigkeiten haben, eine Fachperson zu finden, die sich mit beiden Bereichen wirklich gut auskennt.
DA: Herzlichen Dank, Bernd!
Interview: Dr. Katrin Kraatz
Erschienen in: Diabetes-Anker, 2026; 75 (11) Seite 7
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Hallo zusammen, ich bin eine Dia-Mama und wollte fragen, was isst ihr abends oder kocht abends für eure Dia-Kids, damit der Wert nicht so hoch steigt und dann nachts nicht in die Unterzuckerung fällt? Oder habt ihr generell irgendwelche Tipps gegen nächtliche Unterzuckerung?
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Hallo kann mir jemand einen Tipp geben wie ich On Pot Gerichte mit Reis besser schätzen kann.
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Hallo mr,
Dein Problem, die Kohlenhydrate wie Reis in einem One-Pot-Gericht richtig einzuschätzen, vor allem wenn es für mehrere Personen gekocht ist oder Du es im Restaurant bestellst, kennen sicher viele – ich auch. Einfacher ist es, wenn Du nur für Dich kochst. Ich wiege tatsächlich, trotz mehr als 50 Jahren Diabetes, in diesem Fall vorher Reis, Nudeln oder was auch immer vorher ab. Dann weiß ich genau, wie viel es ist.
Ansonsten heißt es: Augenmaß! Gut ist, immer wieder mal eine bestimmte Menge Reis abzuwiegen und zu kochen (mache ich so). Dann sieht man die Menge und bekommt ein besseres Gefühl für die Menge beim Schätzen. Natürlich verteilt sich gerade Reis sehr gut zwischen den anderen Zutaten, aber ob es “viel” oder “wenig” ist, kann man meist erkennen.
Sinnvoll finde ich außerdem (und nicht nur ich), gerade bei eher schwierig einzuschätzenden Kohlenhydratmengen die Insulindosis eher zu gering anzusetzen und lieber später höhere Werte zu korrigieren oder – falls ein AID-System im Einsatz ist – dieses seinen Job machen zu lassen. Denn eine Hypo direkt nach dem Essen finde ich deutlich weniger angenehm.
Eine Patentlösung gibt es also nicht. Vielleicht helfen Dir die Tipps trotzdem etwas?




